Ausgabe 
18.3.1932
 
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pessimistisches Gräflein

1,11 tir^idimien und sah vor sich hin, Stine aber nahm seine Hand und saqre:Wie du dich selbst verkennst, Der Tagelöhnersohn aus eurem Dorfe der mag so leben und dabei glücklich sein: nicht du. Dadurch, da» man anspruchslos sein will, ist mans noch nicht, und es ist ein ander Dina, sich ein armes und einfaches Leben ausmalen oder es wirklich flihren. Und für alles, was dann fehlt, soll das Herz aufkommen. Das lann es nicht, und mit cinemmal fühlst du, wie klein und arm uh bin. Ach, dass ich in diesem Augenblick so spreche, das rst vielleicht auch schon eine Schwachheit und ein kleines Gefühl; aber ich kämpfe nicht dagegen itn weil ich glaube, Daß aus allem, was du vorhast, nur Unheil kommt, nur Enttäuschung und Elend. Der alte Graf ist dagegen, und deine Eltern sind dagegen (du sagst es selbst), und ich habe noch nichts zum (Wirf ausschlagen sehen, worauf von Anfang an kein Segen lag. Es ist gegen das vierte Gebot, und wer dagegen handelt, der hat keine ruhige stunde mehr, und das Unglück zieht ihm nach."

Ach, meine liebste Stine, du redest dich so hinein und kommst mir nun gar mit dein vierten Gebot. ®ltnibe mir, das mit dem vierten Gebot, das hat auch seine Grenze. Vater und Mutter sind nicht bloß Vater und Mutter sie sind auch Menschen, und als Menschen irren sie so gut w,e

du und ich. Nein, ich will dir sagen, was es ist, und warum du glaubst,

io sprechen zu müssen. Ich vei-stehe mich ein bißchen auf das menschliche .Oer: denn steh, wer fahrelang auf dem Krankenbett liegt, der hat viel

Zeir' und spürt vielem »ach, und das Verlockendste sind immer die

Schtängelgänge des Herzens, des eignen und des der andern. Nun höre, was es ist. Es ist was Hochmütiges in eurer Familie, daran drei Grafen genug hätten etwas Trotziges und Heraussorderndes und ein Hang, die Wahrheit zu sagen und mitunter auch noch mehr. Deine Schwester hat

macht über. .

Als sie wieder zu sich kam, war sie allein.

Fünfzehntes Kapitel.

Waldemar ging nach rechts auf das Oranienburger Tor zu, well ihm darum zu tun war, in einem an der Ecke der Linden tinb Friedrichstraße gelegenen Bankhause verschiedene geschäftliche Dinge zum Ahfästuß zu bringen Aber in der Nähe der Weidendammer Brücke fiel ihm ein, daß die Bureaus sehr wahrscheinlich schon geschlossen seien weshalb er segnen Stadtgana aufgab, um sich in seine dicht hinter dem ®eneralftabsgcbaube gelegene Wohnung zurückzubegeben. Er war durch eben diese Wohnung Nachbar von Moltke, welche Nachbarschaft er gern hervorhob und m Ernst und Scherz zu versichern liebte:Man kann nicht besser ausgehooen sein als gerade da. Wer ,für die große Sicherheit so zu sorgen weih, der

'Ison* der Dorotheenstädtischen Kirche her schlug es fünf, als unser zu Betrachtungen derart nur zu geneigter Freund in den Schissbauerdainm einbog, und ehe noch di« Turmuhr ausgeschlagen hatte, schlugen die kleinen Uhren nach, die sich in ziemlich beträchtlicher Zahl an der Was,er- und Rückfront der jenseitigen Fabrikgebäude befanden Er zahlte die Schläge, musterte den Kai hüben und drüben und freute sich des regen und doch stillen Lebens, das hier überall auf und ab wogte. Nichts ent­ging ihm, auch nicht das Treiben auf den Kähnen, an deren Tauen und Strickleitern und mitunter auch auf quergelegten Ruderstangen allerlei Wäsche zum Trocknen hing, und erst, als er unter langsamem Weiter schleudern die Graefsche Klinik im Rücken hatte, , er von dem Beobach­ten ad und ging rascheren Schrittes auf die Unterbaumbrucke zu. Hier hielt er wieder und betrachtete- die bronzenen Kandelaber, die. well sie noch keine Patina hatten, in der schräg stehenden Sonne prächtig büßten und flimmerten.Wie hübsch das alles ist! Ja es kommen bessere Tage. Ri>r wers erlebt! Qui vivra, verra ... Und er brach ab und sah von der Brückenwölbiing aus die tief unten am Kai sich hinziehenden Weiden, aus Deren graugrünem Blattwerk einige tote Aefte wie Besen hervoragten. Es waren, seine Lieblinge, diese Baume.Halb abgestorben ' ^Eiidttck/war'er vom Kronprinzenuser und der Alsenstraße her bis o» den reizenden, mit Bosketts und Blumenbeeten und dazwischen wieder mit Marmorbildern und Springbrunnen gefchmiirtten Square gekommen, der, dem Königsplatze Vorgelegen, einen Teil desselben ausmacht uns doch auch wieder sich von ihm scheidet. Eine frische Brise ging und milderte Die Hiße von den Beeten aber kam ein feiner Duft von Reseda herüber, ivährend' Drüben bei Kroll das Konzert eben anhob. Unser Kranker sog da« alles in vollen Zügen ein, Duft und Melodie:Wie lange, daß ich nirfii in frei acatinet habe! .Königin, das Leden ist doch schon unsterb-

