Ausgabe 
18.11.1932
 
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Dichter, ohne ketzerisch zu erscheinen, ihre vielfältigen Einbildungen wal­te» lassen. Bei den Griechen scheint, bis in hellenische Zeit, die Vor­stellung, daß ein Leben im Jenseits minder beglückend verlaufen müsse als während unseres Aufenthaltes unter der Sonne oder Sternen, vor- geherrscht zu haben. Besonders in späteren Zeiten haben Griechen scharen­weise, durch ihre Einweihung in Mysterien, beispielsweise zu Eleufts die Ueberzeugung gewonnen, daß sie nach dem Tode fortleben würden: und zwar in einem gehobenen Bewußtseinszustand.

Im christlichen Mittelalter sind Freude aufs Himmelreich, Angst vor der Hölle sehr ausgesprochen gewesen. Ein Dichter, Dante, der über die anderen Welten herrlich gesungen hat, galt vielfach als Seher wahr­hafter Reiche, in die wir eingehen müssen. Im Norden müssen die Visionen eines Swedenborg aus der anderen Welt vorallem ernst ge­nommen werden: er ist ein bedeutender Gelehrter gewesen, und man hat unanfechtbare Berichte über seine außergewöhnlichen okkulten Fähig­keiten feststellen und bezeugen können. Halten wir uns daran, daß unser Stern, wenn er auch nicht der einzig bewohnte sein muß, doch ein zu- höchst erlesener ist.

Die christliche Lehre spricht uns von des Schöpfers unendlicher Liebe zu feiner irdischen Kreatur. Wir wissen nur von seinem Sohne, daß er auf Erden als Mensch wie wir zur Welt gekommen ist. Was er uns versprochen hat, kann nur zutiefst Wahrheit sein.

Meine Gräber.

Bon Theodor Fontane.

Kein Erbbegräbnis mich stolz erfreut, Meine Gräber liegen weit zerstreut, Weit zerstreut über Stadt und Land, Aber all in märkischem Sand.

Verfallen« Hügel, die Schwalben ziehn, Vorüber schlängelt sich der Rhin, Ueber weiße Steine, zerbröckelt all. Blickt der alte Ruppiner Wall, Die Buchen stehen, die Eichen rauschen, Di« Gräberbüsche Zwiesprache tauschen Und Haferfelder weit auf und ab, Da ist meiner Mutter Grab.

Und ein andrer Platz, dem verbunden ich bin; Berglehnen, die Oder fließt dran hin, Zieht vorüber in trägem Lauf, Gelbe Mummeln schwimmen darauf.

Am User Werft und Schilf und Rohr,

Und am Abhange schimmern Kreuze hervor, Auf eines fällt heller Sonnenschein. Da hat mein Vater seinen Stein.

Der dritte, seines Todes froh,

Liegt auf dem weiten Teltow-Plateau, Dächer von Ziegeln, Dächer von Schiefer, Dann und wann «ine Krüppelkiefer, Ein stiller Graben die Wasserscheide, Birken hier, und da eine Weide, Zuletzt eine Pappel am Horizont, Im Abendstrahle sie sich sonnt.

Aus den Gräbern Blumen und Aschenkrüge, 'Vorüber in Ferne rasseln die Züge, Still bleibt das Grab und der Schläfer drin, Der Wind, der Wind geht drüber hin.

».Was sterblich war, deckt dieser Stein."

Die Grabstätten berühmter Künstler.

Bon Professor Dr. Emil Waldmann.

Rafael hat sich seine Grabstätte selbst ausgesucht: Er wollt« im Pantheon zu Rom bestattet fein, in diesem herrlichen Rundbau aus der Zelt des Kaisers Augustus, in diesem einzigen, in Mauerwerk und Kupsiel vollständig erhaltenen Bauwerk in Rom aus der über alles geliebten Antike. Ursprünglich allen Gottheiten, oder wenigstens doch den Haupt­göttern des jütischen Kaiserhauses, Venus voran, geweiht, wurde der Rundtempel, dieseRotonda", dann im 7.. Jahrhundert zur Hauptkirche der christlichen Märtyrer. Durch das Loch, dasAuge" in ihrem Scheitel schaut immer noch wie vor fast 2000 Jahren der römische Himmel hinein. Hier wollte Rafael ruhen. In diesem schönsten Innenraum der Welt sind in die marmorbekleideten Rundwände sieben Nischen eingeschlagen. Da standen unter Augustus und seinem Freunde Agrippa, dem Stifter des Baues, die Statuen der sieben Hauptgötter, planetengleich. Das Christen­tum stellte Altäre hinein. Und beim dritten Altar, links vom Eingang wurden im Jahre 1520 Rafaels Gebeine eingesenkt. In seinem Testament hat der 37jährige, als er sich zu Tode erschöpft fühlte, eine Summe Geldes ausgesetzt für eine marmorne Madonna über dem Altar. Sein Freund Lorenzetto hat sie gemeißelt. Und Kardinal Bemba versaßt« in elegantem Latein di« Grabfchnft mit den schönen beiden Schluhversen:Hier liegt Rafael. Da er lebte, fürchtete die Natur, er möchte sie überwinden, da er starb, fürchtete sie, sie müsse mit ihm sterben."

