Es ist Abend. Der Wagen geht an der schwarzen Stadtmauer hin. Auf der anderen Seite steigt, mit Mennige gestrichen, das Eisengerüst eines Krans in einen unendbch süßen Himmel, auf dem ein Veilchenblau mit einer sanft gehenden Räte streitet und zusarnrnenschmilzt. Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, der Anblick habe mich verstimmt; er hat die schwärmende und gefügte Freiheit einer Dichtung. .
E ift Rächt Laternenfchein schlägt an den Spitzbogen eines mürben klei: städtischw Stadttors. Der herabgesunkene Sternhimmel drunten im ‘.irf -n-t' -fj n Tal — das sind die Lichter von E chstätt. An der Landet rf 'n laublos im Licht unseres Scheinwerfers! fast weih,
a n, die in leidenschaftlicher Streckung erstarrt scheinen.
Man meint, man wüßte, was Nürnberg ist; man hat Sympathien für diese Stadt und vielleicht auch gewisse Abneigungen und Vorbehalte für sie und man hat beide gegeneinander ausgespielt; man glaubt die Künste der StadtNürnberg zu besitzen. So oft man aber wieder hin- tommt, überraschen Umsang und Nachdruck der Kunstgerechtigkeit, in der diese Stadt sich mit Stärke und mit bürgerlichem Stolz auf sich selbst besonnen hat — in der diese Stadt ihrer selbst am meisten bewußt geworden ist. Und wenn man je gemeint hat, diese Stadt habe des Kunsthasten zuviel getan (wie man es zum Beispiel von der Renaissance und im einzelnen etwa von einem Benvenuto Cellini gemeint hat): man braucht nur vor detti Pellerhaus zu stehen oder am Tugendbrunnen, oder vor den entzückenden Bronzebübchen aus den Röhren des Schönen Brunnens, oder gar vor dem ebenso wesenhasten als formvollendeten Sebalds- farko'phag, um all dies kunsthaft bis zum letzten Betonte dankbar und beschämt wieder hinzunehmen. Es ist der Kunstgeist einer kräftigen Zeit und einer kräftigen ethischen wie gesellschaftlichen Rasse; er hat die überzeugende Vollmacht des begabten, von sich selbst, von eigener Fülle bedrängten Lebens... Und welches überzeugend schlichte Schweigen in jenem nürnbergischen Künstlerleben, das uns mit dem Hause Dürers erhalten blieb: wer so gelebt hat, in der bescheidenen Würde dieses Rahmens, der hat gedient; der war ein reiner Arbeiter; der hat im Bereich des Notwendigen gelebt. Messen wir unseren Abstand von dieser Welt: wahrscheinlich gibt cs heute Kunst, die müßig ist; dort aber und damals war sie das wirkende Leben selbst.
nun nrit der Intimität eines Mobiliars, das sozusagen nach außen gekehrt i M i bürgeil.chen Chorlein, sino wie Kommoden die man in die Luft' der Straße hinaurgeschoben hätte Dies ist Nürnbergs Dies und die kappenartiqen Speicheigehäuse, die droben an den Dächern herausgebaut M und mit ihren Mützenschildern in die Straßen her- vorragen. ,..
Vielleicht haben wir alle von Nürnberg die Erinnerung an burgeAiche Lebensengen des Mittelalters? Nicht ohne Grund Aber wie herrlich) ift bic Weiträumigkeit der Plätze, und wie befreit blickt man aus der Wecke der Platzräume auf das Ganze! Wahrhaftig, es 'st nicht anders: mitten aus der Stadt, von ihren weiten Plätzen her, von den Deltas, m benen die Gassen zusammenmünden, erblickt man das Ganze der Stadt. Man sieht Dächer hoch droben irgendwo ins Freie auesahren>en'arterTurm chießt souverän in die Luft, und um ihn herum >st wirklich nicht nur die trotzig-bürgerliche Sicherheit, sondern auch die Freiheck selbst! So kann man sich inmitten der Stabt an bestimmter umschloßener Stell boch immer auf bas Ganze ber Stabt besinnen unb eine Unbeschranktheck des Blicks genießen, bic man sonst nur gewinnt, wenn man droben auf ber Burg steht oder draußen vor Toren, Mauern und Graben.
SanktLorenz ist nicht kathedralisch; Sankt Lorenz ist eine bürgerliche Kirche begrenzt in Maß und Ausdruck. Gleichwohl: diese Dichtheit diese innere' Weite des Chors — diese köstlichen Durchsichten, die dem Gedanken der Freiheit Spielraum lassen, während sie das Gemüt einfassen und versichern... Man hat die Schönheiten tm einzelnen langst vor dem Bewußtsein verantwortet; nun ist man m den angenehmen Zustand angekommen, wo man sich erlauben mag, das Ganze und Ungefähre hinzynehmen — und da bleibt als das Schönste der Zauber der Tone, das aschgrau geworbene Rot bes Steins in ber Kirche brinnen, berührt vom anemonfarbenem Licht, bas burch bie weißen, em wenig Milchigen unb leise opalisierenben Scheiben mit ben bleiernen JRanbern berein- qesiltert wirb. Die schönen Stanbbilber an ben Bündelpfeilern sind mit ihrem grauen Ton ins Ganze gebunden, und es ist ein gleichsam beseeck- gendes Gefühl, sie aus dem Gemäuer nicht mehr mit unterscheidendem Auge lösen zu brauchen: sie drinnen lassen zu dürfen im Zauberbann des Tons. ..
