Frauen als Bezwingerinnen der Berge.
Von Dr. Herbert SchmiLt-Lamberg.
Es soll hier nicht davon gesprochen werden, wieviel Frauen jährlich in den Alpen, in den Anden und in den geheimnisvollen Gebirgen Afrikas und Indiens solche Bergpartien unternehmen, die früher schon von anderen begangen wurden. Die Frau als Hochgebirgstouristin ist heute eine allgemein bekannte Erscheinung geworden. Aber weniger bekannt ist die Tatsache, daß die Frau schon seit Jahrhunderten auch als Führerin solcher Gebirgsexpeditionen sich ausgezeichnet hat, die in un- ersorschte und unbekannte Gebiete der Gebirgswelt führten. Als Entdeckerin neuer Bergeswege, als Bezwingerin der Gefahren und Tücken der Hochgebirgswelt hat die Frau auf die Anerkennung der Welt Anrecht.
In Europa war es schon im Jahre 1786 die einfache Hausangestellte Maria Paradis, die in Gemeinschaft mit Bergführern einen A n - griff aus den Montblanc unternahm. Das war zu jener Zeit, obgleich der eigentliche Gipfel bereits erstiegen worden war, eine geradezu unglaubliche Leistung, an die sich nur wenige gewagt hatten. Die Paradis hatte schon mehrfach Hochgebirgstouren unternommen, und als sie nun in Gesellschaft der Bergführer die Besteigung antrat, kamen ihr allerhand Gedanken, wie man den Aufstieg von einer anderen Stelle aus wesentlich einfacher vornehmen könnte. Sie ist es demnach gewesen, die die neuen, seit jener Zeit bekannten Aufstiegswege gewiesen hat, ihr Name gehört in das Buch der größten Alpinisten aller Zeiten.
Der Montblanc hat dann noch zweimal Frauen als seine Bezwingerinnen erkennen müssen, die auf eigenen Wegen den Aufstieg unternahmen: im Jahre 1838 die über 45jährige Mme. A n g e v i l l e, ine auch in bezug auf die Schnelligkeit der Expedition einen Rekord für die damalige Zeit aufstellte, und die doch um ein Haar hätte ihr Leben in den Bergen lassen müssen: sie kam schwer krank, aber nach gelungener Tat wieder unten an. Und wenige Jahre später ging Miß Betty Stratton daran, als erste eine Besteigung des Montblanc im Winter vorzunehmen, was für damalige Zeiten als völlige Unmöglichkeit angesehen wurde. Auch sie gelangte bis aus den Gipfel und verweilte mehr als sechs Stunden in der winterstarrenden Hochgebirgswelt. Sie ist di« erste Pionierin des Winterhochgebirgstourismus anzusehen.
Den 6600-Meter-Gipsel des Sorata in den bolivianischen Kordilleren hat im Jahre 1911 eine Frau mit einer Expedition zuerst bestiegen, und zwar Mlle. Adrienne P a u x. Obwohl Adrienne Paux zu den ersten Bergsteigerinnen ihrer savoyardischen Heimat gehört, hat sie doch nicht weniger als vierzehn vergebliche Versuche gemacht, um die Besteigung des Sorata unter Leitung einer Frau zu einem Denkmal für weiblichen Mut und weibliche Energie zu gestalten. Sie hat auch vierzehnmal die Expedition selbst zusammengestellt, sie ausgerüstet, die Mittel dazu hergegeben und stets mit besonderen Einrichtungen versucht, die Bergsteiger in die Lage zu versetzen, die Besteigung mit möglichst wenig Mühsalen und Beschwerden zu erreichen. Einige ihrer Erfindungen, die sie zu diesem Zwecke gemacht hat, darunter einen unzerreißbaren Haltestrick, sind Gegenstand einer neuen Industrie in den Gebirgsgegenden geworden.
