Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <932 Freitag, den lb.Dezember Nummer 98
Weihnachtslied.
Von Theodor Montane.
Noch ist Herbst nicht ganz entfloh...
Aber als Knecht Ruprecht schon Kommt der Winter hergeschritten. Und alsbald aus Schnees Mitten Klingt des Schlittenglückleins Ton.
Und was jüngst noch fern und nah Bunt auf uns herniedersah. Weiß sind Türme, Dächer, Zweige, Und das Jahr geht auf die Neige, Und das schönste Fest ist da.
Tag du der Geburt des Herrn, Heute bist du uns noch fern. Aber Tannen, Engel, Fahnen, Lassen uns den Tag schon ahnen. Und wir sehen schon den Stern.
Das Stistskind.
Eine Weihnachtsgeschichte von Wilhelm Scharrelmann.
Es war bereits spät am Weihnachtsabend, und die Nacht war dunkler als je eine Nacht am Ende des Jahres. Der Wind stieß wie ein Raubvogel vor die Fenster der Häuser und ließ die Gasflammen in den Straßenlaternen wie geängstigte kleine Vögel in ihren gläsernen Bauern flattern, daß sie jeden Augenblick zu verlöschen drohten. Aber während das Wetter draußen stürmte und die Dunkelheit sich dichter und dichter über die Stadt legte, begann hier und dort schon in den Häusern dos festlichste Licht des Jahres zu erstrahlen, und in das Saufen des Sturmwinds mrschte sich der Welhnachtsiubel frohlockender Kinderstimmen.
Dicht an der Ufermauer des Flusses, wo der Sturm die Eisschollen knirschend aneinanderpreßte und sie vor den Pfeilern der nahen Brücke mit dumpfem Rauschen sich stauen ließ, stand das St. Annenheim. Die zwölf alleinstehenden und unbescholtenen Jungfern, di« es beherbergte, hatten während des Nachmittags in ihren Stuben hinter den Fenstern mit den kleinen weißen Gardinen gesessen und über die Straße auf den Fluß hinuntergefehen, der schwer unter der Last seines Eises an der Stadt vorbeizog. Mit Anbruch des Abends aber hatten sie ihren Sonntagsstaat angezogen, ihre besten Hauben aufgesetzt und waren langsam, eine nach der andern, in das große Zimmer hinübergegangen, das hinten im Haufe mit der Aussicht nach dem Hose hin, lag. Es war das Staatsund Ehrenzimmer im Haufe und wurde nur sehr selten benutzt: wenn die Zinsenverteilung an die Stistsinsassen durch den verwaltenden Rechnungsführer erfolgte, und am Weihnachtsabend.
Alte, stark nachgedunkelte Oelporträte, die ehemaligen Stifter des Hauses darstellend, hingen hier in verblichenen Rahmen an den Wänden. Eins von ihnen zeigte einen gemütlich drei istchauenden alten Herrn, dessen rundes, fleischiges Gesicht über der steifen Halskrause wie ein dicker Apfel auf einem weißen Teller wirkte. Unter der Decke hing «in alter, schmiedeeiserner Kronleuchter, und auch die Stühle an den Wänden stammten noch aus alter Zeit. Sie waren aus Mahagoniholz mit schadhaften Damastbezügen und standen an den Wänden ausgerichtet, feierlich, ernst, einer stets neben dem andern, während in der Mitte des Zimmers, das die Insassen des Stifts den Saal nannten, ein langer, 'chwerer Tisch stand, der heute den geschmückten Baum für di« gemeinschaftliche Weihnachtsfeier trug.
Feierlich brannten die Kerzen in der stillen Luft des alten Raumes, der mit seinen hohen Fenstern und den kleinen bleigefaßten Scheiben darin das Sausen des Windes im Hose deutlich vernehmen ließ, in das sich, aus welken, zitternden Mündern erklingend, die testen Melodien der alten Weihnachtslieder seltsam mischten.
Nach dem Absingen der Lieder schritt die Vorsteherin, Fräulein Türeisen, an die Verteilung der Gaben, die in winterlichen Kleidungsstücken, gestrickten Jacken, warmen Filzschuhen, weißen Hauben und baumwollenen Schürzen bestanden. Mit prüfenden Augen und Händen waren clle zwölf beschäftigt, ihre Geschenke durchzumustern, zu deren Anschaffung dem Stift vor einigen Jahren ein besonderer Fonds von einer verstorbenen Gönnerin der Anstalt -vermacht worden war, als plötzlich die Haus- iürglocke mit solcher Wucht und Dringlichkeit gezogen wurde, daß ihr Gebimmel in den weiten Gängen des Hauses mit heiserem Klang widerhallte. , .
Unwillig über die unerwartete Störung ging u raut ein de Boer, a.s iie Jüngste der Zwölf, um nachzusehen. Sie schritt über den Flur, der ton einer Petroleumlampe matt erhellt war, und öffnete die Haustur, die stets unter Verschluß gehalten wurde, da man vor unberufenen Eindringlingen geschützt sein wollte.
Kaum war die Tür geöffnet, so stieß der Wind mit solcher Gewalt ins Haus daß die Flurlampe hoch ausleuchtete und im nächsten Augenblick erlosch, während eine offen stehende Stubentür im Obergeschoß mit lautem Knall zugeworfen wurde.
