Ausgabe 
19.9.1932
 
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Horch! ging da nicht im Keller eine Ture? Sonderbar; wenn ich nicht so ganz allein hier unten wäre, wenn ich nicht wüßte, daß die Menschen nur oben wandeln, ich würde glauben, es tönen Schritte durch diese Hollen Ha! es ist so; es kömmt nähere es tastet an der Türe hin und her es faßt und schüttelt die Klinge; doch die Türe ist verschlossen und mit Riegeln verhängt; mich stört heute nacht kein Sterblicher mehr. Ha, was ist das? die Türe springt auf! Entsetzen!

*

Vor der Türe standen zwei Männer und machten gegenseitig Kompli­mente über den Vortritt; der eine war ein langer, hagerer Mann, trug eine große, schwarze Lockenperücke, einen dunkelroten Rock nach altfrän­kischem Schritt, überall mit goldenen Tressen und goldgesponnenen Knöp­fen besetzt; seine ungeheuer langen und dünnen Beine staken in engen Beinkleidern von schwarzem Samt mit goldenen Schnallen am Knie; daran schlossen sich rote Strümpfe, und auf den Schuhen trug er goldene Schnallen. Den Degen mit einem Griff von Porzellan hatte er durch die Hosentasche gesteckt; er schwenkte, wenn er ein Kompliment machte, einen dreispitzigen, kleinen Hut von Seide, und die Lockenschwänze seiner Perücke rauschten dann wie Wasserfälle über die Schultern herab. Der Mann hatte ein bleiches, abgehärmtes Gesicht, tiefliegende Augen und eine große, feuerrote Nase. Ganz anders war der kleinere Geselle anzuschauen, dem jener den Vortritt gönnen wollte. Seine Haare waren fest an den Kopf geklebt mit Eiweiß, und nur an den Seiten waren sie in zwei Rollen gleich Pistolenhalstern gewickelt; ein ellenlanger Zopf schlängelte sich über seinen Rücken; er trug ein stahlgraues Röcklein, rot aufgeschlagen, stak unten in großen Reiterstiefeln und oben in einer reichgestickten Braten­weste, die über sein wohlgenährtes Bäuchlein bis auf die Knie herabfiel, und hatte einen ungeheuren Raufdegen umgeschnallt. Er hatte etwas Gut­mütiges in feinem feisten Gesichte, besonders in den Aeuglein, die ihm wie einem Hummer hervorstanden. Seine Manövers führte er mit einem Un­geheuern Filzhut aus, der auf zwei Seiten aufgeklappt war.

Ich hatte, nachdem ich mich von dem ersten Schrecken erholt, Zeit genug, diese Bemerkungen zu machen, denn die beiden Herren machten wohl mehrere Minuten lang vor der Schwelle die zierlichsten Pas. Endlich riß der Lange auch den zweiten Flügel der Türe auf, nahm den Kleinen unter dem Arm und führte ihn in mein Gemach. Sie hingen ihre Hüte an die Wand, schnallten die Degen ab und setzten sich, ohne mich zu beachten, stillschweigend an den Tisch.Ist denn heute Fastnacht in Bremen?" sprach ich zu mir, indem ich über die sonderbaren Gäste nachdachte; und doch kam mir ihre ganze Erscheinung so unheimlich vor, besonders wußte ich mich in ihre starren Blicke, in ihr Schweigen nicht zu finden; ich wollte mir eben ein Herz fassen und sie anreden, als ein neues Geräusch im Keller entstand. Schritte tönten näher, die Türe ging auf, und vier andere Herren, nach derselben alten Mode wie die ersten gekleidet, traten ein. Mir fiel besonders der eine auf, der wie ein Jäger gekleidet war, denn er trug Hetzpeitsche und Jagdhorn und schaute ungemein fröhlich um sich.

Gott grüß' euch, ihr Herren vom Rheine!" sprach der Lange im roten Rocke im tiefen Baß, indem er aufstand und sich verbeugte.Gott grüß' Euch", quiekte der Kleine dazu,haben uns lange nicht gesehen, Herr Jakobus!"

Frisch auf! holla und guten Morgen, Herr Matthäus", rief der Jäger dem Kleinen zu,und auch Euch guten Morgen, Herr Judas! Aber was ist das? Wo find die Römer, wo Pfeifen und Tabak? Ist der alte Maueresel noch nicht wach aus seinem Sündenschlas?"

