Seit halb vier Uhr war Alexander mit den Vorbereitungen beschäftigt, die ein junger Dichter zu treffen hat, wenn eine junge Schauspielerin das erste Mal in sein Haus kommt. In den Vasen standen Blumen, auf der kleinen Veranda war ein einladender Teetisch gedeckt.

Als Alexander dabei war, die vierte Kravatte zu probieren, klopfte es draußen. Eilig stürzte er zur Tür und öffnete. Vor ihm stand em schneeweißes Lamm, einsam und verlegen blökend.

Eine Stunde verging ohne daß Elfenbein zurückkehrte. Da entschloß sich Monica nach dem Tier zu schauen. Auf der kleinen Wiese hinter dem Hause des Dichters fand sie das unbekümmert grasende Elfenbein. Gegen die Mauer gelehnt stand ein junger Mann in grauem Flanellanzug. Eine Zigarette im Mund, war er mit zärtlich belustigtem Ausdruck in Elfenbeins Anblick versunken.

Monica ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand:

Guten Tag. Nun, gefällt sie Ihnen, die junge Künstlerin?" So gut, daß ich sie am liebsten überhaupt hier behalten möchte." Um Ihnen Elfenbein anzuvertrauen, kenne ich Sie aber noch zu wenig." .

Dann müssen wir dasür sorgen, daß Sie mich rascher kennenlernen. Deshalb sollten wir jetzt zum Beispiel zusammen Tee trinken."

Diesem Nachmittag folgte eine Reihe von Tagen, in denen Elfenbein an Größe und jugendlicher Heiterkeit zunahm, aber an Wichtigkeit für Monica und Alexander sehr verlor.

An einem frühen Morgen brachten Alexander und Elfenbein, in einem kleinen Auto, Monica zum Bahnhof. Das Mädchen hielt das Lamm auf dem Schoß. Alexander schaute flüchtig zur Seite, um sich Monicas Profil mit der stumpten Nase und den gebogenen Augenwimpern noch- einmal besonders einzuprägen. Mit schmerzlichem Zucken um die Stirn saß sie über das Tier geneigt. Eine einsame Träne tropfte auf das lockige Fell.

Monica, Liebes, glauben Sie mir, Elfenbein wird der Abschied genau so schwer wie Ihnen. Und von mir wollen wir schon gar nicht reden. Müssen Sie denn wirklich abreisen? Könnten wir drei nicht immer zu­sammenbleiben?"

Wahrscheinlich hätte Alexander jetzt eine lange, wohlkomponierte Wer­bung vorgebracht. Aber seine scharfen Augen erblickten auf einem entgegen­kommenden Leiterwagen ein Dutzend rosiger junger Ferkel. Er stoppte den Motor, wandte sich zur Seite und gab Monica einen- ersten Kuß. Lang und zärtlich. In ihm war die Befürchtung aufgestiegen, Monica würde die Schweinchen bemerken und verlangen, daß sie, außer dem jungen Lamm auch noch zwölf Ferkelchen mit in ihr neues Leben nehmen sollten.

Die vergeffene Natur.

Eine Betrachtung im Goethe-Jahr.

Von Hans N a t o n e k.

Unbeachtet und ungefeiert blieben in Weimar die persönliche Atmo­sphäre über der Stadt, der Fluß vor ihren Toren, die nicht mehr da sind, die Landschaft, die unwandelbare, mit ihren Aeckern und umbuschten Bodenwellen, in die sich das Städtchen schmiegt, wie der Kopf eines Vogels in jein Gefieder; und übersehen wurden vor allem die Frauen, und unter den Frauen die Gefährtin, die ihn achtundzwanzig Jahre begleitete, bald angeschmiegt und bald entfernt. Wiederum, auch sie, ein Stück Natur in der gepflegten Umgebung des Geistes, der Bildung, der Hofgesellschaft. *

Fünfzig Jahre hat Goethe in diesem Landstädtchen gelebt. Man ermesse, was das bedeutet. Zwischen dem würdigen Bürger- und dem idyllischen Gartenhaus, zwischen Schloßgesellschasten, die gleichgültig, und Einsamkeiten, die schmerzlich waren? Zwischen Schreibpult und Samm­lungen; und nur ab und zu eine Reise.

Jeder andere, der nicht eine Welt in sich trug, wäre in sie aus- gebrochen. Heutige Schriststeller von einiger Geltung brauchen nicht mehr und nicht weniger als die ganze Welt, um sie als Postament zu benützen. Amerika, Indien, Weltstädte, Weltgenüsse, Allerweltsgesellschaft, Bewe­gung, um der Bewegung willen. Und sie bilden sich vielleicht gar noch ein, daß ihr Verkehrs-Trieb und ihr Nichtoerweilen faustisch sei.

