Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Zreitag, den 17. Juni

Zihrgang <932

Nummer 46

Rückkehr in die Heimat.

Von Friedrich Hölderlin.

Ihr milden Lüfte, Boten Italiens, und du mit deinen Pappeln, geliebter Strömt Ihr wogenden Gebirg'I O all ihr sonnigen Gipfel! So seid ihr's wieder.

Du stiller Ort! In Träumen erschienst du fern, nach hoffnungslosem Tage dem Sehnenden, und du, mein Haus, und ihr Gespielen, Bäume des Hügels, ihr wohlbekannten!

Wie lang ist's, o wie lange! Des Kindes Ruh' ist hin, und hin ist Jugend und Lieb' und Glück. Doch du, mein Vaterland, du heilig- duldendes, siehe, du bist geblieben!

Und darum, daß sie dulden mit dir, mit dir sich freun, erziehst du, teures, die Deinen auch und mahnst in Träumen, wenn sie ferne schweifen und irren, die Ungetreuen.

Und wenn im heißen Busen dem Jünglinge die eigenmächt'gen Wünsche besänftiget und stille vor dem Schicksal sind, dann gibt der Geläuterte dir sich lieber.

Lebt wohl denn, Jugendtage, du Rosenpfad der Lieb' und all' ihr Pfade des Wanderers, lebt wohl! Und nimm und segne du mein Leben, o Himmel der Heimat, wieder!

tgedanke. tos regnet teqe our«) eine Horizont geht das Graue ein wenig

des der

Kleine Reise nach Nürnberg.

Von Wilhelm H a u s e n st e i n.

Nördlich von München ist es beinahe die Grassteppe. Am Rande Gesichtsfeldes zieht sich ein Kiefernwald mit schwerem Dunkelgrün Kronen und mattem Rot der Stämme, deren senkrechter Gleichstand aus- fällt wie eine Absicht, wie ein Kunstgedanke. Es regnet leise durch eine laulich-kühle ßuft; aber vor uns am Horizont geht das Graue ein wenig auf; der Himmel hat ein bißchen Taggold, das verspricht; die Wolken dort glänzen. , , . ...

Jetzt kommt das fruchtbare Niederbayern; man spurt, wie man die Grenze zu dieser Fruchtbarkeit überschreitet. Das Land fangt an, sich zu wellen, weithin sich zu Hügeln, mäßig und in langen Zügen sich zu senken. Hopfenstangen stehen schräg aufgerichtet, Parallelogramme in genau abgegrenzten Feldervierecken.

Nun beginnt man den Fluß zu ahnen. Da geht die Donau an. der alten Stadt vorbei. Drinnen im schönen Ingolstadt wieder einmal die dunkelviolettrote Gotik der Liebsrauenkirche und tue seltsam übereck gestellten, niedrigen Türme, die aussehen wie Befestigungen wie eine Burg des lieben Gottes. Das schöne alte Dach! Durch Aeste und Zweige Ichaut man auf das alte Kirchengemäuer..Ruhe ist umher... Der Himmei weih, warum wir uns einbilden, in Flandern zu fein.

Das Land nimmt absonderliche Formen an. Das Tal der Altmühl ist von Wiesengründen, Grashängen und lichtgrauen Felsbastionen begleitet wir denken fernhin an das Tal des Doubs drüben ,m französischen Burgund an die Landschaft des Courbet. Die alte Bischofsstadt Eich statt liegt in ihrer Ordnung, die lateinisch anmutet Em Kirchturm tragt eine Haube, die aussieht wie eine barocke Schussel. Erstaunlich und wohü tätig die provinziale Vornehmheit des Schloßes in der Stadt und der vornehmen Häuser, die es umgeben: Barock entfaltet sich wild, beschwichtigender Menschlichkeit.

, InWeißenburg erst macht das Fränkische sich geltend Hauser haben angefanqen im Fachwerk zu stehen: mit dem dunkelbraunen O - bälk im kalkweißen Gemäuer. Die Häuser haben angefangem Giebel zu tragen Weißenburg ist ein köstliches altfränkisches Städtchen, °ber Ellingen? das Machen selbst. Mit aller N°i°itat e-nes a ,g n Lebens, fern von der arößeren Welt, aber auch mit der dichterische Kraft und Größe eines Daseins, das für sich l^bst Mitte werden dürft da es an menschlichem Wesen reich genug war, um das Bild eines ga z

Lebens aufzubauen, vom kleinsten Bürger und Untertan bis hinauf zur Großartigkeit einer herrschaftlichen Würde, die sich mit einem phan­tastischen Schloß umgab, einem Schloß von tropischer Fülle der Er­scheinung so setzte Ellingen sich in diese milde, helle und leicht bewegte fränkische Landschaft: nicht anders, als wenn durch Zauber irgendwo in der Welt eine Stadt aus der freundlichen Erde steigt und fertig aus den segnenden Himmelslüften hervorkommt...

