Ausgabe 
18.7.1932
 
Einzelbild herunterladen

in

»i

««

*

ti

Ur ®ei

5re Ä dki Sei 5o(

«ki $»

Sei

»i * «et

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. ®rud und Verlag: Drühl'lche Univerfitäts-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießer

Geiger und einer --------- ....... ,

sich schauend, aber, gleich dem ansehnlicheren Bruder, von geschmeidigem Wüchse. Neben ihnen war noch eine Gitarrespielerin, ein blondes, bk- mögliches Ding, mit zwei blauen verliebten Augen; sie lief sogleich dnich. Hof und Haus und machte sich überall zu schassen. Ms draußen tet Mond am Himmel stand, schob sie ihren Arm in Kättis Arm und M diese mit sich in den Garten.Komm," sagte sie,ich muß meinen Mu11) einmal wieder laufen lassen; da drinnen die Gundel und ihr Brudn könnten einen schier zu Tode schweigen!"

einanderfaltete, in der offenbaren Absicht, seinen Inhalt vorzutrage». Fräulein", sagte er demütig,Sie werden mich nicht verkennen!"

Gewiß nicht, Herr Petersen," erwiderte Kätti, indem sie das Bür neben ihm auf den Tisch stellte; der Unterlehrer erschien ihr noch wunde,, licher als ihr Vater.

Herr Petersen räusperte sich und begann hierauf zu lesen; aber schm nach den ersten Versen denn Verse waren es, di« von der Seligleit des Himmels handelten, geriet er ins Stocken und wurde von irgetti« einer ihn bestürmenden Erregung so kirschbraun im Gesicht, bafj Kiuti sich im Ernst um ihn zu ängstigen begann.

Lesen Sie doch weiter, Herr Petersen," bat fie;es klingt g«q hübsch; haben Sie das selbst gemacht?"

Wer er wagte keinen weiteren Versuch; noch einmal, wie in getaut- samer Ermutigung, sah er sie mit ausgerissenen Augen an; dann drückte er hastig das Papier in ihre Hand, und Bier und Müße auf dem Tish im Stiche lassend, stolperte er auf seinen Plattfüßen eiligst die Steige nach dem Fluß hinab.

Kätti sah ihm ziemlich gleichgültig nach; als sie jedoch in dem an »et« trauten Schriftwerk weiterlas, schlug eine flammende Röte ihr ins Ti< gesicht, auf dem großen Papierbogen in schulgemäßer Schrift und zwisch-a ausgelöschten Dleistiftlinien stand hinter der Seligkeit des Himmels ei ne unverkennbar irdische Liebeserklärung, der ein gut bürgerlicher Heirat»« antrag folgte.

Ihre Hand ließ das Papier zur Erde fallen, und fast zuckle eins iw flinken Füßchen danach hin; aber es kam nicht weiter: Kätti schüttelte sich nur ein wenig; dann hob sie das verachtete Schriftstück auf und trug ,5 sorgsam in die Küche, wo eben ein einsames Feuer unter dem groben

Jin mit in

Srt ! OQt

h

3ou M kn,

Ein Vöglein singt so süße

Vor mir von Ort $u Ort;

D meine müden Füße!

Das Vöglein singt so süße;

Ich wandre immer fort.

Sträkelstrakel hatte sich selig lauschend gegen die Wand g^nt, Geige ttnö Bogen müßig in der herab ng enden Hand.Geht es nicht weiter r frug er leise, als Kätti nach dieser ersten Strophe schwieg.

O doch! Wer ich weiß nur noch das Ende! Dann griff sie wieder in die Saiten und fang aufs neue:

Wo ist nun hin das Singen?

Schon sank das Abendrot

Die Nacht hat es verstecket,

Hat alles zugedeckei;

Wem klag' ich meine Not?

Kein Sternlein blinkt im Walde,

Weiß weder Weg noch Ort;

Die Blumen an der Halde,

Die Blumen in dem Walde, Die blühn im Dunkeln fort.

Von der offenen Veranda her erscholl ein lautes Händeklatschen: Bravo, bravissin,o!" Herr Zippel war während der letzten Strophe ein ungesehener Zuhörer gewesen und jetzt im besten Ansatz, seiner Be­geisterung Lust zu machen. Wer Kätti hatte wohl diesmal kein« Neigung gehabt, den Reden ihres Baiers ftandzuhalten; als er in den Saal trat, fand er nur noch den kleinen Musikanten, der sich mit seinem blau- karierten Taschentuch die Augen wischte.

