SietzenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <952 Freitag, den 18. November Nummer 90
Requiem.
Bon Friedrich Hebbel.
Seele, verfitz sie nicht, Seele, vergiß nicht Ne Daten!
Sieh, sie umschweben dich, schauernd, verlassen, und in den heiligen Gluten, die den Armen die Liebe schürt, atmen sie aus und erwärmen und genießen zum letztenmal ihr verglimmendes Leben.
Seele, vergiß sie nicht, Seele, vergiß nicht die Dolen!
Sieh, sie umschweben dich, schauernd, verlassen, und wenn du dich erkaltend ihnen verschließest, erstarren sie bis hinein in das Tiefste.
Dann ergreift sie der Sturm der Nacht, dem sie, zusammengekrampft in sich, trotzten im Schoße der Liebe.
Und er sagt sie mit Ungestüm durch die unendliche Wüste hin, wo nicht Leben mehr ist, nur Kampf losgelassener Kräfte um erneuertes Sein!
Seel«, vergiß sie nicht, Seel«, vergiß nicht die Dolen! ,
Gedanken über -en To-,
Bon Theodor Däubler.
Weit zurück reichen unserer Vorfahren Grabmaler: Vermutungen über ein Weiterleben nach dem Tode sind wahrscheinlich fast überall mit religiösem Leben zugleich erwacht. Menschen in der großen Natur sind auch heute inneren Einsichten häufig zugänglich: wir können daraus wohl schließen, daß sich kindliche Völker, dl« hoch veranlagt waren, heiligender Eingebungen erfreut haben. Darauf berufen wir uns immer noch, wenn wir menschliches Urwissen vollkommen ernst zu nehmen gewillt sind. Auch Sput wird von Kindern und Tieren, und zwar überall auf Erden, gesichtet. Sein Vorhandensein ist unleugbar, ein Gespenst braucht aber keineswegs mit einem Verstorbenen identisch zu sein. Em Herüberwirken aus dem Jenseits scheint aber ziemlich wahrscheinlich, ■lior Erwachsenen in der Vollkraft ihres Lebens, die der Wildms entrückt sind tritt Spuk seltener aus: wer vernunftmäßig urteilen kann, wird seine Weltanschauung schwerlich durch Gespenstererscheinungen be- timmen lassen. Der Unsterblichkeitsglaube erhält auf geradem Wege durch göttlichen Einfluß auf die Seele, Förderung aus einer uns unbegreiflichen Welt. Eines sei jedoch ausgesprochen: im Geheimnisvollen entstehen ununterbrochene Verbindungen zwischen unseren beiden Welthälften, der aßbaren und einer glaubwürdigen. Wir gehören in diese ebensowohl, wie in die andere, nur mit verschiedener Blickrichtung. Märchen und Sagen sind Erinnerungen an eine Kindheit, in der uns die sinne für eine nunmehr unsichtbare Nachbarschaft im Dasein offener standen. ier Mythos hingegen bleibt gerade dem vernünftigen Menschen em gegenwärtiger Freund. Unerklärliche Vorgänge finden da, m uns verstand- öcher Gewandung, ihre Deutung. Das Vertrauen in tue Em sichten »roher Religionsstifter und Weiser erhält die Seele rein: gedanklrhes "ibschweifen 'aus Wissensdrang um die letzten Dinge über die Grenzen i>es Menschlich-Faßbaren, ist meist unkeusch, marktschreierisch und verwirrend. Aus diesem Grunde stehe ich fest zu dem uiir vom Sch s »erteilten Bekenntnis: Sektenbildungen )d>ernen mir unno.ig. Der größte äugenblick meines Lebens ist es gewesen, als ich wahrhaftig em sah, .atz Christi Lehre für uns das höchste Gut eingesetzt hat.
Der Heiland wollte sich auf uns verlassen können, wir sollten ohne ^gliche oder nächtliche Beweise, daß «s Engel "nd Teufel gibt Verbauen zu höheren Gewalten, die uns nicht von Seite weichen, be sitzen. Die guten Geister verschmähen es, sich sinnfällig zu zeigen, di«
bösen aber sollen ausgetrieben, aus dem Wege geräumt, unspürbar gemacht werden. Wenn wir nun scheinbar allein da sind, kommt es darauf an, daß der Glaube unerschütterlich bleibe. Christi Worten und Taten wohnen unerschöpflich viele Gründe inne; eine seiner Absichten ist es auch gewesen, unseren Charakter, In scheinbarer Gottverlassenheit, durch fein Beispiel im Leben, beim Sterben zu bekräftigen. Seliger wäre darum Thomas gewesen, hätte er schon glauben können, ohne des Heilands Wunde berühren zu müssen. Allen Schwachgläubigen hat der Menschensohn versprochen, er würde ewig bei uns fein. Immer ist Jesus beim Vater und zugleich in der Welt gewesen: die vollkommene Einheit der scheinbar geschiedenen zwei Welthälften hat sich dadurch dreiunddreihig Jahre lang erweisen können.
