Ausgabe 
18.4.1932
 
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Men ist mir die Einwilligung de^Dresdner Kabinettskanzlei zugestellt, * danach ich die Schneeberger Gruben befahren darf. Ich werde Dich also bis dahin begleiten können. Für den Abend habe ich mich von allem losgesagt und weiß durch die Waldner, daß Du dem Konzert nicht bei­wohnen wirft. Ich will gleich zu Dir kommen, Geliebte, f-er s nur aus eine Stunde. Unsere Zeit wäre sie doch ganz unser geworden geht zur Neige Die Fahrt nach Schneeberg noch, und dann, Lotte, will ich für manche Woche verschollen sein. Daß ich Dir zeigen konnte, was Du mir bist, daß ich Dir alle Liebe zeigen könnte!'

Die Frau Oberstallmeisterin war von dem Schreibsekretar, auf dessen Platte die erste Seite eines Briefes trocknete,, ans Fenster getreten, indes der junge Vogel aufmerksam wartete. Sie sagte halb abgewendet m den Abend hinaus:

,Zch lasse den Herrn Geheimrat bitten, lieber Vogel.

Und der herzogliche Geheimkanzlist Vogel schlüpfte durch die Tur, nahm je zwei Stufen der Treppen auf einmal. Es galt einen Abend ohne Papier Feder, Tinte, Lichtfchere und frei von dieser stockenden, sonoren, selbstsatten Stimme, die ihn bis in den Traum verfolgte. Davon und in den Umtrieb flanierender'Gäste: hinter Bürgertöchter her,,die unter dem Lichtzünden Arm in Arm über die ,Wiese' und den Ring spazierten, während die Alten einander in den dunkelnden Stuben heimsuchten fpäter bann art den ^Röfyrtaften öorbei, n>o die MäZd^ Söaflcr yatten! Auch hohe Herren verschmähten das nicht.

Charlotte hatte sich ans Fenster geletzt und nahm die Nadelarbeit, die enden, Kleid, Haarband und Brusttuch in Ordnung zu bringen. Er kam ohne Hut und Stock. Der .Goldene Strauß' und die .Drei roten Rosen lagen nur durch ein Haus und ein Gäßchen getrennt. Er zog ihre Hand an die Lippen und drückte sie, die zarte, leis« wehrende Hand, als wolle er einen Schmerz bannen, an seine Stirn.

Mein Freund ...?"

Er gab sie frei.

,Laß mich eine Weil« in dem Atem sein, der dem Zimmer füllt; aus­ruhen, mich finden. Da draußen verliere ich mich nur."

Du kannst dich nirgends verlieren, Lieber. Aus einem nüchternen Grund: weil du dich überall selbst suchst."

Ueberall! Immer draußen, außer mir."

Er lehnte sich an den Sekretär, sein schmales Gesicht war abgespannt doch beherrschter, als seine Worte klangen.

.Als sei unser Eigenstes nicht mehr bei uns! Aber dort, wo mir es suchen, ist es niemals zu fassen, als griffen wir nach Wolken. Wir jagen unserem Urbild« nach so qualvoll, wie die Pflanze heiter und sriedsam dem ihren nachwächst. Das scheint mir eigenstes Verhängnis der Menschen. Ein göttliches Verhängnis vielleicht! Könnten wir je erreichen, was vor uns schwebt, ich glaube, die Welt müßte still stehen, und Gott hatte sich wiedergesunden, dieser verausgabt« Gott! So mag «s eine Sehnsucht Gottes sein, unter der wir leiden."

Charlotte hatte sich ns Fenster gesetzt und nahm die Nadelarbeit, die zufällig vor ihr auf einem Tischchen lag: sie fühlte, daß beruhigende Zeichen nottaten. Er sah nur ihr zartes Profil und es schien so jugendlich, daß ihm das Herz vor Verlangen schwoll, gut zu ihr zu fein.

Sie sagte still:Du hast in den letzten Tagen jede übrige Stunde dort­hin gewendet, wo du nicht mehr bist. Herder hat mir gesagt, wie schwer es dir wird. Darum sindest du dich nicht. Du bist noch nicht alt genug, dein früheres Leben in ein Sammelwerk einzubalsamieren und dabei still zu werden. Aber Herder ist voll von deinen einstigen Geschöpfen; er liebt sie mehr als du." ....