Die Landschaft wandelt sich abermals und diesmal so, als wollte sie Küstenlandschaft werden, Sandhügel, eigentümlich angebrochen und durchformt von Wind und Wetter; Ginster, Erika, Gras und Kiefern. Es ist eine. Landschaft, die nahe einem Meere liegen könnte und wir wissen doch, daß sie nahe bei Nürnberg liegt... Das Schönste ist die Lust. Hier in weiten Vorhängen, die schier unsichtbar wären, hängt und weht sie herab, ganz blau, wässerig-blau. Hier könnte man Aquarelle malen. Das Blaue der Luft, unkörperlich und doch vollkommen sichtbar-, geht breit hernieder, legt sich über das dunkle Grün der Kiefern, in das Grün der Wiesen und an das matte gelbgrau des Sandes.

Wir entsinnen uns des Dürer, der an solchen Stellen ging und malte. Er matte mit Wasserfarben, und seine Blätter gerieten ihm ins Blaue das grüne Gras, auch die dunkelgrünen Kiefern. Das Blaue war auch um ihn; es ist der Geist dieser Landschaft.

*

Wir sind in der Stadt Nürnberg. Man muß sagen: Stadt; denn Nürnberg ist so stadthaft, daß man es ganz besonders verspürt. Es ist auch eine Stadt mit einer starken geheimen Ordnung, die im Wesen und in der Geschichte verbürgt liegt; man kann ja gar nicht so oder so durch­laufen. Man wird, ohne es von vornherein zu wissen, in einem ganz bestimmten Zug gesührt: gemäß dem Sinn der Stadt, der willens ist, sich dem Gast zu entfalten. Es ist wunderbar und eine der eigentlichsten Schönheiten dieser Stadt, daß sie nötigt, in den Nerven nötigt, so zu gehen und nicht anders. Bin ich erst an der Lorenzkirche, so muß ich, wollen oder nicht, hinüberbiegen zu der Fleischbrücke mit dem steinernen Ochsen; von dort, vom Scheitel dieser Brücke, muß ich die bunten Flecken der ausgehängten Wäsche sehen und darunter das Wasser der Pegnitz dies gelbliche und etwas olive Wasser, das träge und undurchsichtig dahin­flieht und -ein gefährliches Ansehen hat, gleich einem Wasser, das etwas verbergen will. Dann muß ich auf den Marktplatz laufen, der angefüllt ist mit Gemüsen und herrlich nach ihnen riecht; mein Blick muß sich teilen zwischen der Frauenkirche rechts überm weiten Platz drüben und dem verheißenden Thor von Sankt Sebald droben zur Linken. Und dann muß ich, ehe noch etwas anderes geschehen kann, zur Burg hinauflaufen. Von dort droben bestätige ich mir das unvergeßliche Bild der alten Dächer, die steil heraufstehen, steil, rötlich und schwärzlich, und aussehen wie ein geronnenes Gemenge von Wellen. Der eine der beiden Türme von Sankt Sebald ist violettgrau. Die Dächer gleichen denen in Straß­burg, wenn man sie von der Plattform des einen Münsterturms anblickt: es ist die nämliche, zugleich erregte und stille Aufsicht. Zuweilen sehen sie aus wie schuppige Fischleiber, die Ziegel wie Schuppen auch jetzt gerade, da sie vom vergangenen Regen noch die Spur der Feuchte tragen.

Draußen geht um die weite innere und alte Stadt herum der rauchige, mit Schloten bestellte Ring der Industrie. Wenn ich mich wende, steht riesenhaft der schwarze Burgturm, den ich kenne, in die Höhe des Himmels hinauf. Und nun? immer leitet mitgehend die Stadt selbst mich weiter, die Stadtperfon, wie sie muß und wie es recht ist; da bleiben von Mal zu Mal nur wenige Variationen, und es geschieht ganz von selbst, daß ich niemals auch nur eine einzige der Schönheiten versäumen kann,' die dieser Stadt eigen sind: ob ich nun im Winter komme und nachts, wenn der weiße Schnee die Schönheiten der Stadt ins Unwahr- jcheinliche hebt, oder wenn ein Frühling die ersten gelben und grünen Knospen auf die Schwärze uralter Mauern malt. Nichts kann versäumt werden weder der Henkersteg noch die spielzeughaste Binnenstadt des Trödelmarktes, noch die Hopfenhalle mit ihrem anreizenden Duft, ober ber weite Platz mit Sankt Egibien. Ich habe diese Stadt nie mit dem Plan betreten; alles hat sich immer von selbst vor mich gestellt; die Füße gehorchten hier je und je dem Magnetismus des Notwendigen, mit dem diese Stadt auf eine angenehme und freilich auch höchst unheimliche Weise ausgerüstet ist. #

Die alten Häuser haben die violettrote und nachgedunkelte Farbe des Weins. Manchmal sind sie auch rosa, manchmal auch grau hellgrau ober bunteigrau. Am nachhaltigsten bleibt ber Einbruck von ber Rotwsin- farbe, bie bem alten roten Sandstein gehört. Am weinigen Steinrot sitzt warmbraun mit Delfarbe bemalt, der hölzerne Erker; oft find sie im Geschmack des Barock ober bes Rokoko nachher an rote Steinhäuser von weitzurückreichendem, mittelalterlichem Alter angehängt; da hängen sie