Ausgabe 
18.11.1932
 
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häufiger als der Zioilanzug. Auf der prächtigen Elbbrücke sah er den König selbst im einfachen Garderock vorausreiten: der sah ernster und älter aus als vor sechs Jahren. Aber überall war Zuversicht. Bet Lobositz hatten die Preußen eine große Schlacht gewonnen: alle waren darum fröhlich, wie es Soldaten zukommt.

Die Bürger jedoch munkelten von den Rüstungen der Kaiserin Maria Theresia, von den Russen, die mit einem großen Heer anmarschierten, und edle Franzosen schickten vierzigtausend Mann, während das Heilige

ische Reich den König in die Acht erklärt habe. Draußen im Lande standen die polnischen und sächsischen Armeen vereint und gegen all diese gewaltigen Kräfte wollte das kleine Preußen fechten?

Das Lehm in Dresden war für jeden Zivilisten, wie immer in Kriegs­zeiten, doppelt und dreifach teuer. Heinrich mußte sehen, seine Empfeh­lungsbriefe anzubringen. Das ward ihm schwer, denn er kam als Bitt­steller. Er nahm also die Briefe in die Hand wie ein Bukett Blumen, sprach ein Vaterunser, griff ein Schreiben heraus. Es war gerichtet an den Generalleutnant von Winterfeldt, der im besonderen Vertrauen des Königs stand.

3ftit Angstgefühl suchte Heinrich den General auf. Er traf ihn, als er gerade die Treppe hinunterging, die Reitpeitsche in der Hand. Aber sowie er die Aufschrift gelesen, trat er in ein Zimmer, seßte sich, befragte Heinrich über den Baron Bielfeld, von dem er bemerkte, er sei ein in­timer Freund von ihm, und schließlich sagte er:Mein Lieber, Er gefällt mir gut! Ich würde Ihn gern als meinen Sekretär für meine Korre­spondenz in meine Dienste nehmen, allein die Stelle ist schon beseht. Dock- weiß ich einen passenden Platz für Ihn, wo Er gut versorgt ist und nütz­liche Dienste leisten kann. Gerade hat der Feldmarschall Graf Schwerin, der das Heer in Schlesien kommandiert, an einen Freund hierherge- schrieben, er möge ihm so eilig wie möglich einen zuverlässigen und der französischen Sprache mächtigen Mann schicken. Sein Sekretär ist plötzlich an den Blattern verstorben. Wenn Er diese Stelle erhalten könnte, wär es gut für ihn. Komm' Er also morgen früh zu mir! Wenn die Stelle noch nicht besetzt ist, will ich Ihm die nötigen Empfehlungsschreiben an den Herrn Feldmarschall besorgen lassen."

Als Heinrich am nächsten Tage roiebertam, hörte er, der General­leutnant sei mit dem König auscjegangert, aber er solle warten. Rach einem kleinen Verzug kam der Adjutant, ein alter Rittmeister, und sagte sehr freundlich:Die Sache wird sich schon machen, Herr Doktor! Die Stelle beim Feldmarschall ist noch nicht besetzt. Hier haben Sie ein Schreiben! Reisen Sie damit noch heute nach Hainau in Schlesien ab, wo der Feldmarschall sein Hauptquartier hat! Stellen Sie sich ihm vor, und wenn Sie ihm gefallen, woran ich gar nicht zweifle, erhalten Sie die Sekretärftelle!"

Heinrich war so erfreut, daß er kaum ein Work herausbrachte und nur herzlich die Hand des Rittmeisters drückte.

Der merkte die Bewegung, klopfte ihm auf die Schulter.Warten Sie, Herr Doktor ich glaube, ich kann Ihnen auch noch freie Fahrt bis Hainau verschaffen! Ein Bekannter von mir reift heute als Kurier mit Depeschen dahin. Hch will sehen, daß ich Ihnen einen Platz in seinem Kurierschlitten ausmache."

Der Adjutant hielt Wort. Heinrich kaufte sich eine große Fttzdecke und fuhr schon am Abend nach Schlesien. Die Schlittenbahn war vortrefflich, und bereits am nächsten Abend langten sie in Hainau an, doch war die Kälte Ihm so in die Knochen gegangen, daß er sich ins Beit legen und heißen Fliedertee trinken mußte, um sieh so weit zu erträftlgen, daß er am Morgen beim Herrn Feldmarschall Grafen Schwerin sich melden konnte.

Der Graf sah ihn beim Eintreten durchdringend an, las bann ben Brief aus Dresben debüchtig burch unb sagte wohlwollenb:Er wirb mir auf Grunb bieses Schreibens, bas sich auf einen Brief des Barons von Bielfeld bezieht, sehr warm empfohlen. Erzähl' Er mir nun seinen Lebenslauf kurz!"

