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... Und als der Chor noch fortklang, stieg der Sarg mitsamt dem Boden, der ihn trug, allmählich versinkend in die Unterwelt hinab, das Grabtuch aber überschleierte weit ausgebreitet die verborgene Mündung, und auf der Erde blieb der ird'sche Schmuck zurück, dem Nicderfahrenden nicht solgend — doch aus den Seraphsflügeln des Gesangs schwang die befreite Seele sich nach oben den Himmel suchend und den Schoß der Gnade, Vertiester plastischer ist die Gestaltung, die Goethes Stadthaus und ein Gartenhaus vom Dichtergeist empfing. Die Stille und Einsamkeit^der Beschauung, der Arbeit, des Formens und Festhaltens alles fluchtigen, bewegten Lebens, des genießenden Einatmens allen Daseins, des forschenden Durchdringens und Sammelns der Erscheinungen, des vertrauten geistigen Verkehrs mit wenig Erlesenen und der Wille zur höchsten Herr- schastlichsten Form der äußeren Lebenshaltung, die kein Fürst an Mannig- altiqkeit an innerer Graßheit, an würdiger Schönheit des geselligen Umgangs überbieten kann, keiner an seelischer Fistle je erreicht hat all das ist aus dem Geist des größten deutschen Dichters geboren, ,st ,n diesen beiden Hausern Körper geworden: in dem eingebauten Trcppen- l,au-i in der Anordnung und Einrichtung der Zimmer, des Gartens m den Sammlungen und dem Schmuck der Wände, Darum betreten w,r diese Häuser mit derselben Ehrsurcht wie den Ulmer Dom oder das Oktogon tti Aachen, obschon hier nicht Baumeisters Grohgewalt uns umwirkt.
Spielend fast und sein ganzes Leben in Erinnerungen wiederholend, stellte Goethe die Stilzeichen seiner reifenden Wandlung, seines dichterischen Umfassens aller Kulturen als Phantasiebauten in den Park: in der Naturbrücke über die umgriinte Ilm, im Borkenhauschen schaut der Klassiker der Geniussäule und des Römischen Hauses auf den ,ungen Idylliker zurück in der künstlichen Ruine sammelt sich das romantische Element des Balladendichters, und am Tempelherrenhaus, wie an einem gemalten Prospekt, geht der unsterbliche Dichter der „Geheimnisse vorüber, In die Natur, die ewig junge, grünende tritt wie im Geiste dieses Mannes der Stil, sich unlöslich mit ihr verbindend, E>n Hauch seines dichterischen Lebenswerkes weht uns von diesen Zeichen an, so schlicht und an den beschränkten Formenausdruck seiner Zeck sie gebunden sind. Gerade das ist das Rührende, das bei diesen Symbolen nur an den Dichter als Anreger und Schöpser denken laßt: daß sie zeitgebunden sind, daß ihr gestalteter Ausdruck in nichts die Ebene des Könnens der Epoche überragt daß sie bildnerisch eine fast stammelnde, unbeholfene, handwerksmäßige Sprache spreche», und daß sie doch den Flug und die Kraft seines Genius in sich tragen wie ähnlich nur Werke der größten bildenden Künstler.
Wielands, des nur durch die ihm folgenden Größeren verdunkelten, Einwirken ist in Weimar nur noch im Wittumspalais und in der Residenz leise zu spüren. Aber stark bann nahe bei Weimar auf seinem Gute Oßmannstedt wo ihn Kleist einst besuchte, und dort am stärksten an seinem Grabe wo er mit seiner Gattin und der früh verstorbenen Sophie Brentano ruht. Im umbuschten Ilmuser liegt das Grab. Ein dreikantiger Obelisk trägt drei goldene Symbole der Menschen, die unter ihm schlafen: eine Leier mit Stern für den Dichter, zwei verbundene Hände für die Gattin einen Schmetterling für die jung fortgeflatterte Seele: und trägt das Distichon, das ich aus dem Gedächtnis zitiere:
Liebe und Freundschaft unrfchloß die verbundenen Seelen im Lebe» Und ihr Vergängliches deckt dieser gemeinsame Stein.
