Ausgabe 
18.1.1932
 
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orhnrmnnasfos niederschlugen. (Noch, schien mir, in einer Gesellschaft von af/ ftummen ebemS "chiefs, Teilnehmern'jener Schlacht oder jenes Schlachtens zittert die ohnmächtige Wut nach.) Im Abendschein ragen mcific Felsen derBadlands (schlechte Lande ist der weltb^annte Name dieser den Siouxindianern zugewiesenen Striche) über der Graslandschaft aut Werden von zahllosen Pferden weiden hier und da man kann für wci Dollar von den Indianern ein Pferd kaufen, wir sinken in ein Bachtal und durch ein Gewirr von Auenwald und Anpflanzungen fommen wir endlich vor das Holzhaus des IndianersDer stehende Bar . Er ist ein stattlicher und schöner Mann noch in seinen alten Tagen unb das [ei eine Squaw sagt er. Sie kommt aus dem sehr ordentlichen, mit Blumen auf den 'Fensterbrettern geschmückten Hause heraus aber rote erstaunt horcht sie aus, als ich sie mit einem deutschenGuten Abend, Frau Stehender Bär" begrüße! Sie ist verwirrt, sie sucht zunächst nach Worten, sie erinnert sich allmählich der Sprache ihrer Jugend und nach einigen wbn Minuten kann sie erzählen (und wo das Deutsche nicht mehr aus­reicht, flickt sie Englisch hinein): Ja, sie, ®ret( Hopfengarten, ist vor 39 Jahren aus Wien mit demStehenden Bär , der ihr in einer Jn- bianerfcbau ach so sehr gefallen hatte, davongegangen. Sie war zwanzig Jahre alt. Als sie herüberkam, war gerade das Gemetzel amSBerwunbeten Knie" gewesen Sie wissen, nicht wahr? unb sie (ernte tue Erbitterung der Indianer kennen und mit ihnen fühlen. Aber sie lebte glücklichl nut demStehenden Bär" unb gebiet) tn diesem (Äonen Sale, und es kamen die Kinder. Und sie zeigte uns ihre vier ober Hmf Kinber, Gemisch aus Jnbianisch unb Deutsch, man muß sagen, kein schlechtes Gemisch. Sie redet den Kindern aus indianisch zu, uns zu begrüßen, aber bte Ätnber fmb scheu wie alle Indianer, auch die erwachsenen Indianer Ob sie ,ema s Sehnsucht nach Deutschland und Wien gehabt habe? 'Rein nie, niemals never! Sie denke nicht mehr an Deutschland, sie lebe glücklich hier mit ihrem Manne unb ihren Kinbern unb werbe hier auch sterben. Aber sie schaut uns boch freundlich lächelnd, sehr aufmerksam unb ein wenig forschen!) an, benn wir finb boch ein ferner Anruf aus ihrer deutschen Juqenb nicht wahr, unb es muh sehr merkwurbig sein nicht wahr wenn da plötzlich eines Wenbs in ein lat, wo eine alte ferau lebt, Fremde kommen, sie in der schon vergessenen Sprache ihrer jungen Jahre anreben und nach einer halben Stunde schon - benn Der Abend \mtfyrab junb bie Fremben hatten noch hunbert Meilen bis zu ihrem Schlafplatz zu fahren sich eilig entfernen. Leben Sie wohl! Good bye!Das Geräusch des Autos verlor sich in der Ferne, unb bie alte Jnbianenn aus bcm 16. Bezirk in Wien war roieber allein im Siouxlande ...

Oie Silhouette der Krau.

Eine koskümgeschichtliche Plauderei.

Von vr. Kurt Haack.

Wird sie steigen? Wird sie sinken? Diese Frage nach der Höhe unb der stärkeren ober schwächeren Betonung ber Taillenlime beschäftigt zu Beginn jeber Saison bie Frauenwelt nicht minber als ben Bankier bas (Steigen ober Fallen ber Kurswerte. Spielt sie boch fett jeher tn ber Geschichte ber Mode die wichtigste Rolle, und eben erst haben wir nach einer Zeit ihrer völligen Unterdrückung den Neubeginn ihrer Herrschaft erlebt.

