Nummer 5
Montag, den 18. Januar
Jahrgang 1952
Gießener Aimlienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
dreimal so lange in das geaenüberstehende glänzende Goldblatt, in welchem sich die Sonn« brach. Im übrigen war es ein eigensinniger und zum Schmollen geneigter Junge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte.
Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kind mit langem und dickem braunen Haar, großen braunen Augen und der aller- weißestea Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sich vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaß eine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch obgleich es mit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gab die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn in seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und es ihm wahrschein- licherweise einmal recht schlecht ergehen konnte, während nach ihrer Ansicht das Mädchen nicht viel brauchte und schon deshalb unterkommen würde. , < • s. u
Dieses mußte daher unaufhörlich spinnen, damit das Sohnlem desto mehr zu essen bekäme und recht mit Muße sein einstiges Unheil erwarten könne. Der Junge nahm dies ohne weiteres an und gebärdete sich,wie ein kleiner Indianer, der die Weiber arbeiten läßt, und auch seine Schwester empfand hiervon keinen Verdruß und glaubte, das müsse so sein.
Die einzige Entschädigung und Rache nahm sie durch eine allerdings arge Unzukömmlichkeit, welche sie sich beim Essen mit List oder Gewalt immer wieder ertaubte. Sie Mutter tocfyte nämlich jeben Mittag einen dicken Kartoffelbrei, über welchen sie eine fette Milch oder eine Brühe von schöner brauner Butter goß. Diesen Kartoffelbrei aßen sie alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem seder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffelgebirge hineingrub. Das Sohnlem, welches bei aller Seltsamkeit in Eßangelegenheitcn einen strengen Äinn für militärische Regelmäßigkeit beurkundete und streng daraus hielt, daß jeder nicht mehr noch weniger nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, daß die Milch oder die gelbe Butter welche am Rande der Schüssel umherfloß, gleichmäßig in die ab geteilten Gruden laufe, das Schwesterchen hingegen, welches viel harmloser war, suchte, sobald hre Quellen versiegt waren, durch allerhand künstliche Stollen und Abzugsgräben die wohlschmeckenden Bächlein auf ihre Seite 3U toten, und wie febr sich auch der Bruder dem widersetzte und ebenso künstliche Dämme aufbaute und überall verstopfte, wo sich ein verdächtiges Loch »eigen wollte so wußte sie doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eröffnen oder langte kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Löffel und mit lachenden Augen in des Bruders gefüllte Grube Alsdann warf er den Löffel weg, lamentierte und schmollte, bis die gute Mutter die Schüssel zur Seite neigte und ihre eigene Brühe voll m das Labyrinth der Kanäle und Dämme ihrer Kinder strömen ließ.
So lebte die kleine Familie einen Tag wie den anbern, und indem dies immer so blieb, während doch di« Kinder sich auswuchsen ohn« daß sich eine günstige Gelegenheit zeigte, die Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden fühlten sich alle immer unbehaglicher und kümmerlicher tn ihrem Zusammensein. Pankraz, der Sohn, tat und lernte fortwährend nichts als ein« sehr ausgebildete und künstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine Schwester und sich selbst quälte. Es ward dies eine ordentliche und interessante Beschäftigung für ihn, bet welcher er die müßigen Seelenkräste fleißig übte im Erfinden von hundert kleinen häuslichen Trauerspielen, die er veranlaßte und in welchen e, behende und meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wußte Esthe^ chen die Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlt«. Diese Oberflächlichkeit ärgerte und kränkte dann den Pankraz so, daß er immer längere Zeiträume hindurch schmollte und aus selbstgeschasfenem 21C Doch^nah m6 er ‘ T i Tief er Lebensart merklich zu an Gesundheit und Kräften und als er diese in seinen Gliedern anwachsen suhlte, erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tüchtigen Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um zu sehen, wie er irgendwo ein tüchtiges Unrecht auftreiben und erleiden könne. Sobald ckck ein solches zur Rot dargestellt und entwickelt, prügelte er unverweilt feine Widersacher auf das jämmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen Tätigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im Ausspüren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, daß er sowohl einzelne ihm an Starke weck überlegene Jünglinge als ganze Trupps derselben entweder besiegte, oder wenigstens “iLÄÄ'Ä««
fo schmeckte ihm das Essen doppelt gut, und tu« ©einigen erfreuten sich dann einer heiteren Stimmung. Eines Tages war es ihm doch beaeanet daß er, statt welche auszuteilen, beträchtliche Schlage selbst geerntet'hatte, und als er voll Scham, Verdruß und Wut nach Hause kam hatte Estherchen, welches den ganzen Tag gesponnen, dem Gelüste nicht widerstehen können und sich noch einmal über das für Pankraz
Abendgefühl.
