Ausgabe 
20.6.1932
 
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* Martin.

Zchriftle'.tung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Vertag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießet

nicht stören. Der Tod deckt alles zu. Sein Entschluß ist gefaßt. Mag btt1 Schuldenlast noch so groß sein, die auf der Mühle ruht, er ist für ie| Lebenden eingetreten, er wird auch für den Toten haften.---

In aller Stille so will's der Altbürgermeister soll sein Schi begraben werden. Trotzdem hat sich am Tag der Beisetzung ein fleixi Trauergefolge von Städtern und Dörflern eingefunden. Auch der Pfan« ist erschienen und spricht am Grab ein Gebet.

Kaum, daß sich der Hügel über dem jungen Sägemüller geschlose« hat, rücken die Gläubiger bei dem Melcher an. Der verweist sie an (eirsn Rechtsbeistand.

Ein paar Wochen verstreichen, bis auf der Mühle sowohl als auch sei dem Altbürgermeister alles gründlich ausgenommen und festgelegt ist Dann gibt der Advokat sein Urteil ab.

Herr Bürgermeister", spricht er,die Sache liegt so. Wenn üler das Sägewerk der Konkurs verhängt wird, gehen die Gläubiger leer ms. Da, wo Sie mündliche Bürgschaft geleistet haben, brauchen Sie für nichz aufzukommen. Wollen Sie etwas tun, so will ich's versuchen, einen auß>v gerichtlichen Vergleich zustande zu bringen."

Wie is dann, wann ich mein' Hof hergeb'?" fragt der Melchir. Seine Stimme bebt und hat einen eigenen Klang.

Dann würden die Gläubiger voll befriedigt", versetzt der Advolit Aber für Sie würde nicht mehr viel übrig bleiben."

Das verschlägt mir nix, Herr Advokat."

Auch wenn Sie's wollten, Herr Bürgermeister, darf Ihnen Irin Unrecht geschehen. Sie haben Ihrem Sohn, weiß Gott, genug geopfert Es ist jetzt ihre Pflicht, an sich und ihre Familie zu denken."

Der Melcher hebt die Fäuste, seine Kraft zu zeigen.

Ich sein gesund und stark, Herr Advokat. Ich und meine Leut, mit leiden keine Not. Dadrauf können Sie sich verlassen. Was is da langjn dischkerieren? 's is bei mir abgemacht, ich geb' mein' Hof her. Das müh! ein schlechter Vogel sein, der sein Nest beschmutzen läßt!"

Vergebens, daß ihn der Anwalt warnt, der Melcher bleibt fest. Keim darf an feinem Sohn einen Batzen verlieren, er bietet den Gläubigen all seine Habe dar.

Der Advokat ist baß erstaunt. Er drückt dem Alten die Hand. Biejin starken Familiensinn hat er hinter dem Melchior Wallenfels nicht gesucht

Nicht lange danach saß der Altbürgermeister abends in seiner Stube. Eben hatte der Postkreudcr das Kreisblatt gebracht. Darin hatte iJtr Advokat eine Ankündigung erlassen, wonach das gesamte lebende und ieft Inventar des Landwirts Melchior Wallenfels öffentlich meistbietend tw steigert werden sollte.

Wie der Melcher die Anzeige las, spürte er einen Stich durch u.ni durch. Hundert Jahre hatten die Wallenselse auf dem Hof gewirtschasitri. Der Hof war wie ein lebendiges Wesen, mit dem man sich eng wer; bunden fühlte. Ihn verlassen zu müssen tat doch gar weh. Die Vergangen heit trat vor ihn hin. Aber es waren keine lichten Bilder, die an ihm vorüberzogen. Er erinnerte sich noch seines Großvaters. Dem hatte Ellermutter bei der Metzelsuppe einmal zugerufen:Mette*, du kanrsl net lachen. Das is schlimm." Selbigmal war er, der Melcher, ein Bursch chen von zehn Jahren gewesen, aber die Worte hatten sich ihm eingeprö Viel von des Großvaters schwerblütiger Art war auf ihn übergegangsn Sich herzhaft über etwas zu freuen, lag nicht in seiner Natur. Von feinem Vater hatte er kein Aederchen. Der muhte sich im Dorf den Unnanrn steifer Hannjer" gefallen lassen. Und war ein Hannebambel, der tun allen ausgcnutzt wurde und den Hof herunterkommen ließ. Er, der 3M' cher, war schon als Bursch in allerlei Händel verwickelt worden, wn er nicht dulden wollte, daß sein Vater den Leuten zum Stichblatt bien 'e. Dann hatte er das Werk übernommen. Von Anfang an war in ihm te« Wille zur Macht gewesen. Wer die Macht hatte, hatte auch das Re® ! Immer war er sich selbst Gesetz, immer war er daraus ausgegangen, siiq ' rücksichtslos durchzusetzen. Daß er die Menschen mit Füßen trat, sich vi-tl ' sach Uebergrisfe erlaubte, nicht Maß und Ziel kannte in seinem Ad beutertum/vermochte er nicht als Schuld zu empfinden, als ein echH-t Tyrann, der mit unbeschränkter Willkür herrschte. Nun hatte ihn tosr Hammer des Schicksals getroffen. Und doch war sein Mut nicht gebroch» Die Pariser hatten ein Spottlied aus ihn gemacht, und der Buschur fangt 1 in allen Gassen:

