Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger________
ridraana isrr Sir-tta,. den I«. Mruar Uummrr,,
Wiegenlied.
Bon Matthias Claudiu».
So schlafe nun, du Kleins!
Was weinest du?
Sanft ist im Mondenschein, Und süß die Ruh'
Auch kommt der Schlaf geschwinder Und sonder Müh';
Der Mond freut sich der Kinder Und liebet sie.
Er liebt zwar auch die Knaben, Doch Mädchen mehr, Gießt freundlich schöne Gaben Bon oben her
Auf sie aus, wenn sie saugen, Recht wunderbar;
Schenkt ihnen blaue Augen Und blondes Haar.
Alt ist er wie ein Rabe, Sieht manches Land;
Mein Vater hat als Knabe Ihn schon gekannt.
Und bald nach ihren Wochen
Hat Mutter 'mal
Mit ihm von mir gesprochen: Sie saß im Tal.
Sie sah mich an, für Freude
Ein Tränchen lief.
Der Mond beschien uns beide. Ich lag und schlief;
Da sprach sie: „Mond, oh! scheine,
Ich hab' sie lieb, Schein' Glück für meine Kleine! Ihr Auge blieb
Roch lang am Monde kleben Und flehte mehr.
Der Mond fing an zu beben, Als hörte er.
Und denkt nun immer wieder
An diesen Blick, Und scheint von hoch hernieder Mir lauter Glück.
Er schien mir unterm Kranze
Ins Brautgesicht
Und bei dem Ehrentanze;
Du warst noch nicht.
Heimat.
der den trüben Dämmerschein des arktischen um nach den Fallen zu sehen und Fleisch zu
Von Elisabeth Goldsmith.
Als im Leben des Eskimoknaben Natatak zum siebentenmal die lange Nacht'begann, erhielt er sieben Geschenke: einen SpeereinMeßer eine Knockenart einen Schlitten, eine neue Kapuze, eine Schwester und Vit. Doch während die Waffen und der Schlitten vom Vater, dem großen Jäger kamen, hatte Natatak für die letzten drei Gaben mit der Mutter und der Hündin Schu-Schu seine Nase zu reiben. S'e kauerten be.de auf dem weichen Lager aus Fellen und waren stolz. Denn Schu-Schv-hoüb’ dem jungen Wolf das Genick durchgebissen, aus dessen Balg die Mutter kunstvoll die Kapuze fertigte, und die Mutter hätschelte ihre kleine Tochter Jinna und Schu-Schu das Wollknäuel Jik, aus dem spater einmal ein rechtschaffener Schlittenhund werden sollte. So warteten sie auf d'e Heimkehr des großen Jägers, der den trüben Dammerschem des arktischen Wintertages genützt hatte, um nach den fallen zu ,eyen uno o« machen Sonst begleitete ihn Natatak. Aber heute war er in der warmen Schneehütte geblieben, beschützte die Mutter undplauschlle ihren wohlver- trauten Geschichten vom Vater, den kein anderer Jager ubertressen konnte weder an Tapferkeit noch an Kraft noch an Weisheit Denn et l)n e mit dem hungrigen Bären gctämpft und ihn mit den Händen erwürgt, und er war zweimal a.n Ende der Welt gewesen m Fori Juk°n wo die weißen Riesen mit den vielen Haaren im Gesicht wohnen und hatte e nen Zauberer gesehen, der die Stimme eines Dämons m ,cin?r./ cui.nfnna uns
Die Tranlampe flatterte, die Mutter sprach !?/eisern Singsang und Natatak schlief ein und schlummerte lange und tief, bis ihn die Mutter
n wollte,
utter sprang
an der Schulter rüttelte und sagte: „Der große Jager ist nicht zuruck- qekehrt. Wir müssen zu den Fallen gehen und ihn suchen! 3” ityren schwarzen, guten, ein wenig schiefstehenden Augen glanzte die Angst.
Ja", rief Natatak und sprang auf, „wir werden den Vater suchen! Und ich will meinen Speer, das Messer und die Axt nehmen und wir werden Schu-Schu vor meinen Schlitten spannen, weil der Vater das große Gespann mitgenommen hat." Die Mutter wickelte die Herne dicke Jinna in ein weiches Fell und tat sie sich in die Kapuze, und Natatak tat dasselbe mit dem wolligen Jik. Sie schoben den mit etlichen Streifen getrockneten Fleisches und einigen Felldecken beladenen Schlitten durrh die enge Eingangsöffnung ins Freie, krochen nach und banden sich die Schneeschuhe an die Füße. Schu-Schu, nur im Rudel zu gehen gewohnt knurrte und schnappte um sich. Doch als Natatak vorausstef, folgte sie willig, denn fie' witterte ihr Junges in seiner Kapuze.
