Oer Herbst im deutschen Gedicht.
Von Dr. Eberhard Meckel.
Herbstlich alle Fluren rings verwildern, und unkenntlich wird die Welt.
Dieses Scheidens Schmerzen sich zu mildern, wenn die Zauberei zerfällt, sinnt der Dichter, treulich abzuschildern »en versunknen Glanz der Welt, selig Herze, das in kühnen Bildern ewig sich die Schönheit hält!
Diese Verse von Eichendorfs enthalten wohl am ehesten eine Aussage üoer jenes Gefühl, das für den dichterischen Menschen den Antrieb petzen kann, den Herbst und alles, was mit diesem innerlich und äußerlich zusmmnenhangt, lebendig werden zu lassen im Gedicht. Der Herbst — uraltes Thema der Lyrik, gerade der deutschen, deren Wesen sich besonders mit dem der Jahreszeit und ihren Aeußerungen verwandt empfindet. Unzählig der Reichtum der Gedichte feit dem Mittelalter bis auf unsere Zeit; unmöglich, hier alles zu nennen, was in ewiger Abwandlung in Versen um den Herbst kreist. Aber vielleicht gibt eine Beschränkung aus einzelnes oder auf Abschnitte mehr von dem, was die Dichter je um diese Jahreszeit gewollt und geschrieben haben: ein Bild des Herbstes.
In der Lyrik des Barock, aus der Düsterheit und Zerrissenheit der Zeit geboren, ist der Herbst besonders ost besungen worden; er geht hier, wie bei den meisten Barockdichtern, in Trauer, Vergänglichkeits- jtimmung, Todesahnung über. Die erst« Strophe von Heinrich Alberts Trauerlied (1648):
Der rauhe Herbst kömpt wiederl
Jetzt stimm ich meine Lieder
In ihren Trauerton:
Die Sommerlust vergehet. Nichts auf der Welt bestehet, Der Mensch muh selbst davon.
In den Gedichten des unglücklichen genialen Christian Günther, in denen von Klopstock, Bürger, Claudius, H ö l t y ist atmosphärisch viel vom Herbst und seiner Stimmung enthalten, auch ohne daß er ausgesprochen als Thema diente. In der Mai- und Liebesdichtung steht ahnungsvoll int Hintergrund, was aus den Versen von Claudius erkennbar ist:
Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer, tönt so traurig, wenn er sich bewegt und nun aushcht seinen schweren Hammer und di« Stunde schlägt.
Berühmt ist Goethes .Herbstgefühl", das den ganzen Herbst in sich faßt:
Fetter grüne, du Laub Am Rebengeländer Hier mein Fenster heraus! Gedrängter quellet Zwillingsbeeren, und reiset schneller und glänzend voller!
Mit und das Ihr und
gelben Birnen hänget voll mit wilden Rosen Land in den See, holden Schwäne, trunken von Küssen
taucht ihr das Haupt ins heilignüchtern« Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn es Winter ist, die Blumen und den Sonnenschein und Schatten der Erde? Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen. .
Don den Schweizer Dichtern hat Co nradFe rdum n § Y^r chänsten deutschsprachigen Herbstgedicht« geschneben sem Gedicht „guue ft der unmittelbarste Ausdruck herbstlichen Retsegesuhls.
Euch brütet der Mutter Sonne Scheideblick, euch umsäuselt des holden Himmels fruchtende Fülle;
Euch kühlet freundlicher Zauberhauch, und euch betauen, ach, aus diesen Augen der ewig belebenden Liebe vollschwellende Tränen.
Morike kostet in dem „Septembermorgen" die ganze zauberische Schönheit einer Herbstfrühe aus:
Im Nebel ruhet noch di« Welt, noch träumen Wald und Wiesen; Bald siehst du, wenn der Schleier fallt, den blauen Himmel unverstellt, herbstkrästig die gedämpfte Welt in warmem Golde fließen.
Auch Hebbel fühlt trotz aller Schwermut das Schöne und Freudige heraus: ,, , . ...
