Ausgabe 
19.12.1932
 
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GiehenerZamilieiibMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (952 Mantag, den 19. Dezember Nummer 99

Weihnachtszeit.

Bon Gertrud A u l i ch.

Schwere Wunder rauschen in mich nieder, Goldne Flügel, weit aus Urwelttagen, Da tm Wehen weicher Liebeslieder Meine Mutter mich ans Licht getragen. Meuschenwerdung ewigem Geschlechte! Seid gesegnet, heilge Nächte!

D wie schön ist diese Welt im Lichte, Sonnenbrausen und die Sternenstille, Und ein Mensch von meinem Angesichte, Meine Himmelssehnsucht und mein Erdenwille: Denn ein Kind steht tief im Glück und lacht. Sei gesegnet, heilge Nacht!

Greller Dag und dunkle Abendstunden, Leid des Lebens, Tod der Kreaturen. Aber Liebe schreitet Freudenrunden Durch die Welt auf eines Traumes Spuren. Und ein Leben hat sich dargebracht Meinen Einsamkeiten. Heilge Nacht!

Goldne Wunder rieseln leis« nieder: Sternenstille und Gebraus der Meere, Dunkle Glocken, helle Kinderlieber, Sommerrwnsch und weiße Winterschwere. Mitten unter uns wacht Ewigkeit Ohne Anbeginn. O Weihnachiszzst!

sie mit

Sibirische Weihnacht.

Von Edwin Erich Dwinger.

Wir entnehmen diesen Abschnitt dem im Verlage Eugen Diederichs in Jena erschienenen BucheWir rufen Deutschland", mit dem E. E. Dwinger den Berichten seiner beiden Sibirienbücher die abschließende Deutung gibt.

kacheln. Die hohen Wände waren von Schüssen aufgerißen an mancyen Stellen sah man noch Helle Plätze, dort hatten einst des Aaren lebens­große Blldnifse gehangen. ,

Am frühen Morgen sollte unser Aug nach Süden kommen, wir hatten also fast zehn Stunden Erholungszeit. So rauchten wir denn eine Zigarette nach der andern, sprachen jedoch nichts, um keinem de vielen lauernden Spione aufzufallen. Daß auch mein Kamerad an Weiy- nacht dachte, wußte ich auch ohne jede Frage.

Plötzlich wurde die Tür ausgestoßen, zwanzig Matrosen kanntenin den Saal, suchten vergeblich einen freien Platz. Wie alles voll Platz für den Kommandanten!" schrie ein großer Blonder trat mit einem Sprung zum Nachbartisch, knallte krachend Een ^-chuß z Decke, so daß der Nachbartisch im nächsten Augenblick verlassen war. Wir fühlten beide, daß wir an diesem Orte nicht mehr lange weilen durften, daß uns irgendwie Gefahren nahten...

Da trat der Kommandant herein.r,,...

Ich zog die pelzige Kosakenmütze noch tiefer »karrte aus gesenkten Augen heimlich zu ihm hinüber. Es war em großer, schlanker schwarzer Mann, mit einem auffällig seinen Gesicht. Zwei schwere Revol^r staken in seinem Gürte«, ein breiter Säbel hing an seinem Koppel' -» n neraurte liefen kreuzweis über seine Brust Er gmg mck w°' ^ weichen Schritten, in den Kniegelenken unmerklich federnd menwiw gie«

Es war 1919, erzählte er mir, am Heilig «nab end. Wir waren seit dreißig Tagen auf der Flucht, aus dem östlichsten Transbaikalien her. Hier und dort lagen auf freier Strecke umgestürzte Züge, aus deren Trümmern sich die Wölfe die Gebeine zerrten, denn überall tobte der Kampf zwischen Kosakenhetmans und Bolschewiken. Wir fuhren schon 18 Stunden auf dem Trittbrett, dabei herrschte seit Wochen dreißig Grad Kält«. Unsere Leiber zerstach der Windzug wie mit Nadeln, unsere um das Gestänge geklammerten Hände erstorben langsam. Endlich er­glänzten in der Ferne Bahnhofslampen:Tula ... Tula!" schrie man im Waggon. Kaum hielt der Zug, als fünfzig schwerbewaffnete Matro­sen in die Wagen sprangen, jeden mit aufgehobenen Pistolen kontrol­lierten. Da wir von hier aus «inen andern Aug benutzen mußten, dräng­ten wir uns eilig durch die grauen Massen zum Bahnhof. Der Leutnant Gerhart ging voraus, ich schleppte mich ihm mühsam nach.

Der Wartesaal fürs Volk war leer und kalt, der Warteraum der ersten Klasse aber vollgestopft. Mit Glück und Mühe kamen wir hinein, fingen wir uns zwei Plätze am Büfett. Ein Dutzend Rotgardisten zer­schlug mit Kolben die Schnitzereien der Wandbekleidnng, andere schoben spöttischem Gelächter in den Ofen aus taubengrauen Seiden- Die hohen Wände waren von Schüssen aufgerissen, an manchen . , ' ' . . _l z.; M.f* Sic tjnx'oTt I»honens

seinen Augen stand, er schritt durch teere Gassen, wohin er sich ackch wenden mochte.

Nachdem er sich an den freien Tisch gesetzt, brachte ihm ein Adjutant ein Glas Tee. Ein zweiter legte ihm Gebäck dazu, ein dritter tat ihm Zucker ins Glas. Er dankte keinem.

