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auf einem solchen Frachtschiff zugebracht, das aus der Südfee nach Europa fuhr. Und wenn ich nicht annehmen will, daß gerade dieser Dampfer mit Sonderlingen gesegnet war, so findet sich wohl aus jeder solchen langen Reise der eine oder andere ungewöhnliche Passagier ein.
Jener, der mir vor allen anderen als erstaunlich im Gedächtnis blieb, reiste eigentlich dem Fahrpreis nach im Zwischendeck. Aber weil es kein Zwischendeck gab, so hatte man ihm und noch ein paar anderen ein finsteres Loch im Hinterschiff neben einer Frachtraumlucke eingeräumt. Die Kopra dunstete mit ihrem ranzigen Geruch herüber. Eine elektrische Lampe ohne Schirm war an einer langen Schnur an die Wand gehängt. Bettzeug und Decken lagen in offenen, rostigen Gestellen. Ein Lager war sogar nur auf zwei Brettern aufgerichtet. Es gab ein altes Ernailwasch- becten, einen verbeulten Eimer. Sonst waren nur noch die Koffer und Kisten' der Reisenden vorhanden, hier zum Range von Tisch und Stuhl erhoben. Aber ein richtiges Tischchen und ein paar Schemel davon stauben draußen auf dem Berdeck unter einem Zipfel aufgespannten Segeltuches. neben dem Hühnerstall und der langsam wandernden, schenkeldicken Kette für die Stuermaschine, die ständig leise knarrte.
In dieser Welt hauste „L’homme statue“. Seinen richtigen Namen habe ich nie erfahren. Einer der französischen Mitreisenden hatte ihn scherzhaft so genannt. „L’homme statue“ •— der Statuenmann. Denn immer stand oder saß er unbeweglich, sprach kein Wort, las nie, beschäftigte sich mit nichts. Er war ein Zwerg, schon an der Grenze des Greisenalters. Nie habe ich etwas Armseligeres gesehen, als sein verschossenes, einst grün gewesenes Leinenröcklein, seinen schmierigen Tropenhelm, die einmal weiß gewesenen Schuhe, aus deren geplatzter Spitze entsetzlich schmutzige Zehen lugten. Es ging die Sage über ihn, er habe in langen Jahren Dienst als französischer Kolonialbeamter Schätze gesammelt, aber (ein unerhörter Geiz ließe es nicht zu, daß er erster Klasse nach Europa zurückreise. Als wir von der verschollenen Südseeinsel aus der Gruppe der Neuen Hebriden, wo er an Bord kam, abfuhren, sagte ihm kein Weißer Lebewohl. Nur ein paar kupferrote Insulaner drückten ihm bie Hand. Einen umarmte er. Schicksal? Er sprach nicht. Und als er mit einem lächerlichen Gerümpel von Kisten und zusammengebundenen Schachteln in Marseille ausftieg, tauchte er Unter wie ein lichtscheues Tier. Keiner von uns hat ihm wieder begegnet.
Oder da war sein Mitpassagier, auch aus dem Zwischendeck, ein eleganter Herr, in Lackschuhen und Seidenhemd, mit guten Manieren, der sich am liebsten in drei Sprachen auf einmal zu unterhalten pflegte und dein Steuermann lange Geschichten erzählte. Tagsüber saß er stundenlang vor seiner gepflegten Reiseschreibmaschine, die er auf den Knien balancierte, wohl, weil er fönst keinen Raum dafür fand. Endlos beklopfte er Setten fchönen, weihen Kanzleipapieres, und abends lag er in seiner schwarzen Höhle, die unbefdjirmte grelle Birne über sich und las, was er geschrieben hatte. Was war es? Wozu sollte es ihm verhelfen? Ich weiß es so roentg, wie feinen Namen und seinen Beruf.
Oder da gab es einen ganz armen Teufel, sehr jung, sehr schlank, mit den geschmeidigen Bewegungen einer Eidechse. Seine goldene Haut leuchtete aus den Rissen des verschlissenen Hemdes. Sie war wirklich golden, von einem ganz unwahrscheinlichen Ton, mit merkwürdigen Bronze- refleren. Da er mit den Matrosen arbeitete, so hat er wohl für feine Ueberfahrt nur ganz wenig oder gar nichts bezahlt. Er trug ihnen die Schüsseln mit Essen zu, er half die turmhohen Ventilatoren je nach der Windrichtung drehen, er scheuerte das Verdeck, und als auf der Strecke über den Atlantik das ganze Schiff neu gestrichen wurde, strich er tapfer mit. Später erzählte man uns, er fei Halbblut, der Sohn eines weihen Mannes und einer tahitanifchen Frau, der es unter den Eingeborenen vom Stamm feiner Mutter nicht habe aushalten können. Die Sehnsucht, nach Europa zu kommen, habe ihn fast verzehrt. Er könne weder lesen noch schreiben, aber Französisch und Chinesisch von den vielen ch>nesi)ck,en Kaufleuten Tahitis. Und er besitze eine geheimnisvolle Empfehlung, die er beständig bei sich trage. Als die Lust vor Gibraltar für uns <,ropen= verwöhnte Ichon unangenehm kalt wurde, sah ich ihn zuweilen ganz vorne am Bug stehen, mehrere alte Röcke übereinander gezogen, fröstelnd, uno mit großen schwarzen, erwartungsvollen Augen auf die Wolkenwand blickend, hinter der die Küste von Spanien verborgen lag. ®as erroarte er sich? Wie fremd war diese Welt für ihn, rote fremd er selber, bassen weißes Blut ihn aus dem Südseeparadies forttneb unb der von dort nichts mitbrachte, als ein Bündel Bananen, eme geflochtene Palmblatttasche unb bas ungeheure Kieferpaar eines Haifisches, aufgesperrt mit hunderten von dolchscharfen Zähnen.
