Ausgabe 
18.1.1932
 
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aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Teil gegessen, und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmütig, mit kaum ver­haltenen Tränen in den Augen, besah er das unansehnliche, kalt gewordene Nestchen, während die schlimme Schwester, welche schon wieder am Spinn­rädchen saß, unmäßig lachte. m , rj .

Das war zu viel und nun mußte etwas Gründliches geschehen. Ohne zu essen ging Pankraz hungrig in seine Kammer, und als ihn am Mor­gen seine Mutter wecken wollte, daß er doch zum Frühstück käme, war er verschwunden und nirgends zu finden. Der Tag verging, ohne daß er kam, und ebenso der zweite und dritte Tag. Die Mutter und Estherchen gerieten in große Angst und Not; sie sahen wohl, daß er vorsätzlich davon­gegangen, indem er seine Habseligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klagten unaufhörlich, wenn alle Bemühungen fruchtlos blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und als nach Verlauf eines halben Jahres Pankrazius verschwunden war und blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das ihnen nun doppelt einsam und arm erschien.

Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiß, wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche Stille darüber durch die Welt herrscht, daß allnirgends auch nur der leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weih doch, sie sind da und atmen irgendwo.

So erging es der Mutter und dem Estherlein fünf Jahre, zehn Jahre und fünfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wußten nicht, ob ihr Pankrazius tot oder lebendig sei. Das war ein langes und gründ­liches Schmollen, und Estherchen, welches eine schöne Jungfrau geworden, wurde darüber zu einer hübschen und seinen alten Jungfer, welche nicht nur aus Kindestreue bei der alternden Mutter blieb, sondern ebensowohl aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich endlich zeigen würde, um zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe. Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, daß er eines Tages wieder- käme und daß es dann etwas Rechtes auszulachen gäbe. Uebrigens fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte an dauerhaftem Lebensglücke und sie dagegen mit ihrer Mutter unveränderlich in einem kleinen Wohl­ständchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja einen tüchtigen Esser weniger und brauchten für sich fast gar nichts.

Da war es einst ein Heller schöner Sommernachmittag, mitten in der Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen Städten fleißig arbeiten. Der Glanz von Seldwyla befand sich sämtlich mit dem Sonnenschein auf den übergrünten Kegelbahnen vor dem Tore oder auch in kühlen Schenkstuben in der Stadt. Die Alten aber häm­merten, näheten, schusterten, klebten, schnitzelten und bastelten gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen vergnügten Abend zu erwerben, den sie nunmehr zu würdigen verstanden. Auf dem kleinen Platze, wo die Witwe wohnte, war nichts als die stille Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen; an den offenen Fenstern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die Kinder. Hinter einem blühenden Rosmaringärtchen auf einem Brette saß die Witwe und spann und ihr gegenüber Estherchen und nähete. Es waren schon einige Stunden seit dem Essen verstossen und noch hatte niemand eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da sand der Schuhmacher wahrscheinlich, daß es Zeit sei, eine kleine Erholungspause zu eröffnen, und nieste so laut und mutwillig: Hupschi! daß alle Fenster zitterten und der Buch­binder gegenüber, der eigentlich fein Buchbinder war, sondern nur io aus dem Stegreif allerhand Pappkästchen zusammenleimte und an der Türe ein verwittertes Glaskästchen hängen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief:Zur Gesundheit!" und alle Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch das Fenster, einige traten sogar vor die Türe und gaben sich Prisen, und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung und zu einem fröhlichen Gelächter während des Vesperkaffees, der schon aus allen Häusern duftete und zichorierte. Diese hatten endlich gelernt, sich aus wenigem einen Spaß zu machen. Da kam in dies Vergnügen herein ein fremder Leiermann mit einem schön polier­ten Orgelkasten, was in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborene Leiermänner besitzt. Er spielte ein sehnsüchtiges Lied von der Ferne und ihren Dingen, welches die Leute über die Maßen schön dünkte und besonders der Witwe Tränen entlockte, da sie ihres Pankräzchens gedachte, das nun schon viele Jahre verschwunden war. Der Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plätzchen wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Herumtreiber mit einem großen, fremden Vogel in einem Käfig, den er unaufhörlich zwischen dem Gitter durch mit einem Stäbchen anstach und erklärte, so daß der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die fernen, blauesten Länder, über denen er in feiner Freiheit geschwebt, kamen der Witwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie gar nicht wußte, was das für Länder wären, noch wo ihr Söhnchen fei. Um den Vogel zu sehen, hatten die Nachbarn auf das Plätzchen hinaustreten müssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die Nasen in die Lust und lauerten auf noch mehr Merkwürdigkeiten, da sie nun doch die Lust ankam, den übrigen Tag zu vertrödeln.

Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lange, bis das allergrößte Spektakel sich mit großem Lärm näherte unter dem Zu- kauf aller Kinder des Städtchens. Denn ein mächtiges Kamel schwankte auf den Platz, von mehreren Assen bewohnt; ein großer Bär wurde an seinem Nasenringe herbeigeführt; zwei ober drei Männer waren dabei, kurz ein ganzer Bärentanz führte sich auf und der Bär tanzte und machte seine possierlichen Künste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, daß die friedlichen Leute sich fürchteten und in scheuer Entfernung dem wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbändig über den Bären, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken, über das Kamel mit feinem selbstvergnügten Gesicht und über die Assen. Die Mutter dagegen mußte fortwährend meinen; denn der böse Bär erbarmte sie, und sie mußte wiederum ihres verschollenen Sohnes gedenken.

(Fortsetzung folgt.)

Deutsche Indianer.

Von Josef Ponten.

Das Volk der roten Leute Nordamerikas ist wie kein anderes primi­tives Volk der Erde literarischer Gegenstand geworden. Wer hat nicht in seiner Jugend Jndianerbücher gelesen? Aber diese aus manchen Gründen anzuzweiselnde Literatur war auch im großen ganzen eine ungeheure Fälschung, denn sie entwarf höchst einseitige Bilder vom Indianer. Ob­gleich der' normale Leser von keinem Naturvolke soviel gelesen hat wie vom Indianer, so weiß er doch von ihm sehr wenig Richtiges und Wahres. Wer weiß, daß es unter den Indianern auch Deutsche gibt?

Die Indianer bewohnten vor der Ankunft des weißen Mannes die ungeheuren Räume Nordamerikas in geringer Zahl. Sprechen wir nur von den Räumen der Union, so ist es sicher, daß auf einer Fläche, auf der heute 100 Millionen Menschen weißer, schwarzer und roter Hautfarbe wohnen können, nicht eine Million Indianer wohnte ja, vielleicht nicht einmal eine halbe. Die Schätzungen der Ethnologie (affen einen großen Spielraum. Die Indianer, meistens Jäger, brauchten naturgemäß großen Raum. Die Zersplitterung ja Atomisierung ihrer Lebensverbände war der Menschenauffüllung der Räume nicht günstig, und die ewig bestehende und in Sitte, Kult und allgemeines Denken übergegangene Fehbebereit- fchaft war ihr seindlich. Die natürliche Vermehrung scheint nicht stark gewesen zu sein. So war man bei geringer Menschenerzeugung und großem Menschenverbrauch daraus angewiesen, die Menschenzahl durch Adoptierung zu vermehren. Die Indianer waren durchaus nicht einzig darauf aus, ihre Feinde zu töten, sondern auch. Gefangene zu machen. Und dies nicht etwa nur, um sie am Marterpfahl zu verbrennen (der Laie hort vom Furchtbaren der Indianer mehr als vom Zarten, Edlen und Bewundernswerten), sondern auch, um sie womöglich in den Stamm auf­zunehmen. Namentlich die Mutter, die einen Sohn im Kriege verloren hatte, war darauf bedacht, ihn durch Adoption eines Gefangenen zu ersetzen, ja, nahm den Töter ihres Sohnes als Adoptivsohn an. Mit Vorliebe natürlich nahm man Kinder in den Stamm und die Familien auf, sie gewohnten sich schnell und verhältnismäßig schmerzlos an das neue Leben. Die Kinder entführte man aus den überfallenen Farmen des Grenzerlandes. Sie lebten sich oft fo in die indianische Gemeinschaft ein, daß sie, nachdem sie die indianische Sprache gelernt und oft nur die indianische Sprache gelernt, ihre europäische Sprache noch nicht beherrscht oder auch vergessen hatten, Indianer blieben, auch wenn sie durch Krieg ober Vertrag zu den Weißen zurückkamen. Wir wissen von weißen er­wachsenen Mädchen, die, nach langer indianischer Gefangenschaft zu den Weißen zurückgekehrt, den Weißen entliefen aus Heimweh nach den In­dianern und zu diesen zurückflohen. Unter solchen Adoptionsindianern sind ohne Zweifel viele Deutsche gewesen, denn wir wissen heute, daß gerade die Deutschen im Raume der Staaten Neuyvrk, Pennsylvania, Virginia und Nord-Carolina in den gefährlichen Grenzenden des Appalachen­gebirges fiedelten und daß die dort bald übervölkerten Mutterkvlonien Tochterkolonien in die Räume hinter den bewaldeten Bergen, in die Räume derHinterwäldler" (Backwoodsmen) auswarfen: Ohio, Ken­tucky, Tennessee. Mancher Franz Reinhardt, Peter Schmitz oder Josef Schuhmacher (diese frühen Amerikaansiedler waren meist Rheinländer) wird unter dem Namendie rote Wolke" oberSchläfriges Auge" ober Er schießt nach ber Tulpenbaumspitze" sein Freiluftleben beenbet haben. Es sind auch Namen verbürgt, naturgemäß besonders von solchen, bie nach kürzerem ober längerem Inbianersein zu ben Weißen zurückkehrten, also nur eine Zeitlangbeuksche Jnbianer" waren, z. B. ein Mäbchen Hartmann, bie Jnbianerin eines Stammes in ber Ohiogegenb, ober Johann Selling, ber ein Cherokeeinbianer geworben war unb ben Jnbicmernamen Nenou, bas istber Schweigsame", trug.

