Da konnte nun Heinrich seine Bitte anbringen, zurückkehren zu dürfen in feinen Beruf als Anhänger der Humaniora.
„Könnte Ihn in meinen Heeresdiensten weiter brauchen, und sollte Ihm an Avancement nicht fehlen!" sagte der König. „Aber da Er das Lateinisch dem Preußischen vorzuziehen scheint, mag Er seinen Willen haben, und Er soll an meinem Gymnasium zu Stettin eine Stelle erhalten, so Ihm zukommt!" —
So sah das Weihnachtsfest des Jahres 1764 die Mitglieder der Familie Fritsche, soweit sie in Deutschland waren, vereinigt in dem hübschen Hause das sich Heinrich mit Unterstützung des Königs hatte kaufen können. Die Mutter freute sich über die hellen, hohen, schön geweißten Zimmer. Eine Lichterpyramide mit der Krippe brannte auf dem Tisch, aber in der Wiege lag ein lebendiges Christkindchen, das zur rechten Zeit angekommen war'.
Friedrich Wilhelm nahm Abschied. Er wollte in der nordamerikanksch- englischen Kolonie sein Heil versuchen und folgte dem Rufe des Lords Keith. So war dies schöne Weihnachtssost ein Abschiedsfest zugleich. Die Mutter wäre nur froh gewesen, hätte sie Nachricht auch erhalten von ihren anderen Kindern. Das aber sollte sich auch bald erfüllen.
Es war ein kalter Winter, und ein paar Seitenarme der Oder, in denen das Wasser stiller ging, waren fest zugefroren, so daß alle Welt sich Im Schlittschuhlaufen und Schlittenfahren nach der Weise der Holländer erhöhte. Heinrich hatte seine Mutter, die sich im Winter immer schlecht bewegen konnte, in einen Stuhlschlitten gesetzt, unter ihre Flitze eine Wärmflasche gelegt und sie schön warm zugedeckt. Dann hatten er und Dorothee den Schlitten durch den weichen Schnee der Stadt geschoben. Sie waren im schönsten Sonnenschein zu dem Altwasser gelangt, legten die Schlittschuhe an und vergnügten sich mit der andern frohen Menge.
Als es dunkelte und sie heimkamen, lief ihnen aufgeregt das Mädchen entgegen und meldete: „Ein großer, hagerer Mann mit einem braunen Gesicht wie ein Feldarbeiter ist gekommen. Aber er war keiner vom Lande: denn er hat eine weiße Perücke angehabt und einen braunen Samtrock mit goldenen Knöpfen und an der Selle einen Degen. Vielleicht ist es dex, Böse gewesen? Denn hinter dem Herrn ist ein Kerl gegangen mit einem ganz schwarzen Gesicht, wie ein Schornsteinfeger. Seine Augen — hu — die haben gefunkelt! Und dieser schwarze Kerl war ganz in scharlachrotes Tuch gekleidet, und die Straßenjungen sind hinterhergelaufen und haben gejohlt!"
Fragte nun Heinrich, was dieser seltsame Herr gewollt habe.
Ja, da geriet das Mädchen in Schrecken. Sein Deutsch habe so seltsam geklungen: sie habe es nicht recht verstanden. „Und er hat auf ein kleines Papier etwas ausgeschrieben, und ich sollt's dem Herrn gleich geben. Aber ich mußte doch nach der Kuh im Stall sehen, um Milch zu holen für das Kind. Da ist nun der Zettel ins Feuer gefallen und halb verbrannt."
Daraus konnte sich Heinrich schwer einen Vers machen. Aber da er io viel aus dem Mädchen noch herausgebraeht hatte, daß der Herr am Markte wohnte, zog er seinen Roquelaure noch einmal an und hohe Stiefel, band den Haarbeutel fest und ging fori, um gebührend feine Aufwartung zu machen. Natürlich mußte der Fremde In dem großen Gasthaus am Markt ab gestiegen sein, das alle Fremden von Distinktion aufnahm.
Im Flur redeten eifrig Menschen miteinander: mitten unter ihnen der dicke Wirt, dessen rote Pontgcnase noch dunkler als gewöhnlich glühte: Als er Heinrich erblickte, tarn er auf ihn zugestürzt und schrie: „Nein — dieses Glück! Wissen der Herr Prorektor schon? Aber natürlich können Sie sich's denken, wer in meinem Hause abgestiegen und schon in Ihrer Wohnung gewesen ist!"
„Nichts weiß ich! Meine dumme Magd hat den Zettel verbrennen lassen. Ich bin nur hergekommen, um höflich nachzufragen, wer mich mit solcher Dringlichkeit ausgesucht hat."