er ?ebr stark, und du hast es auch, hast auch Dem Teil Daran. Und sieh, in diesem Deinem falschen Stolze willst du nicht, daß ich auch nur einen Augenblick glauben soll, du hättest an so was wie eine Stine Haldern gedacht. Das ist dir gegen deine Ehre. Hab ich recht, und ist es so.

''Gut" Ich glaube dir. Ich weiß ganz bestimmt, daß du .ja' gesagt hattest wenn du's hättest sagen können. Und daß du dies ehrliche .Nein sagen kannst, das ist schön von dir und läßt mich aufs neue sehen, eine m®e gute Wahl ich getroffen. Und nun soll es an bloßen Einbildungen scheitern. Ich bin aus den Vorurteilen heraus, und nun willst du sie haben. Ich beschwöre dich, Stine, mache dich frei davon, und vor allem entschlage dich deiner Aengstlichkeiten!"

Stine schüttelte den Kopf.

Es soll also nichts mit uns werden?

Es kann nicht." . .

Und alles soll bloß ein Sommerspiel gewißen sein?

"Und es^komint Dir nicht der Gedanke, daß mir dies alles das Leben bedeuten könnte?"

Um Gottes willen, Waldemar! k

Ich will keine Ausrufe, ich will eine Antwort. Em ,3a, kurz und bestimmt, und dann fort, fort. Sprich, Stine, du weih,, was ich bitte. Willst du?"

Und"sie stürzte weinend an ihm vorüber. Er hielt ft« aber feft unb sagte:Stine, so wollen wir nicht scheiden. Ein .Nein soll, nicht Dein letztes Wort gewesen sein. Setze dich nieder und sieh mich an! Und nun sage mir: ftaft du mich wirklich geliebt?

Ja."

Von Herzen?" n

Unb das Krampsschluchzen, unter dem sie sprach, ging in eine Ohn-

nicht so frei geatmet habe! .Königin, das Sehen ist doch schön' liches Wort eines optimistischen Marquis, und ein pesstmisttzck plappert es ihm noch." ... t _

Nun schwieg Die Musik drüben, und Waldemar, wahrend er zwischen den großen Rondellen auf und ab schlenderte, musterte zugleich Die Figu­ren, die hier mit Hilfe von Sternblumen und roten Verbenen in Den Rasen eingezeichnet waren: endlich aber ging er auf eine Bank zu, Die, von allerlei dicht dahinterstehendem Strauchwerk überwachsen, einen vollen Schatten gewährte. Da nahm er Platz, denn er war milde geworden. Das viele Gehen in der Hitze hatte seine Kräfte verzehrt, und so schloß er unwillkürlich die Augen und fiel in Traum und Vergesse». Als er wieder erwachte, mußt er nicht, ob es Schlaf ober Ohnmacht gewesen:ich glaube, so kommt Der ToD", und erst allmählich sand er sich wieder zurecht unD bemerkte nun ein Marienwürmchen, das sich ihm auf Die Hand gesetzt hatte Da blieb es und kroch hin und her, trotzdem er schüttelte uno pustete.Einen wie feinen Instinkt Die Tiere haben; es weiß, daß es sicher ist " Endlich ober flog es doch fort, und Waldemar, sich vorbeugend von seiner Bank, begann jetzt allerhand Figuren in den Sand zu zeichnen, ohne recht zu wissen, was er tat.

(Schluß folgt in Der übernächsten Nummer.)

glaube mir, es geht auch Drüben nicht. Eine Zeitlang könnte «« gehn, vielleicht ein Jahr ober zwei, aber bann war es auch Drüben vorbei, ©taube nicht Daß ich Den Unterschieb nicht sähe. Sieh, es war mein Stolz, ein io gutes Herz wie das Deine lieben S» dürfen unD baß es mich wieder liebte, Das war meines Lebens höchstes Gluck. Aber ich tarneirlr unb kindisch vor, wenn ich Die Gräfin HalDern spielen wollte. Ja. WalDe mar fo ist es und Daß Du so was gewollt hast, das macht nun ein rasches Ende Vor Jahren, ich war noch ein. KinD, hab ich mal em Feenstück qeseh», inDem zwei Menschen glücklich waren: «ber hr Muck^o hatte Die Fee gesagt, würbe für. immer hin sein, wenn em bestimmtes Wort gesprv- che» oder ein bestimmter Name genannt werDe. Siehst du, so war «s auch mit uns Jetzt haft du das War? gesprochen, unb nun ist es vorbei, vorbei, weil die Menschen Davon wissen. Vergiß mich: du wirst es. Und wenn auch nicht, ich mag keine Kette für dich fein, an der du Dein Sehen lang herumschleppst. Du mußt frei fein; gerade du.