Wer in dem launischsten und scheinbar regellosesten Gebiet der Kultur- geschichte, der Mode, nach Gesetzen suchen wollte, wirb auch hier lenes allgemeinste Prinzip geschichtlichen Geschehens ro,ederf.nden das sich m Thesis unb Antithesis, in der Erscheinung unb ihrem Gegensatz äußert In Kontrasten vollzieht sich bie Entwicklung bes Kostüms, unb fo erscheint denn bie Taille halb unförmig breit, bald unendlich dünn, bald ganz kurz, bald unnatürlich lang; sie bläht sich in Reifrock und Krmolme zur mon­strösen Ungestalt, wird in ber Wespentaille zerbrechlich chlcmk, rutscht Ms unter bie Aermel hinauf und geht bis tief unter die Hüften herab. Freilich ist man gewöhnt diese Willkür des Kleides, bie sich nicht an bie natür­lichen Verhältnisse bes Körpers anschlieht erst am Ausgang bes Mittel­alters anheben zu lassen; boch sind Antike und frühes> Mittelalter nur scheinbar frei von diesen Extravaganzen ber Mobe Freilich bie Blütezeit hellenischer Kultur blieb von ber Einschnürung deö Körpers unb ber Herr­schaft bes Korsetts verschont; doch hat Evans in Kreta Frauendarstel- lunaen ausgegraben, bei denen eine deutliche Wespentaille em panzer- artiges Korsett und glockenförmiger, mit Volants besetzter Rock die wich­tigsten Elemente bes Kostüms sind; und eine noch stärkere Emschnurung des Oberkörpers bei weiter Ausbauschung des Rocks weisen die pikanten weiblichen Figuren auf die G a y e t in Antmoe gefunden hat. Jedenfalls war die römische Kaiserzeit mit allen Geheimnissen des Korsetts wohl vertraut nur haben sich diese orientalischen unb raffinierten Emslusse gegenüber bem strengen Ernst ber römischen Tracht me ganz durchzusetzen vermocht. Die primitiven Völker aber, bie in bem aerfaUenben Weltreich die Herrschaft erlangten, hatten eine einfach natürliche Kleidung, unb so beftanb benn bie Frauentracht des Mittelalters bis ms ^Jahrhundert aus einem über dem Hemd getragenen, vom Hals bis zu den Futzen herabreichenden Rock, der durch einen Gürtel zusammengehalten wurde. Dieser die Hüften umschließende Gürtel markierte zunächst nur ganz leicht die Taille, aber hier war ein Anlaß gegeben, die Limen bes Körpers immer stärker hervorzukehren. .

So gürten benn schon bie Damen ber Ritterzeit bie Taille immer fester um ben faltig herabrauschenben Stoffmassen bes Rockes einen schöneren Fall unb einen stärkeren Sontraft gegen bie strasse Strenge des Oberkörpers zu geben. Und in der Hochgotik entartet btefe Tracht zu einer merkwürdigen Verwirrung der naturüchen ^orperoer., hältnisse. Die von dem damaligen Anstandskodex vorgeschriebene Haltung der Frau, bei der der Leib möglichst weit vorgestreckt wurde unterstützte die Hochschiebung ber Taille. Der Oberkörper würbe durch fest geschlossene Knopfreihen oder noch besser durch die Schnürbänder d«e damals auf­kamen, ganz schmal unb eckig zusammengepreht Jetzt begegnen wir in den Kleiderordnungen zum erstenmal dem Verbot bes Schnürens, unb

die Sittenprediger eifern gegen das Anlegen von Leibchen, bie man üb« dem Hemde trug. Der Unterkörper aber wirb im Gegensatz dazu durch Unterröcke unb bie gewaltigen Stoffmassen bes Oberrocks unförmig auf- geschwellt. Die gotische Freube am Eckigen, am Krausen, Gefalteten lebt sich aus in biefen gerafften, in schweren Knittern unb dicken Wulsten herabfallenben Röcken, in benen bie Dame des 15. Jahrhundert sehr steif und würdig einhertritt. Diese in merkwürdigen Ecken und Bogen ver­laufende unruhig wirre Silhouette des Kostüms muh in der Renaissance wieder einem freieren, gemäßigteren Fall des Kleides Platz machen. Doch sind bie phantastisch-antikisierenben Gewänber, wie sie ein Botticelli erfanb niemals Mode geworben. Aber eine große Neuerung brachte bie Frührenaissance: sie trennte bas Leibchen vom Rock unb zerlegte so das bisher aus einem Stück gefertigte Kleid in zwei Teile. Damit war ber ent« scheibenbe Schritt zu jenem Prinzip ber Frauentracht getan bas auch bei uns noch herrscht. Auf bem berühmten Fresko Ghirlandaios zu St. Maria Novella in Florenz, bas bie Geburt Johannes bes Täufers darstellt, sehen wir so recht biese Scheibung ber neuen von ber alten Tracht. Die Matronen tragen hier noch ben langen Kleiberrock aus einem Stuck; die jüngeren Frauen prangen in beutlich voneinander abgehobenem Mieber und Rock. In Deutschland bequemte man sich spater zu dieser Trennung; bie gotische Linie hielt sich länger, boch auf den Trachtenbilbern Holbeins d. I. hat sich bas Dbertleib gegenüber bem tn faltiger Schleppe roogenben Rock fein Recht erobert, unb in einem harnionisch stolzen Fluß ber Linien offenbart sich jenes maßvoll verständige Gefühl weiblicher Körperschönheit, wie es im deutschen Gretchenkostum zum Ausdruck kam.

