Wandrer«

Von 3. von Goethe.

Der du von dem Himmel bist. Alles Leid und Schmerzen stillest, Den, der doppelt elend ist.

Doppelt mit Erquickung füllest.

Ach, ich bin des Treibens müde! Was soll all der Schmerz und Lust?

Süßer Friede, Komm, ach komm in meine Brust!

Letztes Gespräch.

Goethe und Wilhelm von Humboldt.

Erzählung von Ernst L i s s a u e r.

Goethe er hatte damals schon die Achtzig überschritten empfing den Besuch Wilhelm von Humboldts. 3n seinem behaglich strengen Ar­beitszimmer saßen sie beisammen: daß er ihn hier empfing, damit ehrte Goethe den Gast:Von den guten Worten, so hoffe ich, die wir mit­einander sprechen, wird etwas in der Luft zwischen den vier Wänden haften bleiben. 3d) gehe nur ungern noch aus diesem Raume fort, denn ich weiß ja nicht, ob ich ihn wieder betreten werde, und es ist noch manches zu tun."

Sie werden uns noch lange vergönnt sein, Exzellenz", erwiderte Humboldt,jedoch ick) glaube auch, daß der Tod Sie wenn es einmal geschehen muß, jählings, mit raschem Pfeilschuß niederstrecken werde."

Worauf gründen Sie diese Hosfnung?" fragte Goethe, indem er mit der rechten Hand leise naä) dem Taschentuch griff, das in einem Korb­ständer zur Linken neben ihm lag, und sich ein wenig fächelte.

Sie werden gehen, es ist 3hnen nicht anders verstattet", sagte Hum­boldt, indem er nach seiner Art, entgegenkommend, den Oberkörper oor- beugte und das kluge Wort gleichsam mit einer Handbewegung über­reichte,wenn Sie vollendet sind. 3hr Wesen wird sich von Ihnen so leicht ablösen, wie der Duft von einer ausgeblühten Rose. Wenn der Mensch vollendet ist, so setzt der Leib dem Aufflug der Seele keinen Widerstand mehr entgegen."

Goethe schwieg; er hielt den Kopf gesenkt und drückte die Hand, ohne fid) dessen bewußt zu sein, auf das Tuch im Korbe. Nach einer Weile hob er die Stirn, den Blick wie in höchster Teilnahme zwischen die Fenster auf den Spiegel gerickstet, in dessen Glase die gegenüberliegende Tür erschien, sagte er, undeutlicher raunend, als es sonst seine Art war: Vollendet. Wer sich nicht fortsetzt, ist nicht vollendet."

Anscheinend hatte Humboldts Gehör die dunklen Laute nicht aus­genommen, leidenschaftlich bestrebt, dem Freunde die überdunkelte Stunde zu erhellen und wie alle Logiker erpicht, die einmal vorgesetzte Folge der Gedanken auszutragen:Es ist noch eins", fuhr er fort,die Götter haben 3hnen ein leichtes Leben beschieden: wie sollten Sie anders dahin gehen, als leichten Atems in einem heiteren Sterben? 3edoch", brach er nun plötzlich ab, indem er mit einer Handbewegung die an das Aor- stellen im gesellschaftlichen Kreise gemahnte, auf die mannigfach gehäuften Blätterbündel wies,wir sprechen töricht vom Ende, und überall verstreut sehe ich Anfang oder doch Mitte."

Goethe erhob fid): den Leib steil aufgestellt, die Rechte zwischen dem zweiten und dritten Knopfe in der trotz der märzlichen Wärme fest ver­knöpften Rock geschoben, umwandelte er Besucher und Tisch:Es will mir seltsam scheinen", begann er,daß auch Sie mein Leben für leicht und glücklich anzusehen fid) getrieben fühlen." Humboldt hob die Rechte und in ihr leise Zeige- und Mittelfinger, als wollte er ihn unterbrechen: Goethe, der eben an ihm vorüberging, blieb stehen und deckte seine linke über Humboldts Hand, die fast berührend. Und damit war die Rede über diesen Gegenstand ausgelöscht.

