SieheimZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Hummer 55
Montag, den 18. Juli
Jahrgang 1932
platz geführt.
Da schwimmt es heiter und zierlich, wartet auf mich und schaut nach mir aus. Ich kehre zu ihm zurück und klettere triefend und erfrischt über Bard, ziehe die Ruder ein und lege mich der Länge nach auf den Boden. Nackt in der Sommersonne zu liegen ist immer eine Wanne; es ist schön, wenn man es auf einer Wies« ober im Sand am Ufer oder auf der Dachterrasse eines Hauses tut, aber nirgends ist es so schön wie auf einem großen Wasserspiegel im Boot, das wie ein Kelch die Wärme empfängt und hält. Da geht der Sonnenbrand durch Haut und Fleisch bis ins Mark und wenn es zuviel wird, braucht man nur einen raschen Sprung zu tun und liegt sogleich im tiefen klaren Wasser. Zu Anfang des Som- mers, wenn der Leib noch weiß und kleidergewohnt ist, gibt es kleine Beschwerden, da brennt die Haut und rötet sich und schält sich ab. Dann aber wird sie fest und braun und sonnensicher, und bann kommt bie Zeit, ba ber Leib seiner selbst froh wirb unb in animalischem Wohlsein atmet und gedeiht unb Sonne, Wasser unb Lust als seinesgleichen fühlt. Dann hört auch bie Empfinbung ber Einheit von Leib unb Seele auf, ein peinliches Abhängigkeitsgefühl zu fein. Denn wie ber Körper sich frei unb wohl unb sicher fühlt, so legt bie Seele das Kleid der Gewohnheit unb Alltäglichkeit von sich, atmet erstaunt unb frei, kehrt zu heimatlichen Quellen zurück, wirb dankbares Kind ber Erde unb Sonne, fühlt Ver- waiidt chaft mit allem Lebenben unb lernt bie Sprache ber Mutter Erbe rmeber verstehen. Sie wirb Kinb, Welle, Wolke, Lieb, sie singt unb träumt, sie erlebt Sagen unb Wunder. Wie alle Dichtung Erinnerung ist, so sinb'die seltsamen Regungen und phantastischen Träume, die in solchen Sonnenstunden in uns spielen, Erinnerungen an fernstes Ehemals, an Schöpfung und Urzeit, an den „Geist über den Wassern ...
Ein leiser Luftzug weckt mich auf. Der See beginnt sich in unendlich feinen zarten Linien zu träufeln, die Wolken über dem Gebirge haben sich vereinigt und wachsen mit stummer Eile himmelan, werden dunkel und drohend. Bald wird es Donner und Wind geben, vielleicht Sturm. Wie bas im Luftreich arbeitet, strebt unb brütet! In Eile werfe ich die
Das ersehnte Gewitter.
Von Friebrich Theobor Vischer.
Es glüht das Land, es lechzet Die ausgebrannte Au, Jedwedes Wesen ächzet Nach einem Tropfen Tau.
D Himmel, brich! Erschließe Dies Blau aus sprödem Stahl, Nur Regen, Regen gieße Herab ins schwüle Tal!
Er hört. Im Westen webet Und spinnt ein grauer Flor;
Er ballt sich, schwillt und schwebet Als Wolkenberg empor.
Jetzt mit den Feuerzügeln Fährt auf der jähe Blitz, Und auf den luft’gen Hügeln Löst er fein Feldgeschütz.
Heut hat man baß geladen. Es zuckt wie gestern nicht In fahlen Schwefelschwaden Ein stumm verglühend Licht. Wild schießt ber Strahl, ber grelle, Aus dichter Wolkenwand, Rings lodert Geisterhelle, Der Himmel steht in Brand.
Es kracht. In Ketten wandern Die dumpfen Donner fort. Von einer Wacht zur andern Rollt hin das Schlachtenwort. Was atmet, rauscht und sauset? Frischauf! Der Sturmwind naht, Der Wald erbebt und brauset. In Wogen geht die Saat.
Schon dampft ein Meer von Würzen Aus der behauchten Welt, Und satte Wetter stürzen Auf das geborftne Feld.
die ich besitze, ist es das einzige, das fern von fern von den Geschäften des Alltags draußen .... — --------
wie ein Stück Natur, wie ein Baum oder ein Tier. Es ist vielleicht auch von allen Dingen, die ich besitze, das einzige, an welchem nur schöne, reine, liebe Erinnerungen hängen. Mein Boot hat mich wohl schon traurig, nachdenklich ober mübe gesehen, aber es sah mich nie verdrießlich, ängstlich, mißmutig, hastig unb zornig. Es ist mir auf ungezählten Fahrten lieb unb vertraut geworben, ich kenne alle seine Fähigkeiten unb Vorzüge, auch seine wenigen kleinen Fehler, es hat mir hunbertmal genügt unb mich hunbertmal erfreut unb vergnügt, unb ich habe es geschönt unb gepflegt, mit Teer verdichtet, mit schönen Farben bemalt und jedesmal am Strande zu einem sicheren, sandigen unb guten Lande-
Unbegreifliche Vergangenheit! Alexander der Große und der Perser- könig Darius sind mir nicht ferner und merkwürdiger und Unverstand- sicher, als es ber heutige Morgen unb ber gestrige Abend ist. Was tat ich? Ich weiß nicht mchr; vielleicht Briefe schreiben, vielleicht Bücher lesen Warum tat ich es? War es notwendig? War es gut? War es unnütz und schädlich? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, daß jetzt in dieser gegenwärtigen herrlich schönen Stunde bie Mittagssonne mir bie Arme unb das Gesicht noch brauner macht, daß auf der weiten Wasserfläche unerhörte, fabelhafte Farben spielen und inbrünstig glühen, daß aus der glühenden, strahlenden Höhe Gott herabschaut in dies Tal unb Gebirge unb diesen See und seine Ufer samt Dörfern, Klöstern, Hosen und närrischen Menschen mit Wohlgefallen unb Güte betrachtet. Unb ich weiß auch, daß alles, was ich in biefer Stunde, sehe unb lebe unb tue, gut unb notroenbig unb köstlich ist. _ ...
Denn jetzt sehe ich Gott in bie Augen; jetzt redet der Geist der Erde und der Geist ber Höhe, ber See unb bas weithingeftreckte Gebirge mit mir Jetzt bin ich kein einzelner, keine Persönlichkeit, kein ängstlich abgetrenntes unb untergebenes Wesen mehr, sonbern einfach ein Kind ber Erbe, bas keine eigenen Gebanken unb Wünsche unb Sorgen hat und hingegeben dem größeren, reichen Leben ber Stifte unb Wasser, Wolken unb Wellen zuschaut. .
Unb nun habe ich unvermerkt bie Seemitte erreicht. Dorf unb Kirche des verlassenen Ufers sind ferngerüctt und klein geworden, die Gebüsche am Strande fließen ineinander, und über bie Hiigelhöhe hinweg, bie nock vor einer Weite bie höchste war und scharf im Blauen stand, sehe ich jetzt ferne Berge ragen, Berge mit dunklen, weichen Waldrticken und andere mit steilen Felshängen. Weit um mein Boot her glänzt ber unbewegte Wasserspiegel, unb nach wenigen Augenblicken bin ich ber Kleiber lebig, habe ben köstlichen Sprung ins Kühle getan unb schwimme ziellos in dem weichen, burchsichtig reinen Wasser bahin, in Bögen unb Kreisen, balb heftig schlagend und plätschernd, bald unhörbar, leise und heimlich. Mein weißes Boot ruht leicht und schwebend auf der Fläche und spiegelt seine lichten, besonnten Flanken wie ein schöner,
Sommer — Sommer!
Von Hermann H e s f e.
Still löse ich bie rostige Kette vom alten Baumstamm, schiebe mein leichtes Ruberboot ins Wasser, knie hinten aus unb stoße vom Strande ab. Der See liegt weit hinaus spiegelglatt und flimmert 9™n .
Die Sonne brennt in voller Mittagskraft herunter und der eifte tige Seerand spiegelt einen blauen, leuchtenden, von feftgeballten schneeweißen Sommerwolken durchzogenen Himmel.
Hinter mir entweicht das schattige Wiesenufer mit hohen Pappeln und breiten, alten, tiefhängenden Weiden, und mit dem Ufer sticht ch bas zurück, was mir dort am Lande Arbeit unb Freuden, Sorge macht. Es wirb fern unb unkenntlich versiert an Wichtigkeit unb Wert, unb je weiter ich in ben blenbenben Brand derFarbenunb Stifte hineinfahre, befto frember, älter, unbegreiflicher wirb bas kaum '^Ät alles, wie ich es liegen sieh. D° «egen Bnef« auf bie ich antworten soll, und Rechnungen, die ich bezahlen "nd Einladungen, denen ich folgen soll, angefangene Arbeiten und aufgeschlagene Bucher Alle diese Dinge cheinen mir, indes ich lang am feemar s rubere, ura unb wesenlos, töricht unb unnötig einer, ionberbar entarteten Äelt zugehörig, ber ich entronnen bin unb bie ich Nicht weh L - ; . Kohlenhänbier will Gelb von mir, weil ich vorigen ®inter mit fetne Kohlen eingeheizt habe. Ein Verlagsbuchhanbler will ich f märe. der ein neues Buch schreiben — als ob das ein Sommerv 9 9 »
ein Freunb verlangt Auskunft über dl« hiesigen W°hn- und Steuer Verhältnisse. Ist das nicht alles lumpig, lächerlich und wertlos. Ueb blaut in ungeheurer Weite unb Glut ber uwsimist. d, h g • Wolkm schreiten ihren uralt heiligen Reigen stille Berge stehen kühn unö unveränberlich — wie ist es möglich, bah danede Men'chen-
komische Bagatcllenkram ber kleinlichen Menschengesch s mi« alles forgen besteht! Rein, er besteht nimmer; er ist uuterllegangen e aU - Lächerliche untergeht, ist zu Sage, Traum unb unbegreiflicher Vergangen heft geworben.
schwimmenber Vogel.
Wie habe ich bas kleine, schmucke Fahrzeug lieb! Von allen Dingen, bas einzige, bas fern von Haus und Zimmer und ften des Alltags draußen lebt und meiner wartet


