r Heinrich sträubte sich. „Die Russen sind in ihrer Mehrzahl halbwilde Menschen, und une weit ist di« Entfernung bis nach Petersburg oder gar nach Moskau! Heiratet sie hinunter ins Reich — ich will sogar sagen: nach Frankreich oder selbst Polen — so könnten wir hinsahren und ihr helfen. Aber in das weite Rußland hinein? Da geht sie verloren wie eine Nadel in der Streu."
Heinrich ging mit sich zu Rate. Da er gehört hatte, der Fürst lebe im Möllerschen Hause am Markt, zog er sich an und ging hinüber, um sich den Herrn Fürsten einmal anzusehen, von dem er soviel gehört. Er wurde von einem Diener in verschnürtem Rock und langem schwarzem Bart empfangen, der seine Kart« nahm und in den ersten Stock ging zu seinem Herrn.
Eine große Gestalt erschien, in einem grünen, pelzverbrämten Samtrock und soldatisch knapper Perücke, oben auf ,6er Treppe, breitete die Arme aus und rief französisch: „Ich heiße Sie willkommen! Ich hab« viel von Ihnen gehört, als einem der tapfersten Manner Solbergs!* Und übersprudelnd gebot dieser Mann mit wohltönender Stimme etwas auf russisch.
Alsbald fand sich Heinrich wieder in einem Gemach, das wohlausgestattet war mit fremdartigen Teppichen und Pelzen. Ehe er sich's versah, wurden herbeigebracht große Platten mit kalten Speisen, Schinken, Räucherfischen, fremdartigen Gerichten. Der schwarzbärtige Diener im verschnürten Rock schenkt« schäumenden Champagnerwein ein. Der Wirt sprach übersprudelnd und fragte schließlich nach dem Befinden der schönen Demoiselle.
Heinrich wurde ernst und gab nun dem Fürsten zu verstehen, daß er doch seine Mutter und die Schwester sehr beleidigt hätte durch das Angebot mit den zweihunderttausend Rubeln.
Der Fürst ließ die Lippe hängen. Seine großen dunkelblauen Augen traten weit hervor. Er sah aus wie ein bestürzter Knabe. Dann ward er lebhaft. „Sehen Sie", sagte er, „eine Heirat ist ein schweres Ding! Sind zwei zusammengeschmiedet, reißt man sie schwer auseinander. Ich sagte ihr, sie solle kommen und sehen, und heiraten könnten wir immer noch!"
„Aber ein Mädchen hat nur eine Ehre!" erwiderte Heinrich.
Der Fürst nickte. „Ich begreife: Wir find hier in Preußen, und Ihre Schwester ist eine Preußin... So hat's mir auch meine Cousine, die lieb«, alte Baronin, erklärt. Und darum möchte ich alles gutmachen. Will sie es versuchen nur mit der Heirat, so soll sie heiraten! Aber ich muß sie sehen — ohne sie bin ich nicht glücklich... Was nützt es mir, Fürst zu fein, wenn ich nicht kriege, was ich mag? Eine lebendige schöne Frau, die ich liebe, ist das Höchste, was mir das Leben geben kann! Erhalte ich sie nicht — pscht, blase ich das Leben hinweg..'. So--
cra'hez!“ Und er schmetterte die Kristallschale, die er in der Hand hatte, zu Boden und trat mit den Füßen daraus.
Heinrich verließ den Fürsten, der ihn bis an die Tür begleitete, und ging nach Hause. Was für ein einfacher, natürlicher Mensch war doch dieser Moskowiter! Ein Kind — trotz seines Reichtums, seiner Macht und seiner französischen Bildung. Wie anders sah er jetzt Klara neben diesem Fürsten Gagarin!
Als er das Hans der Mutter betrat, ließ die Schwester chn durch Dorchen rufen. Christine lag auf dem Bett in einem rosigen, modischen Gewand, gut zugedeckt die Füße mit Decken. „Wie sieht der Fürst aus?" fragte sie.
Da wußte Heinrich genug. Er brauchte nicht mehr zu fragen. Dieser Mann war ihre ganze Sehnsucht. Doch wandte er ein: „Hast du dir überlegt, Christine, daß du unsere gute lutherische Konfession ablegen und übertreten mußt zur russisch-katholischen Kirche?"
Christine richtete sich auf und wurde totenblaß. „Muß das fein?* fragte sie.
„Ja", erwiderte Heinrich, „das muh sein."
Da schloß sie die Augen, streckte die Arme aus und rief: „Es gibt nur einen Kott und feinen Sohn Christus, der am Kreuz gestorben ist für die Menschheit. Zu ihnen werde ich auch beten können, wenn ich dem Glauben meines Gatten an hängen muß. Ist das nicht so?"