Dies ist ein Herbsttag, rote ich kernen sah! Die Luft ist still, als atmet« man kaum, und dennoch sollen raschelnd, s«rn und nah, die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
Hölderlin hat vielleicht das schönste herbstlich« Gedicht geschn«- oen, das die deutsche Lyrik nufzuweisen hat:
Genug ist nicht genug! Gepriesen werde der Herbst! Kein Ast, der seiner Frucht entbehrte! Tief beugt sich mancher allzureich beschwerte. Der Apfel fällt mit dumpfem Laut zur Erde.
Neben Meyer, als norddeutscher Gegentypus, steht Theodor Storm; nur ein Gedicht aus seinen vielen:
lieber die Heide hallet mein Schritt dumpf aus der Erde wandert es mit.
Herbst ist gekommen, Frühling so weit — Gab es denn einmal selige Zeit?
Brauende Nebel geiften umher;
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so feer.
Wär ich hier nur nicht gegangen im Mail Leben und Liebe — wie flog es vorbei!
Ein« tiefe, melancholische Einsamkeit ist der Herbst in Nietzsche» Gedichten, was schon wenige Zeilen auszudrücken vermögen:
Die Krähen schreien und ziehen schwirren Flugs zur Stadt Bald wird es schnei n — wohl dem, der jetzt noch Heimat hat!
Auch Liliencron, der an der Schwelle Mr neuem Lyrik steht, hat dem Gefühl für Trauer und Nähe der Toten eindringlichen Ausdruck gegeben:
Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt, ich war an manch vergeßnem Grab gewesen, verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt, die Namen überwachsen, kaum M lesen.
Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer, auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen. Wie fturmestot die Särge schlummerten, auf allen Gräbern taute still: Genesen.
Ebenso gehört Rainer Maria Rilke hierher mit einem wundervolle» Gedicht:
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, und aus den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; gib ihnen noch zwei südlichere Tage, dränge sie zur Vollendung hin und jage die letzte Süße in den schweren Wein. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es fange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben, und wird in den Alleen hin und her unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Hofmannsthal, George, Dehmel, Dauthendey^ Falke, auch Flaischlen, der manches schöne Bild in seinen Gedichten hat, sie all« könnt« man hier anführen. Und von den jüngeren Dichtern muß Georg Trakl genannt werden mit seinem Gedicht „Verklärter Herbst":
Gewaltig endet so das Jahr Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten. Rund schweigen Wälder wunderbar Und sind des Einsamen Gefährten.
Da sagt der Landmann: Es ist gut. Ihr Abendglocken lang und leise, gebt noch zum Ende frohen Mut. Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.
Erschütternden Ausdruck verlieh der früh verstorbene Georg Heym in seinem „Allerseelen" der Schwermut der Jahreszeit; nur wenige Verse: Diele sind über di« Steige gegangen, Ihre Schatten sind ferne M sehen. Und sie tragen die Kreuze und Stangen, Rote Fackeln, die wandern und wehen.
Unter den jüngsten Lyrikern kann Richard Dillinger mit einem kleinen Herbstgedicht genannt werden:
Im Walde starb di« Nachttgall.
Die letzte Beere kam M Fall.
Di« Wies ist wund von Huf und Zeh. Die Kuh tut schon den Würzlein weh.
Charakteristisch für den Sttl der jungen mag ein Herbstgedicht von Peter Hüchel sein, dessen letzt« Strophe lautet:
Oktober, und den Bastkorb voll und pfündig die Magd in Spind und Kammer trägt, der Garten, nur von ihrem Pflücken windig, hat sich ins müde Laub gelegt, und was noch zuckt im weihen Spinnenzwirn«, es flöge gern zurück ins Licht, das sich vom Ast die letzt« Birne, den süßen Gröps des Herbstes bricht.
So lebt er in der deutschen Lyrik, immer sich erneuernd im. Wort, alle Empfindungen durchlaufend von der düstersten Schwermut bis zur höchsten Freude, ein bunter, schöner Kranz: Der Herbst.


