vor Raupen und anderen Schädlingen zu schützen. Aus diesen Tagen nach der großen Hungersnot rührt die Obstbaumzucht im Herzogtum Pommern her.
Aber auch der Anbau einer anderen, noch unbekannten Pflanze nahm ihren Anfang. Anno 1745 fuhr der Pfarrer Fritsche mit seinem Sohn Heinrich der sich fo für den Landbau interessierte, mit anderen Hofbesitzern und dem Schullehrer hinauf aufs Königl.che Amt. Schreiben waren dort zur Unterschrift fertiggemacht. Der Amtmann erklärte: „Seine Majestät haben in Ihrer Weisheit beschlossen, die neuartige Frucht, so sie „Erdbirne" oder .Kartoffel" nennen und die Franzosen „Parmentiere", auch in unserem Pommerlande zur Anpflanzung zu bringen. Geht also her und unterschreibt, daß ein jeder ein halbes Faß empfangen hat! Und dann geht hin und pflanzt sie an!"
Die Dauern sperrten Mund und Nase auf, unterschrieben oder machten drei Kreuze. Der Herr Pfarrer Fritsche fragte den Amtmann: „Wie ist denn diese Knollenfrucht, non der ich in der Zeitung schon Wunderdinge gelesen, so in Holland und in der Pfalz geschehen sind, zu behandeln?" — „Das steht nicht im Königlichen Reskript, und das kann ich Ihm auch nicht jagen!" antwortete der Amtmann.
So fuhren sie alle mit ihren Kartoffelsäcken heim nach Wutzow und kamen mit tausend Fragen ins Pfarrhaus. Es herrschte eine gewaltige Aufregung. Die Zimmer waren voller Menschen, und besonders di« Weiber machten ein Geschnatter und einen Krach, was. mit den dämlichen Kartoffeln anzufangen sei.
Endlich fuhr der Pfarrer in seiner ganzen Länge auf und donnerte: „Wer noch redet, den lasse ich aus dem Hause jagen!" Danach beriet er sich mit den alten, erfahrenen Landwirten.
Einige behaupteten, das fremde Gewächs müßte eine Frucht fein, eine Art Obst, wie Aepsel oder Birnen: der Amtmann hätte ja auch gesagt, es seien Erdbirnen. Und einige zerschnitten die Kartoffeln mit dem Messer und bissen hinein. Aber sie spuckten schnell genug aus. Nur der Kuhhirt, der den Geruch und Geschmack verloren hatte, konnte eine hinunterbringen. Nun meinte der Schulze: „Vielleicht ist's gar nicht für Menschen, sondern ist was fürs Mehl" Nahm eine und reichte sie dem Hofhund Sultan. Der aber roch daran und wandte die Nase ab; auch der Versuch mit Pferden und Kühen mißglückte.
Da fingen die Bauern an zu murren und fragten: „Was soll man mit solchen Dingen tun die weder Menschen, Hunde, Pferde oder Kühe fressen wollen? Es ist eine Ungerechtigkeit vom König und eine Härte, uns zu zwingen, so unnütze Pflanzen anzubauen!"
Am schlimmsten schändeten die Weiber. Da nun aber mal das Reskript ergangen war. die Kartoffeln anzupflanzen, und ein jeder wußte, daß mit königlichen Befehlen nicht zu spaßen sei, so folgten di« Bauern dem Rat ihres Pfarrers, der da meinte, di« Frucht müsse in die Erde gesteckt werden, denn man merke ja die Erde an der Schale.
Also wurden di« Kartoffeln in die Erde geworfen, wie es jedem paßte. Manche machten eine Grube und schmissen den ganzen Hausen hinein, wo alsdann natürlich bi« Kartoffeln verfaulten und verfilzten. Der Knabe Heinrich aber, der den Vater bat, sich der Kartoffeln annehmen zu dürfen, machte für jede einzelne ein Loch und tot genau so mit ihnen wie mit den jungen Obstbäumen. Diese Kartoffeln gingen dann auch auf und fetzten Kraut an.
Nun waren die Bauern abermals enttäuscht; hatten sie doch geglaubt, die Kartoffeln wären wie Birnen, und es müßten Bäume heranwachsen, von deren Aesten man bann die Früchte herab schütteln könne. Einige aber nun vermuteten, die Kartoffeln wären wie Rüben, und es wäre so eine Art Kohl; und wenn die Knollen nichts taugten, würde das Kraut um so besser schmecken. Sie schnitten also die Blätter ab, hackten sie und kochten sie mit Schmalz zu einem Gemüse, so wie man Grünkohl zu kochen pflegte. Aber auch dies Gericht schmeckte schlecht, und selbst die Hunde wollten gekochtes Kartoffelkraut, trotz des darangewandten Fettes, nicht fressen, und so mußte das Kraut vor bi« Schweine geschüttet werden. Die Bauersfrauen schimpften nicht schlecht, daß der König fein Volk zwingen wollte, solche Nichtswürdigkeiten zu fressen.