Draußen wundert man sich mit stillem Gefühl über den Wechsel der Lichter und Töne, der an der grauen Ruhe des Gesteins geschehen kann. Je noch der Stunde nimmt das Gemäuer von Sankt Lorenz das Weim satzrot der umgebenden Häuser an oder einen unwahrscheinlichen Anhauch von Lila oder ein abendlich kaltes Grau, und über den Steinen verfärbt sich zugleich, doch unmerklicher, bie lichtgrüne Patrna ber -türm« Pyramiden.
Wie groß ist immer wieder das Erstaunen darüber, daß in diesem Nürnberg das als ein Inbegriff des Gotischen und der Renaissance in uns verwahrt liegt, das Barock eine feiner kühnsten Erfindungen gewagt hat! Durch die romanische Gestalt der Euchariuskapelle just am wenigsten vorbereitet, erschrickt man immer aufs Neue über das kühn geformte Theater der angeschlossenen Egidiuskirche: über bie Ränge, bie eher einer Oper ober einem Schauspielhause, als einer Kirche zu gehören scheinen unb bie Erinnerung an bas lagenmähige Innere ber Dresbener Frauenkirche herbeirufen. Man weih sich nicht zu fassen unb staunt verlegen zu dem Waschblau bes barocken Deckenmebaillons hinauf, bas droben in das gipfig-trübe Weih der Kirche eingemalt ist und erst dem einläßlichen Zusehen ein Bild mit Gestalten entwickelt.
Zwischenspiel um Bowewittche.
Aus dem Nachlaß von Carl Busse.
Wolf und Packan heulten vor Vergnügen denn nun sollte es bergab gehen. Es war ein schöner breiter Fahrweg. Eine ganze Seit lief er eben unb vernünftig hin, mit einem Male bekam er ben Hochmutsteufel, als ro0Uf er's seiner großen Schwester, ber Brennerstraße, gleichtun, unb Heiterte gewaltig empor. Man rounberte sich orbenthd) rote il)m bas gelang. Tckr feurigste Gaul fiel ganz von selbst in Schritt. Aber urplötzlich ging ihm ber Atem aus, unb er purzelte roieber hinunter.
9 Die Leute waren nicht befonbers auf ben unvernünftigen Teil ihres Weges zu sprechen unb machten ein finsteres Gesicht. Nur »oroeroittfje lachte Aber es fiel niemandem weiter auf, benn
immer ober war nachbenklich fröhlich. Kam er an bie Hohe, so stieg er von seinem kleinen Hanbwagen unb freute sich auf ^as HeruMerfahren Jetzt sollte es nun wirklich bergab gehen, beshalb Kulten am Anfang dieser Geschichte Wolf unb Packan vor Vergnügen. Bowewittche versicherte sich noch einmal, baß bas Kleinholz, bas er geloben ihm nicht ins Genick rutschen konnte, bann nahm er fernen Platz em, knallte luftig mit ber Peitsche, unb heibi ging es los! 9,
Plötzlich stieß er einen kurzen Schnalzer aus: feine scharfen Augen hatten rechts etwas blitzen sehen. „Glück, Glück, Äluck , stimmte es ih in ben Ohren, aber jetzt kannte er ben Wagen nicht Sum Stehen bringen. Doch als er unten war, zog er bie Seine, banb bas Wägelchen fest unb fing an, zurückzugehen. Warum sollte er nicht feftftellen, was bas $Il(£ln schnurriger Kauz, wie ber ba behaglich suchte! Ganz merkwurbig klein von Figur; es fehlte nicht viel, so hätte man von einem verkümmerten Menschlein geredet. Deshalb war feit vielen Jahren fern ehrlicher Name Witt zum Spottnamen „Bowewittche verdreht w^den. Aber
was andere gekränkt hätte, freute ihn. Bef man macht den Leuten
Spaß als Schmerz. Aber er war keine komische Figur. Er arbeitete unb ernährte sich reblich. Seine Baracke war baufällig. „Jeder hat kein eigenes Haus", sagte er und betrachtete das windschiefe Gemäuer, das ihm ^Bowewittche suchte also jetzt — in feinem langen Mantel und ber über die Ohren gezogenen Mütze — irgend etwas Blitzendes Er hatte es bald und drückte es entzückt hin und her. Es war em einfaches, übrigens merkwürdig fdjmales Hufeisen. Im ersten Loch steckte noch em Nagel. Glück Gluck Glück — wie das summte. Der liebe Gott meinte es gut mit ihm. Hundert sind daran vorbeigegangen — er steht unb findet es. Da sollte man nicht doppelt zufrieden fein! Bowewittche steckte das Hufeisen in die Tasche und trottete zu feinem Wägelchen zuruck.
