„Ja, Leo."
„Und du wirst nun bei mir bleiben?"
„Ja, Leo."
„Auch wenn ich wieder gesund bin?"
, Ja, Leo."
Er schloß die Augen, legte den Kopf zurück. Sein Gesicht war ganz heiter Sie sah dies Gesicht an; sie hatte es in all den Krankheitstagen gc ehen: erst matt, zerfaltet, bann langsam sich glättend, Farbe bekommend, das Krampfhafte war von ihm gewichen, die Ruhe war auf es zurückgekehrt, es hatte wieder lächeln gelernt, wie es letzt leise lächelte. Sie dachte: „Wie fremd war mir doch früher dies Gesicht, obwohl ich es kannte, wie vertraut ist es mir jetzt. Es wird nun ein Leben lang neben mir sein." Und der Gedanke war ihr ganz nah, ganz selbstverständlich. War ihr vertraut wie das Gesicht.
Leo wandte den Kopf. „Isa", sagte er, „ich danke dir. Ich weiß, du hast alles überdacht in diesen Tagen hier an meinem Bett. Das Schicksal braucht ost sonderbare Wege. Aber es führt uns richtig, Isa. Ich habe lange um dich geworben, vielleicht unwürdig lange. Viele Menschen haben es mit angesehen und nicht verstanden. Vielleicht, well sie nicht wissen, was Liebe ist, oder weil sie nicht wissen, was Trabt« tionsgefühl ist. Du warst auf einem Irrweg, Isa. Wärst bu ihn gegangen, es wäre bein Unglück geworben. Menschen wie bu unb ich sind mit Ueberlieserungen verwachsen. Auch in Fragen des Blutes und der Liebe, was wohl oft dasselbe ist. Wir können und dürfen nicht aus unserer vorgeschriebenen Reihe hinaus, wir sind gebunden an ein ungeschriebenes Gesetz des Fühlens. Glaub' es mir, Isa."
Sie war langsam neben seinem Bett auf die Knie gesunken. Ihre Hände lagen auf der Decke neben seinem Körper. Ihr Blick war auf sein Gesicht gerichtet.
„Ich glaube dir, Leo."
Er fuhr fort: „Ich weiß, bu liebst mich noch nicht, Isa ..."
Sie rief: „Doch, Leo!"
Er schüttelte ben Kopf.
„Nein, Isa. Betrüge bich in bieser Stunbe nicht selbst. Aber ich hoffe, nein, ich weih: Du wirft mich lieben lernen. Weil ich bich liebe."
Ihr Kopf sank nach vorn, sie beugte ihn ganz tief. Da lag seine Hand, lang, schmal, blaß.
Sie küßte sie. Unb es war ein anberer Kuß als ber, ben vor Wochen Büchners Hand getroffen hatte.
Zwei wollen zum Theater.
Roman von Hans-Caspar von Zabeltitz.
Copyright 1930 by Carl Duncker-Verlag, Berlin.
(Nachdruck verboten.)
(Schluß.)
Am Treppenfenster verharrte sie einen Augenblick, sah über den Borgarten auf die Straße. Da gingen Peter unb (Bertie: er stampfte sie schritt leichtfüßig. Das Herz würbe Isa warm vor Liebe zu diesen beiden Menschen. War es nicht merkwürdig? Da liebte nun em Mann em Mädchen unb gröbste sie an. Unb das Mädchen, das auch liebte, lachte dazu, strahlte und blühte, weil es fühlte, daß unter der Grobheit sich die
dies Glück auch zu ihr kommen wurde. .
Sie verhielt nicht vor der Tür, durch die sie in den letzten Tagen so ost eingetreten. Schnell und gern drückte sie die Klinke herab.
Leo lag allein. Er wandte den Blick zu ihr, klar, hell. „Bist du wieder i)a, Isa?"
ßicbc vcrftecftc
Strahlen, blühen. Es war wie bei den Pflanzen im Wechsel von Sonnenschein und Regen.
Die beiden dort unten verschwanden in ber Häuserzeile.
Da roanbte sich auch Isa ab unb ging ihren Weg weiter, mit festen Schritten unb ganz sicher. Nicht zögernb, wie sie einst über den langen Flur ber Keithstraßenwohnung von ihrem Zimmerchen zu Buchner geschritten, wankend in den Knien, schwer in den Gliedern, sondern innerlich ruhig und ausgeglichen. .
Jetzt glaubte sie, daß es noch ein Gluck auf der Welt gäbe und daß L‘..s Glück auch zu ihr kommen würde.
Gertie und Peter strebten zum Bahnhof. Der Weg ging durch die ganze Stadt. Gertie hatte ihren Kopf zusammen: Sie sah nach der Uhr, es war noch reichlich Zeit.
