Ausgabe 
19.12.1932
 
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Es war dos hentsche Auge, was mich rief!" fetzte er hinzu.

Ich griff noch feinen Händen, gab fie nicht mehr frei.Ich dank« Ihnen!" sagte ich erstickt.

,,'Jhin aber sagen Sie haben Sie noch Gerd.

Ict) sah auf meine Fiitze.Nein, fast nichts mehr...

Ich bitte. Freund", fugte er rasch und griff in seine Tascl-e, druckte mir ein Päckchen Noten in die Hände.Vielleicht", setzte er mit bitterem Unter Hang hinzu, kann ich es einst in Deutschland wieder brauchen!

Ach, sagen Sie nur dieses", rief ich überwältigt,ich ... fremd ... nie nie gesehen..."

,Zch sah Ihr Auge!" sagte er nur.Und da es feit Monaten das einzige menschliche Auge unter Tieren war, darum... Doch auch, well meine Hände so voll Älut geworden sind daß sie zuweilen grell nach Güte schreien!" .. , ,

Da fiel am Bahngebäude ein Schuß.Kommandant! schrie eine wilde Stimme. , _ , , ,

Man ruft mich!" sagte er rasch.Nur eines noch: Ich habe Ihnen zwei Papiere ausgestellt für meinen Zug es ist der letzte nach Süden. Nehmen Sie das Sie werden sicher bis zum Grenzbezirk damit ge­langen. Leben Sie wohl und: Auf Wiedersehen in einem freien öanb-e!"

Er ging davon. Leicht, weich und wiegend schritt er ins Licht zurück. Und gleich darauf schwang feine Stimme fchon wieder schneidend über die Geleise. _ .

Eine Weile später kam der Leutnant. Bei seinem Kommen standen Tränen in meinen Augen.Was ist?" fragte er erschrocken. Ich sagte nur:Mir ist in diesem Land ein Mensch begegnet und: Christus in ^"schulenburg schwieg lange.Ja", sagte er dann.Das erlebte er. Am Heiligen Abenh. Im Jahre 1919."

Oer Fremde von Si. Johann.

Eine Weihnachtsgeschichte von Ernst Keienburg.

Am Heiligen Abend, ein Jahr nach dem großen Kriege, kam der fremde alle Mann in das weltferne Eifeldorf. Holzfäller brachten ihn, er hatte am Wege gelegen im dicken Schnee, nicht anders als ein Bündel Lumpen, da lasen sie ihn auf unter dem Muttergottesbild, rieben seinen starren, mageren Körper und betteten ihn oben auf ihren Wagen zwi­schen die Jungtannen. Als sie am Bahnwärterhäuschen vorbeikamen, stand der Peter Zürn vor seinem Winterholz mit seinem feldgrauen Soldatenmantel und fragte, was sie da hätten. Da erzählten sie, wie sie den Alten gesunden hätten und trugen ihn in die Hütte auf die Ofen­bank. Maria, des Weichenstellers junge Frau wusch das Gesicht des Fremden mit Essigwafser, öffnete ihm das härene Wanderkleid über der eingesunkenen Brust und flößte ihm einiges von dem herben Feiertags­wein zwischen die Lippen. Der Pitler stand am Ofen und kratzte sich das Ohr. Eine schöne Bescherung für den Heiligenabend wäre das, sagte er und murrte etwas von Vagabund und Spital. Da fuhr ihn die junge Frau nicht schlecht an, er solle lieber die Ziegen melken und die Brote aus dem Ofen holen, anstatt sich hier vor dem lieben Gott zu versündi­gen. Und da vollends die kleine Anna, der beiden Kind, aus dem Winkel trat, von wo es scheu den silberbärtigen Mann betrachtet hatte und ein­fältig fragte, ob dies der heilige Josef wäre, da tat die resche Eisen- bahnerin ein Gelübde bei sich, daß sie den Fremden behalten wolle, bis er wieder gesund und bei Kräften wäre.

Die Bauern und Holzfäller in diefem entlegenen Bergdorfe, das von der Welt nicht mehr sah, als die Schnellzüge, die zweimal am Tage gellend vorbeiklirren wie schwarze Teusel in die weißen Berge, hatten erst zu munkeln und spotten über den närrischen Gast, der ihnen so ungebeten hineingeschneit war, doch da es nicht auf ihren Geldbeutel tarn und der Pfarrer das gute Werk der jungen Weichenstellersleute von der Kanzel herab pries, so fielen sie bald in die Stumpfheit zurück, zu der das Leben in der Einsamkeit sie verdammte. Ja, sie sahen es nicht ungern, daß ihre Kinder sich um den Fremden scharten, der sie in vielem unterwies, was ihnen die Schule des Nachbardorfes, unerreichbar hinter langen Ketten von Schneewehen, bis an Ostern hinan versagte. Vielleicht, daß sie den Alten gar in ihre Gemeinschaft hineingezogen hätten, doch es war da vieles, was ihnen nicht besagte: fein stilles bein- farbenes Gesicht mit den fernen Augen unter den fchlohweißen Brauen; [ein in sich gekehrtes müdes, doch stets gütiges und hoheitsvolles Wesen, das irgendwie ihren Zorn erregte, da es feiner nackten Armut offenbar nicht zukam; und der Umstand schließlich, daß er durch nichts zu bewegen war, ihr Kirchlein zu betreten, das unter den drei Fichten auf dem Hügel stand. Vielleicht daß der Pfarrer des Ortes, ein ergrauter und milder Diener der Kirche, etwas von der Verfprengtheit dieser Seele ahnte, denn er begegnete demAhasverus", wie er ihn im Stillen nannte, stets mit Freundlichkeit und hatte auch nichts idawider, als sich der wunderliche Alte mit der Zeit ein Gärtchen unterhalb des Gottesackers am Hange des Hiigels anlegte.