Die Schlafmütze!" erwiderte der Kleine,der schläserige Bengel, droben liegt er noch in Unser Lieben Frauenkirchhof, aber das Donner­wetter, ich will ihn herausschellen!" Dabei ergriff er eine große Glocke, die auf dem Disch stand, und klingelte und lachte in grellen, schneidenden Tönen. Auch die drei andern Herren hatten Hüte, Stock und Degen in die Ecken gestellt, sich gegenseitig gegrüßt und an den Disch gesetzt. Zwischen dem Jäger und dem roten Judas saß einer, den sie Andreas nannten. Es war ein überaus zierlicher und feiner Herr, auf feinen schönen, noch jugendlichen Zügen lag ein wehmütiger Ernst, und um die zarten Lippen schwebte ein mildes Lächeln; er trug eine blonde Perücke mit vielen Locken, was mit seinen großen braunen Augen einen aus- fallenden, aber angenehmen Kontrast bildete. Dem Jäger gegenüber faß ein großer, wohlgemästeter Mann mit rotausgeschlagenem Gesicht und einer Purpurnast. Er hatte bie 'Unterlippe weit herab hängen und trom­melte mit den Fingern auf seinem dicken Bauch, sie hießen ihn Phi­lippus.

Ein starkknochiger Mann, fast wie ein Krieger anzuschauen, saß neben ihm; ein mutiges Feuer brannte in seinen dunkeln Augen, ein kräftiges Rot schmückte seine Wangen, und ein dichter Bart umschattete den Mund. Er hieß Herr Petrus.

Wie unter echten alten Trinkern, so wollte unter diesen Gästen das Gespräch nicht recht fortgehen ohne Wein; da erschien eine neue Gestalt in der Türe. Es war «in kleines, altes Männchen mit schlotternden Beinen und grauem Haar; fein Kopf sah aus wie ein Tolenkopf, über den man eine dünne Haut gespannt, und seine Augen lagen trübe in den tiefen Höhlen; er schleppte keuchend einen großen Korb herbei nyib grüßte die Gäste demütig.

Hah! siehe da, der alte Kellermeister Balthasar", riefen die Gäste «hm entgegen;frisch heran, Alter, setz' die Römer auf und bring' uns Pfeifen! Wo steckst du nur so lang', es ist längst Zwölf vorüber."

. Der alle Mann gähnte einigemal etwas unanständig und sah über­haupt aus wie einer, der zu lange geschlafen.Hätte beinahe den ersten September verschlafen", krächzte er,ich schlief so hart, und seitdem sie den Kirchhof gepflastert haben, höre ich auch ziemlich schlecht. Wo sind denn aber die andern Herren?" fuhr er fort, indem er Pokale von wunderlicher Form und ansehnlicher Größe aus dem Korb nahm und

auf den Tisch setzte,wo sind denn die andern? Ihr seid erst eurer sechs, und die alte Rose fohlt auch noch."

Setze nur die Flaschen her", rief Judas,daß wir endlich was zu trinken bekommen; und dann gehe hinüber, sie liegen noch im Faß, poch' an mit deinen dürren Knochen und heiße sie ausstehen, sage, wir sitzen schon alle hier."

Aber kaum hatte Herr Judas also gesprochen, als ein großes Ge­räusch und Gelächter vor der Türe entstand.Jungfer Rose hoch, hussa, hoch! und ihr Schatz^ der Bacchus, hoch!" hörte man von mehreren Stimmen rufen; die Türe flog auf, die gespenstigen Gesellen am Tische sprangen in die Höhe und schrien:Sie ist's, sie ist's, Jungfer Rose und Bacchus und die andern, holla! jetzt geht das Freudenleben erst recht an", und dabei stießen sie die Römer zusammen, lachten, und der Dicke schlug sich auf den Bauch, und der blasse Kellermeister warf die Mütze geschickt zwischen den Beinen durch an die Decke und stimmte ein in das Jucheifa, heisa he! daß mir die Ohren gellten. Welch ein Anblick! Der hölzerne Bacchus, so auf dem Faß im Keller geritten, war herabge- ftiegen, nackt, wie er war; mit feinem breiten, freundlichen Gesicht, mit den klaren Aeuglein grüßte er das Volk und trippelte auf kleinen Füß­chen in das Zimmer; an feiner Hand führte er ganz ehrbarlich, wie feine Braut, eine alte Matrone von hoher Gestalt und weidlicher Dicke. Noch weiß ich nicht bis dato, wie es möglich war, daß dies alles so geschehen, aber damals war es mir sogleich klar, daß diese Dame niemand anders sei, als die alte Rose, das ungeheure Faß im Rosenkeller.