Mit der Gegenresormation weicht dies freiere Gewand der Renaissance einer neuen Verunstaltung ber Taille. Durch ben immer stärkeren Einfluß, den Spanien auf bie Geschicke Europas gewinnt, beginnt auch eine spa­nische Modeersindung ihren Siegeslauf burch die Lander: der Reisrortz der wohl zuerst am spanischen Hofe getragen wurde Um 1600 tft er im Lande des Cervantes fo eingebürgert, daß bes Sancho Panfa unsterbliche Ehehälfte in ihrem Dorf durchauseinen hübschen breiten unb großen Reifrock" aus Mabrib ober Tolebo tragen will. Die Infantinnen bes Velasguez erfctjeinen bann in biefen ovalen, bie Hüften grotesk per« breiternben Gestellen aus Draht, Fischbein unb Eisenreifen, bie spater burch Unterlagen von Kissen an den Hüften noch unförmiger gemacht wurden Dieser ironischVeriugade" oder Tugendwachter genannte Rock bat in seiner faltenlos ausgespannten starren Glatte etwas von dem düsteren Schematismus der damaligen spanischen Kultur; an die eng- geschnürte Taille setzte er unvermittelt wie eine Scheibe horizontal sich an unb fällt streng-eintönig herunter. Die halb ausgeb,(beten Glocken- unb Tonnensormen der magere Besatz mit Samt und Goldstoff konnten bas Ungetüm nicht" schöner machen, unb baß bie Damen mit Vorliebe ihre Arme darauf ruhen ließen, war für sie bequem, aber nicht anmutig. Trotzdem hat sich der Reifrock in verschiedenen Formen und mit einzelnen Unterbrechungen bis zur französischen Revolution in der Mode erhalten. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bildet sich allmählich aus dem mit Fischbein und Eisenstäben versehenen Leibchen als selbständiges Klei­dungsstück das Korsett heraus; das wird nun nut einer Anzahl Unter­röcken, die dem Kleid größere Fülle geben getragen. Aus diesen Elementen bildet sich die prächtig-steife Tracht am Hofe Ludwigs XIV., die überall aufgenommen wird Der Oberkörper erscheint majestätisch und pompos in dem gewaltigen Panzer des stählernen Korsetts; in wallenden wuchtigen Massen fällt die schwere Robe nieder und endet in einer riesigen Schleppe. Die Taille wird möglichst verlängert und läuft in einer spitzen Schnebbe aus- das Korsett mit dem langen Blankscheit geht so weit herab,^ es über den ganzen Unterleib reicht. Leichtere graziöse Formen versucht man wieder gegen Ende des 17. Jahrhunderts elnzufuhren; aber Watteaus locker geschürzte, faltenreiche Roben halten sich nicht.

Aus ben wulstigen, um bie Hüften brapiertenBouffanten" wirb tm Rokoko ein korbartiges Gestell, der Panier; er erweitert s'ch allmählich aur fialbtuael die mit einer Fülle von Spitzen, Girlanden und Volants belebt ist. Zahlreiche Lobredner erstanden demReiffen-Rock , auf ben klugen Erfinber stimmte eingalantes unb gelehrtes Frauenzimmer 1714 einen Hnmnus an:Er hat allerbings oerbient, daß er von ben ebelften unseres Geschlechts mit billigen Panegyricis (Lodgesangen) be Lebenszeit bis in Himmel erhoben, bei feinem Absterben aber wie einstens Mons Frauenlob, zu Grade getragen worden wäre. Obwohl R o u s f e a u s Kampf gegen Reifrock und Schnürbrust einen gewissen Emsluh gewann in Deutschland ber Anatom Sömmeringben deutschen Weibern, bie noch echt beutschen Charakter haben", bas Korsett verbot, unb man eine deutsche Frau7n-Resorm-Nationalkleidung" einfuhren wollte obwohl m England wirklich anmutig freie Gewänder aufkamen, so ist doch der Panier erst auf der Guillotine vernichtet worben, als der Henker ben Reiftock der Hingerichteten Dubarry unter allgemeiner Entrüstung unb roilbem Hohn verächtlich emporschwenkte.

Im 19. Jahrhundert hat sich die bisher geschilderte Geschichte der Taille in ber Mobe in zusammengebrängter unb an Kontrasten reicher Form noch einmal wiederholt. Nachbem bie Taille in ber Tracht bes D.retto.res ganz verschwunden war, erschien sie im Empire zunächst >n ganz kurzer Form fast unter den Armen beginnend, und sank dann langsam und allmählich herab. Etwa 1820 erscheint wieder bie normale Taille um die Hüsten unb bas vertriebene Korsett gewinnt wieder Geltung. Die Taille wird immer spitzer und dünner, bis sie als Wespentaille erscheint, ber Rock immer länger unb breiter aussallenb. Um 1840 ist bie Ärmohne ba, die nun in stets stärkerer Ausbehnung unb in immer reicherer Garnierung bes Rocks durch zahllose Volants etwa 20 Jahre die Herrschaft behauptet. Die Krinoline rutscht in der Halbkrinoline bis zu den Kmen herab, und bann wirb ber Rock so eng, baß man sich in ihm nicht bewegen kann. Die spitze Schnebbe, bie rückwärts bauschende Tournure werden getragen, unb lange Seit hindurch fand kein Einspruch der Aesthettker und Aerzte gegen das Korsett Gehör. Dann hebt ein neues Weiterwerben der Rocke an unb in tollem Wechsel ging unb geht es fort durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte ...