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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |932

Freitag, den 2\. Oktober

Nummer 82

Okioberabend.

Bon Siegfried von Vegesack.

Hirtenfeuer blinken rot durch qualmenden Rauch.

Grußlos starrt dich an ein fremdes zerfurchtes Gesicht.

Wie ein nacktes Gerippe reckt sich am Weg« der Strauch Ins verdämmernde Licht.

Ochsen ziehen des Weges, bedächtig mit schwankender Last. Kellerwärts dröhnt der Kartoffeln dumpf bullernder Klang. Wohl dir, wenn auch du reichlich geerntet hast:

Der Winter ist lang.

Alles drängt zu der wärmenden Häuser Beisammensein.

Wohl dir, ist auch dein Lager warm überdacht, Irgendwo irrt einer Laterne flackernder Schein Im Dunkel der Nacht.

Brief aus Tuskulum.

Von Gustav W. E b e r l e i n , Rom.

Als ich nach langem Suchen, zehn Jahre gingen darüber hin, den schönsten Punkt der Älbanerberge gefunden hatte, erwarb ich ihn.

Was leichter gewesen ist, das Finden oder das Erwerben, ich wüßte es nicht mehr zu sagen, jedenfalls lächelten die Leute ob solcher Absichten und behaupteten, für einen Fremden sei das eine so schwer wie das andere. Einheimische würden sich damit gar nicht abgeben. Das hieße ja das Tuskulum Ciceros entdecken, wo die Gelehrten ihr Mögliches zur Spurenverwischung bereits getan hätten. Sagten die Leute. Er macht mißtrauisch bis zum Spott und gläubig bis zur Einfalt des reinen Her­zens, der trächtige Boden Roms.

Die Albanerberge, gemeinhin Castelli Romani genannt, find das, was die literarischen Kitschhändler mit der leuchtendsten Perle in der Krone Roms zu bezeichnen pflegen, wenn sie nicht mit dem Diadem die Göttin Campagna schmücken zu müssen glauben. Die Campagna liegt aber als ein riesiger Steppen- und Malariagürtel um die Hauptstadt, deren er­habenste Kultur dort ins Grab gestiegen ist. Und aus diesem unermeß­lichen Campagnagrab der Antike wachsen die Vulkane, die ihr« Fcuer- fahnen noch hißten, als die ersten König« schon die ersten Quader türmen ließen zu Ehren des ersten Gottes.

Die wabernde Lohe sank zusammen, Burgen stiegen auf. Zwingfesten wurden daraus, Schlösser, Castelli. Kaiser und Sänger, Papste und Feld­herren, Sommerfrischler und Maler ihr« Herren, ihre Gäste. 3ßas sind hier Jahrtausende anders als Pinien, die stürmen und fallen. Wasser er­stickte jedes Feuermaul, jeder dieser Seen im Kraterschlund hat seinen Stern im Bädeker und Cookherden rumpeln aus vierfach bereiften 2Ius= sichtswagen über die Löcher und Furchen, die Biga und Quadriga tief ins Basaltpflaster gruben. Roch heute wandert sich s hart die Via triumphalis zum Monte Cavo hinaus, dem tausendmetngen, hart und steil wie damals, als die Feldherren, denen Rom den Triumphzug ver­weigerte, ihn auf eigene Faust unternahmen, nur vor dem Jupiter dort oben im uralten Heiligtum den Racken beugend. Man kann aber auch (in 45 Minuten läßt sich di« ganze Sache von Rom aus machen) di« Autostraße benützen.

Nachts ist der Aufenthalt allerdings gefährlich, denn dann steht über den ungeheuerlichen Grundsteinen der Kultstätte und hangt tief hinunter bis zum schweigenden Urgrund der Campagna das Gewölbe eines Him- wels, der ewigkeitsbange Gemüter leicht ins Nichts zuruckschleudern kann.

Im übrigen sind die Castelli berühmt wegen ihres Weines.

Der golden« Frascati hat schon verheerend in Kunst und Geschichte gehaust, er machte die Fremden zu Römern und die Romer zu Kindern, ein Goethe verwechselte unter seinem Einfluß di« Landschaft mit Malerei, Richard Voß malte unter den verschwiegenen Zypressen der Billa Fal- conieri seine Räubergeschichten und es ist bekannt, daß sich der gesuchteste Rechtsanwalt in Rom. Marcus Tullius Cicero, gern« nach Tuskulum zurückzog.

Ich für mein Teil, ich suchte di« Sonn«.

_ Was ging mich der alte Iustizrat an? Wer liest heut« noch seine Briefe aus Tuskulum? Ob sein« aus Liebhaber«, und daher m.t ueuer- sifer betriebene Philosophenschule, in der er vor an^nommenen Adepten rein Advokatentalent sprühen lassen konnte, nun zwischen Pin.en lmks oben oder zwischen den Felsen rechts oben auf dem Berg« lag. wen kümmert das? Ubi bene, ibi patria, dachte ich. wo es e-'nem wohl ist bort ist Tuskulum. Wo es am schönsten ist aber wo ist da.? Wer ,nrmt ben Superlativ, wenn ringsum leuchtet vas -ö.au t

Sonne, ein Uebermaß von Sonn« liegt auch über der Campagna, und kann es Schöneres geben als die Höhen über Rom, der Stadt der drei» zehn Hügel? Weht der Wind der Geschichte nicht auch vom Meer« her­ein? Und es ist niemand, der dich stören würde, wenn du träumen willst aus den Säulenstumpsen im alten Ostia. Freilich, die Herren damals werden gewußt haben, warum sie nach der Arbeit gerade in bi« Albaner­berge flohen. Am Meer zieht es, es zieht unverschämt, di« Stadt wirst ihren Lärm und Staub auch die Hügel hinauf und in der Campagna herrscht der gelbe Tod. Wirklich, es bleiben nur die Hänge der alten Vul­kane, die Castelli Romani.

