Das Essen hat als ersten Gang eine Süßspeise, und als letzten eine Suppe und während man sich in Europa beim Essen aus seine besten Manieren besinnt, läßt der Chinese allen diesseits verpönten Aeußerungen freien Lauf macht es sich bequem, räkelt sich und gibt sein Wohlgesallen an den Speisen dadurch zu erkennen, daß er sie mit möglichst lautem Rülpsen nachgenießt.
Dabei sind die Chinesen, was äußere Manieren anbelangt, sonst das besterzogene Volk der Welt. Sie haben die Gesetze, durch die sie den Verkehr miteinander regeln, in einem vielbändigen Werk, dem sog. „Li", niedergeschrieben, und die Formen sind selbst in der Kaste der Kulis wirklich von Adel und hoher Vornehmheit.
Die Trauerkleidung ist von weißer oder blauer Farbe. Die Begräbnisse sind außergewöhnlich lärmvoll, mit Zimbeln und Pulversröschen. Die Tragstühle in denen die Seele der Verstorbenen zu Grabe getragen wird, sind mit Junten Bändern und grellbemalten Glasstreifen behängt; die Särge rot und wo bei uns die Konfession des Verstorbenen oft erst beim Begräbnis bekannt wird, rufen die Chinesen die Geistlichen sämtlicher Glaubensbekenntnisse zu ihren Leichen. Der Grabstein wird dann zu Füßen der Leiche gesetzt. Desgleichen äußert sich die Frömmigkeit lärmend. Der Priester aber wird als eine Art von Handlanger der Götter
betrachtet. ~
Die Einrichtungen des sozialen Lebens sind gleichfalls von einer
Nachdenken will. ,.. , ,r.
Nun kann man schon sagen, daß selbstverständlich auch die technischen Dinge gegenpolig von den unsern sind- Die Räderwerke laufen von rechts Hnad) links. Man schaufelt nicht von sich weg, sondern auf sich zu. Der Kompaß ist nach Süden eingestellt, und man sagt: Westsud, Ostnord usw. Das Pferd wird von rechts bestiegen. Der Geigenbogen wird unter den Saiten gestrichen. Die Schriftzeile geht von oben nach unten, die Bucher mwerden von hinten nach vorn gelesen. Bruchteile nennt man nicht zwei- drittel, sondern drittzweitcl. ,
Auf diesem Wege ist es nicht mehr verwunderlich, datz auch die Rechts- I anschauungen den unsern gegensätzlich sind. Wird jemand angeschuldigt, io braucht der Staatsanwalt sich nicht zu bemühen, sondern der Verhaftete I muß dies inbezuq auf seine Unschuld tun. Etwas zu rationell erscheint uns auch das Hastpflichtgesetz. Ich wurde einmal bei Regenwetter in einer ? iidchinesischen Stadt in einem Tragstuhl eine hohe Stiege hinausgetragen. Es hatte geregnet und der Weg war schlüpfrig. Was ich gefürchtet hatte, trat ein: der vordere Kuli stürzte. Er kam unter die Stange zu liegen. Einer der hinteren Träger eilte heran und half ihn, heraus. Er b.utete 'tark und hatte sich die Nase gebrochen. Schon sah ich ihn auf mich zukommen und mit chinesischer Hartnäckigkeit seinen Unfall gründlich gegen mich in Szene setzen. Aber das geschah nicht. Im Gegenteil, kaum war er . rei, so lief er hastig davon, während der andere Kuli mich zu besänftigen inchte. Sogleich war auch aus irgendeinem Winkel ein neuer Trager erschienen, und wir trappten bald weiter die Stiege hinan.