Goethe berichtete:Werther ist gebessert, alles was Kestnern kranken könnte, ist behoben. Gebe Gott, daß es nun gut geraten sei! Götz ist zu Ende, die Mitschuldigen, Clavigo, die Geschwister. Sei es auch gut, wie es sei. Ihr werdet euch zufrieden geben. Aber da stehen die andern: Egmont, Tasso, Elpenor, Faust! Torso bei Torso, von Wilhelm Meistern zu schweigen. Und sie starren mich an. Die sind mein Gleichnis. Darm fiiide ich mich: Stückwerk, Verlangen nach Erfülltheit. Und es ist mir, als könnte ich sie nie beenden. Du hast recht: weil ich ein anderer bin seither. Soll mein Gewissen nicht rege sein? Ich, der ewig Entfremdet«, lege Hand an das, was Wachstum eines überlebten Lebens ist! Ich bin ihr Ursprung nicht mehr, also werde ich weiterhin lügen müssen. Und überall sonst? Wo bin ich denn noch? Wo ist mein Teil am Herzog hm- geraten, wo an Herdern, Wielanden, Knebeln? Mit Lavater bin ich bis in die letzte Faser zerfallen. Du, du einzige, Lotte, mußt mich noch

enthalten!"

Er näherte sich ihr, ihre Hände ruhten im Schoße, sie lehnte sich lauschend zurück.

Daß du nie müde werden kannst!"

Ich bin's müde, Lotte, ich bin's."

Ja, du bist's, um andres zu wollen. All dessen bist du müde, was durch dich hindurchgegangen ist, aber all des andern bist du voll Ver­langen. Begierig bist du, müde nicht!"

Er war nahe daran gewesen, sich vor ihr niederzuwerfen, seinen Kopf in ihren Schoß zu legen. Aber diese kurze Wechselrede brachte ihn zu sich. Er ging einige Schritte in die Tiefe des Zimmers. Dort blieb er stehen und sagte zu dem Schattenriß des Kopfes vor dem Fenster:

Ich habe mir das Karlsbad dieses Jahres anders erhofft. Das schmäh­liche Warten in Weimar hat mein« Erwartungen Überspannt. Was ist auch geworden? Tag für Tag in den Gärten, in der Allee, in den Sälen, auf dem Schiebhause. Der Herzog will feinen Hofstaat. Mit allen andern hätte es ein ruhiges Leben sein können. Die Lengefelds, Ziegesars, Her­der, Linchen und Gustl, di« Waldner, die Imhoffs, si« wären ein stiller Kreis geworden, selbst die Asseburg mit ihrer preußischen Zunge und die Lanthiery mit ihrer Schönheit hätten sich darein gesunden und du, du wärest mir für manche gute Zeit gebtieben!" Er ging, die Hände auf dem Rücken, hielt ein, ging.Wär' ich nicht zwei, drei Male mit dem Professor Titius und dem Räcknitz entkommen etwas Botanik und Gesteins-

welt ich wäre des Hofs nur für den Verleger ledig geworden. Jetzt sitzen sie im Böhmischen Saale, mir sind nicht dabei, Lotte! Freut es dich nicht?"

Nein, Lieber, ich wäre mit ihnen, wenn ich heut« Musik vertragen könnte." , _

Aber er wollte nicht wahrhaben, daß sie unpäßlich sein könne. Er war bei ihr, sie sollte sein Herz fühlen, das voll und bang war.

, Musik!" Er wischte das Wort in der Luft aus.Kann dir ein Quatuor der Czinskischen Musikanten oder ein Arie, etwas Tee oder ein Tanz so viel sein wie die Stunde, die uns allein gehört?"

Warum schlägst du alles in eine Schanze, als müßten die Würfel über uns fallen? Wir werden noch viele Stunden haben, du Lieber, die Musikanten der Czinfka aber gehen mit ihr und sie sind remarquable in ihrer Fertigkeit."

Sie probt für ihr Fest übermorgen wirst du von den Leuten genug hören." ,.

Eine Tyrannei! Ich weiß, was dir fehlt: war« der Herzog nicht ge­kommen, so würde Goethe seinen Hofstaat haben."

Er lachte, hell und versöhnt, und sie beugte sich auf die Arbeit nieder, daß er nicht merke, wie in ihr Ernst und Neckerei die Waage hielten.

Dann wärest nur du die Herzogin, Lotte."

Nirgends kannst du der Zweite fein, das ist es. Lache, lache nur.