Wie unvorstellbar eng, wie eintönig war die äußere Umwelt Goethes. Ueber die Sternbrücke an die Ilm, ober durch die große Allee aufs Bel­vedere. Die Stille von damals ist auch heute noch. Der kleine Fluß, ein grünlicher Bach, schleicht lautlos am fahlen Vorjahrslaub entlang. Hier ist nichts als der karge Schauplatz der Jahreszeiten, mit ersten Veilchen, mit dem leuchtend satten Sommerlaub der alten Bäume, mit den trau­rigen Hxrbstnebeln und der Winterfreude am warmen Ofen. Aber die Fülle der Welt ist in dieser 'Beschränktheit. Hier ward aus Zusall, der einen Menschen aus einer bunteren Umwelt hierherwehte, Schicksal, Nötigung, Pflicht, Aufgabe, Verzicht.

«

Im Gartenhaus, das wirklich nichtübermütig aussieht", wird die kleine, schmale Bettstatt Goethes gezeigt, eine eigene Konstruktion des Dichters, die, zusammengelegt, zugleich als Reisekofser auf die Kutsche gepackt werden konnte. So könnte man sagen, daß Goethe in der Stille des Gartenhäuschens auf oder in seinem Reisekofser schlief und träumte ... Ein Sinnbild feiner heimlichen Sehnsucht. Und es war schön und dennoch zugleich schmerzlich, wenn endlich die Staubwolke unter den Rädern seiner Reisekutsche ausftieg und hinter dem welligen Hügel der Schloßturm versank... Schmerzlich war es und dennoch schön, wenn bei der Heimkehr hinter der Bodenwelle die vertraute Form der Turmspitze austauchte.

*

Spät kommt der Frühling und früh der Herbst, kurz ist der Sommer, und die Luft geht rauh. Eng sind die Gassen und spärlich das Licht der kleinen Fenster. Am Main und Rhein war olles weiter und heller und näher dem Süden. Die Orangerie des Großherzogs nun ja: ein schwa­

cher Versuch, die südliche Natur einzufangen. Hier steht der Lorbeer, aber nicht hoch und nur in Kübeln, und die Goldorange wird nur wallnußgroß

Die thüringischen Menschen sind ernst und würdig; sie lachen wenig, sprechen von Geschäften und sitzen beim Schoppen am Stammtisch. Was sollen sie auch lachen?! Sie plagen sich mit ihrem harten Acker oder an den Webstühlen in Apolda. Und kurz ist so ein Dorfsonntag in der Schenke. Die Mädchen, blond und fest, sind noch das beste. Gott gab ihnen braune Wangen und die Wärme der südlichen Kreatur.

So damals und so heute. Die meisten Dinge ändern sich im Kern nicht Ein tüchtiger, braver Menschenschlag. AberKunscht", das ist nichts für sie; so unbescheiden sind sie nicht. Das ist etwas für die feinen Leute in den seinen Salons. Damals für die geschlossenen Zirkel des Hofes, heut« für die der Goethe-Gesellschaft. Da mischen sie sich nicht drein, die ein­fachen Leute. Der eingefessene, kleine Weimaraner redet nicht von Goethe», Er sieht nur wohlwollend und bescheiden zu. Er spielt sich nicht auf den Kenner auf; er schwätzt nicht eitel mit, um dabei zu sein. Er ist schlich! und natürlich, wie die Christiane Vulpius war, ein echtes thüringisches Kind, das trotz einem mit Goethe verbrachten Leben ihrer Einfalt treu und völligkunscht"-fern blieb.

Aber was wissen wir, ob Goethe nicht in einem halben Jahrhunderi kleinstädtischen Lebens dann und wann von einer bangen Fkage gepack! wurde: Wie anders hättest du dich in Rom, in Paris entwickeln können! Welche Befeurung durch den Glanz der Weltstadt, welche Anregung durch den Wechsel der Erscheinungen, welche Fülle wissenschaftlicher und lite­rarischer Möglichkeiten im Umgang mit den Größten der Zeit? Reue? Ein ungoethisches Gefühl. Eher Verzicht. Weimar als Schicksal. Eher: Ertragen des Notwendigen. Eher: aus dem (Begegebenen das Beste machen.

Und das hat et getan.

Die Christiane Vulpius ist das intime eheliche Weimar Goethes;, beschränkt, aber lieblich; unseierlich, aber echt; im Frühjahr ein Veilchen, im Winter ein guter Ofen.

