SlehMrZamilienMtter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (952 Montag, den 21 Marz Nummer 25
An meine Mutter.
Von 3. $ß. von Goethe.
Obgleich kein Gruß, obgleich kein Brief von mir so lang dir kommt, laß keinen Zweifel doch ins Herz, als wär' die Zärtlichkeit des Sohns, die ich dir schuldig bin, aus meiner Brust entwichen. — Nein, so wenig als der Fels, der tief im Fluß vor ew'gem Anker liegt, aus seiner Stätte weicht, obgleich die Flut mit stürm'schen Wellen bald, mit sanften bald darüber fließt und ihn dem Äug' entreißt — So wenig weicht die Zärtlichkeit für dich aus meiner Brust, obgleich des Lebens Strom, vom Schmerz gepeitscht, bald stürmend drüber fließt und, von der Freude bald gestreichelt, still sie deckt und sie verhindert, daß sie nicht ihr Haupt der Sonne zeigt und ringsumher zurückgeworfene Strahlen trägt und dir bei jedem Blicke zeigt, wie dich dein Sohn verehrt.
Goethe der Deutsche.
Zu seinem 100. Todestage: 22. März.
Von Dr. Flodoard Freiherrn von Biedermann.
Deutschland und mit ihm die ganze Welt feiern, von Ehrfurcht ergriffen, den Tag, an dem einer der größten Geister der Menschheit die Augen für immer schloß, diese Augen, deren wunderbarer Glanz alle, die dem edlen Manne nahten, in seinen Bann zog, diese Augen, von denen man mit des Dichters eigenen Worten hätte sagen dürfen: „Was je ihr gesehen, es sei wie es wolle, es war doch so schön!" Man darf aber aus diesem Dichterworte nicht schließen, daß Goethes Leben besonders vom Glück begünstigt gewesen sei. Man kann das allenfalls auf das äußere Leben beziehen. Wohl mag man den glücklich preisen, den: es vergönnt war, in einem 83jährigen Leben sich in Dichtungen, Schriften und Forscherarbeiten so auszuschöpfen, wie es Goethes Werke bezeugen. Wer jedoch tiefer in dieses Leben hineinschaut, wird eine Tragik nicht übersehen, die mit dem Wirken des Genies verbunden zu sein scheint, wird gewahr werden, daß das, was wir in vollendeter Schönheit genießen, gar oft aus schmerzlichsten Erfahrungen heraus geboren mar. Dem Künstler war es gegeben, das in Worte zu fassen, was andere in stummer Qual verbergen müssen, er schrieb sich damit manche Last vom Herzen, aber die ihm innewohnende Leidenschaftlichkeit bracht« ihn vor neue Zwiespalte, denen er durch Aufwendung großer sittlicher Kraft zu begegnen wußte. Diese höhere Sittlichkeit, die sich oft. zu religiöser Hingebung steigerte, kennzeichnete schon den Jüngling. .
Es war nicht, wie bei manchen andern, em« fromme Maske: öie Wahrhaftigkeit war Goethes vornehinste Tugend. Er lehrte jeden, selbst die Verantwortung für sein Tun zu übernehmen, was nur durch die,e Wahrhaftigkeit, die zumal dem Dichter eigen sein muß, möglich wird. Daher läßt er auch in dem als .Zueignung" seinen Werken vorgefetzten Gedichte, sich „der Dichtung Schleier aus der Hand der Wahrheit reichen. Das heißt aber nicht, daß der Dichter das Recht oder die Pflicht habe, alle Geschehnisse mit der Genauigkeit der Photographie darzuft eilen. Das Dichten ist nicht Dersemachen: Goethe ist Künstler, sieht also die Wirklichkeit durch das Mittel der Kunst und gibt davon einen höheren Begriff, als wir ihn aus dem platten Erlebnis empfangen können. Er schafft damit etwas Neues und hat uns in einer solchen Schöpfungskraft die unvergleichlichen Gestalten eines Götz von Berlichingen und Egmont als Frei- heitshelden, einer Iphigeni« als Priesterin der Wahrheit und Vaterlandsliebe gebildet, in Hermann und Dorothea die kernigen Gestalten deutschen Bürgertums, in seinen Romanen die mannigfaltigsten Erscheinungen des Lebens feiner Zeit gezeichnet. , . ...
Ihm blieb kein« menschliche Regung fremd, und er hat sich auch nicht gescheut, in alle Winkel des menschlichen Fühlens und Tuns hineinzuleuchten und von den empfangenen Eindrücken durch dichterische Gestaltung sich zu befreien. Davon sind Zeugnis die Gedichte der Liebe ebenso wie die gedanklichen Dichtungen, wie sie in Fülle in allen Lebensaltern ihm entströmten. Es gab da fruchtbare Zeiten, und es gab Zeiten, in denen fein Quell sparsamer floß, Zeiten, in denen seine 'Aemter oder wissenschaftliche Beschäftigungen ihn mehr in Anspruch nahmen. Bei der Verwaltung seiner Aemter bewährte sich sein Wahrheitsdrang in der Gewissenhaftigkeit, die ihn über seine eigentlichen Amtspflichten weil hinausführte. Wi« oft ist er in aller Eile zu Pferde gestiegen, um bet
Feuersbrünsten zu helfen, mit welcher Peinlichkeit brachte er Ordnung in das Finanzwesen des Weimarifchen Staates, lenkte er feinen oft wild stürmenden Fürsten zur Mäßigung, mit welcher Sorgfalt pflegte er di« Anstalten für Kunst und Wissenschaft, die seiner besonderen Obhut anvertraut waren. Und bei alledem war er selbst den Wissenschaften ergeben, besonders den Naturwissenschaften, machte wichtige Untersuchungen und Entdeckungen in der Botanik, der Physik, der Anatomie, der Gesteinsund Erdkunde. Und für all dies hatte er einen Antrieb: die Liebe.