Vor wenigen Jahren erst ist es dann wieder in Südamerika, in Brasilien, eine Frau gewesen, Rositta Cevarno, die vom Gebirgsvorland am Matto Grosso aus eine ganze Reihe mehr oder weniger hoher Dergesgipfel bezwang und sie überhaupt erst geographisch richtig eintragen ließ. Im Gebiet des Matto Grosso gibt es westlich und nordwestlich von Diamantino noch immer weite Gebiete, die vollkommen unerschlossen sind, selbst das Quellgebirge des Paraguay gehört zum großen Teil dazu. Rositta Cevarno ist es nun zu verdanken, daß in den Jahren 1920 bis 1928 eine ganze Reihe von Gebirgsgipfeln und ihr gesamtes Vor- und Hinterland geographisch ersaßt und registriert werden konnten: ihr zu Ehren wurde ein 4200-Meter-Gipfel als „Monte Cevarno" amtlich bezeichnet. t
Solange weiße Menschen in die Gebirgswelt um den Mount Everest vorgedrungen waren, solange besteht ihr Wunsch, den höchsten Gipfel zu besteigen. Die Namen der zahlreichen Expeditionen sind rühmlichst bekannt geworden, leider hat man vergessen zu erwähnen, daß drei Frauen bisher die tausenderlei Gefahren einer solchen Besteigung geteilt haben, darunter eine Deutsche, die mit dem englischen Forscher Carter verheiratete Katharina Wild, die um 1892 bereits bis zu einer Höhe von 6500 Meter mit ihrem Gatten und vier Mann der Begleitung, vordrang und hier das heute noch benutzte Recreation-Lager auf dem Nordwestabhang anlegte. Frau Carter ist des weiteren mit ihrem Gatten, mehrfach aber auch allein, in den nachfolgenden Jahren in das Innere des Tibetanischen Gebirgslandes vorgedrungen, wo ie auch schließlich durch einen Absturz im Jahre 1902 ihr Leben embuhte. Ihr Gatte verheiratete sich im Jahre 1905 wieder mit einer bekannten Alpinistin, Miß Evelyne Madson, mit der er m die geliebte Bergwelt Tibets zurückkehrte. Und zum zweiten Male ereilte ihn das entsetzliche Geschick, seine Frau durch einen Absturz zu verlieren: sie ist der ersten Gattin Carters fast an der gleichen Stelle nachgefolgt, wo diese ihr Sehen verlor. Carter selbst hat noch bis zum Jahr« 1917 d«n verschiedensten Mount-Everest-Expeditionen angehört.
Als Dritte im Bund« bei der Ersteigung der bisher «"eichten Hohen des Mount Everest ist eine Inderin zu erwähnen, die "rau eines v«. güterten Edlen aus dem Rajahrat Srinagar, Atava Somaka. Diese kühne Exotin ist im Jahr« 1928 nur in Begleitung zweier englischer Bergsteier auf dem Südgelände des Everest-Plateaus bis m «ne Hohe von fast 6900 Metern vorgedrungen und hat damit den höchsten Punkt Überhaupt erreicht, den ein« Frau in dieser Gegend der Welt lemals bestiegen hat. Atava Somaka ist hier gänzlich unbekannten W g 8 folgt, und auch sie darf deswegen als die eigentliche Bezwinsenndes Süd-Aufstieaes bis zu der vorgenannten Grenze betrachtet werden. Am übrigen9 fjat sich Atava Somaka .fotzt «iner Expedition angeschlossen die die Kraterwelt der Kordilleren erforschen will, und auch hier hat s stch schon wieder nach englischen Berichten ^er diese U^ernehEnger besonder« Verdienst« durch Kühnheit und Unerschrockenheit erw
Einer der bekantesten Expeditionsleiter und Bergsteiger, Joe Shackleton, ein Verwandter des Südpolar-Forschers, hat einmal über seine Erfahrungen mit Frauen bei tollkühnen Bergexpeditionen sich folgermaßen geäußert: „Die Frau ist in allen Lagen, die eine Bergexpedition in Gefahr und Ungelegenheiten versetzen kann, dadurch besonders wertvoll, daß ■ sie nach Ueberwindung des ersten Schreckens meistens äußerst praktisch zu denken beginnt. Die Einrichtung von behelfsmäßigen Maßnahmen, die Ueberlegung, wie man sich aus gefährlichen Situationen am besten herausfinden könnte, das find di« Hauptgebiete, auf denen die Frau bei einer Bergexpedition für ihre Gefährten von großem Werte [ein kann. Frauen, die hasenherzig sind und leicht außer sich geraten, werden nämlich gar nicht erst so weit Vordringen, daß sie bei wirklichen Gefahren eine Erschwerung der Hilfsmaßnahmen bedeuten könnten."
