Ausgabe 
18.4.1932
 
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Die Kinder werden nicht, wie wir es gewöhnt sind, von Vater und Mutter allein ausgezogen, sondern es beteiligen ftd) an der Erziehung alle Frauen einer solchen Siedlung. Ls ist auch gleichgültig, wo bas Kinb schläft In welcher Erdhütte ber Grönlanber es gerabe >st, unb wo es miibe wird, bort legt es sich zur Ruhe nieder.

Wenn ber Vater bes Kinbes auf ber Jagd verunglückt 50 Pro­zent ber Männer sterben burch solche Unfälle so wird es bas Kind kaum spüren: sein Leben läuft in- ber gleichen Weise weiter, nur baß ein Mann der Siedlung, in diesein Falle gerabe sein Vater, nicht

Von Ingenieur Kurt Herdemerlen, Düsselborf, Mitglieb ber deutschen Grönlandexpedition.

Es sind im Grund genommen nur zwei Worte, die den Charakter der grönländischen Eskimos so wiedergeben, bah man sie vollkommen versteht wenn man sich biese Worte in ihrer seelischen Begründung zu eigen gemacht hat. Schwierig ist es nur, biese Worte burch Uebersetzung in irgendeiner anderen Sprache verständlich zu machen.

Der Grönländer wird vor jede Beantwortung einer Frage bas kleine Wortimera" setzen. Eine erklärliche Uebersetzung dieses Wortes in die deutsche Sprache liehe sich etwa mitvielleicht" geben. Der Sinn ist aber tiefer und liegt wohl in dem jahrtausendalten Lebenskampf dieses Volkes mit den Gewalten der Polarwelt begründet.

Fragt man einen Grönländer:Wird das Wetter morgen schon sein?" so wird er antworten:imera jo", fragt man ihn:Ist das Wetter jetzt schön?", auch dann wird er antworten:imera ja. Un- | willkürlich fragt man sich, warum antwortet er in beiden Fällen mit vielleicht ja"? t ,

Lebt man längere Zeit in diesem Lande und stellt sich auf seine Lebensbedingungen ein, so wird man es bald erfahren. Der Mensch ist bort oben nicht in ber Sage, bie Natur mit ihren gewaltigen Ereignissen auch nur im geringsten zu erfassen ober gar vorauszuberechnen, unb ber ©rönlänber hat recht, wenn er selbst für bas Momentane eines Naturgeschehens nur einvielleicht" hat.

Das zweite grönländische Hauptwort ist Juha'. Es ist ber Ausdruck einer so vollkommenen Ergebenheit, das Geschehen von Dingen hin- zunehinen, gleich, ob man sie selbst verschuldet, ober ob bie Natur sie einem aufzwingt, wie man es selbst im Orient nicht roicbcrfinbet.

Wir liegen im Zelt auf bem Inlandeis brauhen tobt ber Schnee- sturm. Wir haben nur noch ein Schneemesfer, bitten ben Grönlanber, ber als Hunbekutscher mit uns bort brauhen lebt, vor bas Zelt zu gehen, mit biefem Mester ein Stück Firn herauszuschneiden, da wir es zum Esfenkochen schmelzen wollen. Er kommt wieder herein, das Messer blieb draußen. Mit unglaublicher Schnelligkeit hat es ber Treibschnee bebeckt, unb es ist für uns verloren. Da bie Fortsetzung ber Reise notroenbig ist, sinb wir überzeugt, bah es ohne Schneemesfer jeben Abend eine Qual sein wirb, bie Mahlzeit zu bereiten. Wir finb noch nicht lange genug un Lande unb fragen ihn beshalb ärgerlich:Warum vergäbest bu bieses Messer hereinzuholen?" Er antwortet nur kurz:sussa".

Eine solche Einstellung bem Leben unb ben Dingen gegenüber laßt zuerst vermuten, bah man bei einem solchen Volk kaum Lachen unb Fröhlichkeit finben würbe. Aber ganz bas Gegenteil ist ber Fall. Nur aus seinen religiösen Liebern kann man eine gewisse Schwermut her- aushören. Sonst gibt es nur lachenbe, fröhliche Gesichter: der Grön­länder ist jeder Zeit zu Tanz, Scherz und luftigen Spielen aufgelegt.

Die Grönländer leben in Siedlungen von dreißig bis achthundert Menschen zusammen. Dieses Zusammenleben kann man nicht eigentlich als kommunistische Ordnung bezeichnen, sondern inan müßte die Art des Zusammenlebens mit Kommunalisrnus bezeichnen. Die einzelnen Siedlungen haben miteinander nichts gemein, vielleicht nur, daß man sich gegenseitig besucht, seine Frau von bort holt ober in ber Zeit ber Hungersnot in bic größere Kolonie abroanbert. Das Leben in den -:- gelnen Sieblungen selbst gestaltet sich folgenbermahen:

Ein Grönlänber geht mit seinem Kajak im Sommer hinaus auf Meer, fängt einen Seehund, ben seine Frau bearbeitet, b. h. sie hautet ihn, verarbeitet bas Fell unb bereitet bie Speise baraus. ganze Nieberlassung lebt bann bavon. Alle essen bei ihm, trinken Kaffee unb tanzen, finb fröhlich, bis ber Seehunb aufgegeffen ist. Dann wirb roieber einer gefangen, von einem anberen vielleicht, ober von mehreren, unb auch biejer wirb gemeinfnm verspeist.