Achtundzwanzig Jahre nahm sie auf die natürliche Weise an seinem Leben Teil. Aber sie war nur eine Arbeiterin in einer Kunstblumen- Manusaktur dies ihre einzige Beziehung zur Kunst und sie roar siebzehn Jahre nur die Haushälterin eines Geheimrats. So etwas leb! im Unterbewußtsein der Gesellschaft weiter.

Sie war das Stück Natur zwischen dem hochbürgerlichen grauenpinn und dem adeligen Schloß. Sie hatte braune Wangen und dunkle Locken wie eine Römerin. Und Goethe kam eben aus Rom zurück... Und wie mit Weimar roar «es auch mit Christiane: aus Zufall wurde Fügung und Notwendigkeit.

Die Natur-Notwendigkeit Christiane hat man Übersehen. In dieser Stummheit steckt Konsequenz. Ja, wenn der Traualtar, die Bildung, eine alte Familie und Besitz hinter Ihr stünden! Aber von all dem besaß sie nichts. Sie ist wie ein Baum, den Goethe gepflanzt hat. Und wer beachtet schon einen Baum, wenn Worte fallen wie: Univerfalismus, Humanität, Olympier. (Und doch sind die Bäume, die Goethe gepflanzt hat, wertvoller uls das alles. Aber was macht man aus Bäumen? Papier!)

Ihr Grab ist seitab der Fürstengruft, so wie Gretchens Grab es wäre, wenn sie auf dem Friedhof Faustens ruhte. Aber wenn ihre Lippen gelöst wären, würde sie sagen:Laßt nur ich weih ja, ich bin nicht fein genug, um mitzusprechen über die hohen ewigen Dinge; das ist was für die überkandidelte Charlotte, aber dafür weih ich besser, was dem Wolf­gang gut tut. Ich kenne mich nicht aus mit die Efijenige (Iphigenie), es ist alles so schwer auszusprechen, aber etwas muh doch an mir sein, daß er so lange bei mir blieb. Mein Gott ja, ich konnte kaum lesen und schrei­ben; lacht nur, daß ich aus Bibliothek eine Bibldäck machte und Literatur als Linderadur schrieb weil mirLinde" vertraut ist, wie alles, was man greifen und sehen kann. Scharmuzieren und repräsentieren roar nicht meine Sache, aber ich stand mit den Füßen auf der Erde und das mochte mein Geheimrat gern, und den Kopf in den Wolken hatte er selbst. Dazn brauchte er mich nicht. Aber sein .gleines Nadurroäsen' (kleines Natur- rocfen) brauchte er. Und das roar ich."

Weltreisende im Tramp.

Von Annie France-Harra r.

Es kommt mitunter vor, daß Frachtschiffe, die von Afrika ober Austra­lien kommen, wirklich nur einen einzigen Passagier nach Europa bringen. Der gehört dann auf Wochen und Monate gewissermaßen zur Besatzung des Schiffes mit dazu, teilt das Leben der Offiziere, ißt mit ihnen, läßt sich von ihren Frauen und Kindern erzählen, die diese betlagensroertem Menfchen zumeist nur Tage und Wochen während eines ganzen Jahres sehen. Er kennt die Sorgen des Kochs, ob der frische Salat bis zunr nächsten Hafen ausreichen wird und ob Melonen oder Papayafrllchte ati Bord kommen. Auch die Erwägungen, welcher von den beiden mitgenom­menen Ochsen zu schlachten besser wäre, bleiben ihm nicht unbekannt. Ec sieht zu, wie der Herr Oberingenieur sich einen vierzackigen Haken für den Fang eines Haifisches schmieden läßt oder wie die beiden schadhaften Kabinenschlösser nachgenietet werden. Wenn er will, kann er tiefsinnige Betrachtungen darüber anstellen, daß die weißen Leinenschuhe des jüngsten Leutnants einer dringenden Erneuerung bedürfen und daß der Zah!° meister ein ordentlicher und sparsamer 'Mensch sein muß, denn er läßt durch den chinesischen Steward seine eingemotteten Europakleider schost zum zweitenmal lüsten. Er weiß, was die Matrosen auf ihren Tisch bekommen und kann dem malayischen Bäcker zuschauen, der mit bronze- gelben Armen Teig knetet und am Backofen rumort. Das ganze Kleinleben des Schiffes bewegt sich unverhüllt um ihn, und alles, was sich an Freund­schaft und Feindseligkeit in dieser oft viele Tage lang von der Außenwelt ganz abgeschlossenen Gemeinschaft von 70 bis 100 Menschen vollzieht.

Aber umgekehrt gibt es auch die sonderbarsten Passagiere, die solch eine Fahrtgelegenheit benützen. Man lernt sie kennen, auch wenn man nicht eben Lust dazu hat. Wir haben auf unserer letzten Reife 70 Tage