- 'Das ist der Protzenbauer,

Der hat das meiste Geld Und hat die meisten Aecker, Ja, ihm gehört die Welt. Und geht er durch die Straßen, Da rust's aus jedem Haus: ,Das ist der Protzenbauer, Der Protzenbauer ist drauß.'"

Die Verhöhnung war billig. Was scherte der Löwe sich um Mückenstiche Sie dachten ihm die Mähne zu stutzen, dachten ihn an die Kette zu leg» Oha! Sie machten die Rechnung ohne den Wirt. Bei all seinem Unge­beugte er vor niemand den Nacken. Schon trug er sich mit neuen Plan» Zunächst würde er sich auf den Schafhandel werfen. Da war etwts herauszuzipseln. Und es gab noch viele andere Möglichkeiten, wieder Geld und Gut zu kommen. Kotzblitz! Er hatte den Kopf dazu ihm die Kraft!

Die' Annegret trat herein. In der Wohnstube war das Abendesftk bereit. Der Melcher steckte das Kreisblatt in die Tasche und stand <W Im selben Augenblick brach er bewußtlos zusammen.

Die Annegret rief die Mutter zu Hilfe. Auch Hannvelte, der fine®, eilte herbei. Selbdriit brachten sie mit großer Mühe den schweren Mauk ins Bett.

Da sie ihn endlich gelagert hatten, erlangte er die Besinnung wieder 's hat den ganzen Tag schon in mir gesengelt", sagte er.NU is -s eraus. 's hat keine Gefahr."

(Fortsetzung folgt.)

Wn fürchtet der Bauer den Nachtfrost nicht mehr, der Boden erwärmt sich, die Saatzeit beginnt. '

Auf dem Elmer.stück führt der Melchior Wallenfels am frühen Tag mit fester Hand den Pflug. Zwei Pferde hat er davor gespannt. Weithin -klingt seinHoilt!" undHar!"

Er ist auf die Gewann nicht gut zu sprechen. Der Untergrund laßt zu viel Feuchtigkeit durch. So wird der Acker zum Düngerdieb. Nur in besonders nassen Jahren gibt er reiche Frucht.

Das Pflügen versteht der Melcher aus dem Effeff. Noch sein Vater hat sich vor dem Untergrund gefürchtet wie vor dem Gottseibeiuns. Seine flachgründige Bodenbearbeitung hat er mit den Worten verteidigt, man müsse das Zugvieh schonen, dürfe das Feld nicht zu Tode zackern. Der Melcher weiß, besser Bescheid. Erst die tiefe Ackerkrume bereitet den Pflanzen die rechte Stätte, daß ihre Wurzeln sich weit hinunter ver­zweigen und danach kräftige Halme treiben.

Mächtige Schollen reißt der Pflug. Furche reiht sich an Furche. Schnaubend schütteln die Pferde die Köpfe. Der Melcher läßt nicht locker. Noch einmal den Acker hinauf und hinunter, und das Elmenstück ist gestürzt.

Von der Sägemühle her kommt der Rohnspeter gerannt. Er ist in Schweiß gebadet. Sein Gesicht ist erdfahl.

Der Melcher hält mit dem Pflügen inne.

Was deut's? Du läufst ja, als wann der wild' Jäger hinter dir wär'."

Laßt mich erst ausschnaufen", keucht der Peter. Er hat etwas Furcht­bares zu melden. Er weiß nicht, wie er's dem Alten beibringen soll.

Der gewahrt des Burschen Fassungslosigkeit und fragt:

Is was passiert?"

's is was passiert", gibt der Peter zaghaft Bescheid.

Der Melcher tut einen Schritt zurück.

Der Philipp?" fährt's ihm heraus.

