Vie Pariser schüttelten sich vor Lachen.

s gedenkt mir", sprach der Schrni. tsroier,ich hab' sellemal in Paris aufm Weihnachtsmarkt ein Deubel für mein Bub gekauft. Der hatt eine greuliche Wisistch*. Und könnt' mit dem Kopf wackeln. Und hat nur ein Sou gekost."

Ueberhaupk war das Spielzeug in Paris merkwürdig billig mischte sich der Bornschorsch ins Gespräch.Und dadebei verdienten die Budiker Geld wie Heu."

, Gegen uns erüber", erzählte der Stoffel,war ein Weißbinder. Der tat nur vom April bis September schaffen. Weihnachten hielt seine Frau aufm Bastilleplatz Spielzeug feil. He lag derweil auf der faulen Haut."

Mein Patron", erinnerte sich der Hinkelsfauler,halt' ein in Miet', 's war ein ältlicher Mann. Der hatt' in feinem Leben schon viel probiert. Und kam aus kein' grünen Zweig. So schlecht ging's ihm, daß ich ihm als emal was lehnen** tat. Eines Tages schleppt' er ein Haufen alte Blech­büchsen zusammen. Und schnitt Soldaten dadraus. Die strich er sein an. Und bracht' sie auf den Weihnachtsmarkt. Und würd' sie los. Und könnt' net genug devon liefern. Und war aus der Bredullje eraus. Und gab mir mein Geld wieder."

Wie der Blechfabrikant", äußerte der Stoffel,is das ganz Volk. Bald oben, bald unten. Zugrund gehn tuts net. Das sieht man alleweil wieder nach'm Krieg."

Ich stell' mir das Paris so vor, wie den Gallmärt in Grimmig*** , sagte der Schiwwerkäsper.Was mir jahrs nur einmal sehen, habt ihr alle Tag gehabt. Das kann euch feine mehr nehmen. Aber ich schätz', das Straßenkehren war doch ein schlecht Geschäft. Ihr habt halt den Fran­zosen den Dreck eweg gemacht. Weiter nix."

Halt dein Maul!" fertigte ihn der Bornschorsch ab.Wann eins immer aus'm vollen Beutel gegriffen hat wie du, kann's von bene Schose-f net mitschwätzen. Wer Hunger leid', dem is nix zu meschant-ff. Der Dreck, den wir in Paris weggefegt haben, war unser Brot. Wodevon tut dann unser Schornstein rauchen? Bloß von dem Dreck. Die Franzosen sprechen: Einen guten Arbeiter kann man net genug bezahlen. Und wann sie die ganze Welt verkreischt, ich halt' sie hoch!"

Der Gesprächsstoff war unerschöpflich, Paris, das ihnen eine Zuflucht gewährt und ihren Wohlstand' begründet hatte, lebte in dem Gedächtnis der Bauern fort als ein Koloß, zu dem sie voll Ehrfurcht in die Höhe schauten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sich dieser Kploh den Deutschen im Krieg ergeben hatte. Paris mit seinem Häusergewirr, mit seinem ewig flutenden Verkehr, mit seinen weißen Nächten blieb ihnen das größte Wunder der Welt.

XIII.

Der Beschwerde der Wallenfelsianer Folge gebend, hatte der Kreis- ausfchuß entschieden, daß die Wahl des Karl Specht zum Bürgermeister aufzuheben fei. Dieses Urteil, gegen das der Vertreter der Gegenpartei Berufung einlegte, war vom Provinzialausfchuß bestätigt worden. In der Begründung hieß es, durch die Zeugenaussagen fei unzweifelhaft bargetan, daß Spenden mannigfacher Art eine Reihe von Wählern bei Abgabe ihrer Stimme für den Karl Specht zu Unrecht beeinflußt hätten. Ende Januar war dann die zweite Wahlschlacht geschlagen worden, nicht minder heftig wie die erste und mit dem Ergebnis, das der Altbürger­meister vorausgefehen hatte: wiederum war sein Gegner als Sieger aus der Urne hervorgegangen.

Am selben Tag, da der Spechtskarl in fein Amt eingeführt wurde, verkündete der Kreisrat, daß die Regierung mit Rücksicht auf die mißliche Vermögenslage der Gemeinde und'im Hinblick darauf, daß der Neubau des Schulhaufes keinen Aufschub erleiden dürfe, ihre Genehmigung zur Abholzung des Röderkopfes erteile. Somit waren die Bemühungen des Altbürgermeisters um den Fortbestand des Waldes vergeblich gewesen.

