Oer Knegskomnüffar tec Königs.
Roman von Friedrich F r c ja.
Copyright 1931 by August Scherl, G. m. b. H„ Berlin.
(Fortsetzung.)
Ein altgedienter Unteroffizier, der das Schreiben und Lesen wohl ’ verstand, wurde dem alten Dorffchulmeister zur Seite gestellt, weil der die । Jungen nicht mehr recht zur Räson bringen konnte Run war es freilich > anders; denn während vorn der Herr Dorfschulmeister an der Tafel mit - der Kreide schrieb oder die Jungen und Mädchen belehrte, stand hinten der einbeinige Unteroffizier mit dem Stock und paßte auf. Da gab es kein Gewisper mehr, sondern nur Disziplin. Die Jungen aber nannten ihn unter sich nur leise ,;ben alten Stock" und hofften, es würde der kalte Brand in sein abgeschossenes Bein fahren und sie so von ihm erlöst werden. Aber der Stelzfuß ward nicht krank; er heiratete die ältliche Tochter des Dorfschulmeisters, und damit erhielt er Anwartschaft auf die Stell«.
Ein dritter Invalide, der heimgekommen war, diente den Kindern als Spaß und Ergötzung; denn er war ein armer Branntweinsäuser und hielt dann komische und feierliche Reden. Der Herr Pfarrer freilich nannte es einen Jammer; aber auch für diesen Menschen wußte er Rat. Der Invalide aß die Reihe herum in den dreißig wohlhabendsten Hausern jeden Mittag und hatte dafür klein« Dienste und Handreichungen zu leisten. Er war ein sonderbarer Mensch, dieser Blandowski. Sein Vater war als Pfarrer im Dorf verstorben, und daher genoß er Heimatrecht. Der Vater sollte sogar den polnischen Adel gehabt haben und der Sohn sich darum in einem Dragonerregiment gemeldet haben, um Offizier zu werden; aber das Sausen hatte ihn um die Charge gebracht.
Er könnt«, wenn er nüchtern war, gar schön erzählen; denn er hatte ein abenteuerliches Leben geführt und den verschiedensten Potentaten gedient. Als Panduren-Unteroffizier war er in türkische Gefangenschaft geraten, und dort hatten sie ihm ein Ohr abgeschnitten. Das Erzählen war sein Verderben; denn wenn er erzählt«, ward ihm Branntwein eingeschenkt, und bann geriet er in Fahrt — bald so sehr, daß er Tollheiten schwatzte und endlich in irgendeinem Graben nisderfiel, um seinen Rausch ausznfchlafen. Friedrich Wilhelm konnte nicht genug hören von dem, was Blandowski erzählte. , _, ,
Aber ball war bie Rot der Jett so groß, daß di« Leute nicht Schrecken, draußen geschehen waren, anzuhören brauchten. Die Ernte war mißraten, und nicht die Hälfte der Frucht, die erwartet wurde, wurde eing-ebracht.
In Wutzow selbst ging es noch leidlich; denn das Land war besonders gut, und daher gab es fast nur wohlhabende Bauern dort. Aber von den anderen Dörfern erzählten sich die Leut« schaudernd schreckliche Dinge. Die Leute kochten sich Suppen von Gras und Baumblättern — nur, um den Leib auszustopfen; und sie aßen alles, Ratten, Mäuse, Vögel, Eichhörnchen und was es an Waldtieren gab.
Die Kinder sollten von den Schrecknissen der Hungersnot bald selbst . ein Bild erhalten. Unter Friedrich Wilhelms Führung streiften sie in der Umgegend umher, sobald di« Wege wieder gangbar wurden. Eines Tages meldete Theodor: „Auf bem Schindanger draußen, beim Paetzow-Walde, haben sie ein großes Feuer angezündet und singen und schreien!"
Das mußten die Kinder sehen und schlichen heran. Sie kletterten auf die Randbäume und schauten auf die Wiese herab. In der Mitte.lagen, grausig anzuschauen, eine gefallene Kuh und ein Pferd, das dies« Horde Hungriger wieder aus der Erde gegraben. Von dem blauschwarzen Fleisch der gehäuteten Tiere lederten sie lange Streifen ab, steckten sie auf Zweig« Und Aaste und hielten sie über das Feuer. Ein Weib erblickte die Kinder von ungefähr und rief höhnisch hinauf: „Wollt ihr auch gebraten werden? Das Mädchen schmeckt vielleicht ganz gut! Es sieht fett aus!" — Da glitten die Kinder eilig die Bäume herunter, ergriffen die Flucht und erzählten atemlos zu Haufe ihr Abenteuer.