*

Das Einweihungsfest und noch verschiedene andere Feste, Wald- und Wasjerfahrten, waren unter lebhafter Beteiligung vorübergegangen; als dann der Winter seine dunkle Eisdecke über den Fluß breitete, standen Herrn Zippels fröhlich bewimpelte Zelte auf derselben, und aus der an der Flußmündung belegenen Nachbarstadt flogen Schlitten und Schlitt­schuhläufer ab und zu. Der hagere, milzsüchtige Pastor, der die neue Wirt­schaft nie anders alsZipperleins Wald- und Wasserleiden" nannte, hatte in seiner Sonntagspredigt schon die deutlichsten Anspielungen auf Sodom und Gomorra fallen lassen.

Dann aber kam die trübe Zeit, wo alles in Tau- und Schlacker­wetter untergeht, und dann der Frühling und der neue Sommer. Die goldene Inschrift über der Veranda hatte nun schon fast ein volles Jahr Glut und Winterungemach bestehen müssen, sie leuchtete nicht mehr so lustig wie im vorigen Sommer, und vielleicht mochte es damit zusammen- häng.'n, daß jetzt selbst an Sonntagen die Zahl der Gäste nur eine dürftige war, ja daß man allerlei unbillige und bedenkliche Vergleiche zwischen dem neuen und dein alten bäuerlichen Wirte anzustellen begann. Soviel war gewiß, Kätti hatte eine Menge Zeit und wußte nicht recht, wohin damit. Sie musizierte wohl noch an einzelnen Abenden mit Sträkelstrakel in dem leeren Saale, sie sang und spielte auch wohl ein­mal, wenn Gäste unter der Veranda saßen; aber sie tat 'das eine mehr, um die schüchtern fragenden Augen des kleinen Musikanten zu befriedi­gen, das andere nach dem Willen ihres Vaters, dem sie nicht entgehen konnte. Mit den Töchtern der Bauern wußte sie nichts zu reden und diese nichts mit ihr; nur der junge Unterlehrer, ein gutmütiger Mensch, mit Plattfüßen und gelbblonden Haaren, saß oft stundenlang neben ihr am Klavier und blickte, gleich Sträkelstrakel, in stummer Anbetung zu ihr auf. Aber was kümmerten sie eigentlich diese beiden Menschen!

Manchmal nahm sie das kleinste der beiden weiß und grü-n gestriche­nen Boote und ruderte den Fluß hinauf, bis wo am Ufer entlang sich große Binsenfelder streckten. Durch einige führte eine Wasserstraße wieder auf die Flußbreite hinaus; in anderen gelangte sie nach einer schmalen Oesfnung, durch welche das Boot, nur mit eingezogenen Rudern hindurch­glitt, auf «inen stillen, rings umschlossenen Wasserspiegel. Hier an schwü­len Sommernachmittagen, legte sie gern ihr Fahrzeug in den Schatten einer hohen Binsenwand; auf dem Boden des Bootes hingestreckt, 'die schmalen Hände über dem schwarzen Haar gefaltet, kannte sie ganze Stunden hier Derb ringen. Die Abgeschiedenheit des Ortes, das leise Rau­schen der Binsen, über denen das lautlose Gaukeln der Libellen spielte, versenkte sie in einen Zustand der Geborgenheit vor jener doch so nahen Welt ihres Vaterhauses, in der sie immer weniger sich zurechtzufinden wußte.

Da sie nach einer solchen Ausflucht eines Nachmittags durch den Gar­ten ging, sah sie in einer der Lauben den Unterlehrer vor einem teeren Bierglas sitzen. Bei ihrer Annäherung stand er schüchtern auf.O bitte, Fräulein," jagte er,ich habe Ihrer lange hier gewartet." Da sie aber frug, was er denn von ihr begehre, stammelte er etwas und bat sie end­lich, ihm ein Seidel Bier zu bringen. Kätti ging mit dem Glase in das Haus; als sie in die leere Gaststube trat, sah sie ihren Vater vor einem Papiere sitzen, auf dem er lebhaft mit einem Bleistift hin und wieder arbeitete.Unauslählich!" murmelte er.Unausläßlich! das reine Wald- unb Wiesenwasser! Daß einem das nicht schon im vorigen Sommer ein­gefallen ist!"