Auch jetzt ließ der Melchior Wallenfels die Fahne nicht finken. Nach­dem ihm sein Rechtsbeistand darüber belehrt hatte, daß sein Sohn auf dem Prozeßwege gegen die Gemeinde nichts erreichen werde, war seine nächste Ueberlegung, welchen Weg man einschlagen solle, das Sägewerk von der durch den Abtrieb des Röderkopfs gefährdeten Wasserkraft unab­hängig zu machen. Den Feinden zum Trotz mußte man die Mühle halten. Mochte es kosten, was es wollte. Zuerst war er willens, den Betrieb selbst in die Hand zu nehmen, später bedachte er sich anders. Einmal verstand er von kaufmännischen Geschäften noch weniger als fein Sohn, dann durste man den der Leute wegen nicht beiseite schieben.

In einer Unterredung mit dem Philipp empfahl dieser, den Zivil­ingenieur Heilmann zu Rate zu ziehen, der ein gescheiter und erfahrener Mann sei.

Der Sachverständige kam und gab seine Meinung dahin ab, die einzige Möglichkeit, die bevorstehenden Schwierigkeiten zu überwinden, sei die, daß man den Betrieb in eine Darnpfschneidemühle umwandle. Er selbst habe die Vertretung einer westfälischen Maschinenfabrik und könne zu müßigem Preise eine Kraftmaschine liefern. Sich an den Altbürgermeister wendend, fügte er hinzu:

Herr Wallenfels, an Ihrer guten Absicht zweifle ich nicht. Sie haben aber da Ihrem Sohn ein Krämchen eingerichtet, das ihn nicht vorwärts bringen konnte. Wenn man wie Sie die Mittel hat, ein Geschäft in größerem Umfange zu betreiben, ist es unverzeihlich, den alten Schlendrian zu gehen. Ohne Kraftmaschine wären Sie auf die Dauer gar nicht durch­gekommen. Haben Sie die erst, wird sich die Leistungsfähigkeit des Wer­kes um das Zehn-, ja Zwanzigfache erhöhen. Ihr Sohn steht dann in feiner Branche ganz anders da. Er ist in der Sage, der Konkurrenz die Spitze zu bieten und andere lohnende Absatzgebiete aufzusuchen, die ihm

* visage.

** leihen.

*** Gallusmarkt in Grünberg, t Sachen.

tt gering.

setzt verschlossen sind. Wer arbeitet, will auch einen Erfolg sehen. Der war hier von vorneherein fraglich. Ich kann mir vorstellen, daß ein ' Mensch, der etwas in sich hat, in diesen engen Verhältnissen keine Be­friedigung findet. Der Gemeinderat will Ihnen einen Streich spielen. Wenn Sie die Zeit nutzen, tut ers zu Ihrem Glück."

Das Gutachten des Ingenieurs schloß einen Vorwurf für den Melchior Wallenfels ein. Dem lag ein hartes Wort auf der Zunge, doch hielt er sich zurück. Er hatte wahrhaftig Geld genug in die Mühle gesteckt. Warf & nichts ab, war's nicht feine Schuld. Freilich durfte man nicht in den ind schlagen, was der Ingenieur gesprochen hatte. Die Anschaffung der Dampfmaschine war unerläßlich. Das war klar. Und der Philipp? Junger Wein, sagte man, mußte sich austoben, wenn etwas Rechtes daraus wer­den sollte. Der Bub hatte das redlich besorgt. Denkbar war's, daß er, vor eine größere Aufgabe gestellt, das Vertrauen rechtfertigte, das der Herr da in ihn fetzte. Die Zukunft würde es lehren.

Der Altbürgermeister dankte dem Ingenieur für seinen guten Rot und erklärte sich mit der Umwandlung des Sägewerks in eine Dampf-. fchneidemühle einverstanden.

Heilmann zog die Preisliste feiner Fabrik hervor, worin die ver­schiedensten Maschinen abgebildet waren. Sobald er feinen Auftrag in der Tasche hatte, kehrte er den höflichen Mann heraus.

Herr Bürgermeister", sprach er,wir gehen jetzt dem Frühjahr zu.s Da haben Sie vollauf mit Ihrer Landwirtschaft zu tun. Ich werde die Mühle nicht aus den Augen lassen. Das verspreche ich Ihnen. Ich habe Verbindungen überall hin und kann Ihrem Sohn etwas nützen."

Einige Wochen danach wurde der Hesselbach abgestellt. Die alte Berwel, die der Hantierung der Arbeiter zusah, hörte, wie das Schaufel­rad seufzte:

Lieber Gott, hels mir doch, Daß ich noch mal herumkomm."

Aber der liebe Gott half nicht, das Schaufelrad stand still, still für alle Zeiten.

