Auf den Spuren Amundsens.

Lin Iahrtbericht von Professor Samoilowilsch.

Mitgeteilt von Dr Petroff.

Prosessor Samoilowilsch, der berühmte Leiter der russischenKrassin"-Expedition, erzählt von der Fahrt, die er aus dem EisbrecherRussanosf" während des Polarjahres unternommen hat.

Professor Samojlowitsch ist zur Zeit beschäftigt, die wissenschaftlichen Resultate der von ihm unternommenen Expedition zu veröffentlichen. Es gelang mir, den Gelehrten während seines Aufenthalts in Berlin perfön- (ich ju sprechen und aus seinem Munde eine lebendige Schilderung leiner aufschlußreichen Forschungsreise zu vernehmen.

Es war mir eine besondere Freude", erzählte der berühmte Polar­forscher",die Expedition aus dem Schiss, das den Namen Nuss an off trägt, zu unternehmen. Dieser Name erinnert mich nämlich an einen Jugendfreund, mit dem ich vor etwa 20 Jahren eine Polarreise unter­nommen habe. Ingenieur Äufsanoss, einer der kühnsten Polarforscher, ist

Die nun alles aus Zehenspitzen durch das Zimmer ging Nur Im Flüstertöne unterhielt man sich und hatte nun erst Zeit, ausführlich auf den Fall zurückzukommen, was bei der Sorge um das Kind bisher unmöglich gewesen war. , . ...

Fräulein Schmitz hatte den ganzen Tag schon so eine Ahnung gehabt, daß etwas passieren werd«, Fräulein Mahlmann hatte es den ganzen Morgen in der linken großen Zehe gezuckt, und das hatte noch immer etwas zu bedeuten gehabt. Fräulein de Boer endlich behauptete, wenn des Morgens die Funken unter dem Kessel liefen, so könne man sicher sein, etwas Besonderes zu erleben. Und heute hätten sie das getan, jedesmal, wenn sie den Kessel vom Feuer genommen.

lieber all dem erhob sich die eine große Frage, was mit dem Kinde roet^e meisten meinten, man wüste unbedingt der Polizei Nachricht geben. Die werde das Kind dann schon irgendwie unterbringen.

Aber andere wollten von dieser Art der Fürsorge durchaus nichts wissen. Es sei nicht unmöglich, daß der arme Wurm irgendeiner Zieh- mutter übergeben würde, und unter denen sollte es >a wahre Naben-

Ms man"'noch leise hin und her stritt, meinte Fräulein Klockgeter plötzlich, die selbst das schlafende Kind noch nicht aus den Augen lassen konnte wie es denn wäre, wenn man das Kind Im Stift behielte? Das St. Annenheim wäre doch reich genug, um neben den zwölf Insassen so einen Wurm grohzumachen. Sie wenigstens habe keine Angst, daß es ihr einmal das Brot schmälern würde... Und die Arbeit wolle sie gern auf sich nehmen. Sie hätte in ihrer Jugend schon ein Kleines ausziehen müssen, ihre Schwester Dorothee, die vor ein paar Jahren an der Schwind­sucht gestorben sei, und darum wisse sie wohl, wie so kleine Wesen ver- handhabt werden müßten...

Der Gedanke, das Kind im Stift zu behalten, war allen so neu, daß sich nur ein zaghafter Widerspruch dagegen erhob.Ja, ich weiß mcht recht, ob wirI Wenn die Verwaltung keinen Widerspruch erhebt! Es ist ja vielleicht doch ein wenig sonderbar, daß wir ein Kind hier im StiftI" Aber es ließ sich bei näherem Zusehen doch so wenig dagegen sagen, daß nach und nach alle überzeugt waren, daß das der beste Weg sei, den man aus jeden Fall versuchen solle. ,

.Wenn man es recht überlegt", sagte das alte Fraulein Türeisen,so liegt doch ganz gewiß ein Wink des Schicksals darin, daß uns ein Kind gewissermaßen unter den Wechnachtsbaum gelegt wird.

Nicht wahr? Nicht wahr?" sagten alle, nickten mit den Köpfen und schauten voll Zärtlichkeit nach dem Körbchen, wo der Säugling, unbeküm­mert um die Sorgen, die in den -erzen seiner Hüterinnen umgingen, schlief und zuweilen die Lippen zu einem kaum merklichen Lächeln Wr J&an müßte einmal mit den Herren von der Verwaltung reden!" meinte Fräulein Schmitz etwas vorlaut, worauf Fräulein Türeisen mit der gebührenden Würde erklärt«, daß sie nicht verfehlen werde, das zu tun. Di« Derwaltung werde dann auch die übrigen Schritte zu tun wissen, die nötig seien.

Daß wir plötzlich ein Kind hier zu verpflegen haben, ist eigentlich nun ich weih nicht, wie ich mich ausdrücken soll, wie ein MärchenI fuhr Fräulein Türeisen fort.Mir wenigstens ist es so!"