Der Pfarrer schüttelte den Kopf, allein er alarmiert« sofort bi« Männer, denn von solchen Rotten konnte man sich nichts Gutes versprechen; waren doch schon in der Umgegend ein paar Außenhöfe überfallen, ausgeraubt und niedergebrannt worden. Da er ja selbst das Soldatenhandwerk gelernt hatte, teilte er die Männer des Dorfes in drei Wachen, und jede der Wachen in Rotten, die die Ausgänge besetzen mußten. Bewaffnet waren sie mit Knütteln, Heugabeln, Sensen, und einzeln« besahen auch Schießgewehre und Pistolen.
Und es war gut so; denn die Horde, die sich Mut angefressen hatte, wollte nach der Mitternachtsstunde in -bas Dorf -einbrechen. Einige Kugeln genügten, um ihnen Beine zu machen. Bald danach kam die Nachricht, daß diese selbe Rotte einen Angriff aus das Gutshaus unternommen hatte, doch hatten die Gutsleute diesen Angriff abgeschlagen. Freilich war es den Hungernden gelungen, eine Milchkuh mitzunehmen, deren Knochenreste von den Jägern später im Walde gefunden wurden.
Der Pfarrer Fritfche predigte nun am Sonntag danach von den Werken der Barmherzigkeit, und in feiner Predigt erklärte er den wohlhabenden Besitzern: Wer da habe, der müsse geben; der Hunger sei ein reihend Tier, und wenn bie Armen rebellierten, dann würde das Dorf nicht sicher sein, daß von außen bie Bettler tarnen und es niederbrennten.
Das leuchtete nun freilich ein, und, durch bi« bewegliche Rede des Pfarrers bewogen, gaben die Reichen von ihrem Ueberfluß an Kohl, Rüben, Kleie und Mehl, Butter, Schmalz und Milch. Und auch der Pfarrer gab seinen Anteil; ja, er verkaufte sogar feine silbernen Schuh- schnallen, damit in der Waschküche des Pfarrhofes ein großer Kessel ein- gemauert würde, um darin aus Kohl, Rüben, Kleie und Mehl nebst etwas Schmalz jeden Tag eine Suppe zu kochen. Diese Arbeit besorgten zwei alte Weib lein, die sonst sicherlich verhungert wären. Und nun erhielten die Armen des Dorfes jeden Tag ihr Deputat, daß sie übers Frühjahr wenigstens hinwegkämen. Und die fremden Bettler, di« sich täglich Jn Scharen einfanden, durften auch einmal in der Woche ihr« Portion holen.
Der Herr Pfarrer, der unablässig nachdachte, kam auf den Einfall, ein paar alte, halb verhungerte Kühe zu kaufen und zu schlachten. Er ließ das Fleisch abschälen und die Knochen entzwei schlagen und alles in den großen Kessel werfen und so lange kochen, bis es dicke Gallerte ergab und von diesen Gallerten wurden täglich einige große Kellen in die Suppe hineingeworfen, die dadurch Kraft und Wohlgeschmack erhielt. Diese Erfindung der Knochenbouillon wurde bald in ganz Pommern bekannt und die Rittergutsbesitzer machten sie zur Grundlage der Gesinde- kost. So machte die Not erfinderisch: Nahrungsmittel, die srüher als nutzlos fortgeworfen wurden, fanden «ine nützliche Berwertüng.
Damit die Armen, die nichts zu tun hatten, in Atem gehalten würden und auch ein paar Pfennige verdienten, wurden sechzehn von ihnen ausgewählt, die am besten angesehen waren. Die mußten im Schulhaus als Wachtmannschaft dienen. Immer war die Halste von ihnen auf den Wegen um das Dorf vor Raubanfällen und Einbrüchen zu sichern, lieber diese Wachtmannschaft führte der Herr Pfarrer den Oberbefehl, während der Schulmeister-Korporal und zwei andere ausgediente Soldaten die einzelnen Abteilungen führten. Hauptaufgabe der Wachtmannschaft war, des Abends alle Bettler, die ins Dorf kamen, zu sammeln und in eine Scheune einzusperren, in der Stroh zum Nachtlager ausgeschüttet war. Diese Kerle erhielten einen Teller Suppe zum Abendbrot und mußten alle in die Scheune hinein, die mit einem festen Schloß versehen war. So war man im Dorfe sicher, daß biefes Bettelvolk wenigstens nachts keinen Unfug anrichtete.
Von diesen Landsstrolchen waren eines Abends über drei Dutzend in der Scheune, und der Pfarrer hatte die Bewachung verstärkt, weil er in großer Besorgnis war ob der übermäßigen Zahl. Er blieb bie Nacht über wach, und das ganze Pfarrhaus war in Unruhe. Die Mutter wollte auch nicht schlafen, und die Kinder krochen zueinander in die Betten und erzählten sich von -dem, was sie gesehen und gehört.
Da meldete sich plötzlich ein Hirt beim Dorfeingang an der Stolberger Straße und rief: „Pfarrer, hilf! Sie ziehen in großen Rotten gegen das Gut!"