Vor diesem Grabmal, im grünen Dunkel des Laubes, das vom Rauschen und Spülen des Flüßchens durchhallt wird, stehen die betrachtenden Stunden bei uns, in denen der alte, aus religiöser Schwärmerei zum heiteren Anakreontiker, aus fabelndem Liebesübermut zum bürgerlichen Hausvater gewordene Wieland an dos Sterben und die idyllische Ruhe langen lot,eins und körperlichen Geliebtseins von den Nachkommenden dachte: steht er selbst, wie er aus bi ff er tief und wehmütig genosfenen
Und von den Gemächern und Garten ihrer Häuser aus, in denen die Dichter ihren engsten Lebensraum um sich geformt und ausgestaltet, hinüber zu den schlichten Palästen der Großen, in denen sie verkehrten, ut beneid sich ihre geistigen Verbindungen schlugen, dem Wittumspalais, in bem Anna Amalia residierte, der Residenz des Herzogs und seinen Schlössern in Belvedere, mit der entzückenden Naturbuhne, aus die Goethe i^ bes Orestes Maske h'erauszutreten scheint Ettersburg und Tiefurt, zum Alten Theater und der Bibliothek, in den Park nut feinen Lufthaufern, ja bis zur Gruft der Fürste», in der Goethe und Schiller ruhen wa tete ihre ausdruckschaffende Seele. In den Jnnenraumen wirkt,vielleicht zuerst einmal stark das Bewußtsein, daß hier die Dichter irdisch gelebt haben, daß hier aus ihrem Geist die geträumten Welten, die t'efftes ^ein bergen, in unsere Welt hineindrangen, daß hier ihr guß schritt, ihre Hand schrieb und alle Gegenstände berührte, ihr Auge mit seinem Innenlicht leuchtete. Aber bald wächst aus dieser Empfindung die Erkenntnis, die sich in einem neuen Gefühl kundgibt: daß hier, an den Lebensstil der gebunden und doch persönlich, ganz geistige Menschen Wohnhäuser der Seele geschaffen Haden.
Nur die Sjäufer Schillers und des Einen find in ihrer Einrichtung erhalten oder wiederhergestellk. Roch lebt m de'" kleinen bescheidenen Staute Schillers — ähnlich etwa wie im Bach-Hauje m Eisenach öie seltsame Durchdringung des Bürgerlichen mit dem Göttlichen Genius berührt und sührt uns. Irgend etwas m d^en schlichte Raumen ist nach dem inneren Bilde in einem waltenden Geiste gestellt und gewandelt. In leisen Andeutungen spricht dieselbe Kraft zu uns, aus beren Idee — von Hände» anderer ausgesührt — d,e Gruft des Herrschergeschlechts hervorging, die wieder für alle unsere Feuerbeftattungshallm Muster und Vorbild wurde, der architektonisch bedeutungslose, dichterisch ja dramatisch ergreifende Bau, in dessen dusterem Innern sich> immer wieder wenn ein Herrscher starb, die Vision vollzieht, d.e der Dichter der „Braut von Messina" sah:
gruft ist bescheiden, nüchtern. , v
Und doch kann sich kein Besucher Weimars einem wachsenden, ihn immer mehr umspinnenden, geheimnisvollen Zauber, einer ganz stark werdenden Stimmung entziehen, einer Woge willenserregten und zugleich beschauende» Lebe»sgesühls, die von diesen bescheidenen Bauten, der Parkanlage, dem ganzen Stadtbild ihm überkommt. Es drängt sich dem Beschauer unabweisbar auf: hier bekundet sich der Dichtergeist, der noch etwas anderes besitzt als der Architekt, der Bildhauer, der Maler, um de» Stoff des Steins oder der pflanzenbeivachfenen Erde geistig und seelisch lebendig zu machen.
Einen Augenblick mag der Betrachter vielleicht stutzen und sich fragen, ob er sich nicht einer Täuschung, einer Illusion überläßt, ob er nicht aus der ihm geschichtlich bekannten Verbindung all dieser Dinge mit den großen Dichtern, vor allem dem einen, diese Stimmung, diesen Zauber nur in die Stadt hineinlegt. Ader er mag sich beruhigt an ihr fortfreuen: ihn beseelt zuverlässig nicht die unklar-romantische Empsindung, die nur aus der geschichtliche» Tatsache schöpst, daß hier die großen Dichter gelebt haben, daß sie mii diesen Bauten und Anlagen für immer verbunden sind — sondern diese Gebäude, diese wohlerhaltenen llcberreftc eines im Stos ausgedrückten geistigen Lebens sprechen selbst mit der Seele der Dichter, die auf ihre Entstehung einwirkte». Wir haben es hier damit zu tun, daß der Dichtergeist, der mit feinem unendlichen Ausdrucksvermögen sich im allgemeinen fast stosflos in Schristzeickien mitteilt, einmal spielend und lebendig in der Stosslichkeit sichtbarer Anlagen hervortritt, sie schassend durchseelt und aus ihnen auf uns zuströmt wie ein Ouellrunnen auf feiner gemeißelten Umrahmung.