Nach ein paar Rundgängen sprach Goethe, es war, als ob der Fluß seiner Gedanken, der im Schweigen unterirdisch geflossen war an die Oberfläche emporträteDennoch werde ich eines leichten Todes sterben, mein Freund. Wissen Sie denn noch nicht, es sollte 3hnen als, ich möchte sagen, Liebhaber des Schicksals, nicht verborgen sein daß es den Menschen sofern etwas an ihm ist den höheren Menschen also eben dort trifft wo er am verwundbarsten ist."So rechnen Sie", lächelte Humboldt,Achill und Siegfried gewiß zu den höheren Menschen." Schlagetots, ich bitte Sie", erwiderte Goethe, alle Falten um seine starken, schwarzen Augen lächelten.Nun, ich weiß, daß Sie meine Achilleis lieben, es ist das Beste an ihr, daß ich sie nicht beendet habe" er setzte seinen Rundgang fortvergeben Sie übrigens, daß ich so wie im Göpel umlaufe, aber es ist mein Brauch."

3ch weiß es", sagte Humboldt mit einer Bewegung, die einer Neigung des rechten Armes gleichkam.

Homer", sagte Goethe plötzlid) laut, es war fast wie ein Schrei, und Humboldt fuhr zusammen,der wohl am meisten von allen Menschen gesehen hat, wurde blind."

W a r blind." Leise schlich fid) Humboldts Wort dazwischen.

Unmöglich", sprach Goethe, stehen bleibend, indem er die linke Hand leicht senkrecht hob,es ist so viel Beobachtung in seinen Versen der Schild des Achilles allein, bedenken Sie. O nein, o nein." Er stand jetzt am Tisch und pachte mit dem Knöchel des redjten Zeigefingers auf.Er w u r d e blind. Michel Angelo, dem wir doch wohl einiges Vollkommenste an Abbildern des Menschen verdanken, läuft als ein abscheulich Häß- lidjer, ein Gezeichneter herum, mit zerbrochenem Nasenbein. Oder greifen

verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Verlag: Brühl

wir in unsere Jahrzehnte. Den Kaiser, ich weiß, daß Sie ihn nickst liebten, immerhin, der weiter über den Erdball gegriffen hat, als irgendein Mensch, sperrt es auf einen Felsen von zwei englischen Meilen. Braucht es noch mehr? 3ener seltsame Neuerer, er ist nun auch schon seit ein paar Fahren dahingegangen, Beethoven meine ich. Sie kannten ihn ja auch persönlich, es ist von einer lächerlichen Fürchterlichkeit, war taub"; indem er Humboldt die Fläche der Rechten steil entgegenstreckte, verbesserte er sich:wurde taub".

Humboldt schwieg. Er preßte überlegend mit Daumen und Zeigefinger das Kinn, dann die Unterlippe zusammen.

3ch weiß, was Sie denken", sagte Goethe und setzte sich wiederum in seinen Stuhl,Sie staunen und suchen vergeblich nach dem Punkt, wo nun das Schicksal mich getroffen habe?"Es ist" sprach Goethe nach einer Weile, die sie durchgeschwiegen hatten,vielleicht in solchen letzten ich bitte Sie", unterbrach er, nach einem abwehrenden Sichverbeugen Humboldts,in meinen Fahren ist jedes Gespräch das letzte, Und ein weiteres zu erhoffen abgeschmackt. So ist es wohl verstattet da Sie meinem Lebensgang denn so freundschaftlich teilnehmend gefolgt sind erkennen Sie gewiß die wirkende Kraft, die mich geführt, die diesen Weg nun also gefügt hat."

Folge, Zusammenhang", sagte Humboldt ohne Besinnen.

Dies ist es", sprach Goethe und strahlte ihn mit der vollen Schwärze seiner Augen an.Folge", wiederholte Humboldt.Dies ist das Wort. Die Grundformel, der Generalnenner, sozusagen eben die Kraft, die allen Ihren Schriften, nein, die Ihrem ganzen Wirken gemeinsam ist, dem dichterischen, biographischen, nicht zu vergessen: naturwissenschaftlichen, kurzum Ihrem ganzen Leben. Alles aus einem Kerne entfaltet." Er lächelte, die Hände auseinanderbreitend, als biete er dies abschließende Wort gleich einer Weihgabe auf ihnen dar, strahlte er:Metamorphose Goethes".

Nun wohl", sagte Goethe, er blickte von Humboldt fort, nach rechts, über die kahl starrenden Sträucher hin, fest auf das gewalzte Dach des drüben in die Mauer eingebauten Gartenhauses, aber cs war offenbar, daß er es nicht sah:Ich habe keinen Sohn."

In das Schweigen sprach Goethe nach einer Weile:Sie denken an meine Enkel, doch Sie wagen nicht, Sie mir zu nennen. Sie wissen, wie ich, sie werden keine Kinder haben. Sie werden diesen unseligen Namen nicht fortpflanzen können, aber sie werden es auch nicht wollen."