Was denn, Vater?" frug Kätti.

Wer er beachtete sie gar nicht; sein schon recht grau gewordenes Haar mit allen Fingern in die Höhe ziehend, fuhr er fort zu murmeln und zu stricheln.

Kätti zapste das Bier ei ' und ging mit ihrem vollen Seidel fort. Als sie im (Barten zu der Laube kam, stand dort der Unterlehrer und hatte gleichfalls einen beschriebenen Bogen in der Hand, den er eben aus«

Kessel lohte.

Noch einen Augenblick, und die Flammen hatten di« ungelegene Ito« beserklärung ergriffen; und Kätti schaute sorgsam zu, bis auch das letzt! Wort davon vernichtet war.

--Am Wend dieses Tages hatte ein Bruchteil von einer w- sprengten Sängerbande sich ins Dorf verschlagen, und Herr Zippel Dir- säumte nicht, mit derselben für den folgenden Tag eine jener Festivität!! zu veranstalten, die so wenig den Beifall seines Seelenhirten fanden. Die Gesellschaft bestand zunächst aus einem Geschwisterpaar«, einen Harfenspielerin; letztere wenig hübsch und mürrisch mir,

Was schauen Sie mich denn so an?" fuhr sie fort, als Kätti ijjt< dunkeln Augen auf dem hübschen lachenden Antlitz rul>en ließ.Meme Schwester hätten Sie sehen sollen; ach, war die schön! Nur gut, daß 4 nicht mehr neben der zu fingen brauche; sie hat einen reichen Mm» geheiratet; o, es heiraten viele von uns sehr reiche Männer!"

So?" sagte Kätti.Wo wohnt denn Ihre Schwester?"

In Wien in einem sehr schönen Hause; ihr Mann ist ein berühnM Uhrenhändler."

In Wien?" Kättis Aufmerksamkeit wurde jetzt doch rege.Komm«« Sie so weit herum?"

So weit? Wir kommen allenthalben. Aber Sie singen um spielen ja auch; Sie sollten mit uns kommen; was wollen Sie hier lang" auf dem Dorfe sitzen! Ich freilich muß noch morgen von den ander«« i fort; ich muh zu meinem schwedischen Grasen, der erwartet mich!"

Ein Graf!" wiederholte Kätti voll Verwunderung.Werden Sie p mit dem verheiraten?"

Weshalb denn nicht? Erst reisen wir zusammen auf ein paar Moe«« nach Baden-Baden." ,1

Kätti kannte den Ort aus ihren Geographiestunden.Nicht toatHJ sagte Sie,da, wo die vornehmen Leute Hinreisen und ihr Geld M1 spielen?"

Die andere nickt.Ich bin schon einmal dort gewesen; das 1oW| Sie sehen, die schönen Menschen, die großen Feuerwerke, als ab auf ew mal alle Sterne vom Himmel herunterfallen; wie in einem Märchrk sagt mein Graf."

Noch lange gingen Kätti und die Gitarrespielerin Arm in Arm auf®' mondhellen Gartensteigen; der hübsche Plaudermund des fahrenden Mo» chens wußte immer Neues zu erzählen; vor Kättis Augen stiegen « Zauder der Ferne auf.

Ein Vöglein singt so süße

Vor mir von Ort zu Ort;

sie wußte nicht, warum die Melodie ihr immer vor den Ohren summte j

Etwa vier Wochen später und etwa zwanzig Meilen weiter südlich P deutsche Land hinein geschah es, daß eines Vormittags Wulf Fedders, »s einstige Primaner, jetzt doctor juris utriusque, in einer mittelgroßen StiU' l aus einem Wochenwagen stieg. Eine Weile sah er die Straße hinauf, eben Jahrmarkt war, wars noch einen Blick auf das SchildZum b.aifc' Löwen", unter dem der Wagen hielt, und trat dann ins Haus, um P. zur Weiterreise auf der von hier nach Norden hin beginnenden EisenvM' 1 zu stärken.

In der Tür zur Gaststube ging ein etwas bleicher, aber stattlich sehender Herr an ihm vorüber, der sich sein weißes Schnupftuch gegen ' eine Wange drückte. Der junge Doktor sah das; aber er achtete nicht uw darauf, sondern setzte sich an einen Tisch und ließ sich auftragen.

(Fortsetzung folgt.)