Don Friedrich Hebbel.
Friedlich bekämpfen Nacht sich und Tag. Wie das zu dämpfen. Wie das zu lösen vermag! Der mich bedrückte, Schläfst du schon, Schmerz? Was mich beglückte,
Sage, was war's doch, mein Herz?
Freude wie Kummer, Fühl' ich, zerrann. Aber den Schlummer Führten sie leise heran. Und im Entschweben, Immer empor. Kommt mir das Leben Ganz wie ein Schlummerlied vor.
pankraz, der Schmotter.
Novelle von Gottfried Keller.
Aus einem stillen Seitenplätzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die Witwe eines Seldwylers*, der schon lange fertig geworden und unter dem Boden lag. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen vielmehr fühlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann zu sein daß ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht entgehen konnte, angriff; und als seine Glanzzeit vorübergegangen und er der Sitte gemäß abtreten mußte von dem Schauplatz« der Taten, da erschien ihm alles wie ein wüster Traum und rote ein Betrug um das Leben, und er bekam davon die Auszehrung und starb unverweilt.
Er hinterließ einer Witwe ein kleines, baufälliges Häuschen, einen Kartoffelacker vor dem Tore und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milchund butter um die Kartoffeln zu kochen, di« sie pflanzte, und em kleiner Witwengehalt, ben der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal einige Wochen über den Termin hinaus in feinem Geschäfte benutzt, reichte gerabe zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen Ausgaben hin. DiZes Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem die ärmlichen Ge- wänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wachst zu früh gan3hd) schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen Grund durchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war eine (o regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgendeine am Himrneh und oerroanbelte ebenfo regelmäßig «ine Zeitlang die kühle, kümmerlich-stille Zufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit. Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen; denn sie hs°"en sie m ihrem Unverstände für mächtig genug dazu, weil sie ihr ein und alles, ihr einzige Schutz und ihre einzige Oberbehörde war. Die Mutter war unzufrieden, daß die Kinder nicht entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, od
Eigcnjchaslcn. -Xr S.hn ein unansehnlicher Knabe von vie^ehn Jahren, mit grauen und ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Morgens lang >m Sette lag, ban menia in einem zerrißenen Gerichts- oder Geographiebuche las, und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg dem Sonnen
untergang beizuwohnen, welches die einzige glanzende und pomphafte Begebenheit war, welche sich für ihn zutrug. Sie schien für ihn etwa das zu ton was für di« Kaufleute der Mittag auf der Börse; wenigstens kam er mit ebenso abwechselnder Stimmung von diesem ^°^°ng zurück und menn es recht rotes oder gelbes Gewölk gegeben, welches gleich qroßen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden und majestätisch manövriert hatte, so war er «igentlich vergnügt zu nennen. snn„i,r mit
Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er em Blatt Pap^r m fpftiampn Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bunoei Lqte das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde. In diesem BÜÜdelchen stak hauptsächlich em kleines wfammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weitze Biiaienen mck^llerto Linien, Figuren und ausgereihten Punkten, dazwischen Rauchwolken und fliegende Bomben, gefüllt und beschrieben waren. Dies Buchton betrachte e er oft mit größer Befriedigung und brachte neue Ze ch- nunqen barin an, meiftens um die Zeit, wenn das Kartostelfeid in voller Blicke stand. Er lag bann im blühenben Kraut unter dem blauen Himmel, und wenn er eine weiße beschriebene Seite betrachtet hatte, so schau
* Seldwnla bedeutet nach der älteren Sprache einen monnigen und sonnigkn K und so ist auch in der Tat bi« kleine Stabt b.eses Namen- gelegen irgendwo in bet Schweiz.