Als Heinrich vorbrachte, er fei in Halle geboren, in Pommern er­zogen, lächelte ber Felbmarfchatt unb meinte:Da finb wir ja belbe spezielle Lanbsleuie! Das würbe also passen!" Unb, als Heinrich mit seinem Bericht fertig war:Soweit bin ich zusrieben mit Ihm, mein Lieder! Jetzt fetz' Er sich an ben Tisch ich will Ihm einen Brief in die Feber diktieren! Den übersetz' Er mir sogleich in die französische Sprache!"

Der Feldmarschall diktierte ein kurzes Schreiben an einen Oberst, ging ins Nebenzimmer, unb Heinrich vollbrachte bie leichte Arbeit schnell.

Der Felbmarschall verglich die beiden Schreiben sorgfältig.Mit Seinen Kenntnissen unb Seinem Benehmen bin ich zusrieben, mein Lieber. Ich will Ihn als meinen Privatsekretär anstellen. Pünktlichkeit, Gewissenhaftigkeit, Treue unb strengste Verschwiegenheit finb bie uner­läßlichen Eigenschaften, bie ich auf bas nachdrücklichste von Ihm forbere. Er bekommt vorläufig als Gehalt zwanzig Taler für ben Monat, freies Quartier, Aufwartung, Essen mit meinen Ordonnanzoffizieren, ein Pferd aber einen Platz im Wagen, wenn Er mich ins Felb begleiten muß. Sein Geschäft ist, bie Briefe zu schreiben ober ins Französische zu übersetzen. Er hat meine Hausrechnungen, bie Ihm mein Felbküchenmeister vorlegt, genau zu kontrolliere». Die Kündigung ist einstweilen monatlich. Ist Er damit zusrieben, so gebe Er mir seinen Hanbschlag auf bie treueste Er­füllung aller biefer Pflichten."

So trat Heinrich am 1. Januar 1757 als Sekretär in bie Dienste bes Felbmarschalls Grasen Schwerin. Zunächst mußte er sich wundern über dieses friedliche Feldleben. Er hatte ein hübsches Stübchen in dem großen House, das der Feldmarschall bewohnte. Ein Reitknecht übernahm die Be­dienung. Die Arbeit war wechselnd unb mannigfaltig, beim ber Felb- Marschall lenkte nicht nur feine Armee: ba tarnen Briefe feiner Amts- leute, Rendanten und Förster von den großen in Pommern gelegenen Besitzungen. Die Antworten erteilte der Feldmarschall in knappen Wor- ten; Heinrich mußte bie 'Briefe ausarbeiten. Bald hatte er sich in Sinn und Stil feines Herrn eingelebt. Ader auch bie große militärische Korre­

spondenz mit dem Generalleutnant von Winterfeldt, dem Feldmarschall Keith, dem Prinzen Heinrich von Preußen und dem Prinzen Ferdinand von Braunschweig mußte er in besonders schöner Schrift niederlegen und die Antwortbriefe in Aktenfafzikel heften Hinzu kam die Beobachtung der deutschen und französischen Zeitungen: Alle Stellen, die den Feldmarschall interessieren mochten, Militärischer und politischer Art, wurden mit roter Tinte angemertt.

Rach dem Abendessen beschäftigte sich Heinrich noch zwei Stunden mit dem Rechnungswesen: denn ber Herr Feldmarschall war äußerst genau In allen Geldsachen, legte hohen Wert aus Erwerb, war immer bedacht, fein Vermögen in klarem Zustand für feine Familie zu hinterlassen.

Nur bie Mittags- unb Abenbmahlzelten brückten auf Heinrich: benn die Herren Offiziers, mit denen er zusammen essen mußte, waren sicherlich tapfere Kriegsmänner, aber sie waren eben Soldaten, fluchten barbarisch und hatten, außer für ben militärischen Beruf, meist nur Sinn für Wein, Karten unb Mädchen. Sie taten sich auch keinen Zwang an mit ihren Gesinnungen und Meinungen, denn ber Feldmarschall pflegte allein für sich zu speisen.

Als sich Heinrich am ersten Sonntag zur Tafel begab, erschrak er fast vor ber Fülle ber Menschen, bem Geschrei, bem Gelächter unb Klingen ber Gläser. Er sah, daß neben ihm ein junger Kornett von ben Dragonern Platz genommen hatte, besten hochgraflicher Name bei ber Vorstellung genannt würbe. Als biefer junge, achtzehnjährige Mann hörte, wer fein Tafelnachbar wäre, rümpfte er verächtlich die Nase <unb erklärte:Ich erachte es unter meiner Würbe, neben einem bürgerlichen Zivilisten bei Tisch zu sitzen."

Heinrich wußte nicht, wie er sich bazu stellen sollte, als ber Haupt­mann von Platen, der Adjutant des Felbmarschalls, sich erhob unb er­klärte:Wir hier am Tisch finb alle Diener bes Königs von Preußen, unb es tut nichts zur Sache, wie wir bienen, wenn wir orbentlich bienen. Wenn bem Herrn Kornett es nicht paßt, an unserer Tafel zu sitzen, so wie wir sind, kann er sich ja einen anberen Platz brausten an ber Kurier­tafel suchen!"