Als das Christentum noch nicht bei den Grönländern roai, hatte ein Mann soviel Frauen, wie er brauchte,^um seine Jagdbeute zu ver­arbeiten denn bie Arbeit wirb von ber tfrau verrichtet. Als Ve-spiel möchte ich hier anführen: Ein älterer Grönlänber hat eine junge milia (Frau). Ein jüngerer Grönlänber aus ber gleichen Riederlastung hat eine ältere Fran, unb bas Leben biefer betben ist jebes für sich nicht harmonisch. Die Männer kommen zusammen, sprechen darüber und be­schließen einen Tausch vorzunehmen, unb ihreEhe roirb ba nun bas , Rechte zusammen ist, glücklicher. Die Frauen empfinben nicht, wie unsere I Frauen, barin eine Herabsetzung ober Demütigung Das, roas mir unter Liebe verstehen, ist für sie ein ganz anbcrer Begriff. Aus biefem Grunde habe ich es auch nie gehört, daß Frauen untereinander sich zanken ober , von anderen gehässig sprechen. . . .

Heute darf ber Grönländer nur eine Frau heiraten, lebt aber prak­tisch doch wohl mit mehreren zusammen, und bas ist gut so, sonst wurde er nach unseren Begriffen eben nur fo viel fangen,; um eine Frau zu ernähren unb bie andere Zeit mit Schlafen unb Nichtstun verbringen. Seine Arbeitslust richtet sich eben nur nach ber Notwenbigkeit, so und so viel Menschen ernähren unb mit bem Fell ber Beute betreiben zu fOn(fr ift ein freier Herr, an keine Arbeit gebunden, richtet sich mit seiner Jagd, je nach ber Jahreszeit, nach ber Sonne, nach feiner Stim­mung unb nach ber Gelegenheit. Die übrige Zeit, bie er nicht auf ber Jagb verbringt, benutzt er, um sich wohlig auf ben Klippen auszuruhen uni) mit einem uralten Fernglas über bas Meer zu schauen, ob nicht eins von ben wenigen Schiffen, die bie bänifche Regierung nach bort entfenbet um Lebensmittel hinaufzubringen, zufällig vorbeikommt. Man kann es'ja nicht wissen ...imera" ... vielleicht

Rur einmal im Jahre bricht eine solche Steblung auf, um in tfW unb Qaqbgrünbe, die sie untereinander feftgelegt haben, zu ziehen. Das große urniak", ober Frauenboot, wie mir es nennen mürben, packt Zelte unb Kochgeschirr, auch eine Anzahl Kinber auf unb Frauen rudern es tagelang über bie großen Fjorbe unb Buchten, oft ben Fallwinben, bie von bem grönlänbischen Jnlanbeis mit ungeheurer Ge­walt heruterftürzen, preisgegeben. Die Männer begleiten im Kajak rechts unb links, voraus unb hinterher, bieses Boot, welches ber Sieblung unb nicht einem einzelnen gehört, ein malerisches Bild .

Wochenlang liegen sie bann brausten, bie Manner sangen: Seehund, Walfisch Normal, Dorsch, Hellesisch usm., die Frauen und tue Kinder kochen das Essen und den Iran, der nachher, verteilt für bie ganze Giebiunq, bie Beleuchtung für bie lange Polarnacht ergibt. Das übrige Fleisch roirb an der Lust getrocknet und als Vorrat aufbewahrt und I heimgebrach«. Die Felle gehören allen unb jeben, unb werben gleich ba brausten von ben Frauen in primitivster Art zubereitet.

In ber langen Polarnacht geht ber Grönlänber auch auf Fang. Er schlägt Löcher in bas Meereis unb holt sich Fische aus her Tiefe des Meeres. Die anbere Zeit, bie er nicht mit dieser Beschäftigung ver- bringt schläft er, ober alle sitzen in irgenbeiner Hütte zusammen, sind lustig unb tanzen unb fingen. Wann ber Grönlänber im Sommer, sowie im Winter, eigentlich schläft, habe ich selbst währenb 18 Monaten nicht feftftcUen können. Kam ich in eine Sieblung, gleich zu welcher Stunde, so waren immer einige wach unb anbere am Schlasen. Ich glaube, sie fdjlafen, wenn sie mübe sinb, und wenn sie nicht mübe finb, bann schlafen' sie eben nicht. Eine einfache, aber wohl kluge Lebensregel.

Hörner und Töpfe.

Zur Historie des Domenhutes.

Von Dr. Friedrich S p r e e n.