Da, war es für Heinrich entschieden. Er kannte die Well aus Leben und Schrift. Ein Mädchen, das einen Mann will, ist nicht zu halten! Er war darum von Herzen froh, daß Friedrich Wilhelm kam. Vor dem Notar wurde ein Vertrag geschlossen. Frau von Wedell und Friedrich Wilhelm empfingen vom Fürsten ihr Reisegeld in Gold. Christine nahm unter vielen Tränen Abschied von der Mutter, warf sich Heinrich stürmisch an die Brust. Der große Reisewagen des Fürsten nahm sie und Friedrich Wilhelm auf. Sie fuhren hinaus in den Winter, um in Danzig, wo ein russischer Pope war, die Trauung zu vollziehen.
Der Dienst rief Heinrich wieder nach Stettin zurück. Neue Ausschreibungen für den Sommerfeldzug 1763 mußten erfolgen. Ueberall, wo der Kriegskommiffar vorsprach, wurde er mit der Frage empfangen: „Jst's denn noch nötig? Nimmt der Graus noch nicht ein Ende?" — Doch Dienst ist Dienst, und Pflicht ist Pflicht. Preußisch sorgfältig wurden die Vorbereitungen getroffen.
Da geschah es eines Nachts, daß Heinrich aus dem Schlaf geweckt wurde, weil die Glocke seines Hauses anschlug. Er fuhr in seine Hosen und griff nach dem Rock, well er glaubte, er würde noch schnell aufs Gouvernement gesprengt. Er ward darin bestärkt, als die Tür sich auftat und in den Schein feiner Nachtkerze ein Herr in Uniform trat, ein Rittmeister, mit dem ihn Kriegskameradschaft verband.
Er stand atemlos in der Mitte des Zimmers, warf den regennassen Mantel zurück, breitete die Arme aus und rief: „Freund, es ist zu Hubertucburg der Friede geschlossen! Die Nachricht ist sicher! Der Gouverneur hat sie soeben erhalten!"
Heinrich warf sich, wie er war, mit den bloßen Seinen, mit flatterndem Rock nieder auf den Boden, faltete die Hände und sprach, wie es ihm der Sinn eingab ein heißes Dankgebet zu Gott, der es ihm erlaubte, diese "stund« zu erleben.
Und der Rittmeister, etn benarbter, kriegerischer Mann, der noch unter den Folgen eine» Kartätschenschusses, den er bei Reichenbach empfangen, litt, kniete «eben ihm nieder, warf den Hut ab und betete still mit.
Danach zog sich Heinrich schnell fertig an und eilte mit dem Freund finaus auf die Straße, um auch anderen Bekannten und Freunden die reudige Botschaft zu bringen. Mit Zaubersschnelle hatte sich die Nachricht trotz der frühen Nachtstunde in ganz Stettin verbreitet. Die Menschen stellten freiwillig Lichter an die Fenster, um die mangetnbe Straßenbeleuchtung zu ersetzen. Die Haustüren taten sich auf; Männer und Frauen, mit schnell übergeworfenen Mänteln oder Decken, liefen hinaus in die regenfeuchte Straße, um mehr zu erfahren.
Heinrich und der Drcrgonerrlltmeister traten in den Ratskeller. Da fanden sie Offiziere, Herren vom Adel und Bürger vereint. Die Gläser waren gefüllt. Gesänge ertönten: Es waren Choräle.
Am anderen Morgen um Me achte Stunde wurde Heinrich aus dem Dämmer, der nach dem Freudenrausch eingetreten war, aufgerissen durch die hellen Klänge von Posthörnern. Durch di« Straße ritt der Erste 2ß>« jutant des Gouverneurs, gefolgt von fünf Dragonern. Voraus ritten zwölf Postillone und bliesen. Alles Volk lief den langsam Reitenden nach und versammelte sich auf den Hauptplätzen der Stadt. Hier ward halt- gemacht, und der Adjutant verlaß die Kundgebung des Königs zum Frieden.
Nun wollte des Rubels und Lachens kein Ende werden. Den ganzen Tag ward gelungen und gefeiert. Am Abend gab es keinen, der nicht fein Fenster auch mit dem bescheidensten Lämpchen erleuchtet hätte, um mit dem Licht Zeugnis abzulegen für feinen Jubel.