Als Jüngling schon hatte er den Wahlspruch: „Alles um Liebel" Als Dichter hatte er ein zartes Gemüt, daher auch seine Neigung zu zarten und seelisch vornehmen Frauengestalten. Die Frauenliebe aber war e» nicht, die sein Leben ausfüllte: seine Liebe umspannte mehr, umspannte die Menschen, die Natur, das Göttliche, das Unerforschliche. Der Ernst von Goethes Wesen, der hinter all der oft gezeigten Laune als Grundlage zu erkennen ist, wurde nur dadurch erworben, daß er das Leben ernst nahm. Goethes Wahrheitsliebe war zugleich ein Drang nach Erkenntnis, wie «r es in feiner größten Dichtung, dem „Fausts, zur Darstellung gebracht hat, indem er das eigene Leben in höchster Form dichterisch verklärte. Wie der Held des Dramas hat auch Goethe selbst allezeit „sich strebend bemüht" und darf nach allen Irrungen mit einem Gefühl der Erlösung von seinem Lebenswerk sagen:
„Es kann die Spur von meinen Erdetagen Nicht in Aeonen untergehn."
Goethe hat im „Faust" sich zugleich als den deutschesten Dichter bekannt. Obwohl ihn seine Neigung zum Altertum, zu der reinen Kunst der Griechen hinzog, hat er doch sich immer wieder zu deutschem Wesen zurück- gesunden, das deutsche Volkslied neu belebt, deutsche Balladen gedichtet und schließlich im „Faust" eine deutsche Sage umgestaltet zu dem Hohelied des deutschen Geistes, zur Verherrlichung eines rastlos strebenden Menschen, der nach vielem Umherschweifen in der Arbeit für andere fein Heil erblickt und zu der Erkenntnis kommt, es sei das wünschenswerteste,
„auf freiem Grund mit freiem Volk zu stehen."
Mit solchem Bekenntnis ragt Goethe in unsere Zeit hinein, die noch viel von dem Dichter und Denker, dem Weisen, Forscher und Seher zu lernen haben^ wird, um seine ganze Größe zu erkennen. Wer mag sie erschöpfen? ^tolz dürfen wir als Deutsche sein, ihn unser zu nennen, und wie bei Goethes Tod der Philosoph Schelling sagte: „Deutschland war nicht verwaist, nicht verarmt, es war in aller Schwäche und innerer Zerrüttung groß, reich und mächtig vom Geist, solange Goethe lebte", so tönen mir aus der heutigen Not uns auch im Geist nur erheben, wenn wir Goethes Andenken und Werk, seine Lehren und seine Meinungen hochhalten, wenn wir sagen können: Goethe lebt!
Goethe stirbt.
Von Wilhelm Schäfer.
Dumpfes Gerücht und totes Licht lag über dem Land der neblichten Wälder, als Goethe in Weimar die göttlichen Augen zumachte. Er hatte den Korsen gesehen und hatte Blücher die rühmende Grabschrift geschrieben: Erhebung der Völker und Undank der Fürsten waren vor seinem Geist wie Wolken am 2lbend gewesen. Er sah in die Zeit, wie ein Vogel aus seliger Bläue über die Dächer und Gassen, über die Wiesen und ihre Silbergewässer, über die Bergwälder, tief in die Wolkengebilde blinkender Seespiegel sieht. Er sah die lastende Schwere und sah den blutroten Glast, aber fein Herz wartete gläubig der Sterne. Ihm war fein Volk nur ein Blatt im Kranz der Völker auf Erden; er liebte das Blatt als das seine, aber er flocht an dem Kranz mit unermüdlichen Händen. Ihm hatte Prometheus das Feuer gebracht, und er hielt es dem Menschengeist wach; nicht wie Schiller die Fackel der Freiheit zu tragen, stürmte er hin: dem Herdfeuer der Menschheit diente er treu und geduldig wie der Priester dem Opferaltar.
Als er die göttlichen Augen zumachte, stand seine Flamme steil in der Stille und war nur noch ein fernes Licht für sein Volk. Sie hatten den Wertherjüngling vergessen, und den greisen Faust kannten sie nicht; so fiel keine Trauer über das Land und keine Furcht in die Herzen. Nur wo ein Kerzenlicht brannte, wo einer Seele die Kammer weit wurde, weil die Gestalten lies Dichters durch ihre Einsamkeit gingen, zuckte die Flamme in den gewaltigen Schatten. Der Zaubermeister von Weimar war tot, der all dem blühenden Leben, der Weisheit und Schönheit der Worte, der Wahrheit und Hoheit ihrer Gebärden Gottvater war. Die Schöpfung stand still, die. aus dem Sechstagewerk kam mit anderen Bergen und Bäumen, anderen Nächten und anderen Sternen und anderen Menschen, als sie die Täglichkeit kannte. Der Menschengeist hatte sein Angesicht gläubig und stark gegen die Gärten der Götter erhoben, er hatte sich selber auf die verlassenen Throne gesetzt: nun ging er schlafen, weil seinem übermenschlichen Tun die Müdigkeit kam.


