GiehenerZaimlienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Nummer 47
Montag, den 20. Juni
Jahrgang <932
Mit aufrichtigem Dank schon jetzt
Mit besten Grüßen
Ihr ergebener Alexander Lanz.
Ihre ergebene Elsie W.
Ihr Götter der Frühe ....
Von Christian Morgen st er n.
Ihr Götter der Frühe, schenket mir gute Gedanken! Küßt mir die Helle Stirne mit lächelnden Lippen! Aufatmend tret ich hinaus auf die Altane ...
Von leichten Winden gerührt, schwanken die Büsche, und, holdanwogend, grüßt der glitzernde See die treuen Ufer.
Fernher kommen fleißige Segel gezogen, — ihr Unsichtbaren, tragen sie ehre Geschenke? Aber was frag ich!
Von euerer Nähe Odem schauern Himmel und Erde ...
Eurem Odem selber im Busen, tret ich, überbegnadet, fromm, zurück ins Zimmer ...
Moniea strich sich fassungslos eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn. Stimmübungen? Eine Rolle? In ihrem ganzen Leben hatte sie nie daran gedacht, zur Bühne zu gehen. . .
In diesem Moment erklang aus dem Badezimmer em hohes, klägliches Määäh. Eine Erleuchtung blitzte in ihr auf. Das Lamm Elfenbein war an allem schuld. Diese jämmerliche Tierstimme hatte ein nervöser Dichter für ihr Organ gehalten. ,
Sie öffnete die Tür zum Bad. Das Lamm sprang ihr harmlos ausgelassen entgegen. Monica hockte sich auf den Boden:
Da bist du ja, du junges Talent. Der Dichter da drüben will dir eine schöne Rolle schreiben. Aber nur, wenn du von jetzt an den Mund ^at©ie ging schnell zum Schreibtisch und nahm einen Briefbogen:
Sehr geehrter Herr!
Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich Ihre ermunternden Worte in meinem künstlerischen Streben bestärken. Selbstverständlich werde ich auf Ihre Arbeitsstunden die allergrößte Rücksicht nehmen.
Da mir sehr daran liegt, daß Sie den richtigen Eindruck von meiner Persönlichkeit bekommen, würde ich Ihnen gern etwas vorsprechen. Darf ich mir erlauben, Sie heute nachmittag um vier Uhr aufzusuchen?
Monica und das junge Lamm.
Don Doris v. Sch önthan.
Rosig und feucht lag das zarte Maul des jungen Lammes auf dem Aermel von Monicas hellblauem Jerseykleid. Sie beugte sich herab und strich, liebevoll über den wolligen lierrüd’en; ihr Gesicht schimmerte bräunlich gegen das schneeige Weih des Fells.
„Wie aufgeregt es atmet", sagte Monica zu der alten Bäuerin die das kleine Schaf im Arm hielt. Dann zärtlich zu dem Lamm. „Aas machst du denn schon so früh am Morgen auf der Landstraße, du winziges h n 9 n
„Wir haben's eilig. Bis neun Uhr muß ich s beim Schlächter abliefern." . . , . -.
Monicas liebkosende Hand krallte sich erschrocken m den lockeren Tierpelz. Es überkam sie ein Gefühl von Schwäche und Schwindel, wie sie es seit blutarmen Backfischzeiten nicht mehr gekannt hatte. Hastig wandte sie sich um und lief davon. In ihrem Kopf drehte sich em Karussell.
Ihr fielen die Holzschäschen auf dem Weihnachtsmarkt ein, bie Osterlämmer aus Zucker, bläulichweiß wie von Porzellan. .. Uber d ! Lamm hier war kein Kinderspielzeug, und fern Symbol. Dieses Lamm lebte, war aus Fleisch und Blut — jung und lebendig wie sie iewst.
Die Bäuerin war mit dem Schäfchen in entgegengesetzter Richtung davongetapst. Aus der Entfernung kam ein leises Blöken er,tauni “"ffliönkaftrainierte lange Beine hatten die Frau schnell eingeholt
„Was zahlt Ihnen der Schlächter für so ein Tier? Sie bemühte sich, ruhig und geschäftlich zu erscheinen.
„Acht Mark zum wenigsten." . h„-
Rasch überdachte Monica ihre finanzielle Lage. Es war Mitte des Monats und sie befaß nicht mehr ganz hundert MarL Dabei hatte e die Miete für ihre Berliner Junggcsellenwohnung noch nicht bezahlt, es drohte eine Schneiderrechnung... Und das Hotel hier: -1 war ohnehin nicht zu denken. Snr:„f„n
Aus einem parfümierten Wirrwarr von Puderdose, S'garetkn Briefe und Lippenstift, fischte sie einen zerknitterten Zehnmarkschein heraus.