Das war Im Frühling, der die Schneelasten in gurgelnden Bachen von den Bergen stürzte und über den Binnen die jungen Wiesen er­grünen ließ, Heller wurde jetzt der Gesang der Mädchen, tiefer unb reifer das Licht des Abendsterns, raufchhafter das Blühen über der rissigen Erde Silbern aber und über die Maßen wundervoll schossen die Blu­men in dem Gärtchen des Alten auf, kein Mensch in St. Johann hatte je dergleichen strahlende Kerzen gesehen, dicht standen sie beieinander, keusch und steil, mit porzellanenen gleichsam von innen erleuchteten Kelchen, in deren Grund es golden schimmerte. Ein holdes Wunder schien es, eine Versammlung reiner Seelen, auf diese sterbliche Erde oerpslanzt. Scheu betrachteten die Bauern, wenn sie von den Feldern heimkehrten unter dem Geläut der Abendglockern den Alien, der in seinem Garten kniete und mit den Händen die schwarze Erdkrume glättete. Uralt und schnee- häuptig 'ah er aus mit feinem weißen Haar, das fein Gesicht umwallte. Auch Maria stand am Zaun und betrachtete ihn schweigend, vor ihrer frommen Einbildung wurde der Alte zu einem jener Heiligen, die ihr

Gesangbuch schmückten unb di« ihr kindlicher Glaube unantastbar durchs Leben trug. Der tiefen, glanzvollen Winlernächte war sie eingedenk, wo der greife Findling fiebernd in feiner Kammer lag und fein Stöhnen, bas wie wildes Beten klang, durch bas dünne Haus drang ... und jene Stunde trat wieder vor ihre Seele, da der Alte, schon fast an der Schwelle des Todes, nach der kleinen Anna verlangt«, wie dann der Todesengel wich und eine reine niegeschaute Seligkeit sich aus dem Gesicht des Kranken verbreitete, als er die schmale Hand des Kindes m der [einigen verspürte. Niemand hätte vermocht die beiden zu trennen, von dieser Stunde an. Oftmals sah man den Greis In die Berge ziehen, um seltene Steine zu suchen, aus denen er Anna Tempelchen und Garten baute, mit einer seinen Kunst, die niemand verstand in diesem Tale. Oder man sah die beiden gebückt über die Schiefertafel, den zarten Blond­kopf der Kleinen neben dem mächtigen Haupt des Fremden.

Mählich wurde es Sommer, ein trüber schwüler Sommer, der in mißmutigen Wolken die Täler überlagerte und in weithin rollenden Ge­wittern seinen Unmut bekundet«. Die Menschen selbst waren nicht froher als der Himmel. Die Regengüsse hatten das Heu hinweggeschwemmt, die Wild büche ihre kargen Gärten bis auf die Felsen blankgespült. Da gab es wenig zu beißen für Mensch und Tier, und ein Notgespenst für den Winter obendrein. Es erhob sich «in Murren unter ihnen, die Verzweif­lung machte fie ungerecht. Der Landjäger Bartel hatte den Fremden mitternächtig um die Kirche geistern sehen, stöhnend unb mit gerungenen Händen, wie einen, der von einer großen Schuld umhergetrieben wird. Das konnte dieses jein und das, die Zungen zischelten und die Augen schoffen schräge Blicke, wenn er einmal durch das Dorf schritt mit feiner Kiepe unb seinem gebleichten Gesicht. Wie kam es, baß der Regentod just sein Gärtlein verschont hatte mit den seltsamen fremden Blumen, die nie­mand zu berühren wagte: etwas Unheimliches war an diesem nächtlichen Herumtreiber, ein Fluch vor Gott und ein Bunidnis mit dem Bösen wer weiß. Wieder flogen ihm die Blicke nach und es fehlte nicht viel, fo wären es ebenso viele Steine gewesen.