Ich, meine liebe Stine, wie du mich verkennst. Du sprichst.von> einer .Rette' unb daß ich frei fein müsse. Freiheit. Nun I«, mein Sehen war frei, was man so frei sein nennt, seit ich aus meiner Eltern Hause ging, unb in manchen Stücken auch früher schon. Aber wie verlief es trotzdem? Wie war es von Jugend an? Wir hohen soviel davon gep audert, und ich habe dir von meinen Kindertagen erzählt und von dem langweiligen Hauslehrer der den Frommen spiele» mußte nach Anweisung und mich mit Sprüchen und Geboten und dem ewigen .was ist das quälte und> mit dem Glaubensbekenntnis, das ich nie verstand und br auch nicht. Aber der arme traurige Mensch, der (ich sollte vielleicht nicht spotten, gerade ich nicht) 'immer einen Katarrh und eine Liebschaft hatte war lange mäst -der schlimmste. Das Schlimmste war, daß ich im Hmise selbst, bei meinen eignen Eltern ein Fremder war. Unb warum? Ich habe spater Darauf geachtet und es in mehr als einer Familie gesehen, wie bart Eltern gegen ?l)ie Kinder find, wenn diese ganz bestimmten Wunsche» und Erwartungen nicht entsprechen wollen." _ ... ,

Stine die dieselbe Wahrnehmung auch in ihrer bescheidenen Sphäre gemacht haben mochte, nickte zustimmend, und Waldemar, der«sich dieser Zustimmung freute, fuhr deshalb fort:Es wird wohl überall fo fein, unb jedenfalls war es fo bei uns. Unb dazu die Saunen und Berftini mutigen einer 9rau, weil ihr ein Groß ürst einmal ein Billett gefcbrieoen, dos beinah ein Liebesbillett war, und die sich nun einhiloete, nich viel was andres als eine Mißheirat geschloßen zu haben. Da hast du das Büd meiner Stiefmutter. De» Sommer über war fie verstimmt über bas langweilige Landleben und über die Samen Der Nachbarschaft, Die gar keine Samen waren, wenigstens nicht in ihren Augen, und wenn fte Dann winters zu Hose ging, so war sie noch verstimmter, weil Schönere ober Vornehmere da waren und ihr de» Rang abliefen. Und diese schlechte Saune mußt ich entgelten, diese Verstimmungen trafen mich, der ich ihr überhaupt von Anfang an mißfiel. Unb als ich Dann Hera »wuchs unb wohl auch meinerseits zeige» mochte, daß mir mäst alles gefalle, da war ich vollends nicht auf Rose» gebettet. Unb so ginge, bis ich mit neunzehn eintrat unb mit zu Felde zog und die Kugel kriegte »Der zwe . wovon ch dir erzählt habe. Sa würde es freilich einen Augenblick besser, und ich war ein Vierteljahr lang Der Held und Mittelpiinkt der Harn,l.e besonbers als auch prinzliche Telegramme kamen. Die sich nach mir crtunDigten. Jo, Stine, das war meine große Zeit. Aber ich hätte sterben oder mich rasch wieder zu Gesundheit unb guter Karriere herausmausern müssen, und weil ich weber bas eine noch bas andre tat und nur so hmlebte, manchem zur Last und keinem zur Lust, da war es mit meinem Ruhme bald oor= bei Ser Vater Hütt es vielleicht ändern können, wenn er ein festes Lin= treten für mich gewagt und nicht feinen Hans- und Ehefrieden über mein Glück gestellt hatte. So konnte er sich nicht aufraffen, und fo hab ich Demi durch viele Jahre hingelebt, ohne recht zu wissen, was Herzunb Liebe fei. Nun weiß ich es. Unb jetzt, wo ich es weiß unb mein Gluck festhalten will, fall ich es roieber aus Der Hand lassen. Und alles bloß, weil bu von Ansprüchen sprichst und vielleicht mich Daran glaubst, Die mir im Blute stecken sollen und die weil im Blute gar nicht am - -.uneben seien. Ach, meine liebe Stine, was geb ich Denn auf? Nichts, gar nichts. Ich sehne mich Danach, einen Baum zu pflanzen oder ein Aoik Hühner aufsteigen oDer auch bloß einen Bienenstock aiisschwärmen

Per an twor tltch. Dr. Hans Thhriot. Druck unb Verlag: Brühlsche Anivers itäts-Buch- unb Steinbruderci, B. Lange, Gießen.