Mir auch!" sagte Fräulein Klenke, die leicht gerührt war. und wischte

,Wenn"alles so kommt, wie wir denken", nahm Fräulein Türeisen nach der'kleinen Unterbrechung ihre Rede wieder auf,so wird das Kind hier langsam heranwachsen, größer und stärker werden, mit seinen Fußen das Stift durchmessen, von einer Stube zur andern trippeln und uns unsere Tage verschönen/ ....... , , .

Manche von uns werden vielleicht darüber hinsterben, aber einige werden es auch einmal groß und erwachsen sehen. Aber das find so Aus­sichten!" setzte sie trübe lächelnd hinzu und schwieg, an den Tod denkend, der ihr von allen am nächsten stand.

Wir werden das Kind das uns namenlos übergeben wurde taufen lassen", fuhr sie nach einer Pause fort,und ich denke, mir werden es Christine nennen, zur Erinnerung an den heutigen Christabend. Einen Zunamen müßte man noch finden.

Allerhand Vorschläge wurden laut. Dann einigte man sich aus den Namen Christine Annenheim, womit dem Anteil des Stiftes an der zu­künftigen Erziehung des Kindes gleich gebührend Erwähnung getan war.

Leise rückten dann alle an den Tisch zum Abendbrot und wahrend sie ihren Tee schlürften, schlief das Kind in seinem Korbe und lieh durch ferne Gegenwart die Quellen der Liebe stärker und stärker sprudeln, die es in den welken fierten der Alten geweckt hatte, an denen das Leben einst achtlos und grausam vorübergegangen war.

während einer Forschungsreise spurlos verschwunden Sein Andenken ist '"^Am^srühen Morgen des 31. Juli vertiehRussanofi" die Ducht des Nordduna und stach in See. Aus dem Schiss befanden sich 93 Mann Be- satzung und wissenschaftliche Mitarbeiter.Ruffanoff" gilt als einer der besten Eisbrecher der sowietrussischen Flotte. Er verdrängt 2000 Tonnen und hat eine Maschine von 2100 PS. ObwohlRussanosf fünfmal schwa­cher ist als derKrassin", hat er seine glänzenden Eigenschaften als Eis­brecher öfters bewiesen. Die Expedition durchquerte das Barentsrneer und hielt Richtung auf die Meerenge von Matotschkin Schar, die Nowasa Semlja in zwei Inseln teilt." ,

Ziel der Expedition", erklärte der berühmte Polarforscher weiter, war die Schaffung einer Basis für wissenschaftliche Forschung sowie einer Rundsunkstation am nördlichen Ende des asiatischen Kontinents^ am Kap Tscheljuskin Ablösung der Gruppe von Ueberrointerern auf der Seroernuja Semlja, foroie zahlreiche wissenschaftliche Forschungen unterwegs und an den Haltestellen. Um die ganze riesige Strecke von etwa 3000 Meilen zurückzulegen, waren Maximalvorräte von Kohlen notwendig. Deshalb begab sichRussanoft" von Murmansk, der ersten Station der Expedition, zur In et Dickson, die am Eingang der Jenissei-Bucht liegt. Der Weg führt« weiter über das Karische Meer, bas noch vor kurzem als unerreich­bar galt. Heute hat die Tätigkeit der sowjetrustischen Rundfunkstation, sowie das Vorhandensein von Wasserflugzeugen den Weg fahrbar gemacht. Zahlreiche Handelsschifte versehen die Verbindung zwischen den Mundun­gen der großen sibirischen Flüsse Ob und Jenissei und Europa.

Unfreundlich empfing uns Nowaja Semlja das neue Land. Dichter Nebel, der über der Meerenge hing, zwang das Schiff, Anker zu werfen und 36 Stunden kostbarer Zeit zu verlieren. Nachdem der Nebel sich geteilt hatte, segelteRussanosf" weiter, wurde aber im Karischen Meer vom treibenden Eis angehalten. Das Eis wurde dennoch bekämpft, wonach Russanosf" sich bald in einem reinen Fahrwasser befand.