„Ja, das ist's ja eben, Herr Prorektor: Auch ich weiß den Namen des Fremden noch nicht. Aber es muß ein schrecklich vornehmer und reicher Herr sein! Darum hab' ich vor lauter Respekt bisher noch nicht gewagt, ihn nach seinem Namen zu fragen. Er kam mit einem schönen, eigenen Reise wagen mit vier Pferden Extrapost hier an. Auf dem Bock saß ein weißer Diener — der spricht aber ein solches Deutsch, daß kein ehrlicher Mensch in Pommern es deutlich verstehen kann. Und hintendrauf hat er einen schwarzen Mohren oder Türken, aber wer weiß, wo der Kerl her sein mag! Und der fremde Herr hat die besten Zimmer in meinem Hause gemietet und mir befohlen, zum Abendbrot zu braten und zu kochen, was nur Gutes und teures sich findet, und den besten Wein zu bringen. Und dem Postillon, der ihn gefahren hat, hat er einen blauten Dukaten als Trinkgeld geschenkt. Den hat der dumme Klaas gar nicht nehmen wollen, weil er ihn für einen Kupferdreier gehalten hat, bis ich ihm das Stück in blankes Silbergeld gewechselt habe. Da hat der Klaas gejauchzt: .Der Herr mit dem schwarzen Teufel hintendrauf gibt ein noch besseres Trinkgeld als selbst der Prinz Heinrich, den ich einmal gefahren!'" So schwatzte der dicke, kleine Wirt, dessen Gesicht vor Freude und Rotwein glühte, weil er einen so gewinnbringenden Gast in seinem Hause hatte.
Heinrichs Spannung war aufs höchste gestiegen. Er ließ sich nickst mehr sellhalten, obwohl ihn der Wirt am Rockzipfel ergriff. Er flieg die Treppe hinauf und sand auf dem Vorplatz der ersten Etage den weißen Diener, der einen Rock säuberte und mit tiefer, ehrerbietiger Verbeugung auf französisch fragte, ob's der Herr Professor sei, nach dem sein Herr so dringend verlangt habe. Als Heinrich es bejahte, ward die Tür des Zimmers geöffnet, und er trat ein.
Ein großer, hagerer Mann in. einem langen Schlafrock von kostbarem geblümten^ Seidenstoff, auf dem Kopf eine bunte Kaschmirmütze, erhob sich vom Sofa und rief laut: „Heinrich, kennst du mich nicht mehr? Ich bin dein Bruder Theodor!"
vut, vor |o vieren oayren yeimitch in Kotberg zu Schiss ging! jju es hell Im Zimmer war, sechs Wachskerzen brannten, erkannte er Im Gesicht des Fremden die Züge seines seligen Vaters, mit dem Theodor schon als Knabe stets eine besondere Aehnlichkell gehabt hatte. Dabei hatte der aus der Fremde zurückgekehrke Bruder etwas Steifes, Abgemessenes in seinem ganzen Wesen an sich. Heinrich spürte, daß er sich als eln großer Herr fühlte, und so fielen sie sich nicht um den Hals, sondern begnügten sich mit einigen warmen Händedrücken.
Endlich fand Heinrich ein Wort. „Dem Anschein nach mußt du dich ja in großem Wohlstände befinden! Dazu wünscht ich dir mein Glück von Herzen! Wie ist es dir ergangen? Ach, wenn das die Mutter wüßte, daß du es selbst bist!"
„Was?" rief Theodor, und alle Steifheit schwand. „Die Mutter ist hier in Stettin?" Und er rief nach den Dienern, legte Stiefel und Pelz an, gab Befehle und eilte nun, daß er die Mutter sähe.
Der Wirt fragte, was aus der großen Tafel würde, die gerüstet sek. „Geben Sie es armen Invaliden, daß sie einen freudigen Tag haben, und auch die Flaschen dazu! Ich sehe schon: Meinen Freunden hier muß ich morgen ein ander Festmahl geben!"
Dann hasteten sie durch die Stadt, und Theodor lief voraus: kaum konnte ihm Heinrich folgen. Hinterher keuchten der weiße und der schwarze Diener mit ihren Lasten.
„Wo ist die Mutter?" rief Theodor.
,/5le schläft!" antwortete Dorothee.
Wie erschrocken war Dorothee, als der fremde Herr eintrat!
Da klang die dünne Stimme der Mutter hinter der Tür: „Wer ist gekommen, Dorchen?"