kultureller Antriebe: der gewordenen Lebens- uns -LangtensDerijauiune, Handel Verkehr, politifcher Bedeutung, alfo rein praktischer, obiektiver Ausgaben einerseits und siirstlicher niachtbewuhter Baulust und Baufreude, die sich schon im Grundwesen als ein weniger stofflicher, sondern als em künstlerischer, willkürlicher Antrieb darstellt, andererseits Städte wie Hain- burg Frankfurt, die reinen Jndusirieorte, die alten Festungen, sind Bei- fpiele der ersten, Karlsruhe, Mannheim, München solche der zweiten Art. Freilich handelt' es sich, wenn wir eine einzelne Stadt betrachten, nicht mehr um ein ganz reines Vorkommen des einen ober des anderen Typus, sondern nur um jein Vorherrschen, um den geschichtlichen Entstehungs- anlaß der in der ursprünglich willkürlichen Gründung noch sichtbar bleibt, wenn sie längst vielerlei praktischen Forderungen des gewerblichen Lebens dienstbar geworden ist und ebenso seinen Charakter behalt in der künstlerisch noch so geschmückten und bereicherten Stadtanlage, die aus prak- tifchen Notwendigkeiten hervorging.
In der Stadt Weimar ist keiner dieser beiden Stadttypen bedeutend genug ausgebildet, daß er ihr ein höheres Interesse verleihen konnte. So war sie recht dazu angetan, daß ihr in ihrer späteren Entwicklung eine einzigartige Physiognomie ausgeprägt werden konnte, eine Physiognomie, die zwar auch dem geistigen Willen eines klugen, ja, großen, kunstverständigen Fürsten ihre Entstehung verdankt, die aber unter dem Einfluß der Männer und geistigen Mächte, die der Fürst um sich berief die auf fein Schaffe» einwirkten und denen er eigene Schaffensfreiheii gab, etwas irgendwie Neues wurde: Dichtung mehr als bildende Kunst.
Was wir fönst nur in Jnnenräumen erleben, allenfalls da und dort in der Anlage eines Gartens, feinen versteckten Laubenwinkeln, feinen erhöhten Ruheplätzen zum freien Ausblicke» über abendlich verdämmerndes Land, feinem von der Seele des Bewohners fprechenden Schmuck — das hat hier das Antlitz einer ganzen Stadt geschaffen.
Rein bautünftlerifd) genommen, sind die meisten Gebäude mchi wichtig, die in Weimar stehen. Wenn wir von der Raumkraft großer Baumeister berührt werde» wollen ober gleitenb mitgeleitet von ber leichten, melodiösen Rhythmik des Schmuckkünstlers, von dem malerischen Anordner der Strahenfluchten, von all dem, was ganz der bildenden Kunst angehort, so gibt uns Weimar wenig. Sein Schloß, seine Kirchen, das Museum, bas Goethe-Schiller-Archio, seine Denkmäler — all bas ist tüchtig erfreulich — aber nicht mehr; seine Nachahmungsbauten, wie bas Tempelherrenhaus, bas Römische Haus, bie künstliche Ruine unb bie anberen Phantasiestucke, ohne unmittelbaren praktischen Zweck, bie im Park stehen, sinb für ben Betrachter ber Werke bilbenber Kunst ganz uninteressant. Die Fürsten-
Gchwebender Genius über der Erdkugel.
Von I. W. von Goethe.
Zwischen oben, zwischen unten schweb ich hi» zu muntrer Schau, ich ergötze mich am Bunten, ich erquicke mich im Blau.
Unb wenn mich am Tag bie Ferne blauer Berge sehnlich zieht, nachts das Uebermaß der Sterne prächtig mir zu Häupten glüht, alle Tag' unb alle Nächte rühm' ich so des Menschen Los; denkt er ewig sich ins Rechte, ist er ewig schön und groß.
Die Dichterstadt.
Von Wilhelm von Scholz.
Das Erlebnis von Weimar läßt sich vielleicht so umschreiben: fomoljl der, ber Weimar flüchtig besucht, wie ber, ber '"Jahren 'V11“'" ihm verwachsen ist, fühlt, auch wenn er es sich nicht klar sagt baß biese anmutige, in einer freundlichen, ibyllisch-altvätcrischen Landschaft gelegene Residenzstadt von einer anderen Kraft ber Seele ihr bleibenbcs (Scprage bekommen hat als die meisten Städte — ober: daß eine Kraft, die an ben vielen Stabtbilbern nur nebensächlich mitwirkt, hier zur Hauptsache geworben ist unb ben Charakter bestimmt. Die Stabte bie wir bewohnen - ■ ■ Reisen besuchen, sinb vornehmlich bie Auswirkung Zweier
Antriebe: ber geworbenen Lebens- unb Tätigkeitsverhaltmsse,