Die Bauernfrau legte das Tier dieser sonderbaren jungen Stadtdame in den Arm und kehrte kopfschüttelnd und leise brummend um.
Monica stellte das Schaf behutsam auf feine dünnen Be,ne los e den Hellen Ledergürtel von ihrem Kleid und legte ihn ..
Schlinge um den Hals des Tierchens. So gedachte sie das Schaf durch die blühende Landschaft zu führen — an der Leine, wie sie m Berlin m^ 'hrem Skyterrier Jim spazieren ging. Das Lamm °ber ch der Hunderolle einverstanden zu sein. Es hupfte nach rechts, ’ .
zurück, scheute vor einem Spatz, der über den Weg hupfte, dazwycy knabberte es genießerisch an ein paar zarten Wiesendlui.
Monica ließ alle pädagogischen Künste spielen. „Komm doch mem Süßes, Kleines! Laß die ordinären Blumen davon bekommst du Bauchweh!" Dann in strengem Ton „Schumsk du dich denn ) bist ja noch ungezogener als Jim!"
Jetzt wieder sanft: „Komm doch, mein kleines Elfenbeinweihes. Oder find deine Elfenbeine noch zu schwach?" Alles vergeblich. Es blieb nichts übrig als das Tier auf den Arm zu nehmen. So schritt sie mit dem Lamm durch den goldenen Morgen — eine heilige Agnes unserer Tage.
Im Hoteleingang lehnte der grauhaarige Portier, der immer beinahe väterlich um sie besorgt war; er hatte für Monicas überraschende Absichten und Handlungen dasselbe sanft-mißbilligende Lächeln, wie einst ihre Kinderfrau. Ueberhaupt besaß er die wichtigste Eigenschaft eines Hotelportiers: Er zeigte niemals und über niemanden das geringste Erstaunen.
„Schauen Sie mal was ich hier bringe. Ist es nicht zauberhaft? Und gehört jetzt mir. Ich will es Elfenbein nennen. Ein hübscher Name, nicht wahr?"
„Wenn nur da unsere Direktion keine Schwierigkeiten macht. In den Hotelstatuten steht, daß das Halten von Tieren in den Zimmern..
„Das wird sich schon alles finden. Vor allem, wo ist der Kellner? Ich muß meinem Elfenbein rasch etwas zu essen bestellen."
„Äber nur nichts von der Speisekarte, gnädiges Fräulein. Das muß Milch bekommen und die aus der Flasche. Aber da kann ich aushelfen. Von meinem ßinerl ist noch alles da. Ich lasse es gleich herüberholen."
So lernte das junge Schaf eine Hotelhalle, eine Fahrt im Lift, lange helle Korridore und das anmutige Durcheinander im Zimmer einer jungen Dame kennen. Mit Rücksicht auf den Velourbelag des Fußbodens führte Monica Elfenbein auf die Steinfliesen des Badezimmers.
Gleich darauf erschien der Portier mit einer gummibepfropften Säuglingsflasche. Es bedurfte vieler Geduld und guten Zuredens bis Elfenbein sich zu diesem Ammenersatz entschloß.
Nach der Mahlzeit breitete Monica ihr schottisches Plaid auf die Fliesen und legte das junge Tier daraus, das dann auch sofort einschlief.
Rasch nahm Monica eine kalte Dusche, zog sich um und lief eilig davon. Sie war ja um 10 Uhr zum Tennis verabredet.
Als sie zwei Stunden später zurückkam, lag in ihrem Postfach ein Brief. In ihrem Zimmer warf sie Racket und Bälle beiseite und öffnete den Umschlag:
Sehr geehrtes, gnädiges Fräulein!
Zwei Stunden lang habe ich versucht, mich durch Ihre Stimmübungen nicht stören zu lassen. Es ist vollkommen unmöglich. Meine Nerven halten es nicht länger aus! Seit Jahren ist der Vormittag meine beste Arbeitszeit.
Ich darf keine Stunde mehr verlieren. In zwei Wochen muß ich mit meiner neuen Komödie fertig fein! Ein Wohnungswechsel ist völlig ausgeschlossen! Es braucht Tage, bis ich imstande bin, in einer neuen Umgebung zu arbeiten.
Als Künstlerin werden Sie für diese vielleicht krankhafte Nervenverfassung Verständnis haben.
Wäre es Ihnen nicht möglich, Ihre Sprachstudien auf den Nachmittag zu verlegen? Ich würde Ihnen für diese Rücksichtnahme von " ganzem Herzen dankbar sein. .
In meinem Stück sind verschiedene wirkungsvolle kleine Frauenrollen, und ich könnte es bestimmt beim Regisseur durchsetzen, daß er sie eine davon spielen läßt.