Ja, der Philipp", spricht der Peter mit erstickter Stimme und setzt hinzu:He, hat sich was angetan."

Der Melcher packt den Mühlknecht am Arm.

He is tot!" schreit er auf.

He hat sich erschossen", preßt der Peter hervor.

Dem Alten sinkt der Kops auf die Brust. Er schwankt. Es wird ihn zu Boden werfen. Doch nein. Dem Schwindel setzt er den eisernen Willen entgegen. Er hält sich ausrecht, fährt mit der Hand über die Stirn und spricht:

Wer lang lebt, muß viel erleben!" Er übergibt dem Knecht die Pferde und geht. Er wählt den Weg ums Dorf. In einer Viertelstunde hat er die Mühle erreicht.

Die Dampfmaschine hat ihre Tätigkeit eingestellt. Die Arbeiter stehen beisammen und sprechen leise miteinander. Wie sie des Altbürgermeisters ansichtig werden, verstummt ihr Gespräch.

Weinend kommt die Berwel dem Melcher entgegen. Der Hund des jungen Sögemüllers folgt ihr und erhebt ein klagend Geheul.

Wann is es geschehen?" fragt der Alte beklommen.

Wahrscheins die Nacht", antwortet die Berwel.Vorhin is der Dokter aus Landorf vorbeigemacht. Den hab' ich angehalten. Er war drin und meint', he wär' schon lang kalt."

Sie treten ins Haus. In der Schlafstube auf feiner Bettstatt liegt der Philipp. Er hat das tödliche Geschoß gegen das Herz gerichtet. Sein Gesicht ist nicht im geringsten entstellt. Er scheint nur zu schlummern.

Dessenungeachtet befällt die Berwel ein Grauen. Gleich geht sie wieder hinaus. Der Melcher bleibt.

Beim Anblick des Toten kommt Bewegung in [ein steinhartes Gesicht. Um seine Mundwinkel läuft ein Zucken, die Falten auf seiner Stirn ver­tiefen sich.

Der da Hand an sich gelegt hat, ist sein Fleisch und Blut. Mit Worten hat er's ihm nie gesagt, aber gern gehabt hat er ihn doch. An seinem Aeltesten hat er mehr gehangen. Ein Kind ist einem lieber wie das andere. Man soll keinen Unterschied machen und macht ihn doch. Des­wegen hat der Philipp nicht zurllckgestanden. Nicht leicht mag ein Vater zu finden fein, der seinem Sohn so viel gewährt hat, der ihm so viel hat. durchgehen lassen wie er, der Melcher. Freilich, an dem Bub ist alle Erziehung verloren gewesen. Was der Mensch wird, steckt schon in ihm drin.

Das Unglück greift dem Alien ans Herz. Wieder wandelt ihn eine Schwache an. Er sinkt auf einen Stuhl. Oha! Nachgeben darf er sich nicht. Gerad jetzt muß sich seine Kräftigkeit erweisen.

Seine Hand wühlt in dem dichten, grauen Haar. Was hat den Bub in den Tod getrieben? Hat er in der Stadt wieder Dummheiten gemacht? Haben sie ihn beim Spiel abgezogen? Wer kann's wissen! Vielleicht, daß die nächsten Stunden schon Klarheit bringen.

Sein Blick fällt auf den Nachttisch. Liegt da nicht was? Jawohl, ein Brief.

Er steht auf. Greift danach. Da steht's:

An meinen Vater

Melchior Wallenfels.

Er reißt den Umschlag auf, entfaltet den Bogen und lieft.

Lieder Vater!

Ich siche vor dem Bankerott. Ich soll Zahlung über Zahlung leisten und kann nicht mehr. Ich wollte die Mühle in die Höhe bringen, es ist mir aber alles fehlgeschlagen. Deshalb gehe ich aus der Welt. Lieber tot, als so ein verdorbenes Leben. Die Berwel hat noch von drei Monaten her ihr Geld zu kriegen. Ich bitte Euch, gebt es ihr. Nehmt Euch auch meines Hundes an. Lebt alle wohl. Philipp."

Das Blatt entsinkt der zitternden Hand des Alten. Also bankerott! Es würgt in ihm. Warum hat sich der Bub ihm nicht nnoertraut! Er hot so oft zugeschossen, er wäre ihm auch diesmal zu Hilfe gekommen. Nun hat der Nichtsnutz sich darauf uergertt, den Heimlichen zu spielen.

Stät, ftät! beschichtigt er sich. Man darf die Ruhe des Verstorbenen