91urt erfunben. Unb wer nix lernt, muh die Säu ()üten. Oder die Gass' kehren. Das Haden wir erfahren, wie wir nach Paris gewacht sein. (l(i wallen wir dasiir sorgen, das; unser» Kindern das net passiert. Wie is es dann früher hier zugangen'? Da is der Lehrer nedenher der Ge- ineiiideschreiber gewest. Und hat auch dem Rechner noch Helsen müssen. Dadraus liiftt sich freilich der Moldenhauer net ein. Der spricht, der Lehrer gehört in die Schul'. Und hat hier in dere Perwursielung Ordnung geschasst. Eh guckt euch em al das alt Gelerr an, wo der Mairn ein­logiert is. Das Wasser laust gerad' so de Wand' erunter. 's is eine Sund' und Schänd'. Und die Frau Lehrer is aus'n Tod malad*. Fragt nur den Doktor, wovon. Der trügt's im ganzen Kreis erum. Und wir stehn schlechter da wie das geringst' Bettelnest. Im Rathaus versrieren sich die Kinder alleweil schon die Fiiß'. Wie soll das erst im Winter werden'? Wer da noch dischkerieren will, ob das neu Schulhaus nölig lut oder net, der hat sein' Verstand im Ellebogen!"

Die temperamentvolle Rede des Parisers machte auf die überwie­gende Mehrheit der Gemeinderäte keinen großen Eindruck. Der Jörg- Heinrich und der dicke Balthes steckten die Köpfe zusammen und tuschelten miteinander, die übrigen schwiegen sich aus. Der Bürgermeister gedachte dem Schmelzersluis eins auszüwischen und sagte von oben herunter:

Für und wider die Schul' zu pulatschen, is hier net der Ort. Das is aber klar: das übertriebene Lernwerk macht die Welt rebellisch. Und das End' vom Lied is Mord und Totschlag. Etz von wegen dem neuen Schulhaus können wir meinem Verstand nach über Hals und Kopp kein' Beschluß net fassen. Besser zweimal überlegt als einmal verpfuscht."

Daß das Schulhaus gebaut werden muß", griff der Schmidtkonrad in die Beratung ein,dadriiber (ein wir, glaub' ich, alt einig, 's handelt sich nur um die Kosten. Die Regierung, spricht der Bürgermeister, gibt achttausend Mark. Bleiben dem Voranschlag nach noch zwölf. Die Ge­meind' Hal ein Bußen Schulden. Und das Kommunal** darf net höher werden Dadriiber, denk' ich, sein wir auch all' einig. Wie bringen wir das Kapital zusammen? Wo die Holzpreis' alleweil so gestiegen sein, werden wir mit der Ras' draus gestumpt: wir treiben den Röder- köpf ab Dernach haben mir das Geld, Und mehr, wie wir brauchen."

Das sein so Anschlag' und steckt nix dehiuter", stieß der Bürger­meister heraus.Erstemal sein keine Leut' zu kriegen. Wir müssen sie von außerhalb kommen lassen und müssen Löhn' bezahlen, daß uns die Augen übergehn. Und dann das Himmelheidengeld für den Holztrans­port. Gar net davon zu schwätzen, daß den Armen das Lesholz genom­men wird."

's is merkwürdig, daß du auf einmal so warmherzig seist!" sagte der Schmelzerluis.Wann wir den Ortsarmen statt dem Lesholz jed' Jahr ein paar Mark oergütigen und den Holzmacherlohn rechnen und den Transport dezu, stehn wir uns immer noch besser, als wann mir uns in neue Schulden stürzen und der Sparkass' vier Prozent bezahlen."

Da hat er recht", äußerten die Gemeinderäte, und selbst der Bei­geordnete, der sonst durch dick und dünn mit dem Bürgermeister ging, gab seine Zustimmung durch ein lebhaftes Kopfnicken zu erkennen.

Fahrt ihr den Starren nur in den Dreck", schrie Wallenfels rot vor Zorn.Ich zieh' ihn net eraus. Geseßt den Fall, die Forslbehord' ial Ja und Amen sprechen ick) glaubs zmar net und der Räder kops tat' abgeholzt werden, dernach mär' der Hesselbach kapponieri. Und die Sägmühl' auch. Bild't euch doch net ein, daß sich mein Philipp so verunrechien läßt. Der hängt euch ein' Prozeß an Hals. Und die Brüh' mird teurer wie die Brocken."