Acht Jahre nach Rafaels Helmgang starb in Nürnberg der größte Künstler Deutschlands, Albrecht Dürer. Als junger Mensch hatte er ein­mal vor den Toren der Stadt in einem seiner so kostbaren, so mit per­sönlichster Malergenialität angefllllten Aquarelle das Iohanniskirchlein ab- gefchildert, fein und bunt und leuchtend. Auf dem Friedhof dieses Gottes­hauses hat man ihm, im Familiengrab der Familie seiner Frau, Agnes Frey, beigesetzt. Er war erst 57 Jahre alt, als er, kinderlos, von dem

von ihm so sehr geliebten Leben scheiden mußte. Auch er, wie Rafael, ein Mensch von zarter Anlage, nervös und kränkelnd; gar nicht der Renaissance-Kraftmensch, als den man ihn sich gern vorftellt und als den er sich selber in dem sehr stark stilisierten Selbstbildnis in München, mit dem Christusbart und dem Christusgelock, gerne vorstellte. Vielmehr ein ,zartes Männlein", mit schmalen Wangen und ein wenig leidendem Zug. Als er 33jährig in Wittenberg im Schloß malte, mußte er, krank­heitshalber, mehrfach unterbrechen. Wirklich ernst aber wurde das Leiden, das er sich im Winter 1521 auf 1522 in Seeland, in den Niederlanden, zugezogen hatte. Da fuhr er bei bösestem Wetter an di« Zuidersee, weil dort ein Walfisch gestrandet war. Einen gestrandeten Walfisch hatte er noch nicht gesehen. Seitdem befiel ihn ein Wechselfieber, und er ward immer elender. An dieser unbekannten Krankheit, deren Namen er nie er­fuhr, starb er am 6. April 1528 ziemlich unerwartet. Auf seiner Gruft im Freyschen Familiengrabe liegt eine einfache Steinplatte mit lateinischer Inschrift:Was von Albrecht Dürer sterblich war, deckt dieser Hügel. Darunter steht schlicht und phrasenlos und weltbedeutend sein Künstler­monogramm. *

Von Hans Holbeins Grab aber, der ein Dierteljahrhundert später in London von der großen Pest des Jahves 1543 hinweggerafft wurde, als er eben fein 46. Lebensjahr erreicht hatte, wissen wir gar nichts. Einige sagen, er solle in der Kirche St. Catherine Eve«, in Leedenhall Street, bestattet gewesen und dann, als Auigo Jones di« Kirche umbaute, verloren gegangen fein. Wahrscheinlicher ist es, daß man auch ihn, trotz­dem er der geschätzte Hofmaler des achten Heinrich war, in das groß« Pestgrob legte und dieses, aus Angst vor der Epidemie, mit löschendem Kalk zudeckte. Von Hans Holbeins sterblichen Ueberresten ist uns nichts erhalten geblieben. *