Und dann hatte sich noch ein Schicksal eingefunben, an das ich mckst ohne Rührung zu benten vermag. Eigentlich waren es zwei, ein Mann und eine Frau, aber wir waren uns alle darüber einig daß von diesem Ehepaar I durchaus nur Frau I unser Interesse verdiene Sie waren unsere einzigen Mitpassagiere in der ersten Kasse, als wir da. unten im Korallenmeer von Insel zu Insel unb von Riff zu Riff steueren Sie war sehr schön — gewesen, von einer leisen unb traurigen Angewelktheit des Gemütes, bie ihr etwas Hilf- unb Hostnungsloses gab- ® ne btejer blutarmen Tropenschönheiten, der, so oft die Rede aift «ft konische °der chinesische Kolonien kam, ein schmerzlich wissendesLächeln um ben ganz blauroten, zarten Mund ging. Der Mann etn ruhmrediger Rüpel, von einer unverschämten, offen zur Schau gestellten Käuflichkeit f nung, wurde eigentlich nur ihretwegen geduldet, obgleich er sichtlich leöer mann auf die Nerven fiel. Madame war es, die diese Reise bezahlt hatte^ Ober richtiger nicht ganz bezahlt, denn he kam mit zmei
Geldes unb® bat K V übrige 3u ftunben. Sie wolle es fpate b m Agenten bringen. Man ftunbete es ihr nicht, man ^l'-ß es Ein Passagi mehr ober weniger auf biesem Coprairamp, was tat es. S emer seinen Bescheibenheib wie eine große Dame Vielleich war se wirklich diese große Dame gewesen. Obgleich sie letzt von Kolomalstabt z Kolonialstabt Hüte garnierte, Gelegenheits chnelberm wur, Kinder un richtete, billige Europaware verkaufte. Sie, nur sie atte n. Der ffllann rührte keinen Finger. Er betrachtete bie schone Frau als ein «apital, »o dem er Zinsen abschnitt. Unb er mußte schon sehr viele Zmsenverbrauch haben! Nicht, baß er eifersüchtig gewesen wäre! Im Gegenteil, -too
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den Augen ber Offiziere jener verräterische Schimmer bes Wohlgefallens aufglimmte, ba feuerte er ihn an. Kam immer roieber auf bie Karriere zu sprechen, die ein hübsches Weib einem Mann vermitteln könnte. Sie schwieg bei solchen Anpreisungen. Sie errötete nicht einmal mehr. Aber ihre Augen waren so voll Scham unb Verzweiflung, daß bie Männer, bie wochenlang keine Frau außer ihr gesehen hatten, bie so offen gebotene Chance zögernb vorbeigehen ließen. Herr 1" verstaub auch bies zu nützen. Am letzten Tag seiner Fahrt machte er Kollekte. Diesmal ging er selber. Er sprach von ber Grünbung eines neuen Heims. Wir wußten, daß er log. Aber wir gabeg. Sie bedankte sich nicht. Sie sagte nur wie beiläufig: „Welches Glück, ich werde jetzt bald wieder etwas verdienen können."
Nachts saßen wir alle auf dem Verdeck. Die Luft war wie weiche, feuchte Selbe. Der Kanopus, ber prachtvoll blaue Tropenstern, hing wie ein Saphir zwischen ben Antennen unserer Robiostation. Der Sirius blitzte in biamantenem Feuer. Wir fuhren wie auf einem fremben Gestirn. Das Grammophon sang flötenb: „Talking to the moon" unb wir wußten, auf erbteilgroße Entfernung war bies ber einzige Kutturlaut. Manchmal knarrte ein Stuhl, eine schwere Welle strich mit Rauschen vorbei. Wir ahnten nichts von einanber, würben nie etwas wissen. Aber ber Tramp trug bas Bünbel Schicksale gebulbig dahin. So weit getrennt unserö Lebensziele auch in Wahrheit sein mochten, die große Einsamkeit des Meeres vereinigte sie zu einem einzigen Stück schwimmendes Men- schenland. Und alles übrige? Eine Hand dreht ben Hebel bes Grammophons. Die Nabel knirscht, setzt schwirrenb ein. Traumverloren hören wir zu. Das übrige? ... Talking to the moon...