Var dem Prozeß fürchten mir uns net, und wann er im Deubel feinem Groppen*** gekocht mird", rief der Schmidtkonrad mit lauter Stimme.Meine Sag is: fein Penning mehr Kommunal, lind das Schull)aus mird vom Wald gebaut!"

Für die Gemeinderäte mar ausschlaggebend, daß sie nicht in die Tasche zu greifen brauchten. Auch spielte ein geheimes Behagen mit, daß man dem verhaßten Sohn des Bürgermeisters einen Schabernack antun konnte. Was der Räberkops mit feinen Eichen und Buchen abgetvorfen hatte, stand in feinem Verhältnis zu den Bemirtschaflungskosten. Wenn man ihn mit Fichten bepflanzte, mürbe er zweifellos besser rentieren, greilid) kam der Wechsel im Bestand erst späteren Geschlechtern zugute. Das mürbe lang unb breit besprochen, ohne daß es bem Bürgermeister gelang, mit feiner entgegengeseßten Meinung durchzubringen.

Bei ber nun folgcnben Abstimmung traten alle mit Ausnahme bes Mohtsheinrich ber Ansicht ber Pariser bei. Dem Bürgermeister mürbe aufgegeben, beit Beschluß dem Kreisamt zu unterbreiten. Damit mar ble Tagesordnung erledigt, und die Dorfväter entfernten sich. Der Rund breuner, der vom Schmelzerluis unsanft geweckt worden war, torkelte als leßter hinaus.

Der Bürgermeister blieb Gift und Gatte speiend zurück. Was war den Infamen Menschen in den Kopf gefahren, daß sie mit den Parisern in ein Korn geblasen und ihn im Stich gelassen hatten? War ihr Gedächtnis löcherig geworden, daß sie seine Guttaten vergessen hatten? Diesem hatte er Feldfrevel nachgesehen, ieitern hatte er Werkholz unter dem Tarifpreis verschosst. Von einem wußte er, baß er ein Wilderer mar, bett andern batte er bei ber Steuereinschätzung sehr glimpflich behandelt. Alles war umsonst gewesen. Der Henker mußte die Kerle holen! Roch mar er ber erste Man int Dorf. Er würde ihnen die Suppe versalzen. Jeßt liefen sie un Orl herum, ble Depefchenträger, ble Blaßmäuler, unb rajaunerten: Der Bürgermeister is net für ble Gemeind' ber Is für fein Sohn." Ja, sprachen sie da nicht die Wahrheit? Ganz gewiß, die reine Wahrheit. Er ftanb hinter seinem Sohn und mürbe kämpsen für ihn bis aufs Messer.

* krank

** Die Kommunalsleuern.

*** Tops

Veran'worllich: Dr. Hans Thhriol. Druck und Verlag: Brühl

V.

In Vertretung des Lehrers, der seine schwertranke Frau nicht oer lassen konnte, leitete abends der Gelgenphilipp die Slngprvbe für das Erntefest. Dieser war wohl imstande, den Ehor aus seiner Violine zu begleiten, doch besaß er nicht die Fähigkeit, die Gesangskräfte zusammen zuhallen, geschweige ihnen bett Geist ber Kompositionen zu vermitteln. Daher war heut bas meiste bem guten Willen bes einzelnen überlassen Die Bachschulzmarie eilte ben aitbern regelmäßig um einen halben Takt voraus, unb ber Rohnspeter fang so falsch, baß ihn die empörten Nach barn in bie Rippen stießen Nachdem die Kirchenlieder ein paarmal durchgenommen worden waren, ging man auseinander. Auf der Straße gewann unter dem jungen Mllk gleich wieder die weltliche Stimmung die Oberhand. Burfchen und Mädchen fangen:

Wer Rosen will abbrechen. Der scheu' die Dornen nicht, Weil sie heftig stechen. Ohne Leiden liebt man nicht.

Mich drückt, ich darf'» nicht sagen, Mich drückt ein schweres Joch Bon lauter Liebesplagen, O Himmel, hels mir doch'

Hätt' ich dich nie gesehen. Wie glücklich könnt' ich {ein. Aber ach, es ist geschehen. Mein Herz ist nicht mehr mein.