Die Frau von Heiden, die ihrer Kunkelwirtschast mit großem Eifer Vorstand und als die klügste Frau in der Landwirtschaft verschrien war, meinte zum Pfarrer Fritsche: „Die Kartoffeln sind gewiß nur eine vornehm« Frucht für die höheren Stände, nicht berechnet für bas gemeine Volk! Sicherlich sind bie kleinen Aepsel am Kraut, in denen ber Same sitzt, gut, um ein Gelee wie aus Quitten und Aepfeln braus zu kochen, und aus ben getrockneten Blättern, so man sie zerreibt, wird man einen wohlschmeckenden Tee erhalten."
Als sie dann eine Gesellschaft einlub, um Gelee und 2>e auszuprobieren, stand ein jeder von diesen Gerichten ab, und die Frau von Heiden geriet darüber in einen solchen Zorn, daß sie erklärte, und wenn der König in höchsteigener Person es geböte, sie würde nicht wieder diese dumme Frucht anbauen, bi« sie zum Gelächter unb Gespött« ihrer ganzen Freundschaft mache.
Der Pfarrer Fritsche hatte inzwischen einen Brief nach Berlin geschrieben, um zu erfahren, wie bie Kartoffelfrucht zu behandeln fei, und hatte feinem Sohn Heinrich verraten: „Sie kochen unb braten die Kartoffel!"
Die beiden also gruben, als der Herbst gekommen war, ein paar Hände voll zur Probe aus, unb Heinrich erstaunte nicht wenig, als er die vielen gelben Knollen sah. bie an einem Stocke toßen. Das mußt« ja eine Vervielfachung ber Frucht geben, bie wirksamer war als bie Vermehrung bei dem Getreidebau.
Nach der schriftlichen Anleitung die ber Pfarrer aus Berlin erhalten, mußte die Frau Mutter die Kartoffeln in der Küche auf verschiedentliche Weise zubereiten. @:n Teil wurde mit ber Schale gekocht: andere wurden geschält und in Scheiden geschnitten unb mit Schmalz, Butter und Zwiebeln in der Pfanne braun unb knusprig gebraten. Ein dritter Teil wurde zerquetscht, mit Milch vermengt und also gekocht. Unb da sie nun von
diesen verschiedenen Gerichten schmeckten, sagten sie sich, daß es eine herrliche Frucht sei, die besonders angenehm wäre für die Nase.
Nach dieser Probe ließ am Sonntag nach der Predigt der Pfarrer eine größere Menge zubereiten und lud die angesehenen Bauern mit ihren Frauen ein, nach dem Pfarrhof zu kommen und Kartoffeln zu essen Die Bauern erschienen, da es sie eine Ehre dünkte, im Pfarrhaus zu sein, zur angegebenen Stunde, obwohl sie der Meinung waren, ber Herr Pfarrer wolle sich mit ihnen ein Späßchen machen.
Ms nun als erstes Gericht Pellkartoffeln hereingebracht wurden, schnupperten alle wohlgefällig und freuten sich der hier aufgebrochenen gelben Frucht. Der Pfarrer aber hatte fetten, gesalzenen Berger Flom. Hering zu den Kartoffeln auf den Tisch gefetzt und fordert« nun die Bauern auf, Kartoffeln mit Hering zu essen, zeigt« ihnen alsbald, wie die Schale von ber Frucht entfernt werden müßte.
Dies Gericht schmeckte allen vortrefflich, und sie erklärten es für ein schönes Sonntagsessen. Doch rote stieg erst ihre Verwunderung als sie die Kartoffeln mit ber Milch als Muß sahen für Kinder und als die anderen gelben, mit Fett und Zwiebeln gebratenen Kartoffeln herein- gebracht wurden! Sie leckten ihr« Finger danach, unb die Leiber wurden voll und die Schüsseln leer. Der Schulz« meinte, das fei ein Essen, wie es ber Herr König auf feinem Tisch nicht besser haben werde. Aber die Bauern hielten dafür, es sei doch ein Herrengericht unb nichts für arme Leute „So voll wie von einem Mehlbrei wird man nicht bei diesen Kartoffeln: sie geben sicher nicht genug Kraft zur Arbeit!"
Und wenn auch di« Kartoffeln nun gepflanzt wurden auf Befehl des Königs und auch verzehrt — die Hausfrauen mochten sie nicht gern kochen. Sie behaupteten, es gehöre zuviel Butter und Fett dazu, um sie zu braten, unb viel Fleisch oder Hering zu Pellkartoffeln: Semmelklöße oder Mehlbrei wären billiger und besser.