,^>abt ihr den Deserteur gerichtet?" fragte er plötzlich. Er hatte eine schwingende Stimme, ich saß so nabe, daß ich jedes Wort verstand.

Soeben, Kommandant!^ Der Adjutant lachte.

Die Ordonnanzen bannt" Er warf den Kopf zurück, sah sich prü­fend um und traf meinen Blick.

Ich bebte auf... Er sah mich lange an. Im ersten Atem war sein Blick stählern wie ein Messer, hart wie das geschliffene Auge eine» Vogels. Mit einem Male aber begann er zu schimmern, sich mit einem samtenen Schleier zu bedecken. Ganz weich und gütig...

Die Ordonnanzen traten an den Tisch, empfingen schneidende Be­fehle, schwirrten an die Tür zurück. In allen Zwischenzeiten aber sah er zu mir hin ruhten seine Augen seltsam und fragend in den meinen.

Der Kommandant hat uns erkannt!' flüsterte ich dem Leutnant un- merklich zu, lachte jedoch gleich darauf wie über einen Scherz.Es ist Gefahr im Anzug komme in kurzem unauffällig nach zum rechtet» Wasserturm!"

Er wurde blaß, ich ginghinaus. Ein Ruf jetzt! dachte ich zitternd und alles ist zu Ende! Mein Herzschlag setzte aus ... sechs, sieben Schritte, immer näher kam die Tür dann hielt ich den Griff, öffnete ich sie... Niemand hatte mich zurllckgerufen. niemand hatte mich auf- gchalten. Es sind nur meine Nerven, es ist nur Einbildung, weil die Kraft zu Ende geht...

Draußen war Nacht. Mich packt« jene klirrende Kält«, die durch die besten Pelze geht. Zu Hanse brennt man fetzt den Weihnachtsbaum an! dachte ich bitter. Niemand ivar ringsherum zu sehen, hier und dort Slwelte eine trübe Lampe, auf der Kohlenstelle keuchten zwei Maschinen, ch schritt stampfend dem Wasserturm zu, der sich am Ende wie ein Felsen in den Himmel hob.

Ich hatte thn jedoch noch nicht erreicht, als hinter meinem Rücken ein weiter, rascher, federnder Schritt erklang. .Das ist des Leutnants Schritt nicht!' durchschoß es mich. Ich fuhr herum...

Es war der Kommandant!

Er sprach kein Wort, sah mich nur an. Sah tief und warm in meinen starren Blick und lächelte.Sie sind ein deutscher Offizier, mein Freund!" sagte er dann in deutscher Sprache.

Ich schüttelte hilflos den Kopf, machte eine Gebärde des Nichtoer- stehenkönnens.Ne ponimaju..., sagte ich schließlich.

Kommen Sie", sagte er nur, ging fünfzig «schritte weiter, hielt an einer Stelle im Schatten an, an der uns niemand gewahren konnte. Ich habe Sie im Saal gesehen", begann er bann,auch Ihren Kame­raden. Sie sind auf der Flucht, warten auf den Zug nach Süden. Gut... Ich wollte Ihnen nur dieses sagen: es geht kein Zug mehr nach dem Süden. Ein weißer General hat unser« Bahn gesprengt, wird in den nächsten Tagen auf Tula marschieren. Sie können nicht mehr fort..."

Ich schwieg hartnäckig.

Ich möchte Ihnen helfen, Kamerad!" sagte er plötzlich.

Ich bin kein Deutscher!" stieß ich auf russisch aus.

Er öffnete ein schwarzes Matrosenhemd.Sehen Sie her", sagte er nur,sehen Sie her..." Zwei Hände voller Perlenketten, an starke» Schnüren aufgezogene Ringe, ein Dutzend großer Brillantenorden da» flimmerte auf feiner nackten Brust.

Es ist der ganze Schmuck des Hauses Beljajeff, mein Freund!" sagte er langsam.Ich nahm ihn an mich, als die Roten unser Schloß stürm­ten. Und da ich nicht mehr aus dem Lande konnte, floh ich in die Festung Kronstadt, machte mich dort durch einen Handstreich zum Kommandanten. Ais roter Truppenführer erreichte ich es, daß ich an einen südlicheren Platz besohlen wurde. Mein Regiment vergöttert mich, ich führe sie von Sieg zu Sieg, von Beut« zu Beut« im stillen aber immer näher jener Grenze zu, bi« mir wie Ihnen eines Nachts di« Freiheit bringen soll!"

Er schwieg und wartete. Ich sah ihn spähend an.

Mein Name, Freund, ist Ilja von Beljajeff", sagte er schwer.

Ich hob den Kopf als ob ich träumte. Nein, es ist eine Falle! dachte ich immer och, hob abwehrend bi« Hänbe.

Ach, glauben Sie mir noch nicht?" fragte er endlich. Seine weiche Stimme hatte jählings «inen schmerzlichen Unterton. ,Lch kann nicht mehr tun, Freund, als mich so in Ihre Hände geben wie ich's tat!"

Ja", flüsterte ich hilflos in deutscher Sprache.

Enblichl" rief er da.Ach, endlich... Oh, ich liebe dieses Deutsch­land!" fuhr er schwärmerisch fort, lächelte mich dankbar an.Ich liebe Deutschland, ja und liebe vor allem diesen Abend! Oh, ich war lange dort, feierte ihn oft, den hellen Baum! Und als ich Sie am Teich sah, griff mich die Sehnsucht danach übermächtig ... und ... und .. /