Ohne daß ein Dirigent den Taktstock schwang, rann hier die reine Quelle des Bolksgesangs und es war eine Lust, zu lauschen. Als die leigten schritten ber Spechtskarl unb bie Annegret Hand in Hcmb. Am Tauberls gäßchen bogen sie ab unb gelangten rasch ins Freie. Ein Fußpsab führte am Hesselbach entlang. Den schlugen sie ein. Das Wasser rauschte feine urträftige Melodie. Dort, wo die Erle ihr kahles Geäst in die Lüste streckte, hatte ber Schimwerkäsper einmal nächtens zwei überirbische Reiter erblickt. Die trugen reich gestickte Gewänber unb hatten blißenbe Degen in ber Hand. Ihre Rosse berührten ben '.Boben nicht, fonberit schwebten darüber hin. 'Als nun der Schwimmerkäsper in seiner AngstHerr Jesses im Himmel!" rief, waren die Reiter plötzlich verschwunden. Ein unheimlich Gelächter aber verfolgte den Alten bis zum Dorf, daß er zitternd unb wie an allen ©liebem zerschlagen feine Wohnung betrat. Der Spechtskarl unb bie Annegret bachten nicht an derlei Spuk. Sie sprachen von der Schul frau, ble in Fieberhitze lag unb tobte, daß der Lehrer Mühe hatte, sie im Bett zu halten. Gegen Abend war der Doktor aus Landors wieder da gewesen und hatte die Weisung hinterlassen, man solle ihm in der 'Nacht einen Boten schicken, wenn ber Zustand ber Patientin sich nicht zum Besseren roenbe.

Der Doktor reißt sie schwerlich eraus, ihr 'Natur muß sich helfen", meinte ber Karl.

Sie ist nie net bie stärkst' in ben Nerven gewest", sagte bie Anne­gret,unb so eine Krankheit schlägt sich gern auf ben schwächsten Teil."

In Paris, erzählte ber Karl, hatte er mit seinem Vater in einem großen Spital ben Schmibtkonrab besucht Der war nach fast sieben wöchigem Krankenlager genesen unb setzte bie Aerzte, bie ihn bereits auf- gegeben, in Erstaunen. Die Pslege, die man ihm hatte angedeihen lassen, war untadelhast. Und doch halte seine kräftige Jlalur das Beste getan.

Die Annegret hatte während ihres Aufenthalts in ber Haushaltungs- schule mit ihren Stainerabinnen unter ber Führung einer barmherzigen Schwester bie Einrichtung unb den Betrieb eines Krankenhauses kennen gelernt. Selbigmal sprach sie ein junger Doktor mit ben Worten an: Ihr Bauersleut könnt lachen. Ihr habt sieben Häut' wie bie Zwiebeln. Euch fällt [o leicht nix an."Das is eso", erroiberte sie,unb wann ein Krankes bei uns gesunb wird, is ber Dotlgr unschulbig dran."

Der Karl lachte.

Dem hast dus gesteckt. Dabebei fällt mir eine spaßige Geschieht ein Der Buschur hatt's in Paris einal im Rücken. Und legt sich, Etz sein uns' Leut an ihn gangen, he sollt' ein Doktor rufen lassen.Das wollt he partu net. Wie's nu net besser mit ihm würd', ruht fein Petter, ber Stoffel, net,s mußt' ein Doktorebei. Der fimmt, unb mein Buschur spricht,s tät ihm leib, baß ber Herr ben Weg umsonst gemacht hält, he hält' bertueil schon ein andern Dotier angenommen. Den hott' aber (eins net gesehn. Nach vierzehn Tag stehl der Filluh* auf unb spricht: Wißt ihr, wie sich mein Dokter schreibt? Gebulb Der Hilst unb kost' nix."

Das war net schlecht", sagte bie Annegret erheitert.

Rian solll's aber net für möglich halten", erging sich ber Karl, plötzlich ernst merbeub, weiter in Erinnerungen,wieviel Malabe in bem Paris beisammen sein. Da gibts Viertel mit hemmilhohen Häusern, schwarz von Sck)inutz. Dabrin sein achtzig, auch bunbert Familien eingepfercht. Unb fehlt an Licht unb Lust. Da hort das Käuzchen ne lauf zu schreien, 's gehn auch viele zugrund', bie gar kein' Unterschlupf haben. Morgens um brei, wann uns' Aerweb** anfing, zogen bie Obbachlosen an - uns vorbei in bie Markthallen, baß sie sich ein wink wärmten."

Wie kann bann so eine große Stabt bestehn", begehrte die Annegret zu wissen,wann alsforl die vielen Menschen sterben?"

Das is ganz einfach", belehrte sie der Karl,der Zuzug is barbarisch groß. läufig die Wach', bas schickt noch nix 's kommt mancher ereilt unb net mehr eraus."

(Fortsetzung folgt.)

* Filou, Spitzbub ** Arbeit.

'fche Universiläts-Vuch- und Sletnbruckerei, R. Lange, Gießen.