Als sie zehn Minuten gelaufen waren, wurde Peter im Tempo langsamer, er nahm die Tasche von der rechten in die linke Hand.
Diese Pause benutzte Gertie. „Ausgemault, Peter?"
Er sah weiter geradeaus. ,,3d) maule nicht", stieß er heraus.
„Wie nennst bu sonst bein Benehmen?"
„Ich weiß nicht, woher Sie bas Recht nehmen, „Du" zu mir zu sagen."
Sie lachte frei unb froh. „Ach, Peter, was bist bu doch noch für ein bummer Junge, ein bummer, lieber Junge. Muß ich bir einmal roieber bie Wahrheit sagen? Siehst bu, Peter, bu maulst, weil ich bich nicht im Krankenhaus besucht habe." Sie hielt ihn am Aermel fest. „Lauf nicht so, sonst kann ich nicht sprechen. — Hast immer bagetegen und gewartet: „Kommt sie denn nicht?" Hast nach ber Tür gestarrt. Bis bich bie Wut packte."
Kurz brehte er sich zu ihr, blieb stehen. „Unb warum bist bu nicht gekommen?"
Wieber lachte sie: „Kannst bu jetzt auch „Du" sagen, Peterlein? Warum ich nicht gekommen bin? Weil bu nur bummes Zeug qerebet hättest."
Er trotzte auf. „Gar kein bummes Zeug. Sehr vernünftiges sogar. Sehr ernstes. Ich hätte bich gefragt ..."
Sie zog ihn roieber am Aermel. „Geh weiter, Peter, sonst versäumen wir den Zug. Unb das wollen wir doch nicht. Immer hübsch pünktlich fein." Sie machte eine kleine Pause, holte einmal tief Atem
und fuhr bann fort: „Siehst du, ich weiß, was du mich gefragt hättest: ob ich deine Frau werben wollte. Sofort, gleich, möglichst morgen. Jawohl, bas wäre es gewesen. Unb siehst bu, Peter, wenn bu ba so im Bett gelegen hättest, bie Kompresse auf bem Kopf unb elend und blaß, bann hätte ich vielleicht „Ja" gesagt. Weil bu mir leib getan hättest. Unb beshalb bin ich nicht gekommen. Ich habe bich nämlich lieb, Peter."
Ein paar Schritte war er roieber vorwärts getrottet, immer noch mit bösem, verbissenem Gesicht. Jetzt blieb er von neuem stehen.
„Also weil bu mich lieb hast, bist bu nicht gekommen; weil bu mich lieb hast, willst bu nicht meine Frau werben. Deine Logik ist fabelhaft. Die richtige Frauenlogik."
Gertie schob Peter wieber vorwärts. „Du mußt wirklich gehen." Unb als er in Bewegung war, fuhr sie fort: „Frauenlogik ist oft besser als Männerlogik Weil sie nämlich eine Logik bes Herzens ist unb nicht bes Kopfes. Höre, Peter, wenn mir nun heiraten würden, würdest du mit deiner Männerlogik verlangen, daß ich nicht mehr auftreten sollte. Widersprich doch nicht, es wäre so. Und weil ich dich eben liebe, würde ich wahrscheinlich nachgeben unb bann ginge ich gleich mit einem Knacks in bie Ehe, denn ich liebe meine Bühne. Wer einmal die große Angst und bann ben großen Erfolg erlebt hat, ber ist ihr verfallen. Ich kann und will nicht mehr von ihr lassen."
„Das heißt: Du liebst bie Bühne mehr als mich?"
„Das geht bich boch gar nichts an, Peter, ba wir uns ja doch nicht heiraten. Aber deine Frage beweist mir, daß ich recht halte, denn bu fängst jetzt schon an, eifersüchtig auf meinen Beruf zu fein."
Peter wollte sich nicht so schnell geschlagen geben. „Du bentft eben nur an bich", sagte er vorwurfsvoll.