Pfeifend lag die Stimme des Windes in dem alten Haufe, und Fräu- tein de Boer konnte kaum verstehen, was der Unbekannte, der vor der Tur stand, murmelte. Sie begriff nur, daß er etwas abzugeben habe und 6aö sie es recht vorsichtig tragen möge, dann schlug die Tür wieder zu, und Fraulein de Boer stand mit einer Art Wäschekorb im Arm da, ohne recht zu wissen, wie sie dazu gekommen war und wem sie eigentlich den Korb abgeben sollte.
Borsichtig riegelte sie die Tür wieder ab und kehrte, den Korb vor sich hertragend, in den Saal zurück, wo ihre Stiftsfreundinnen sie mit verwunderten Augen empfingen.
..Nun?" fragte Fräulein Türesten.
„Ja, ich weiß nicht, was darin ist", antwortete Fräulein de Boer, noch etwas atemlos vom Tragen und Treppensteigen. „Weiß auch nicht, von wem es kommt. Es war jemand da, der ihn als Christgefchenk für das Stift abgegeben hat!"
Neugierig umdrängten alle den Kord, den Fräulein Türeifen vorsichtig auszupacken begann, bis sie plötzlich, nachdem die erste Hülle entfernt war, einen Schrei ausstoßend, die weiße Decke, die sie hatte ab- heben wollen, wieder fallen ließ — und vor plötzlichem Schreck in den nächsten Stuhl sank.
In dem Korbe lag — ein lebendiges Kind.
Alle waren betreten, verwundert, beleidigt, empört!
„Das grenzt denn doch an Unverschämtheit!" sagte Fräulein Schmitz, und die übrigen nickten und sagten: „Nein, es ist nicht zu glauben! So etwas! Da muß man die Polizei benachrichtigen!" Fräulein Lammers oder rief: „Himmel und Vater — nein!", was sie immer sagte, wenn sie sich wunderte.
Bestürzt und fassungslos standen die alten Fräulein im Kreise um den Korb, schüttelten die greifen Köpfe und sahen mit großen Augen auf das kleine Wesen, das nackend und frierend vor ihnen lag. Allmählich und langsam aber begann der Aerger über die Verhöhnung, die man in dem merkwürdigen Geschenk sah, von Mitleid mit dem armen elternlosen Kinde abgelöst zu werden.
Fräulein Klockgeter war die erste, di« zugriff. Sie hob das Kind vorsichtig aus dem Korb« heraus, setzte sich damit auf einen Stuhl und Jing an, dem armen, halb erstarrten Wesen Brust und Rücken zu reinen, wickelte es dann kurz entschlossen in ihre Schürze und bedeckte es mit dem wollenen Tuch, das sie gerade über den Schultern trug.
„So — sosiso — so — o!" summte sie leise, den Säugling, der zu weinen begonnen hatte, auf ihrem Schoß« wiegend, und wie mit einem Zauberschlage war mit dieser Gebärde auch in allen anderen, bi« niemals das Glück der Mutterschaft erfahren hatten, ein Hauch von Zärtlichkeit und Liebe zu dem armen, mutterlosen Kinde erwacht.
„Wir könnten etwas Milch anwärmen!" begann Fräulein Schmitz.
„Und ein paar Decken müßten am Ofen gewärmt werden!" rief Fräulein Klenke.
,Zch hole ein paar Kissen aus meinem Bett!" entschloß sich Fräulein Mahlmann, die stark an der Gicht litt und nun in ihr Zimmer humpelte, um die Pfühle zu bringen.
„Wenn wir nur eine Flasche und einen Gummisauger besäßen!" meinte Fräulein de Boer. „Das arme Ding wird ja hungrig fein!"
Fräulein Schmitz entschloß sich, einen Versuch zu machen, ob sie im nächsten Laden das Notwendig« bekommen werde. Fräulein Trinkler schürte das Feuer im Ofen, und Fräulein Kreidler ging in die Küche, um eine Wärmflasche zu bereiten.
Selbst Fräulein Türeisen hielt es nicht länger. Sie schüttelte die Bett- stücke auf, die Fräulein Mah'.mann aus ihrem Bett herbeigetragen hatte, legte sie in den Korb und machte dem Kinde ein Bett, wie es sauberer und netter nicht sein konnte. Niemals hatten die Wände des Stifts und die alten Bilder an den Wänden so viele Unruhe und Geschäftigkeit im Stift gesehen wie an diesem Abend, nur die Kerzen am Baume brannten still und ruhig in festlich heiterem Glanze. Aber man hatte kein Auge mehr für sie.
Als nun Flasche, Gummisauger und Milch zur Stelle waren, entstanden lebhafte Meinungsverschiedenheiten. Einige meinten, die Milch müsse bei einem so kleinen Kinde einen starken Zusatz von Wasser Haden, andere wollten wenig Wasser zugesetzt haben, und Fräulein Schmitz bestand daraus, daß ein so ausgehungertes Weien reine Milch trinken müsse.
Mit atemloser Spannung beobachteten dann alle lächelnd, rote das Kind trank. Wie es mit zarten Fingern schon kräftig den Sauger umspannte! Wie gierig es schluckte und den kleinen Mund beim Saugen drollig verzog, wobei es ein Paar großer blauer Augen auffchlug.
Nachdem es sich satt getrunken hatte, schlief es, wohlig matt von der Wärme der Kissen, in feinem Korbe ein.