Am nächsten Sonntag fand allgemeiner Friedensbankgottesdienst statt. Alle Kirchen waren gefüllt. Taufende mußten wieder umkehren, und die Geistlichen entschlossen sich, die Ansprache zu wiederholen; drängte es doch mit unwiderstehlicher Gewalt die Menschen in die Gotteshäuser, um dem Schöpfer aus vollem Herzen ihren Dank darzubringen, daß dieser furchtbare, blutig« Krieg jetzt endlich seinen Schluß gefunden hatte,
Stolz erfüllte das Preußenvolk. Kein Dorf war verloren. Gegen die größten Reiche war gestritten worden; alle hatten sie sich vor den preußischen Fahnen beugen müssen, auf denen geschrieben stand: Pour gloire et pour patrie! Für Ruhm und Vaterland! Diese Worte, die der junge König als Ziel seines Lebens gefetzt hatte, waren erfüllt mit dem Sinn des Geschehens; der Ruhm war erfochten, und alle Provinzen fühlten sich fortan als Preußen, die vorher noch sich geschieden hatten als Brandenburger, Pommern, Westfalen und Preußen.
Die Bürger Stettins überließen sich ganz der Freude. Es war seltsam, wie plötzlich die Preise der Lebensmittel fielen und Vorräte zutage kamen, an die kein Mensch gedacht hatte. Aber der Herr Kriegskommiffar Heinrich Fritsche saß schon am zweiten Tag nach der Friedensnachricht wieder in seinem Büro, um die Einhaltsbefehle für Lieferungen auszuarbeiten, Bestände aufzunehmen, den Verbrauch zu regeln.
Während er feinem Schreiber diktierte, meldete der diensttuende Husar, eine Dame in einer Reisekutsche wäre gekommen. Heinrich konnte sich nicht denken, wer das fein könne, und beschied die Dame in das Audienzzimmer. Er diktierte nur noch den letzten Erlaß fertig und begab sich bann, nachdem er den Rock gewechselt, über den Gang, um die Fremde zu begrüßen. Da er die Tür auftat, kam ihm die Gestalt bekannt vor. Die Dame breitete die Arme aus. Es war seine junge Eheliebste, Frau Dorothee!
Nachdem er sich von der ersten Freude erholt, fragte er vorwurfsvoll: „Wie konntest du die Mutter allein lassen?"
„Sie hat es ja gewollt, Heinrich! Denk doch an: Friede ist! Wir können doch nicht immer und ewig dort drunten in Solberg bleiben! Wir wollen wisfen, was du vorhast, und dir helfen! Ich denke, wir müssen hier fürs erste eine Wohnung suchen, damit wir wieder alle beieinander find. Oder g'aubst du etwa, ich will in Kolderg meiterleben wie eine Jungfer und wissen, daß ich einen Herrn Hagestolz-Gemahl drüben in Stettin zu sitzen habe?"
Mit solcher Festigkeit^und Wärme redete die junge Frau, baß Heinrich überrascht ein paar Schritte zurücktrat und sie anstaunte. Ja — was war aus dem schüchternen jungen Mädchen geworden, bas bewundernd zu ihm aufgeblickt und sich an ihn geschmiegt hatte? Er schloß die Augen. Wie lange war es her gewesen, daß da ein kleines blondes Wesen gekommen war und Angst' hatte, er würde ihr ein Loch in das Köpflein schlagen und mit dem Nürnberger Trichter die Weisheit einträufeln!
„Nun, mein Herr Ehgemahi, wie werden fotane Ehefrau und Mutter beschieden? Sollen immer zwei Postrersetage zwischen uns eingelegt bleiben? Dann zöge ich's vor, im Kriege zu verharren, wenn's nicht eine Sünde wär' gegen Gott und den König!"
Heinrich ließ sich auf einen Stuhl nieder. Er stützte den Kopf in die Hand und schaute dies Wunder feiner jungen Frau an. Ja, daran hatte er nicht zu denken gewagt, daß das Frieden heißen würde: ein Heim, eine junge Frau und die Mutter bei sich... Und alle Sehnsucht erwachte in ihm, nichts mehr zu tun zu haben mit Akten, Aushebungsbefehlen, Bestellen von Vieh und Fuhren. Nein, wieder arbeiten und leben zu können in den klassischen Schriften und junge Menschen begeistern für das Wundergewebe der lateinischen Sprache das war der Friede und fein Werk! Daran zu denken wagte der Mensch noch nicht recht, der sieben Jahre verstrickt war in diesen heißen, gewaltigen Krteg
„Bist du mir böse, daß ich gekommen bin?* fragte Dorothee, und er fühlte ein Zittern in ihrer Stimme.
Da stand er auf und breitete die Arme aus: „Nein, mein Herz — froh bin ich! Aber sieh an: Es ist zuviel Glück, das der Mensch nicht gleich fassen kann, wenn er aus der Dumpfheit des Kriegsgeschehens erwacht! Zuviel Glück!"
(Schluß folgt.)
"Verantwortlich: Or. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brübl'sche Univ er sitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lana«, Gießen.