Der junge Herr also setzte sich nieber und sprach während des ganzen Essens kein Wort.

Aber Heinrich sollte noch eine größere Genugtuung zuteil werden. Denn am selben Abend erschien der Feldmarschall selbst bei seinen Offi­zieren, grüßte sie, sprach die einzelnen an, unterhielt sich mit Heinrich über die Tafel auf das liebenswürdigste, richtete aber an den Kornett kein Wort. Nach beendigter Mahlzeit stand er auf, winkte sich den jungen Herrn und hielt ihm leise eine längere Rebe.

Heinrich sah, daß ber junge Offizier weiß und rot wurde, zum Schluß aber Haltung gewann, auf ihn zutrat unb freimütig erklärte:Der Herr Felbmarschall hatten bie (9nabe, mir ben Stanbpuntt klarzumachen. Herr Sekretarius, ich bitte Sie aufrichtig um Entschulbigung!" Er sprach biefe Worte so klar unb männlich, unb in seinem Blick war so viel Grobheit, daß Heinrich die Hand herzlich schüttelte unb erklärte, er hätte von sieb aus bereits alles vergessen, was geschehen sei. In ber Folge zeigte siel) ber junge Graf als ein sehr angenehmer Gesellschafter.

Im Februar unb März mußte Heinrich ben Felbmarschall häufig auf Reisen begleiten, wenn ber bie in Winterquartieren stehenden Truppen seines Korps in Schlesien inspizierte. Er trug nun einen blauen Rock von militärischem Schnitt, aber ohne Abzeichen, schwarze Hosen von Samt­manchester, hohe Stiefel, einen kleinen breieckigen Hut mit einer preu- ßischen Kokarde, einen mächtigen Schleppsäbel unb im Halfter bes Sattels ein paar gute Pistolen, bie ihm ber Baron von Bielfelb beim Abschied geschenkt hatte. So war er ein Zwttterbing von ziviler unb militärischer Persönlichkeit geworben.

Anfang April begann bas Korps, sich felbfertig zu machen. Heinrich erstaunte, wie lange sich nun bie persönlichen und militärischen Arbeiten des Felbmarschalls ausbehnten. Als ber Graf tuieber einmal eine lange Disposition über bie Verwaltung eines Besitztums biftierte, blieb er sinnend sitzen, mit einem verlorenen Blick. Heinrich wartete still. Der Feldmarschall legte die Hände auf den Tisch unb sagte mübe:Sie tvunbern sich wohl, bah ich ins einzelne gehe? Aber wer bas Gefühl hat, baß es mit bem Leben nicht mehr lange dauert, der bestellt fein Haus, soweit ers vermag." Als Heinrich einwandte, der Herr Felbmarschall sei boch eine austerorbentlich gefunbe Natur, schüttelte Gras Schwerin ben Kopf:Mein lieber Fritsche: Wer so lange Soldat gewesen ist wie ich, gibt was auf Vorahnungen: unb in biefen Felbzug, der wahrlich schwer sein mlrb,_get)e ich nicht so leicht hinein wie früher."

Diese Stimmungen wiederholten sich und kamen bei merkwürdigen Gelegenheiten zum Ausdruck.Da", sagte der Feldmarschall, als der königliche Feldjäger am 14. ben Befehl zum Aufbruch gebracht hatte, nehmen Sie das als Entfchäbigung für Ihre Equipierung! Wer weiß, wie lange ich Ihnen noch Gutes tun kann für bie treuen Dienste, die Sie mir täglich unb stündlich erweisen!"

Jeden Tag ersann ber Felbmarschall ein neues Kobizill für bas Testa ment, bas er mit Sorgfalt bereitet hatte, unb Platen, ber Abjutont, kam manchmal bes Nachts ganz traurig hinauf zu Heinrich, brachte eine Flasche Wein mit unb sagte:Trinken wir uns über biefe Kranken jimmerftimmung hinweg! Er spricht ja jetzt zu mir, als ob er auf dem letzten Lager läge unb gleich bas Leilach ihm übers Gesicht gezogen würbe!"

Am 18. biftierte ber Feldmarschall eine ganze Reihe von Abschieds brlefen an Freunde.Verwahren Sie die in der Tasche", sagte er zu Heinrich, bis die Schlacht geschlagen ist, zu ber wir notwendigerweise kommen müssen!"

Der Marsch ging über Trautenau und Rachod, hinein nach Böhmen, und Heinrich wunderte sich, mit welcher Ordnung auf dem Wege mar schiert wurde, wie streng Offiziere und Unteroffiziere daraus hielten, daß in den Dörfern keine Unordnung geschehe. Natürlich gab es auch Aus­nahmen, und bann war bie Strafe hart.

(Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. HanS Thyrtot. Druck und »erlag: Brühl'sche UniversitSts-Buch. unb Steindruckerei, R. Lange, Gießen.