Erst später lernte ich den Zusainmenhang begreifen der mir zunächst >nfaßbar war. Das Benehmen des Gestürzten war in den landesubl.chen f Haftpflichtgesetzen begründet. Bei uns ist bekanntlich der Hausbesitzer ■ verantwortlich, vor dessen Tür jemand sich bei Glatteis das Bein bricht, weil der Hausbesitzer nicht streuen lieh. In China lautet dasstz. Wenn es glatt ist, muß man aufpassen, und kommt semand zu Sck)aden, 'o hat er nicht aufgepaßt und trägt die Verantwortung selber
Diese Unterschiedlichkeit reicht bis ins geheimste Triebwerk des Seelen- ebens hinein, bis dorthin, wo der Willen die Grenze zwischen Leben und lob setzt. Ich erwähne ein Beispiel, das ebenso kennzeichnend wie häufig st: die chinesische Vendetta! Ist ein Chinese tödlich beleidigt worden, iw er mit dem „Gesicht verlieren" bezeichnet, so geht er keineswegs■ a fs Leben des Feindes los, um die Schmach zu tilgen sondern verfahrt in Magischer Weise viel gründlicher: er nimmt sich vor der Tur des Gegners "•as eigene Leben, um den Zorn der Gottheit gegen icnen Z -
Als die Bahn von Peking nach Hankau gebaut worden war galt sie •ielen als Höllenwerk der weißen fremden Teufel, um China verderben. Sie begingen nun nicht etwa Attentate gegen Schienen oder Zuge. sondern letzen sich vom Zug Überfahren, um sozusagen diese Einrichtung Anrecht zu setzen und göttliche Strafen auf sie ^rabzubeschworen
Diese Liste ist nicht vollständig und kann es nicht sein we,l ich sonst -in ganzes Buch hätte schreiben müssen. Doch die aufgezahlten Beispie e .eigen ja schon zur Genüge, daß sie aus e.ner anderen Seelenmasse lammen, daß schon äußerlich erkennbar ein Rätsel Zwischen Abendland
Mis"ist die Wahrheit der Chinesen? Mehr als die nackte Aufzählung, ic den Inhalt dieses Aufsatzes bildet, vermag ich von Gsien mch: zu sagen hir ab und zu, sehr selten, vermochte man wohl mstinktirlense,ts von Mus und Kung fu tse zu dringen und etwas von dem. Seelengehe,mnis «uffpuren, ohne daß man aber fällig war, es klar umrisscn läanb zu heben, und es ist eine Reihe von Beispielen weiser Gelehrten
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Gegensätzlichkeit zu den unseren durchdrungen, die uns allmählich durch ihre Rätselhaftigkeit stutzen macht. Bei uns macht man Schulden, um sich vergnügen zu können. Der Chinese an seinem großen Fest, dem Neu- jahrstag, bezahlt erst seine Schulden und feiert bann tagelang.
Unser Schulsystem ist darauf begründet, daß der Schüler „verstehen" lernt. Der Chinese muß im kindlichsten Alter die am schwersten verstand- licheii Schrift» auswendig lernen, nicht obgleich,- sondern weit er sie nicht versteht. Das Prinzip ist, daß er sich mit dem „Wort" gleichsam durchtränken muh. Das Alter läßt ihn dann in den Geist dieses Wortes hineinwachsen wie in das Gesetz einer Naturnotwendigkeit. Im übrigen I hält sich der Lehrer in einer Ecke auf, die bei uns für den Schüler gilt, der sich etwas zuschulden kommen ließ, und sagt der Schüler seine Lektion auf, so dreht er dem Lehrer den Rücken.
Bei Versteigerungen wird nicht von unten nach oben geboten, sondern umgedreht: der Versteigerer muß sich unterbieten. Er nennt eine Summe. i Niemand will für sie den Gegenstand haben. Dann beginnt er sich zu unterbieten. Er nennt eine Summe, bis einem Liebhaber der Preis paßt.
Nicht ohne Humor ist die Tatsache, daß der Chinese den Sitz des Hirns scheinbar in der Fußsohle vermutet — denn dorthin faßt er sich, wenn er
bekannt, die über dem inbrünstigen Drang, sich eins zu machen mit der Seele dieses Volkes, mit ihrem europäischen Verstand an der Undurchdringlichkeit scheiterten.
Stine.
Roman von Theodor Fontane.
(Fortsetzung.)
Waldemar, als er den Onkel verlassen hatte, hatte seinen Weg erst bis Schloß Bellevue hin und von dort eaus nach einem um ein paar hundert Schritte weiter flußabwärts gelegenen Sommerlokale genommen, das er für gewöhnlich an jedem Spätnachmittag, eh er zu Stine ging, aufzusuchen pflegte. Dort im Schatten alter Bäume niederzusitzen und zu sinnen unb zu träumen, war das, was er liebte. Wirt und Wirtin in diesem Lokale kannten ihn längst, ebenso war er Intimus der dort zahlreich ansässigen Spatzen, die, sobald er Platz genommen, den Tisch um- hüpften und die Brocken unb Krümel des eigens für sie bestellten Stück Kuchens aufzupicken pflegten. Das alles war heute gerade so wie sonst, und nur die ihre Köpfe neugierig zusammenfteckenden Kellner beschäftigten sich augenscheinlich mit der Frage, was ihren regelmäßigen Spätnachmittagsgast heute schon zu so früher Stunde hierher geführt haben könne. Denn es war erst zwei. Waldemar hatte seine Freude daran, diese kleine Neugier zu beobachten, unb las aus den Mienen der Kellner den Gang ihrer Unterhaltung mit einer Sicherheit heraus, als ob er sie vom nächsten Baum her hätte belauschen können. Uederhaupt entging ihm nichts, und foenn er eine Zeitlang die Qualmwolken aus dem gerade gegenüber gelegenen Borsigjchen Eisenwerke hatte hervorquellen und nach der Iungfernheide hin abzichen sehen, so gab er seinem Blick mit einem Male wieder eine Seitwärtsrichtung unb zählte dabei die Brückenpfeiler oder die Spreekähne, die von der Stabt her den Fluß herunterkamen. Es war ohne jede Spur befonberer Erregung und beschäftigte sich, was übrigens seinem Charakter entsprach, kaum noch mit dem Gespräche, das er eben erst mit dem Onkel gehabt hatte. Wenn er den Frieden nicht haben konnte, so war es schon viel für ihn, ihn feinerseits ehrlich und aufrichtig gewollt zu haben. Und bas war ja der Fall. Aus diesem Bewußtsein erwuchs ihm etwas wie Trost und Ergebung, unb wenn Ergebung auch nicht das absolut Beste, nicht der Friede selbst war, so war sie doch das, was dem Frieden am nächsten kam.