Sie waren bicht vor bem Bahnhof angekommen, unb nun blieb Gertie stehen. „Ein bißchen Zeit haben wir noch, Peter. Nun mache mal beine Ohren ganz weit auf. Du mußt bir ein für allemal aus bem Kopf schlagen, daß ich egoistisch hanbele: Im Gegenteil: ich bente sehr stark an bich. Was hast bu bisher erreicht? Einen besseren Schreiberposten. Das ist schon allerhanb in ber kurzen Zeit, unb ich glaube, ich bin fast stolzer barauf, als bu selbst, denn ich habe bich in die Arbeit hineingeschubst. Was willst du erreichen? Fabrikdirektor! Das hast du mir wenigstens gesagt. Das ist aber noch ein langer Weg, und auf dem wäre dir eine Frau nur ein Klotz am Bein. Vor allem eine reiche Frau. Nicht widersprechen, Peter! Wenn wir heiraten würden, gäbe uns Vater eine dicke Zulage und Mutter würde uns ein Haus einrichten, schon um neue Chippendale-Möbel und neues Porzellan kaufen zu können. Du würdest im warmen Nest sitzen und sehr bald wieder der alte Peter fein. Der alte Peter, ben ich nicht geliebt habe, der faule Peter. Denn an solchen warmen Nestern, die euch bie Eltern ober bie Schwiegereltern immer bereitet haben, seib ihr so schlapp unb weich geworden. Durch Generationen hindurch. Alle eure guten Anlagen, alle eure Kräfte sind ungenützt geblieben, weil ihr nicht zu arbeiten brauchtet. Wenn du wieder faul wärst, hätte bie Ehe ihren zweiten Knacks. Unb eine mit zwei Schüben — das geht nicht, Peter."
Ruhig hatte er zugehört. Er stand vor ihr, einen Kops größer als sie, und sah aus sie herab, hinein in dies liebe Gamingesicht, dessen Wangen sich im lebhaften Sprechen gerötet hatten, in bem bie Augen blitzten. Ihm war traurig zumut. „Du liebst mich eben nicht." Ganz leise sagte er es.
Da lachte sie. „Oh, Peter, bist bu bumm, bist bu jung." Und plötzlich war ein ganz Helles Leuchten in ihren Augen. „Du wirst schon merken, baß ich bich lieb habe, Peter, sehr lieb habe." Eine neue Röte flutete in ihr Gesicht.
Er sah bas Leuchten, sah bie Röte. Er ließ seine kleine Tasche zu Boden fallen und wollte Gertie packen. Aber ba gab sie ihm einen kräftigen Stoß. „Hol' beine Fahrkarte, Tolpatsch."
Dann ftanben sie auf bem Bahnsteig. Der Zug nach Jena war schon eingefahren, bie Abteiltüren waren noch offen. Peters Tasche lag auf der Holzbank am Fenster.
Sie ftanben da unb sagten nichts, weil sie sich noch zu viel zu sagen hatten. Dinge, die sich schwer aussprechen lassen. Sie sahen sich nur an.
Der Schaffner rief: „Ginfteigen!"
Plötzlich hob Gertie ihre Arme unb schlang sie um Peters Hals. Seinen Kopf zog sie zu sich herab unb küßte feinen Munb, feine Augen, feine Backen. Unb bazwischen stammelte sie: „Sei fleißig, Peter, bleib tüchtig. Freue bich deiner Arbeit. Werde etwas."
Die Türen klappten.
Sie ließ ihn los, drängte ihn in den Zug, schloß die Tür hinter ihm, fest, energisch.
Er zerrte das Fenster herab. Da ruckte der Zug schon an. Seine Hand streckte er aus, unb sie ergriff sie, ging noch ein paar Schritte neben bem fahrenben Wagen her. „Cs ist ja nicht weit. Peter, von Jena nach Weimar." Unb bann: „Auf Wiebersehen, Peter!"
Sie mußte bie Hanb toslaffen. Nun winkte sie. Zögerte, rief bann boch: „Samstag, Peter." Ihr Herz klopfte.
Er winkte zurück. Jetzt leuchtete sein Gesicht auch.
Der Zug fuhr in die Kurve ein. Peters winkende Hand verschwand.
Da sank ©erlies Arm herab. Schlaff hing er nun, müde. Sie rührte sich nicht; nur ihre Augen folgten bem Zugenbe, ben brci bunten Schlußscheiben am letzten Wagen. Bis auch sie verschwunden waren.
Langsam wandte sie sich um und ging. Aus ihrem seidenen Beutel nahm sie ihr Taschentuch. Es saßen wohl ein paar Tränen in ihren Augenwinkeln. Weil es doch weh tat, das Abschiednehmen. Bis zur großen Bahnhofstür waren ihre Schritte noch gemessen, war ihr Herz nachdenklich.
Dann trat sie ins Freie. Vor ih» lag Weimar. Die Stadt Goethes. Die Stadt Schillers. Kunst, Arbeit an ber Kunst. Frisch warf sie ben Kopf herum, sah zurück nach der großen Uhr am Bahnhofsgebäude. Jetzt mußte sie eilen: die Probe im Goethe-Theater rief: Ihre Arbeit. Ihre Zukunft.
verantwortlich: Or. Hans Thvriot. — Druck und Der lag: Drühl'scheUniverfitätS^Duch» und Lteindruckerei.R. Lange, Gießen.