Und wie hatte sie sich köstlich ausgeputzt, die alte Rheinländerin! Sie mußte in der Jugend einmal recht schön gewesen sein, denn wenn auch die Zeit einige Runzeln um Stirne und Mund gelegt hatte, wenn auch das frische Rot der Jugend von ihren Wangen verschwunden war, zwei Jahrhunderte konnten die edlen Züge des feinen Gesichtes nicht völlig verwischen. Ihre Augbraunen waren grau geworden, und einige un- ziemliche graue Barthaare wuchsen auf ihrem spitzigen Kinn, aber die Haare, die um die Stirne schön geglättet tagen, waren nußbraun und nur etwas weniges mit Silbergrau gemischt. Auf dem Kopf trug sie eine schwarze Samtmütze, die sich enge an die Schläfe anschloß; dazu hatte sie ein Wams vom feinsten schwarzen Tuche an, und das Mieder von rotem Samt, das darunter hervorschaute, war mit silbernen Haken und Ketten geschnürt. Um den Hals trug sie ein breites Halsband von blitzenden Granaten, woran eine goldene Schaumünze befestigt; ein weiter, faltenreicher Rock von braunem Tuch fiel um ihre wohlbeleibte Gestalt, und ein kleines, weißes Schllrzchen, mit feinen Spitzen besetzt, wollte sich recht schalkhaft ausnehmen. An der einen Seite hing ihr eine große lederne Tasche von Leder, an der andern ein Bündel gewaltiger Schlüssel kurz, sie war eine jo ehrbare Frau, als je eine Anna 1618 in Köln ober Mainz über die Straße ging.

Aber hinter der Frau Rose tarnen noch sechs jubelnde Gesellen, die Dreispitzenhüte schwingend, die Perücken schief auf den Kopf gesetzt, mit weitschößigen Röcken und langen, reichgestickten Westen angetan.

Ehrbarlich und sittsam führte unter dem allgemeinen Jubel Bacchus seine Rose oben an die Tafel; sie verbeugte sich mit großem Anstand gegen die Gesellschaft und ließ sich nieder, an ihrer Seite nahm der hölzerne Bacchus Platz, und Balthasar, der Kellermeister, hatte ihm ein tüchtiges Polster untergeschoben, weil er sonst gar klein und niedrig da- gefeffen hätte. Auch die andern sechs Gesellen nahmen Platz, und ich merkte jetzt, daß es wohl die zwölf Apostel vom Rhein seien, die hier um die Tafel saßen, sonst aber im Apostelkeller in Bremen liegen.

Da wären wir ja", sagte Petrus, nachdem der Jubel etwas nach­gelassen,da wären wir ja, wir junges, munteres Volk von 1700, und alle wohlbehalten wie sonst. Nun auf gutes Wohlsein, Jungfer Rose, auch Sie hat gar nicht gealtert und ist noch so stattlich und hübsch wie vor fünfzig Jahren, gutes Wohlsein, Sie soll leben und Ihr Liebster, Herr ' Bacchus, daneben."

Soll (eben, die alte Rose soll leben!" riefen sie und stießen an und tranken; Herr Bacchus aber, der aus einem großen silbernen Humpen tränt, schluckte zwei Maß rheinisch ohne viele Beschwerden hinunter, und er ward zusehends dicker davon und größer wie eine Schweinsblase, die man mit Luft füllt.

Mich gehorsamst zu bebauten, wertgeschätzte Herrn Apostel und Settern", antwortete Frau Rosalie, indem sie sich freundlich verneigte; seid Ihr noch immer solch ein loser Schäter, Herr Petrus? Ich weiß von keinem Schatz nicht, und Ihr müht ein sittsamMägdlein nicht so in Verlegenheit setzen." Sie schlug die Augen nieder, als sie dies sagte, und trank ein mächtiges Paßglas aus.

Schatz", erwiderte ihr Bacchus, indem er sie aus feinen Aeuglein zärtlich anblickte und ihre Hand faßte,Schatz, ziere dich doch nicht so; du weiht ja wohl, daß dir mein Herz zu getan schon feit zweihundert Herbsten, und daß ich dich karessiere vor allen andern.

Ach, Ihr loser Schalk", antwortete die alte Jungfrau und wandte sich errötend von ihm ab.Man kann ja nicht neben Euch sitzen eine Viertel­stunde, ohne daß Ihr anfanget mit Euren Karessen. Und ein ehrbares Mädchen muß sich ja schämen, wenn man Euch nur ansieht. Was laufet Ihr denn fast nackt im Keller? Hättet wohl ein Paar Beinkleider ent-- lehen können auf heute. Da Balthasar", rief sie, indem sie ihre weihe Schürze abband,lege dem Herrn diese Schürze um, es ist gar ZU un­anständig!"

Wenn du mir einen Kuß gibst, Röschen", rief Bacchus in verliebter Laune,so laß ich mir den Fetzen um den Leib binden, obgleich es ein schlimmer Verstoß gegen mein Kostüm ist; aber was läßt man sich nicht gefallen schöner Frauen wegen?"

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Berlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Steindruckerei, Lange, Gießen.