Man kann es daher verstehen, daß in letzter Zeit die Mitnahme weiblicher Teilnehmer gerade bei solchen Touren stark zugenvmmen hat, die mit mancherlei Gefahren und Beschwerden verbunden sind. Und fast in keinem Falle hat man erfahren, daß di« Frau etwa im letzten Augenblick umgekehrt und zurückgeschreckt wäre. Sie besitzt auch jene Gabe in überwiegendem Maße, di« gerade für die Bezwingung der Berge so dringend notwednig ist: Ausdauer und Zähigkeit, sowie Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst. Haben also schon di« letzten 150 Jahr« viel« Frauen auf den Gipfeln der höchsten und schwer zugänglichsten Berg« gesehen, so dürfen wir von dem sportlich geschulten und gestählten Frauengeschlecht der Gegenwart noch hervorragendere Leistungen in der Alpinistik erwarten.
Phantasien im Bremer Ratskeller.
Von Wilhelm Hauff.
(Fortsetzung.)
Ich möchte ein Tambour sein und vor ihrem Haus meinen Schmerz auslassen und tromemln, und fährt sie dann erschrocken mit dem Köpfchen durchs Fenster, so will ich gerade das Gegenteil russischer Fellraßler machen und vom Fortissimo abwärts trommeln und piano und im leisen Adagiowirbel ihr zuflüstern: „Ich liebe dich." Ein berühmter Mensch möchte ich sein, nur daß sie von mir hörte und stolz zu sich sagte: „Der hat dich einst geliebt"; aber leider reden di« Leut« nicht von mir, höchstens wird man ihr morgen sagen: „Gestern nacht ist er auch wieder bis Mitternacht im Weinkeller gelegen!" und wenn ich vollends ein Schuster oder Schneider wäre! Doch dies ist «in gemeiner Gedanke und deiner unwürdig, Adelgunde I
Jetzt wacht wohl keiner mehr, als der Höchste und Niedrigste dieser Stadt, nämlich der Turmwächter hoch oben auf der Domkirche und ich tief unten im Ratskeller. Wär' ich doch der auf dem TurmeI in jeder Stunde wollte ich das Sprachrohr ansetzen und dir ein Lied ^nabfingen ins Schlafkämmerlein; doch nein! das würde ja den süßen Engel aus seinem Schlummer wecken, aus seinen holden, lieblichen Träumen. Doch hier unten hört mich niemand, da will ich eines singen. Seele! komme ich mir denn nicht gerade vor wie ein Soldat auf dem Posten, dem das Heimweh recht schwer und tief im Herzen liegt? Und hat nicht einer meiner Freunde dies Lied gedichtet?
„Steh' ich in finstrer Mitternacht
So einsam auf der fernen Wacht, Dann denk' ich an mein fernes Lieb, Ob es mir treu und hold verblieb.
Als ich zur Fahne fort gemüht,
Hat sie so herzlich mich geküßt,
- Mit Bändern meinen Hut geschmückt
Und weinend mich ans Herz gedrückt.
Sie liebt mich noch, sie ist mir gut, Drum bin ich froh und wohlgemut, Mein Herz schlägt warm in kalter Nacht, Wenn ich ans ferne Lieb gedacht.
Jetzt bei der Lampe mildem Schein, Gehst du wohl in dein Kämmerlein, Und schickst dein Nachtgebet zum Herrn Auch für den Liebsten in der Fern'.
Doch wenn du traurig bist und weinst. Mich von Gefahr umrungen meinst: Sei ruhig; steh' in Gottes Hut, Er liebt ein treu Soldatenblut.
. Die Glocke schlägt, bald naht di« Rund'
Und löst mich ab zu di«s«r Stund': Schlaf' wohl im f«me'n Kämmerlein Und denk' in deinen Träumen mein!"
Unb denkt sie auch wohl meiner in ihren Träumen? Die Glocken summten dumpf auf den Türmen, sie begleiteten meinen Gesang. Schon Mitternacht? Diese Stunde trägt eigenen, geheimnisvollen Schauer in sich- es ist als zittere die Erde leise, wenn sich die schlummernden Men- che'n unter ihr auf die andere Seite legen, die schwere Decke schütteln und den Nachbar im Kämmerlein nebenan fragen: „Jst's noch nicht Morgen? Wie so ganz anders zittert der Ton dieser Mitternachtsglocke zu mir hernieder, als wenn er am Mittag durch die hellen, klaren Lüste schallt.