Am 6. August war di« Dickson-Bucht erreicht. Hydrologische Arbeiten führten die Expedition in der Richtung der Swerdrup-Jnsel, di« 10 Meilen nördlich von Dickfon gelegen ist. Die Swerdrup-Jnsel ist ein großartiges Jagdgebiet. Unzählige Mengen von Eisbären, Blaufüchsen und Renntieren hatten sich dort auf. Hier erlebte ein Mitglied der Expedition, der Geolog« Ahlers, ein Abenteuer, das für ihn beinahe einen tragischen Aus­gang gehabt hätte. In seine geologischen Arbeiten versunken, bemerkte Ahlers nicht, daß ein Eisbär sich ihm näherte. Als der Gelehrte sich zufällig umdrehte, sah er einen riesigen Bären kaum einige Meter von sich entfernt. Ahlers griff nach feinem Gewehr und wollte fchiehen. Die Waste versagt« dreimal hintereinander. Inzwischen war das Ungeheuer in Greifweite. Der Forscher versetzte ihm einen Kolbenschlag auf den Kopf und ergriff dann die Flucht. Glücklicherweise eilte ihm ein Käme- rad, Fokidow, zu Hilfe- Durch einen wohlgezietten Schuß konnte Fok'idow den Bären erlegen. Die ganze aufregende Szene wurde vom Schiff aus beobachtet. Der Dberfteuermann behauptet, daß Ahlers zweifellos den Weltrekord im Laufen erreicht hat bei feiner Flucht.

.Aus der Swerdrup-Jnsel",. fuhr der Gelehrte fort,wurde die sow- jetrusfische Flagge ausgepflanzt. Nach Beendigung der Arbeiten kehrte Ruffanoff" zur Dickson-Jnfel zurück, nahm noch 200 Tonnen Kohlen und begab sich mit einem Vorrat von 700 Tonnen nach der Sewerna,a Semlja. Südlich von der sogenanntenInsel der Einsamkeit' wurde eine Gruppe unbekannter Inseln gestreift. Da andere eilige Aufgaben vorlagen, konnte ich mich zu meinem größten Bedauern nicht entschließen, auf diesen Inseln zu landen. Arn 14. August war die Karnenew-Jnsel der Sewernaja-Semlja-Gruppe erreicht. Ein Motorboot mit ben lieber* rointerern kam dem Schiff, das sehnsüchtig erwartet wurde entgegen. Die kühnen Polarforscher, die auf der Karnenew-Jnsel einen Winter ver- bracht haben, können aus eine bedeutende wissenschaftliche Arbeit zurück- blicken. Alle vier Inseln der Gruppe find auf eine Karte eingetragen und geologisch genau erforscht. Die Arbeit der kühnen Manner unter den denkbar schwierigsten Bedingungen muh als musterhaft bezeichnet werden.

Zwei Tage dauerte die Abladung von Lebensrnitteln, Apparaten und Brennstoff für die neuen Polarforscher, an deren Spitze wohl zum erstenmal in der Geschichte der Erschließung der Arktis eine Frau steht, Frau D e m m e. Nach einem herzlichen Abschied verlieh das Schiss die Karnenew-Jnsel und nahm Kurs aus die Schokalsky-Meerenge Es mutete sonderbar an, dieselbe Küste, dieselben Gletscher und bieieiben dunklen Felsen zwischen ihnen zu beobachten, die ich unter ganz anderen Umständen aus 1000 Meter Höhe vomG r a f Z e p p e I i n aus gesehen hatte. Jetzt sahen die Berge ganz anders aus. Die kleinen Hügel hatten sich in riesige Bergmassive verwandelt. An der Nordküste, am Kap Swerdlow, wurde ein neues Haus für Ueberrointerer gebaut. Im Hause wurde ein großer Vorrat von Lebensrnitteln und Brennstost hinterlegt.

Der Expedition gelang es dann, das Kap Tscheljuskin zu erreichen, und zwar das Denkmal in der Form einer steinernen Pyramide das seinerzeit von Amundsen und Swerdrup errichtet worden ist. In einer Messingkugel, die auf der Spitze der Pyramide befestigt ist, sind zwei bisher unbekannte Briefe gesunden worden, ein eigenhändiger Brief Amundsens und ein Bries Swerdrups. Amundsen berichtet in seinem Bries, der aussieht, als ob er gestern geschrieben wäre, daß er die e Stelle am 5. September 1918 erreicht hat und bereits am 9. Sep­tember 40 Meilen südöstlich von der Pyramide von Eis gezwungen war, ein Winterquartier auszuschlagen. Der Brief Swerdrups enthalt eine Nachschrift des Matrosen T e s f e m , daß er zusammen mit seinem Ka­meraden Knudsen die Pyramide erbaut hat. Testern ist der Matrole, der das Winterquartier Amundsens verlassen hat, um zu Fuß die Insel Dickson zu erreichen und unterwegs an Entkrästung gestorben ist. Sem Grab auf der Insel Dickson wurde von mir ausgesucht und mit einigen bleichen Tundrablumen geschmückt.

Im Laufe von dreizehn Tagen wurden am Kap Tfcheliuskin eine Radiostation, ein Winterhaus, eine Badestube und ein Anwesen im schnellsten Tempo erbaut. Die Arbeiter, die den Bau aussuhrten, rrmrden oft von Seelöwen angegriffen. Die Seelöwen übersielen mehrfach Boote, die zwischen dem Schift und der Küste unterwegs waren. Seelowen sind