Er blieb wohl eine Stunde. Dann erst erhob er sich und ging auf den Ausgang zu. Von draußen her aber sah er noch einmal über den Staket- zaun in den Garten zurück. Da war wieder die Musik-Estrade mit den wackeligen Notenpulten und gleich dahinter das primitive Büfett mit den eingeschnittenen Querhölzern, daran zahllose Weißbierdeckel wie kleine Schilde hingen. Und dicht daneben und halb überwachsen von einer Kugelakazie stand der eben von ihm verlassene Tisch, auf dessen grüner Platte jetzt die Lichter und Schatten tanzten. Er konnte sich nicht losreißen von dem allen und prägte sichs ein, als ob er ein bestimmtes Gefühl habe, daß ers nicht Wiedersehen werde. „Glück, Glück. Wer will sagen, was du bist, und wo du bist! In Sorrent, mit dem Blick auf Capri, war ich elend unb unglücklich, und hier bin ich glücklich gewesen." Und nun ging er weiter flußabwärts bis an die Moabiter Brücke, weil er vorhatte, den Rückweg am andern Ufer zu machen. Als er aber drüben war, nahm er langsam und unter gelegentlichem Verweilen seinen Weg auf den Hum- boldtshasen und zuletzt aus den Jnvalidenpark zu. Dort blieb erstehen und musterte bas gegenüber gelegene Haus. Stine stand oben am Fenster. Er grüßte mit der Hand und stieg dann in ihre Wohnung hinauf.
*
Stine empfing ihn schon an der Tür, glücklich, ihn zu sehen, aber doch mit einem Anfluge von Sorge, weil er sonst nie vor der Dämmerstunde kam.
„Was ist?" sagte sie. „Du siehst so verändert aus.
„Möglich. Ader es ist nichts. Ich bin vollkommen ruhig."
„Ach, sage nicht das! Wenn man sagt, man sei ruhig, ist mans nie.
,'Woher weißt du das?"
Ich glaube, das lernt jeder, dafür sorgt das Leben. Und dann weiß ich es von Pauline. Wenn die zu mir sagt: ,Stine, nun bin ich wieder ruhig', dann ist es immer noch schlimm genug. Aber nun sag, was ist?"
„Was ist? Eine Kleinigkeit. Eigentlich nichts. Ich stand immer einsam unter den Meinigen, und nun soll ich noch etwas einsamer dastehn. Es wirkt einen Augenblick, aber nicht lange..."
„Du verschweigst mir etwas. Sprich!
„Gewiß, deshalb bin ich hier. Und jo höre denn! Ich war bei meinem Onkel, um ihm zu sagen ... ja, was Stine? um ihm zu sagen, daß ich dich lieb hätte ..."
Stine kam in ein Zittern. .
. Und daß ich dich heiraten wolle... Ja. heiraten, nicht um eine Gräfin Haldern aus dir zu machen, sondern einfach eine Stine Haldern, eine mir liebe, kleine Frau, und daß wir dann nach Amerika wollten. Und zu diesem Schritt erbat ich feine Zustimmung ober doch eine Fürsprache bei meinen Eltern."
„Und?" . .
„Und diese Fürsprache hat er nur verweigert.
„Ach, was hast du getan,"
„Sollte ich nicht?"
,Was hast bn getan?" wiederholte Stine, zugleich hinzusetzend: „Und ich Äermstc bin schuld daran. Bin schuld, weil ichs habe gehen lassen und mich nie recht gefragt habe: was wird? Und wenn mir die tfrage tarn, io hab iah sie zurückgedrängt und nicht auskommen lassen und nur gedacht: freue dich, solange du dich freuen kannst! Und das war nicht recht. Daß es nicht ewig dauern würde, das mußt ich, aber ich rechnete doch auf manchen Tag. Und nun ist alles falsch gewesen, und unser Glück ist hin, viel, viel schneller als nötig, bloß weil du wolltest, daß es dauern solle.'
Waldemar wollte widersprechen; aber Stine litt es nicht unb sagte, während ihre Stimme mit jedem Augenblick beschwörender und einbring- licher wurde: „Du willst nach Amerika, weil es hier nicht geht. Aber