Es ist ein Schluß der Vernunft, daß, wenn es einen allmächtigen Gott gibt, kein Blatt ohne fein Wissen vom Baum fallen wird. Als Christus das ausgesprochen hat, ist unsere Vernunft geheiligt worden. Sein Kreuzestod, durch den er das Leid der Niedrigsten auf sich genommen hat,,beweist die Bergebbarkeit aller Sünden: das Herabreichen des Schöpfers bis ins letzte leidende Geschöpf. Die alle erlösten Wesen zusammenfassende Auserstehung überbietet jedoch im voraus jeden späteren Pantheismus. Eigentlich tut das jedes Sterben. Auch Tiere und Pflanzen find darin unpantheistisch. Sie vollziehen, undeutlicher, ohne Vorhaben, die Sonderung des Alls in zwei Bestandteile: in den ausgeatmeten Atem Gottes, der nunmehr, obwohl geschöpft, versinken muß, und in die im eingezogenen Gotteshauch au des Allvaters Busen heimwärts gewehte Kreatur. Diese Vorstellung ist allerdings indischem Denken und Fühlen entlehnt: sie ist aber nichts destoweniger heute allgemein verständlich und widerspricht kaum grundsätzlich dem Christentum. '
Natürlich ist in diesem — aber nur in diesem — Sinne gegen einen Pantheismus, in dem Hierarchie anerkannt wird, nichts «inzuwenden: er muh notgedrungen als Theologie in Erscheinung treten. Der wirklichste Mensch ist derjenige, der das Unvergängliche in sich selbst am geradesten, ungeschminktesten in seinem Leben zum Ausdruck bringt: deshalb wird Jesu, des Gottessohnes, Wirksamkeit bis aus Ende der Tage nicht vergehen. Wer hätte jemals den Menschen besser gekannt als Jesus, die Fragen der Welt eindeutiger aufgerollt? Das Urteil über alles Unheil auf Erden war ihm vertraut, darum kannte er der Sünde Wesen besser, als die damit Belasteten selbst. Er durchschaute Gründe und Zusammenhänge der Wirrnis vom unverrückbaren Standpunkt des ordnenden Schöpfers aus. Dies« vergängliche Welt hat er erleichtert, weil er das Gewicht in die ewig dauernde gelegt hat: aus ihr herüber wirkt das Gewissen und beeinflußt unser« Handlungsweise. Nur was ewig ist, gilt; wir sollen darum von unserem Wesen so wenig wie möglich mit haltlosen Dingen der Umwelt verknüpfen und es dem Vergehen nicht preisgeben. Wer, der Christum liebt, und in ihm den reichsten Spender erkennt, könnte an der Unsterblichkeit zweifeln? Er hat sie uns durch fein Wort versprochen, durch seine Taten vergegenwärtigt. Vieles von uns bleibt, hier in den Körper eingeschlossen, unbewußt. Es gibt Männer in Indien, die behaupten, ihres Körpers täglichen Auf- und Abbau, ja von Kindheit an des ganzen Leibes Wachstum, dann auch den Verfall schauen zu können. Sie wären also, für sich, bewußt an der Schöpfung teilhaftig. Für uns gelte: das geheime Geschehen in der Seele mag in ihrer Heimat klar erscheinen! Vielleicht sollen die göttlichen Einflüsse, die wir jeßt' nur ahnen, vor dem inneren Lichte hervortreten. Die höheren Errungenschaften um uns könnten dann nicht verhüllt bleiben. Die tiefsten Verzückungen werden lebendig strahlen. Die Auswirkungen unseres Tuns hier mögen dann verblassen: oft sind die Folgen gut gemeinten Tuns auf Erden verhängnisvoll; von Engeln aber heißt es, sie sähen bloß di« Gesinnung. Jede Veranlassung zu menschenwürdiger Handlungsweise verschwindet aber, weil sie aus himmlischem Born gespeist worden ist, in der Sicht eines im Jenseits Geborgenen nie.
lieber ein Leben nach dem Tode steht in den Evangelien viel geschrieben, darüber aber, wie es geartet sein wird, nur wenig: wir sollen zu einem christlichen Leben Vertrauen in den Heiland mitbringen. Unser äeitolter, das konkrete Dinge zu erfahren wünscht, fühlt sich aus diesem runde vielfach von Theosophie und anderen Lehren, di« auf des Inders Wissen beruhen, angezogen; denn da wird dem Suchenden viel über die letzten Dinge berichtet. Unsere Seelenverfassung ist jedoch von der indischen so verschieden, daß wir zweifeln können, ob das, was auch dort Symbol bleibt, bleiben muß, von Nordländern wirklich erfaßt werden tonn. Beispielsweise wird die Vorstellung von den Wiedergeburten hier zu buchstäblich genommen. Es heißt doch, daß die Inder selbst, allerdings in ihrer Esoterik, an persönliche Wiedergeburten nicht glauben. Jedenfalls scheut der Buddhist die Reinkarnationen, trachtet er, ihnen durch Zurückgezogenheit vorn Leben zu entgegen; unser« Theosophen hingegen fassen' dies« Doktrin optimistisch, somit unindijch auf: voll von Begeisterung, sind sie gewillt, noch manches irdische Dasein auf sich zu nehmen.
Im Abendland haben di« Priesterschasten den Ansichten über das Leben nach dem Tode freieren Spielraum gelassen. So konnten die