Humboldt war erschrocken aufgestanden. Goethe drückte ihn an den Schultern auf den Stuhl nieder, Humboldt spürte mit ergriffenem Dank den Druck des Goetheschen Arms, er besann sich nicht, daß Goethe ihn in all den Jahrzehnten jemals angerührt habe:Unselig ist der Name jenseits von mir. Sie waren das Glück und die Seligkeit meines Alters; aber jetzt, sie kommen nicht zurecht, der Name schwärt in ihnen, denken Sie, ich weiß das nicht? Walters Lieder, Wolfgangs Verse, wähnen Sie, ich sei ein verblendeter Großvater?"

Wiederum schwieg Humboldt, die Hand über den gefettcn Augen; er hörte Goethe vom Fenster her sagen:Es scheint, Sie haben es wirklich geglaubt wie so viele andere."

Die Hände auf dem Rücken, den Blick auf das Fenster geheftet, hinter dem die Dämmerung jetzt, mit Regenwolken bezogen, fast von Sekunde zu Sekunde tiefer graute, ohne Uebergang fuhr Goethe fort:

In diesem Zimmer ist es gewesen, hier an der Tür zu meinem Schlafzimmer. Es war die Stunde zwischen Morgenschlummer und Auf­wachen. Die Tür öffnete sich, eine große Gestalt trat herein, ein stattliches Frauenzimmer, eine Athene. Sie haben Corona Schröter nicht gekannt, eine Athene mit den Zügen dieser sehr kostbaren Corona Schröter, und ich wußte, sehr merkwürdig ist das, ich wußte, in meinem Traum und doch nicht Traum, da zwischen Schlaf und Wachen, es war die Göttin es war die Göttin, nun eben: der Folge. Damals hatte mir irgendwer, ich glaube, ein Prinz von Gotha, einen großen Kranz von Lorbeer samt allerlei deutschen Garten- und Wiesenpflanzen, Astern, Dahlien und anderes Herbstliche ins Haus geschickt, und mein Diener hatte ihn dort an die Tür gehängt, außen meine ich, da wo Sie jetzt die Karten sehen. Jene sonderbare Frauengestalt, die Göttin, nahm den Kranz, ich hörte das Rascheln ganz deutlich, trat vor mein Bett, löste die eingeschlungenen Fäden, bog und dehnte ihn sacht und legte ihn behutsam langgestreckt auf mein Bett. Dann aber zerzupfte sie sanft das Gebinde. Sie verstehen?" fragte Goethe nach einer Pause; er sah Humboldt nicht mehr.

Wie sollte ich nicht", anworteie Humboldt aus der Finsternis.

Mit einer holdseligen Trauer", hob Goethe wiederum an, es war Humboldt, als ob er von weither redete,griff sie mit ihren'schmalen Fingern an jedes Blatt, ich sah es genau unb fühlte mich, verwundersam, nicht wahr, van dem Anblick wohlig beglückt." Ganz fern, gleichsam von jenseits des Dunkels schloß Goethe:So zerriß sie die Folge."

Plötzlich machte er ein paar rasche Schritte vom Fenster ins Zimmer und zurück; nun mit lauterem, sonderbar sachlichem Tonfall fuhr er fort: Dies aber ist das Seltsamste, niemand weiß es, ich habe mit niemandem darüber gesprochen, und bitte auch Sie, es in sich zu bergen. Am Morgen war der Kranz tatsächlid) verschwunden."

Beide verharrten ohne Regung. Für einige Augenblicke hob sich Goethes Gestalt in verworrenem Umriß gegen einen Lichtschein ab, der von einer irgendwo seitlings aufbrennenden Laterne ober Kerze herfloß und wieder auslosch. Nach einer Zeit, einen Rest von Unalauben in der Stimme, fragte Humboldt:

Ihr Diener?"

Er ist fest überzeugt, daß verwegenes Jungvolk vom Garten her eingestiegen ist, den Kranz gestohlen und die Blätter an eifervolle Vcr- ehrer ausgeteilt hat."

Humboldt schwieg. Die beiden alten Männer schwiegen. Finsternis und Stille war in dem nächtlich strengen Arbeitszimmer. Sie baute sich gleich einem umfangenden Raume auf, in dem die beiden allein waren fern und getrennt von den anderen Menschen, und wissend

fche Universitäts-Buch, und Steindruckerei, 2i. Lange, Gießen.