Wie eine ungeheure Glocke aus dunklem Glas lag der Himmel über der weißen Ebene. Die Sterne glitzerten kalt unb fern, und nur ein fahler Schein am Rande der Erde verkündete das Nahen jener kurzen Dämmerung die in diesen Breiten eine Winternacht von der andern scheidet. Schnelle Stöße eines schneidenden Nordwindes bohrten flache Trickter in den Pulverschnee und warfen Eisnadeln in den Rucken der kleinen Karawane, die, in Wolken ihres Atems gehüllt, eilig gegen Süden strebte wo sich das Land zu sanften Wellen erhob. Von Zeit zu Zeit blieb die Mutter stehen und gellte den Jagdschrei des großen Jagers in die Urweltstille. Zum siebenten Male erlebte Natatak das lichtlose Schweigen des Nordwinters, das sich mit keinem andern Schweigen auf Erden vergleichen läßt. Aber in dieser Stunde sah er zum erste,unal sein großes, leeres furchtbares Gesicht, das tapfere Männer im Wahnsinn lachen macht' und sie zwingt, ohne Ziel in die weiße Wüste hinauszuwandern, bi« sie, immer lachend, zu Boden sinken und sterben. Emen Atemzug lang sah Natatak dieses Gesicht, bann flüchtete er zu ber Mutter unb umschlang fie. Als er bie Wärme ihres Körpers burch bas Pelzgewcmd fühlte, war bas Grauen verfchwunben.
Die Windstöße hatten aufgehört und bie Sterne glitzerten nicht mehr. Doch es tarn kein Tag. Weihlichgraue Wolkenfetzen rasten hoch oben in den Lüften bem Süden zu. „Natatak" sagte, die Mutter ™ « hier warten, bis ber Schneesturm vorüber ist. Und sie begann mit Axt unb Messer hinter einer kleinen Bobenwelle eine seichte Grube in den Schnee zu graben, in die sie ein Fell breitete. Hieraus nahm sie die Kapuze mit der schlafenden Jinna vom Rücken und gab das SUnb in Natataks Arme, während sie Schu-Schu vom Schlitten befreite. Als Natatak unb Jinna unb Schu-Schu unb Jik unb bie Waffen unb ber Fleisch-. Vorrat unb bie Fellbecken in der Grube untergebracht waren, und die Mutter zu ihnen schlüpfen und den Schlitten über sich ftutpei klang in ber Ferne des großen Jägers Jagdgeschrei. Die Mutt« .. auf unb antwortete mit bem gleichen Ruf. Er war bas Letzte, was Natatak in biefem Leben von seinen Eltern hörte. Dann brach bic tobenbe
ten flog über bas breite, lachelnve toejiajt oes geioen »luiiiie». „v-.u Milchkinb ohne Mutter", sagte er langsam, es kann nufjt leben., Wir werden ihm eine kleine Schneehütte bauen. Darin soll es schlafen. Der weiße Mann, ein Riese mit vielen gelben Haaren tm Gesicht, wandte
sahen einander an unb Jinna in ihrer Kapuze,
weiße Hölle herein. .,
Tage- wochen-, monatelang kann der Jager durch bas weite weiße Land des Schreckens und der Freiheit streifen, ohne einem andern Jager zu begegnen. Aber ein Zufall lieft den weißen Mann mst seinem gelben Begleiter hinter der gleichen Bodenwelle den gesuchten Schutz finden, und auch Natatak mit seinen Gefährten, obwohl sie ihn nicht gesucht hatten. Wo ist die Mutter?" fragte Natatak, als er aus feiner Betäubung erwachte. „Unb wo ist ber Vater, ber große Jäger?" Es war eine Frage an den Schneesturm, der vorbeigebraust war und schwieg. Die Manner 1 schüttelten den Kops. Da erwachte auch die kleine ia in ihrer Kapuze, fühlte Hunger und begann 3u »einen. Ein Schot- f(oq über bas breite, lächelnbe Gesicht des gelben Mannes. „Em or fnnnfnm pej fnnn nicht leben
Die kleine Schneehütte war fertig. Natatak hockte schreckgelahmt am Boden Die Welt hielt den Atem an. Da ertönte aus Natataks Kapuze das Winseln des wolligen Jik und brachte Schu-Schu in lärmende Raserei. -g,k hak Hunger" flüsterte Natatak und nahm das Junge aus feinem Versteck. Als er es zu der Hündin setzte, stieß er einen Schrei aus. Dann rjst er auch Jinna aus ihrer Kapuze und legte das Kind neben Jik. Seite an Seite sogen Jik und Jinna den Trank des Lebens aus der mütterlichen Schu-Schu dichtem Fell. „Hol s der Teufel , rief der weiße Riese mit seltsam überlauter Stimme, „wir nehmen beide Kinder nut, Kusiak" Und wenn sie bis zum Frühling leben, dann soll sie der fromme Pater in Fort Jukon lehren, wie Menschen zu leben!
Fünfundzwanzig Jahre später war ich m Neuyork zu dem Achchiebs- fest geladen, das der Pelzhändler Nat-Alaska und feine Schwester die Aerztin Dr. Jinna, ihren Freunden gaben. Er halte lern Geschäft, sein ' aroßes Haus seine Automobile, seine wertvollen G-malde unb Kunst- gegenstände verkauft unb reifte fort für immer, unb feine Schwester be-