Der schlimmste Gegner ber Kartoffel im Dorfe war der Müller. Der Pfarrer vernahm, daß er aussprengt«, die Frucht sei giftig, unb durch sie bekämen die Leute Würmer in den Bauch und damit Krankheiten. Heinrich erlebte es, wie der Pfarrer den Müller vor ber Kirchtür zur Rede stellte. Allein ber erwiderte nur: „Herr Pfarrer, ick weeß, wat ick weeß!" Doch ging es ihm danach alsbald sehr schlecht. Er war nicht ber einzige Müller, ber aus Angst um fein Gewerbe vor ber Kartoffel warnte. Kornhändler unb Bäcker taten bas gleiche, unb es kam ein Reskript vom König heraus, daß mit Gefängnis zu bestrafen fei, wer etwas wider die Kartoffel sagte.
Dieser Kartoffelstreit beschäftigte bie Kinder sehr, zumal sie ja doch die Kartoffeln als Mahlzeiten auf dem Tisch dampfen sahen. Mel wurde über bie kluge Frau von Heiben gelacht, die ihren Zorn gegen die Kartoffel nicht verlor, obzwar sie einmal ein gutes Bratkartoffelgericht auf bem Pfarrhof genossen. Sie vergaß es ber Kartoffel nicht, daß ihr selber nicht bie richtige Zubereitung eingefallen war: bis in ihr hohes Alter blieb sie ihre Feindin.
Durch die Behandlung ber Kartoffel kam ber Pfarrer Fritsche in besonders enge Berührung mit bem Schloßherrn von Webell. Die Schloß- frau war schier verliebt in die kleine Christine, die sich zu einer wahren blonden Schönheit entwickelte. Bei aller Bescheidenheit war sie doch lebhaft und fröhlich — sehr im Gegensatz zu dem kleinen Freifräulein von Wedell, das vorsichtig, zurückhaltend und einsam schien. Erst durch Christine wurde Luise von Wedell zu einem wirklichen Kind, und die Mutter bat darum sehr beweglich den Pfarrer, ihr doch Christine zur Erziehung zu lassen
Der Pfarrer trug daran sehr schwer, während seine Frau auf das Anerbieten stolz war. „Es ist nicht gut", sagte er, „daß sie außerhalb ihres Standes erzogen wird. Sie nimmt bie Gewohnheiten eines Fräuleins an und ist keines. Sie wird unglücklich werben; denn ein Mensch muß in seinem Stande verharren, ober er wirb ein Abenteurer" — Die Mutter meinte, das Töchterchen würde auf bem Schlosse Französi'ch lernen und allerlei Künste und könne barm später sich den Lebensunterhalt als Erzieherin erwerben
Da es nun wirklich für bas Mädchen im Augenblick das beste war, im Schloß zu bleiben, so nahm ber Pfarrer ben Umstand hin. Er selbst hatte genug zu tun, feine drei Buben zu unterrichten.
Freilich: Friedrich Wilhelm, ber groß und kräftig geworden war und ein« schön« Singstimme besaß, batte kein S'tzflettch Er war lieber draußen auf ben Beinen, betätigte sich gern in ber Wirtschaft, schreckte auch vor keiner Schmutzarbeit zurück: lateinische Konjugation war feine Sache nicht. Der Freiherr von Wedell fand den Jungen eines Sonntag- nachmittags, da er den Vater besuchte, in ber Stube, angebunden am Ofen, mit einem Buch in ber Hand. Daraus entspann sich bann ein Gespräch mit dem Pfarrer, und ber Freiherr schlug vor ben Iunaen, ber boch kräftig unb tüchtig fei, beim Königlichen Forstamt unterw- bringen. Und ba Friebrich Wilhelm ganz Feuer unb Flamme war für diesen Vorschlag und bie Mutter dafür gewann, ward er von ber Qual der Schulstube erlöst.
Blieben noch bi« beiden anderen, bie ber Vater unterrichtete, von denen Heinrich einen dellen Verstand bewies unb also nun, an Stelle des Aeltesteu, für das Studium der Theologie bestimmt wurde.
Tdeodor zeigte auch einen guten Verstand, aber er schmierte Tafel und Blätter gern mit Männerchen voll, zeichnete auch überraschend gut einen Kopf. Der Vater verwes ihm diese brot'osen Künste und meinte, er solle nur Rechnen gut studieren; vielleicht eigne er sich für den Handel — „Komm' ich dann mit einem Schiss hinaus in bie ®elt9" fragte Theobor. — „Ach Unsinn — rede mir nicht von Schiffen!" tagte ber Vater. „Bleibe im Lande und nähre dich rebllcktt"
Doch wenn ab°nbs der Pfarrer aus ber Familienchronik vorlas bann konnte er es nicht leuan^p daß die Vorfahren in bie Lande hinaus» gegangen waren, und Theodor schlug vor. er wolle irgendein Handwerk erlernen, bann würbe er sich auf die Wanderschaft machen können unb bie Welt sehen.
(Fortsetzung folgt.)
raniwortltch: Or. Hans Thyriot. — Druck undT)erlag:Brühl'scheAniversitäts-Duch» unb Steindruckerei, R. Lange, Gieben-