Oie pariser.
Roman von Alfred Bock. (Fortsetzung.)
Heute hatte sich ber- Schulvorstanb im Bürgermeisterhaus versammelt. Ein langjähriger Streit war enblich zum Austrag gelangt. Es hanbelte sich um ein paar Slepfelbäume, bie der Vorgänger des Lehrers Molden- Hauer vor das Schulhaus gesetzt und deren Eigentumsrecht der Altbürgermeister dem gegenwärtigen Leiter der Schule bestritten hatte. Die Sache war nun zu Gunsten des letzteren entschieden roorben...
Nach ber Sitzung verweilte ber Lehrer noch ein Viertelstünbchen bei bem Spechtskarl, besten Wahlsieg ihn mit all ben Unbilben, bie er erfahren, ausgeföhnt hatte.
„Bürgermeister", sprach er in seiner geroinnenben Art, „ich wollte Ihnen noch etwas mitteilen. Ich hatte mich von hier fortgemelbet. Der Kreisschulinspektor hatte mir auch zugesichert, ich sollte an erster Stelle berücksichtigt werben. Nun habe ich mein Gesuch rückgängig gemacht. Ich bleibe!"
Der Karl reichte ihm bie Hanb.
„Das freut mich, Herr Lehrer."
„Was ich unter bem Wallenfels feiner Zwangsherrschaft ausgeftanben habe", fuhr Moldenhauer fort, „müßte von Rechts wegen in ben Ka- lenber. Der Melcher ist einer von ben Menschen, bie nur bie Lasten ber Schule sehen unb nicht ihren Nutzen. Unb barin hat er ja leider auf bem ßanb noch viele Gesinnungsgenossen. Aber von bieser Kurzsichtigkeit ganz zu schweigen, hatte er seinen Kopf braus gesetzt, mir überall Wiberwärtig- teiten zu bereiten. Möglich, wenn ich vor ihm gekatzbuckelt unb Mich untertänigft für bie Brosamen bebantt hätte, bie für unfereinen vom Tisch ber reichen Bauern abfallen, daß er dann andere Saiten aufgezogen hätte. Da war er bei mir an den Unrechten gekommen. Wir Lehrer haben allen Grund, auf Standesehre zu halten. Was wollen wir denn? Brauchbare Menschen erziehen. Das klingt so einfach. Nicht wahr? Und doch gehört dazu eine große Portion Selbstverleugnung unb Willenskraft. Und nun soll man mit einem Despoten Zusammenarbeiten, ber’s förmlich darauf abgesehen hat, einem bie Freube am Beruf zu nehmen. Ohne biese Freube gibt es für uns kein ersprießliches Wirken. Sie können mir's glauben, 's ist mir manchmal furchtbar schwer geworben, meine Pflicht zu erfüllen. Ich war krank, schwerkrank wie meine Frau, freilich in anberer Art. Unb wenn ber Lehrer krank ist, sinb's bie Schüler, bie barunter leiben. Das soll nun anbers werben, Bürgermeister. Vollkommen ist niemanb, bas wissen wir zwei. Unb eine Höhe ist vor uns aufgerichtet, bie keiner bezwingt. Aber ben Weg hinauf müssen wir suchen, jeber nach
.Ich
du
seiner Kraft!"-- . .
Als der Lehrer sich entfernt hatte, trat die Spechtsmarie in die Stube.
„Der Mappeler war ba", begann sie. „He fragt, roie’s mit bem Aus-
zugshäusi werben sollte'." „
„Ich schätz', bu brauchst's net", versetzte ber Karl. „Du bleibst bet mir.
"ga, aber wie lang? Du nimmst dir doch eine Frau."
"Da weißt du mehr wie ich." .
„'s kost' dich nur ein Wort, und die Sach mit dem Uhl seinem Sannche is in der Reih'."
„Ich heirat net."
„Etz tu ich ein Lach."
Die Röte stieg ihm ins Gesicht. ......
„So gewiß, als ich gesund hier steh, ich heirat net.
Sie hob bie Hanb. . „
Ich glaub’ als, die Wallenfelssche steckt dir noch IM Kopp.
"Schwei still" lieh er sie grob an. „Ich geb’ dir den guten Rat, wann dich net mit mir verkrämern willst, lass’ mich das nefwieder hären!
Bedrückt chlich sie hinaus. Früher — dessen hatte sie sich oft gerufjmt — war ber Karl unter ihren Hänben gewesen wie Wachs. Seitbem er bas Bürgermeisteramt betleibete, war er von einer Unnahbarkeit, einer Festigkeit an ber ihr Wort zerbrach wie Glas. —
XIV.
lieber bem Talgebreite, bas die leuchtenden Farben des Frühlings trögt blaut ein wolkenloser Himmel. Hoch in den Lüften wird ein Schwarm von Zugvögeln sichtbar, die gen Norden ziehen. In ben Wälbern läßt der Starmatz sein Schnalzen Horen, von ihrem Nistplatz in der Ackerfurche steigt tirilierend die Lerche empor.