Der Pfarrer hatte die fünf Hufeifen vor der Schwelle Bowewittches oft gezählt und des Langen und Breiten darüber gesprochen als über ein schlecht und heidnisch Sinnbild. Der aber, dem die Schwelle gehörte, hatte mit freundlicher Achtung gelauscht. Was wollte der eifrige Pfarrer machen? Er mahnte, es fei kein gottgefällig Ding und wurde noch zum Unseqen austolagen. Aber wenn er Bowewittches Augen sah. „Ihnen hat der liebe Gott ein fröhliches Herz gegeben!" mußte er lagen. Das war recht. Vielleicht hab ichs gekriegt wegen der Gestalt, dachte der kleine Fuhrmann. Die war wunderlich und nicht schön. Weil er barm zu kurz gekommen, hatte es ber Himmel eben an anberer Stelle — innerlich — roieber gut gemacht. So glich sich bas, alles in allem, roieber aus.
Wolf unb Packan hatten sich ruhig verhalten, bis ihr Herr wieder ba war. Er zeigte ihnen feinen Funb, setzte sich auf, unb fyurtig ging s vorwärts. So erreichte man die Stadt. Lachend ober mitleibig schauten bie Kutscher, bie glänzenbe, gut gefütterte Pferbe lenkten, auf bie Hunbe., Aber Bowewittche lachte auch. War' das nicht komisch gewesen — er, der Zwerg, und so ein Riefenpferd!?
Es war schon Herbst, aber der Tag war sonnig. Das erste Gluck, dachte Bowewittche. Die Fahrt war glücklich zu Ende — bas zweite! Und bas- Hufeisen bas war bas britte unb beste! Er griff danach und wollte es aus der'Tasche holen, doch im selben Augenblick zuckte die Hand zurück. ; Er hatte sich an dem schräg hervorstehenbem Nagel, ber im ersten Loch saß, ben Finger blutig gerissen. , . o .
Bravo" sagte er, „nun gibt mir der Tag noch eine Lehre. W» Spitzen vorstehen, muß man langsam greifen." Er wischte das Blut ab, spannte die Hunde aus, gab ihnen Futter und schnitt sich dann selbst eut kräftiges Stück Brot ab. Da kam die Prüsung. Der kleine Fuhrmanii hatte zuviel Sonnenschein im Herzen. Es muß auch mal Schatten und dunkel werden. Warum mußte der Schatten gerade vom Blitzenden kommen ... vom Hufeisen?
Der Nagel und das Hufeisen, in dem er steckte — sie waren beide rostig. Und der Nagel hatte den Finger zu kräftig verletzt, die Lehre sollte gewiß eindringlich sein. So lief der Finger an, die Schwellung wurde größer, Fieber kochte darin, die Schmerzen stiegen. — „Das i|t nicht richtig", sagte Bowewittche bekümmert. Er war stets bekümmert, wenn er nicht entdecken konnte, wozu etwas gut sein und nützen solle. Weshalb er gerab’ jetzt, an bem Glückstag, zugleich mit dem sechsten Hufeisen den bösen Finger bekam — nein, ba versagte er.
Immer böser sah ber Finger aus. Er ergriff bie Hanb. Da tarn ber Pfarrer bes Wegs unb trat bei seinem Pfarrkinb ein. Redete bies und bas. Ob ber kleine Fuhrmann morgen eine größere Arbeit übernehmen.wolle^ „Hochwürben Herr Pastor, Arbeit schmeckt süß, aber Freitag fang' nicht an. Setz' fort, aber beginn’ nicht!"
Eben rüstete sich ber geistliche Herr mit weltlichen unb kirchlichen Waffen — ba sah er ben Finger. „Mann — um Gottes willen!"
„Ja", sagte Bowewittche, „schlimm! Doch ich hab' bas sechste Hufeisen^ Nichts für ungut!" Er erzählte. Aber der Pfarrer: „Hier hilft nur noch der Arzt. Er allein wird jetzt noch wissen, ob Sie ohne Operation davon- i kommen. Wir wollen hoffen, daß es noch nicht zu spät ist!"
Der Pfarrer nahm Bowewittche zum Sanitätsrat, und der warf nur , einen Blick hin: „So, so ... schöne Sachen! Wieviel Hufeifen haben Sie. I Fünf ohne das neue? Wenn jedes einen Finger kostet, sind Sie Linkpoi^ I Mahlzeit, das wär' mir zu teuer! Lieder sollt' mal ein böser Geist in