Und schon lachte er nicht mehr, er antwortete:

.Ich bin stets hintan. Nicht einmal den Zwischenkieserknochen will man mir lassen; auch darüber sei ein Franzose zuerst gewesen. Der Erste sein, das gilt Genie, der Bedeutendste fein, nicht. So ist es im Leden, so ist es im Staate. Das hab' ich neulich du warst am Tage früher ab gereift an dem Marschall von Holland, dem Herzog Ludwig, just gesehen. Schade, daß er nicht regierender Herr war! Wer sich mit Administration abgibt, ohne regierender Herr zu fein, der ist entweder ein Philister oder ein Schelm oder'ein Narr. Der Marschall war nur des Prinzen von Dranien Verstand, nun haben sie ihn zum

Teufel geschickt."

Dich schickt man nicht zum Teufel."

Nein, lieber fährt man selber nach Berlin."

Jetzt lachte Charlotte. .

Bald wirst du dich entledigt haben", meinte sie,und dann wird unsere Stunde um fein. Ober wird sie dann erst kommen?"

Er ging mit raschen Schritten zu ihr, aber sie beugte sich über die Arbeit, als wolle sie Herz und Hände schützen. Er sah auf die leicht- gepuberten Locken nieber, die in ihren zarten Nacken fielen. Sie hatte den Faden aus der Nadel gezogen und trennte die letzten Stiche auf, sie mußten ihr mißraten sein. Er hörte:

Bis nach Schneeberg fährst du also mit. Der Herzog hat mir einen Wagen geliehen. Es ist die alte, auf den Schnitt vergoldete Berlin« mit den wackeligen Fensterrahmen an den Türen. Im Magazin an der Brauhausgasse ist sie eingestellt; wir sollten sie besehen lassen."

Goethes Mund wurde dünn.

Ich will mit dem Stallmeister reden, morgen, er ist verläßlich. Meine Chaise hat in Eger repariert werden müssen und ist zurückge- gangen. Ich werde von hier nicht mit eigener Gelegenheit fahren. Es ist mir leid darum, daß ich dir nichts anbieten kann. Auch Seibel bleibt in Weimar zuhause; ich werbe ohne Diener sein."

Ich weiß. Auch unter srembem Namen wirst du. reisen. Du ver­steckst dich gerne."

Kein Versteck." Er fügte langsam hinzu:Man soll nicht viel reden von dem, was man vorhat. Worte versuchen das Schicksal, Worte wollen bannen und verpflichten. Man soll nicht einmal den Namen an bas knüpfen, was man vorhat, die Widerstünde des Geschicks nicht

wecken."

Charlotte antwortete nicht, er mußte weiter:

Uns ist freilich das Wort schal geworden, Scheidemünze, nicht werk, was auf der Prägung steht. Aber Rebe, Wort finb mehr. Völker, die noch unabgefunben finb, wissen barum. Man soll kein Schicksal feftlegen wollen. Ich werbe unfrei, wenn ich von dem spreche, was werden soll. Das innere Wachstum ist bann gestört, und dort ruht unser Geschick."

Du willst dein Versteck nicht verraten."

Goethe wandte sich ab, er fühlte seine Befangenheit vor ihr.

Das sollte meine Lotte nicht sagen, die mein Herz kennt."

Ja, mein Goethe, die es kennt. Aber unsere Zeit ist bald um. Du solltest uns aus deiner Iphigenie lesen; bann werben wir alle bei dir fein. Morgen mußt du es tun: übermorgen ist bas Fest, unb um einen Tag weiter finb wir nicht mehr ba.

Sag's den andern an, das Zimmer in den .Drei Rosen' ist groß genug."

Goethe befiehlt seinem Hof."

Es ist auch dein Zimmer gewesen, Lotte."

Er wich von ihr und setzte sich abseits; sie schwiegen eine kleine Weile. Dann legte sie die Handarbeit ab und schellte. Minchen brachte die beiden Kerzen und ging. Charlotte legte den Brief vor ihn auf den Tisch.

Ich habe an Stein wegen der Meinen' geschrieben. Eine Torhett, für die Werthern zu bürgen!"

Daran wird Stein nichts bessern", meinte Goethe, las aufmerksam unb gab etlichen Rat.

Sie sprachen von dem Gute Kochberg, wo Charlotte den Herbst ver­bringen wollte, unb von Fritz, ihrem Liebling, Der mit Seibel in Goethes Haus wohnte. Was sollte mit Fritz werben?

Ich kann Fritzen biesmal nicht bei mir haben. Seibel wird gut für ihn sorgen; er weiß alles um mich unb ist treu wie keiner sonst."

Deine üibimierte Kopie so heißen sie ihn."

Mögen sie ihren Spott haben! Ich weiß, was er mir ist, unb auch du halte ihn wert."

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch» und Eteindruckerei. R. Lange, Gießen.