Auch Tizian starb an einer Pestepidemie, an der fürchterlichen Seuche, die im Jahre 1576 Venedig heimsuchte. 99 Jahr« alt war er, als er daran dachte, daß auch er dereinst würde sterben müssen. Er Elte an dem Bilde einer Beweinung Christi. Es sollte einstmals über seinem Grab ausgestellt werden. Und als der Raum halb fertig war mit dem Gemälde, nahteder Schwarze" und schlug ihm den Pinsel aus der Hand. Aber Venedig wußte, was es dem Großen schuldig warl Von all den Zehntausenden, di« damals von der Seuche hinweggerafft wurden, hat man ihm als Einzigen das Pestgrab erspart. Man hat dafür gesorgt, daß in der Grabeskirche des Venezianischen Adels, wo die Foscaris und die Dandolos, die Pesaros und dos edelste Blut Venedigs ihre Prunkdenk­mäler haben, der Leichnam Tizians unter das Steinpflaster gesenkt mürbe. Der Grabstein mit der Inschrift, eine einfache Marmorplatte im Fuß­boden ist noch da. Darauf stehen zwei italienische Derszeilen:Hier rut)t der große Tizian von Becelli, Nachfahr des Zeuxis und des Apelles." Jedoch, das herrliche Bild, mit der unvergeßlichen Gestalt der Magdalena, die ihren Jammer in die Welt hinausschreit, hat man ihm nicht über fein Grab gestellt. Es hängt heute im Museum in Venedig. Spätere Zeiten haben sich bemüht, Ersatz zu schaffen für das damals Versäumt«. Es ist danach geworden: eine bombastische und unkünstlerische Allegorie in Mar­moraufmachung.

Was Rubens später Recht war, hätte Tizian billig sein müssen. Denn dem Rubens ward tatsächlich sein Gemälde des heiligen Georg, das er dafür bestimmt hatte, in feine Grabkapelle gebracht und wird heute noch dort gehütet. In der Jakobskirche in Antwerpen, hinter dem Hoch­altar ist es. Heber dem Kapellen-Altar sieht man das Bild, die Verehrung der Madonna durch di« heiligen Bonaventura und Hieronymus und den Ritter Georg; und durch drei heilige Frauen. Rubens fühlte, gegen fein sechzigstes Lebensjahr, fein Ende nahen. Unb nun malte er an diesem leidenschaftlich hingeftrömten Werk, mit seiner schönsten Farbe und feinem raufchendsten Licht, der Madonna vereint, seine Lieben als Heilige, den Vater, feine beiden Frauen. Er selbst ist Junker Jörg, er stemmt die Fahne, schwer arbeitend, sein kriegerisches Gesicht erscheint ein wenig ver­wüstet, mit zerzaustem Haupthaar und Bart: in all den Stürmen seines Lebens, im Glück, von dem er viel erlebte, und im Unglück, das auch ihn nicht verschonte, hielt er aie Fahne gegen den Wind. Das ganze hinreißende Pathos dieses Mannes, das menschliche wie das malerische, lebt in diesem ergreifenden Bilde. Auf dem Grabstein über der Gruft steht in edelstem Latein zu lesen:Er durfte der Apelles nicht nur seines Jahrhunderts, sondern der Apelles der ganzen Epoche genannt werden."

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Wo liegt Rembrandt begraben? Man weih «s nicht. In der schönen Westerkirche zu Amsterdam, deren feinen Turm er abgezeichnet hat, damals, als er, bankrott und fast ein Bettler im nahen Armenviertel, an der Rozengrackst hauste. Hier hatte er sich einst, in den Tagen des äußeren Glanzes, eine Familiengruft gekauft unb bie erste Frau, Saskia, bas wohlhabende Patrizierkind, dort begraben. Anno 1642, als er die Nachtwache", (ein berühmtestes Gemälde, schuf. Zwanzig Jahr« später starb ihm dann auch die zweite Frau, di« illegitime, Hendrikj« Stoffels, dies einfache Bauernmädchen, bi« aber die große Freundin feiner sehr großen Seele war. Und als sie tot war unb er sie begraben mußt«, fand er sich fo arm, fo sehr bei der Welt in Ungnade gefallen, daß er die paar Dutzend nötiger Gulden nicht besaß, um abermals ein Grab zu erwerben. Und da ließ er den Leichnam Saskias aus dem Familiengrab exhumieren und legte den Körper Hendrikjes hinein, damit fie ruhig schliefel Einige Jahre später, als er, wie Rubens dreiunds« chzigjä h n g verschieden war, begrub man ihn ihr zur Seite. Aber es kümmerte sich dann niemand um die Stätte. Die Familie erlosch. Keiner war da, sich nach dem Grabe umzusehen. Amsterdam aber, die Stadt, die beute, wie das ganze Land, so stolz auf Rembrandt ist, hat damals sein An­denken nicht gepflegt. Unb so konnte es geschehen, baß, wenn man heute am Grade des größten Genius der germanischen Welt still feiner ge­denken möchte, daß einem n emand sagen kann, wo dies zu sein hätte. Rembrandt hat auf Erden keine Statt.