Es wurde Herbst; schwarzer Krähenzug über den Bergen und neblige Tage, trächtig von Krankheit, da kam bas große Sterben in bas Ta der Armen. 'Man wußte nicht, was es war. Grippe nannten es wohl manche. Wer was nützten auch NamenI Wie ein Würger war sie plötz­lich da, lautlos unb fieberheiß hockte sie in diesem Hause im Grunde, t»o längst der Dach über das tote Mühlrad rauschte, und dann wurden nachts die Fenster in den Bergen hell, in jeder Hütte der Holzfäller fast glimmerte ein wächsernes Licht und da saß gewiß ein schwerer Mann ober eine weinende Frau am Bette unb sahen auf das blaffe Gesichtchen ihres sterbenden Kindes. Wie Lichtleln loschen sie aus, di« Kinder im Tale, unb es reihten sich di« Kreuze auf dem Friedhofe. Und so nun em kleines Wesen der Erde übergeben war, ein Mägdlein oder ein Knabe, da geschah das Unfaßbar« ... es dauerte nur wenige Tage, da sproßte aus jedem Grab eine Hlume mit strahlendem Kelch, so wie sie der Fremde in seinem Garten hegte.

Da schäumte der blinde Zorn des gepeinigten Volkes. Die Manner brüllten auf und die Augen der Mütter, die eben noch blind vom Weinen um ihre Kinder, wurden dunkel vor Haß. Der Alt« hatte ihnen die Seelen der Kinder gestohlen, hieß es, er sei ein Werwolf und Würger. Unsinnig brannte die Erregung in diesen dumpfen Hirnen, was Hof es daß der Pfarrer mit feinem funkelnden Zorn, der ihn aus der Mildheit der Gewöhnung jäh in einen hitzigen Eifelbauern zuruckoerwaadelte, gegen den Irrwahn in feiner Gemeinde anikämpfte. Sie gingen doch eines Abends hin, eine gärende Rotte von Männern und Weibern und riffen den Alten aus feinem Verschlag, in dem er kniete mit Mantel unö Stab, wie einer der weiß, daß sie ihn holen. Es half auch nichts, daß Mana für ihn bat unb auf das totenbleiche Kind hinwies, bas seine Kni« um­klammert hielt, sie fielen über ihn her mit Knüppeln und Steinen unb schlugen ihn aus dem Dorfe, mit dem Tod« jeden bedrohend, der es mögen sollte, dem Flüchtigen, der über die Felder davonwankte, zu Hilfe zu eilen. *

Es ist nun wieder Winter und es ist genau «in Jahr her, daß sie den ritten ins Dors brachten. Wieder kommt der Heiligeabend ins Tal, schweigend ziehen die Rotten der Holzsäller von den Bergen, die Aext« geschultert. Sie sprechen nicht und scherzen nicht wie ehedem, wenn ine Christtagvorsreude ihnen die Herzen wärmte. Es ist kein Funk« mehr in diesen Menschen. Di« Freude ist gestorben in St. Johann. Not und Schuld haben sie vertrieben, wie sie den Fremden verstoßen haben in die Wild- nis. Wie eine Rotte am Friedhvs vorübertrottet, gucken nur die Spitze ber Kreuze aus der weihen Hülle, so hoch liegt der Schnee und wie sie an der Bahnwärterbude ein Tannenbäumchen von dem ungefügen Schiit- ten zerren, kommt nur die Maria heraus und sagt, daß ihr Mann krank ist und die klein« Anna auch. Da schlagen sie die blaugefrorenen Hande in die Achfeln und ftanipfen weiter nach kurzem Gruß. Vielleicht, daß daheim eine heiße Supp« auf sie wartet oder ein Kornfchnaps.

Maria geht durch das Zimmer, unruhig und gequält, es flüstert In allen Winkeln, es flackert vor ihren Augen, daß sie sich die Schlafen halten muß. Es schnarrt die Uhr mit knackenden Gelenken, es faucht im Kamin unter den Stößen des Windes und wirft lange rote Blitze in die halbdunkle Stube. Maria fühlt sich elend und gliedermatt. Vielleicht hat auch fie das Sieber gefaßt, ober was ist mit ihr. Sie zündet di« Lampe an und stellt sie auf das Wachstuch des Küchenttfches. Schräg fallt der Schein auf das schiefe Feldbett am Ofen. In dem liegt die kleine Anna mit willenlosen Händen auf dem geblümten Tuch unb mit zuruckgeboge- nem Köpfchen. Im Nebenzimmer hüstelt der Mann und [lüften mit feiner bedeckten Stimme vor sich hin.

Maria geht hinaus mit der Laterne, den Dienst an der Weiche zu versehen. Sie hat das schwarze Tuch umgeschlagen und die Zipfel unter dem Kinn verknotet. Es saust in den Telegraphendrähten, über dem Scbienenstrang baumelt die Stationslaterne wie ein trüber Mond. Jetzt mutz sie über den Graben, doch der Steg ist vom Schnee ausgeloscht. So faßt sie die Laterne fest und springt ... und schreit und wirst bi« Arme