Leicht vergehen fünf Jahr«, bis man zu dieser Erkenntnis kommt.

Und dann beginnt das Ringen mit dem Schönen. Der gute Paris, den wertvollen Erisapfel in der Hand, glaubte schon wunder was für eine schwierige Wahl zu haben. Ich hatte tausend Schlösser vor Augen, aber in der Hand nur das, was mir die Inflation gelassen. Da kehrten mir Gotter und Bauern den Rücken.

Uni) das war gut so. Denn sonst hätte ich hineingreifen können mitten in di« steinerne Herrlichkeit und wäre unter die Vornehmen gefallen, einer unter den Sommerfrischlern zwischen Marmor geworden, einer unter tausend. Und hätte wie sie im Herbst in di« Stadt flüchten müssen, weil alle diese Villen und Landhäuser aus unbegreiflicher Sonnenfurcht nach dem Schatten gebaut sind und im Winter von der Tramontana heimgejucht werden, dem bis ins Start schneidenden eisigen Nord.

So aber mußt« ich weitersuchen. Jahr um Jahr. Und je hetzender des Tages Arbeit wurde, um so heiliger der Feierabend, der dazu Muße gab.

Eines Tages gerieten wir in ein Tat, das sich zu Ende des letzten Jahrhunderts keines guten Rufes erfreute. Vorne ist es mit Reben ge­füllt und im hintersten Winkel mit Narzissen, baden kann man in Nar­zissen. Unseren Vätern freilich verwehrten es die Herren der Macchia, die Räuber. Macchia das ist eine köstlich unbestimmte Bezeichnung für den Unterschlupfkomplex, da gehen Wälder und Gestrüpp, Höhlen und Deben hinein. Die Fremden verirren sich daher nur selten in dieses Reich, sie trauen der Straße nicht, die eine Straße des Zufalls scheint und in der Tat kein natürliches Ende nimmt. Sie verschwindet irgendwo in den Kastanienwäldern, di« auf den Lavahängen des Monte Cavo wuchern. Es ist die Via Latina, auf der Hannidal gegen Rom zog.

Außer flirten und Kohlenbrennern begegnet man auf ihr nur groß- gehörnten Büffeln und sich wälzenden Wolken, die zur Hälft« aus Staub, zur Halste aus Schafen bestehen. Links läuft freilich eine grüne Ver­heißung mit. die selig geschwungene Höhenlinie ewigen Frühlings: und das ist der Hügel von Tuskulum.

Wir stiegen auf einen alten windumorgelten Türkst hinauf und hetzten die Bl-cke herum wie Spürhunde: gab es denn in diesem ganzen Ring- gebirge nicht einen einzigen vor der Tramontana geschützten Punkt?

Doch, einen einzigen, anscheinend, dort oben unter dem Pinienhain, auf den ungefragt die Kompaßnadel deutete. Wer dort saß, den Wind- Kber Bergkuppe im Nacken, der mußte die Sonne vor sich haben vom ng bis zum Untergang.

Wir wollen hingehen, sagte ich, und uns unter den Pinien lagern.

Ein winzigkleines Winzerhaus scheint dort zu stehen, kam es unter dem Feldstecher von ihren Lippen, es sieht aus, als wolle es unter Wochenendhaus werden.

Wir zogen aus, als würden wir erwartet. Einem verhutzelten Dauern, der zwilchen den beiden Reisigbündeln auf dem Esel fast verschwand, nickte sie zu wie einem alten Bekannten, und vor dem braunen Mädchen, das hinterherritt wie eine Königin, zog ich tief den Hut. Dann gerieten wir in einen felsigen Hohlweg, auf ausgewaschenem Peperin ging es auswärts, bei Regen sicher nichts anderes als ein brausendes Flußbett, mir traten in eine Vigna ein, den obersten Weinberg, als wären wir hier zu Haufe Es war auch das rostrote Winzerhäuschen da und sah aus wie ein Turm. Ein junger Bauer stand davor, er hatte eine Weste aus Kalbfell an, ein riesiges Haumesser baumelte ihm an der Hüfte und über der Schulter eine doppelläufige Flinte.

Wem gehört dieser Grund?" fragte ich tief aufatmend, denn hier wehte keine Tramontana und drüben zog die Sonne eben über das Iu- piterbeiligtum auf dem Monte CavoIst er verkäuflich?"

Vigna und Haus", antwortete er,sind Vaters eigen. Ich denk« wohl, daß er verkaufen w'rd, wenn der Signore einen guten Preis bietet "

Wer waren die früheren Besitzer?" fragte ich und schaute mit klopfen­dem Herzen in den Binienhain.

Er nannte eine Reihe seltsamer Namen und schlug mit dem Stiefel auf: Da unten fließe das Wasser, das Papst Clemens hergeführt habe aus den Bergen von Rocca Pnora, es speise die Wasserfälle der Villa Aldobrandini und dem Fürsten gehöre die Pineta

Wo der Hohlweg hinsühre. fragte ich und war ichon trunken von Sonn« und Licht Nun. wo solle er anders hinsühren als diesen Hügel hinauf, hier sei Tuskulum.