Die Jnbianer waren nicht wählerisch im Adoptieren, unb ber Abop­tierte genoß jebes Recht bes Vollinbianers, also konnte er, wenn er sich so auszeichnete, wie es bafür erforberlich war, auch Häuptling werben. Viele Neger, Entlaufene aus ben Sklavenhalterstaaten bes Südens,- finb Jnbianer geworben, unb ich weiß von einem, ber Häuptling wurde. Da verwundert es uns wenig, folgendes zu hören: Das Regiment Waldeck, eines von jenen Regimentern, welche guteLandesväter" von deutschen Fürsten in englische Kriegsdienste nach Amerika verkauften, traf am Golf von Mexiko einen Jndianerstamm, dessen Häuptling ein Weißer war: sieh da, er war sogar der aus dem Regiment desertierte Soldat Branden­stein! Wir lebten eine Woche lang im Gebiete des Dglalaftammes ber Siouxinbianer im westlichen Süb-Dakvta. Da, im Indian trading post bes Ortes Porkupine (Stachelschwein) wer rebet mich ba beutsch an? Der Jnbianer John Rock .Er ist freilich auch von Geburt ein Jnbianer, unb mit seinem Deutsch ist nicht sehr viel Staat zu machen, aber sein armes Deutsch unb sein etwas reicheres Englisch setzen ihn in ben Stanb, mir seine Geschichte zu erzählen. Er ist in Deutschland gewesen, jawohl, er, John Rock aus ber Sioux-Reservation Pine ridge in South Dakota! Zwei Jahre, jawohl! Unb hat viel von Deutschlanb gesehen! Er war nämlich Mitglieb derJndianerschau" eines deutschen Zirkus, er ist begeistert von Deutschland, er möchte, ach ja, im Jndianerkriegsschmuck sich wieder dem deutschen Publikum (namentlich ben beutschen Frauen) zeigen, wenn ihn einer ber beutschen Zirkusse (vielleicht könne ich bas ermöglichen! Ach ja! Bitte!), etwa ber Zirkus Krone übers große Wasser kommen lassen wolle, ihn unb seine Freunbe, benn ganzStachelschwein" mochte nach Deutschlanb reifen unb sich Deutschlanb zeigen. Ich verspreche ihm, seine Wünsche unb bie von ganz Stachelschwein übers große Wasser weiterzugeben.

Ader ich höre bann, baß zwanzig Meilen entfernt, im OrteManbel", eine Jnbianerin lebt, burch Heirat Jnbianerin geworben, bie richtige Frau bes JnbianersDer stehenbe Bär", bie eine Deutsche war unb sogar noch jenseits bes großen Wassers geboren ist. Es geht schon gegen Abenb, unb ber Weg ist sehr schlecht, aber bas Auto muh es noch schaffen! Frau Stehender Bär" müssen wir sehen! Wir kommen auf armen Spurenwegen über bas Schlachtfeld von 1890Wounded Knee (Verwundetes Knie), wo bie Solbaten ber Union ben letzten Befreiungsversuch ber Jnbianer