In feinerLiebeskunft" hat Ovib geseufzt, er wolle lieber bie Eicheln an einer großen Eiche ober bie Bienen bes Hijkla zählen, als oll die mannigfachen Kopftrachten, bie ber Frauengcift sich immer neu ersänne. Der Betrachter der Mode, der sich in die Vergangenheit versenkt, wird bei dem Kapitel Damenhüte diese Schwierigkeiten in noch viel höherem Maße empfinden: Eine schier unsastliche Fülle von Formen unb Ge­staltungen zieht an ihm vorüber, umtanzt und umgaukelt ihn mit tau- fenbfältigen Neckereien wechselnber Laune, unb er sieht schließlich mit verdutzter Bewunderung vor diesem nie erschöpften Erfindungsgeist, ber in beii wunberlichsten Variationen stets neuen Schmuck für ben Kops erfinbet unb ben Hut, allmählich zur Krönung ber ganzen Toilette aus- geftaltet hat. Auch bie so kapriziös sich gebärbenben, bie zögernden I Lenzeslüfte zum Erscheinen unb zum lustigen Sumpfe mit ihrem ein­seitigen Sitz tjerausforbernben biesjährigen Frühjahrsformen finb ei1 erneuter Beweis für bie Kühnheit, mit der Hutformen auftreten. So haben wir den anfangs mit ablehnendem Kopfschütteln, bald aber mit Entzücken begrüßten Topfhut noch in lebendiger (Erinnerung, unb mit biese Formen ber Kopsbebeckung an Extravaganz ben Körben unb Trich­tern ber Merveilleusen in ber Revolutionszeit zustrebten, so werben wir vielleicht auch noch einmal bic Wieberkehr jenes riesigen spitzen Horn- hutes ber burgunbischen Zeit mitansehen müssen, salls es ber phantasti­schen Mobesee gefallen fällte, in fo ferne Vergangenheiten hinabzu- fteigen... ,

Erst ganz allmählich hat ber Hut im weiblichen Kostüm bie hohe Bebeutung erlangt, bie er heute besitzt. Die Griechinnen ber klassische" Zeit gingen barhaupt unb setzten höchstens auf ber Reise einen breit ranbigen Hut auf, ber sie gegen bie Sonne schützen mußte, ben sie fur

Ich weist schon, bu host mir den Riesen auf den Hals geschickt . | sagte ber Fuchs.Nun fresse ich bich zur Strafe aus. Ha. Heute ist wwklich ein Glückstag, jetzt bin ich satt unb brauche mich nicht mehr vor bem Wolf zu fürchten, ben ber Riese verspeist hat.

Aber im selben Augenblick kam ber Wolf unb frafj ben Fuchs auf.

Ich werbe es bir schon geben, mir ben Riesen zu schicken , sagte ber Wolf jetzt fresse ich bich. Ja, jetzt ist man einma roieber satt unb zu- friebenunb kann über ben Riesen lachen, ber läuft jetzt gerabe taufenb Schritte mit ber Sonne unb doppelt soviel gegen bie Sonne.

Aber ba kam auch schon ber Riefe. Unb ohne viel zu fragen, schnappte er ben Wolf unb fräst ihn auf ein paar Bissen hinunter.

Ha, bas hat gut geschmeckt!" sagte ber Riese. ,.aU59^e!$nct^r Braten. Merkroürbig bick für einen Wolf, unb ein prächtiger Geschmack. Nicht nur ben gewöhnlichen Wolfsgeschmack, es erinnerte sehr an Fuchs unb auch ein klein bißchen an Hasen, ja sogar eine Ahnung non einem Kohlkopf war in bem Geschmack. Das war wirklich appetitanreizend. Jetzt gehe ich aber unb suche mir ben Fuchs, ben Hasen unb ben Kohkkopft

MIs ber Riese sieben Wochen gesucht hatte, kam ber Schuster heran- aelaufen bie Stiesel auf bem Rücken. Nun waren sie fertig, wie ihr euch benken könnt.Schön, baß bu kommst", sagte der Riese.Du mußt mir helfen, den Fuchs, den 5)afen und den Kohlkopf suchen.

Unb b« Riese suchte, unb ber Schuster suchte. Unb ber Schuster lief heim unb holte seine biete Frau unb seine fünf tugelrunben Sinber unb ben Altgesellen, unb ben Junggesellen unb Hansel, ben Schuster- "1bub! Unb alle halfen sie suchen.

Und sie suchten überall, nur nicht am rechten Ort. Denn es fiel ihnen nicht ein, im Magen des Riefen zu suchen.

Unb wenn bu Glück hast, so kannst bu sie noch heute suchen sehen, zuerst kommt ber Riese unb bann kommt ber Schuster mit ben Stiefeln auf bem Rücken unb hinterbrein läuft bie dicke Srfju tersfrau unb alle ihre fünf kugelrunden Kinder. Unb dann kommt der Altgeselle und der Junggeselle und dann, ganz rückwärts, Hansel, der oefjufterbub ...

(Deutsch von Marie Franzos.)

Glückliches Volk.

Verichl von den grönländischen Eskimos.