Vier starke Gäule schleppten die Kraftmaschine herbei. Sie war von neuester Bauart und kostete nahezu fünftausend Mark. Der Philipp legte seinem Vater die Wirkung der einzelnen Teile dar, erklärte ihm das Manometer und redete wie ein Professor.

Dum is he net", sprach der Melchior bei sich.Wann he etz acht paßt, kann's doch noch geraten."

Die Fabrik hatte ihre Leute mitgeschickt. Nachdem die Verbindung zwischen Kraft- und Arbeitsmaschine hergestellt war, ließ der Wärter, den der Philipp angestellt hatte, die Dampfpfeife ertönen, und die Ma­schine kam in Gang.

Aus dem Dorf waren viele Neugierige herbeigeeilt. Auch Freunds des jungen Sägemüllers hatten sich eingefunden und feierten bei fröh­lichem Zechgelage bis spät in die Nacht hinein das neue Unternehmen.

Was niemand vermutet hatte, wurde zur Tat. Der Philipp widmete sich auf einmal mit regem Eifer feinem Geschäft. Er war zur rechten Zeit auf dem Posten und schränkte seine Ausflüge in die Kreisstadt ein. Den Bauhandwerkern, die ihre Hölzer von ihm bezogen hatten, kündigte er die Freundschaft und sah sich nach größeren Abnehmern um. Der Ingenieur Heilmann riet ihm, sich um die Lieferung von Eisenbahn­schwellen zu bewerben, die eine Kleinbahngesellschaft im Hinterland öffentlich ausgeschrieben hatte. Er machte daraufhin sein Angebot, das als das niedrigste alle übrigen aus dem Felde schlug. Die Freude darüber wich bald dem Verdruß. Da die vorhandenen Holzvorräte sich als unzu­reichend erwiesen, war es nötig, sie durch neue Einkäufe zu ergänzen. Doch waren die Holzpreise dermaßen gestiegen, daß die Berechnung, die dem abgeschlossenen Vertrag zugrunde lag, über den Haufen geworfen wurde und die Schwellenlieferung mit einem großen Verlust ihre Ab­wicklung sand. Die Scharte auszuwetzen, ließ sich der Philipp in andere, gewagte Unternehmen ein. Schlappe folgte auf Schlappe. Die Kundigen sahens, er trieb dem Abgrund zu. Nicht, daß er jetzt zu seinem alten, liederlichen Leben zurückgekehrt wäre. Er mied im Gegenteil Wein und Weiber und setzte Segel um Segel auf, das lecke Schiff über Wasser zn halten. Die alte Berwel legte sich die Lage auf ihre Weife zurecht.

Erst sein ich aus die Dampsmaschin' net gut zu sprechen gewest", babbelte sie im Dorf,alleweil seh ich, ich hab ihr Unrecht getan. Seit die Schnurrern dem Philipp pfeift, is he auf die Aerwed* gerab wie behext. Meinem Verstand nach bringt he das Werk in die Höh'. Gebt emal acht, der wird noch reich!"

Die hohen Holzpreife, die dem Sägemüller zum Nachteil gereichten, füllten den Gemeindesäckel. Es war eine der ersten Amtshandlungen des neuen Bürgermeisters, daß er nach vorausgegangener Abschätzung den Bestand des Röderkopfs an eine Holzhandlung in Alsfeld verkaufte. Der Erlös war so bedeutend, daß er alle Erwartungen überstieg und, von dem Schulbau abgesehen, die Aussicht eröffnete, das Gemeindewesen in mancherlei Hinsicht zu heben. Der Spechtskarl trat auch mit einem förmlichen Programm vor den Gemeinderat. Er plante die Anlage einer Molkerei, gedachte die Wüstungen mit Dbftbäumen zu bepflanzen und aus dem Totenmannsbruch Säulenbasalt zu gewinnen, vor allem arbeitete er auf eine Eisenbahnhaltestelle hin, die das Dorf on die Verkehrsadern anschließen und den Absatz aller Erzeugnisse erleichtern würde. Von seiner Aufgabe völlig durchdrungen, war in ihm der feste Wille, sich aller Gedanken zu enkschlagen, die ihn an das gemahnten, was hinter ihm lag. Wohl stand etwas Dunkles, Häßliches in seinem Leben, das er gern getilgt gesehen hätte. Aber es war nun einmal da. Und er durfte nicht darüber grätschen und grübeln. Denn er gehörte sich nicht mehr selbst- Er gehörte seinem Amt. Dessen mit Treue und Fleiß zu warten, brauchte es einen ganzen Mann.

(Fortsetzung folgt.)

* Arbeit.

Schristl^ittma: L 03. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange in Gießen.