Da Heß sich Theodor nicht halten, sprang durch die Tür, kniete am Bette der Mutter nieder und küßte sie.
Die aber meinte und sagte: „Herr, nun lässest du deine Dienerin in Frieden fahren, denn meine Augen haben meinen lieben Sohn Benjamin gesehen!"
Das war eine Freude, war ein Entzücken. Theodor erzählte, daß er eine große Kaffeeplantage in Surinam besäße und wohl als reich gelten könne nach den Begriffen in Preußen. Drunten habe er eine Frau und drei Kinder gelassen, aber es hätte ihn getrieben, noch einmal seine Mutter zu sehen. Nachrichten, die er ausgesandt, hätten keinen großen Erfolg gehabt; nur das wüßte er, daß fein Bruder Friedrich Wilhelm Offizier gewesen in preußischen Diensten und wohl ja auch Heinrich.
Das gab ein Erzählen und Feiern. Ja: Theodor hatte sich den Weltwind um die Nase wehen lassen. In Amsterdam war er seinem Schiffer durchgebrannt und hatte sich verdingt als Schiffsmaler auf einem Holländer Segler. Dann war er in Fort Dranien in Westafrika Schreiber geworden und hatte Handelsgeschäfte gemacht mit den Negern und auch einen Ueberfall des Forts erlebt. Von da war er mit einem Freund nach der Kapkolonie c'gangen, hatte wilde Tiere gejagt und Elfenbein getauscht. Dann wieder, als mehr Geld vorhanden war, fuhr er mit dem Kameraden hinüber nach Indien und pachtete die Plantage Amalien- bosch. Drüben hatte er auch geheiratet und war nun ein Mann geworden, der ein Wort im holländischen Kaffeehandel mitzusprechen hatte; und deswegen, um die Interessen der Plantagenbesitzer zu vertreten, war er in Amsterdam gewesen.
In Paris hatte er die Fürstin Gagarin getroffen. Er hatte es nicht glauben können, daß sie seine Schwester war; und sie es nicht, daß der reiche Holländer, mit dem der 'französische Finanzminister viel zu besprechen hatte, ihr Bruder.
„Ist sie glücklich?" fragte die Mutter.
Theodor schüttelte den Kopf. „Sie ist schön! Die Menschen schauen ihr nach! Aber alle wissen, daß sie bürgerlicher Geburt ist. Wer kann in ihr Herz schauen? Sie wollte nach Rom und dort bleiben!"
„Und wo ist der Fürst? fragte Dorothee.
„Der Fürst ist in diplomatischen Diensten der Kaiserin Katharina. Er mußte nach Rußland zurück, und unsere Schwester behauptet, sie vertrüge das Klima dort nicht — sie brauchte die warme Lust des Südens."
Oie Mutter seufzte. „Unser Vater hat doch recht gehabt: Es ist nicht gut, wenn ein Mensch aus seinem Stand heraustritt!"
Theodor schüttelte den Kops. „Wir, die wir draußen (eben und nicht die engen Grenzen Europas kennen, wir denken darüber anders. Gottes Segen muß in uns fein, sonst finden wir keinen Frieden in dieser Welt!"
„Gebe Gott, daß Friedrich Wilhelm ihn findet, wenn er draußen tft in der nordamerikanischen Kolonie!"
„Schlaf für heute wohl, Mutter!" sagte Theodor. „Der Erhalter und Vernichter, wie ihn die Inder nennen, weiß alles, was in uns ist und was uns noch kommen wird!"
Sie ließen die Mutter, die mit seligen Augen, aber müde in ihrem Bett blieb, allein, Theodor begehrte Heinrichs Kindchen zu sehen. Vorsichtig beleuchtete Dorothee mit der Wachskerze die Wiege. Der große braune Mann faltete die Hände und betete still. Und jetzt erst erkannte Heinrich feinen lieben Bruder wieder. Ihre Blicke begegneten sich. Theodor hob seine Hände, und nun umarmten sich die Brüder von ganzem Herzen.
Während sie das Zimmer verließen, sagte der Heimgekehrte: „Eh wir ■ uns ganz wieder zurückfinden zu unfern Lieben, tut es not, daß wir nicht nur kaufend Meilen über Meer und Land zurücklegen; es tut auch not, daß wir rütfreifen können über die Zeit in die Erinnerung!"
(Der Roman „Der Kriegskommissar des Königs" von Friedrich I r e t f a ist im Verlag August Scherl G.m.b.H., Berlin, als Buch erschienen.)
verantwortlich: Dr. Hans Thyrtvt. — Druck und Verlag: Brühl'sche Untversttäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