Der Pfarrer war -alsbald auf den Beinen, rief drei Viertel der Bauern auf und rückte ab. Ein Feuerschein in der Gegend -des Gutes schien alles zu bestätigen.
Aber kaum war eine Stunde vergangen, als es auf der anderen Seit« des Dorfes zu wimmeln begann. Eine große Rotte von Volk kam heran und brüllte, es sollte Nahrung gegeben werden, und zu gleicher Zeit wurden bie -in der Scheune Eingeschlossenen mobil.
Die Bauern im Ort verloren den Kopf und schrien: „Alles ist verloren!" Und ber Dorfinvalide, der die Führung nach -dem Pfarrer hatte, erfand sich als betrunken, da die Bauern ihn hervorholten, daß er das Kommando ergriffe.
In dieser Verwirrung lief bie Pfarrerin, mit einem Pistol in der Linken und einem Säbel in der Rechten, auf den Marktplatz und rief: „Seid ihr Kerls und Mannsbilder, .dann folgt mir!"
Alsbald -lief sie gegen bie Scheune, wo -die Cingefchloffenen waren und schrie mit schrecklicher Stimme: „Es -ist Feuer angelegt, und wenn ihr -euch muckt, wird die Scheune abgebrannt! Vorn stehen vier uno schießen!" Und um es zu bekräftigen, hieß sie vor ber Scheune einen Holzstoß anzünden. Darauf gaben die drinnen fürs erste Ruhe.
Sie selbst aber lief gegen den Strahenausgang, wo die marodierenden Bettler schimpften, während die Bauern hinter der Verschanzung standen und bebten. „Wartet nur!" schrie sie. „Die Husaren kommen! Und gebt -ihr nicht Ruhe, so lass' ich feuern!"
Daraufhin zogen die draußen sich vom Eingang zurück. Die Pastorin hieß Pechkränze, bie fertiggemacht waren, nach -außen auf bie Straß« schleudern und befahl, auf ihr Kommando scharf zu schießen, wenn bie Marodebrüder wieder herankämen; aber sie seufzte dabei, denn es war ihr nicht wohl zumut. Draußen waren wohl an die zweihundert, und in der Scheune hatten sie an die vierzig; und das, was zurückgeblieben war an Bauern, konnte unmöglich den ganzen Ort halten.
Sie schrie nun, daß bie Kinder und Frauen zus-ammenkämen und sich in die Kirche begäben, als letzten Zufluchtsort; ebenso sollte das Vieh her- ausgenommen und in die Umfriedung des Hauptplatzes getrieben werden. Wie sie so hin und her eilte, rief sie: „Wo ist Heinrich geblieben?" Aber feiner wußte, wo der Junge steckte. Sie kümmerte es im Augenblick nicht weiter, hatte sie doch mehr zu tun.
Die Horde kam näher, und sie hieß zwei Musketen abbrennen. Darauf zogen sich die -draußen wieder zurück. Aber -die in ber Scheune begannen zu brüllen, und man hörte sie gegen -die Tür hämmern. „Feuer! schrie sie und suchte nun durch Befehle die drinnen zu erschrecken.
Es wäre wohl nicht gut ab gelaufen, wenn nicht plötzlich draußen etn Hurraschrei erschollen wäre und ein: „Halt! Steht! Wer flieht, wird erschossen!"
Es war der Pfarrer, -der mit feiner Mannschaft zurückgekommen war, und die marodierenden Bettler sahen wohl ein, daß sie nichts mehr zu bestellen hatten. Vi-el-e zwar flohen rechts und links in den Wald, aber bi« Mehrzahl ward von den Bauern ins Dorf getrieben, gebunden und «> -die Sakristei -ber Kirche gelegt, eng aneinander wie Heringe.
Heinrich hatte in dem Durcheinander und in Angst um die Mutter sogleich an den Baier gedacht. Er war hinausgeschlüpft und dem Häufen nachgejagt, ber ausgezogen war, das Schloß zu befreien. Das hatte sich als Finte erwiesen; -denn der Brand — das sah die oorausgeschickt« Patrouille — war vorgetäuscht durch ein paar Holzstöße, in bie Fackeln hin-eingestoßen waren. Di«' Bettler hatten gedacht, Vieh zu rauben uno bas Dorf in Verwirrung zu setzen. Nun waren sie alle gefangen: sowohl die in ber Scheune als auch die anderen, die versucht hatten, von außen zu stürmen, lieber zweihundert Personen wurden nach drei Tagen von Husaren abgeholt und nach Solberg gebracht.
(Fortsetzung folgt.)
^-"-antwortlich: vr. HansThyriot. — Druck undD erlag:Drühl'scheUniv er jitäts-Duch» undSteindru ckerei. L. Lange,Gießen.


