Tr stand da mit weitgeöffneten Augen, der Jammermensch; er schien seinen Ohren nicht zu trauen. ,£ym“, sprach er dann feierlich, „sprechet nicht solch gottlosen Scherz. Heute nacht wird nun und nimmermehr was daraus; ich bleibe um keine Seligkeit."
, Und wer sagt denn, daß du bleiben sollst? Dort setze den Wein hinem und dann mach in Gottes Namen, daß du sortkömmst; ich will nun einmal Liese Gedächtnisnacht hier feiern und habe mir deinen Keller ausersehen; dich habe ich nicht von nöten."
Aber ich darf Euch nicht allein im Keller lassen", entgegnete er, „ich weiß wohl, nehmt mir nicht ungütig, daß Ihr den Keller nicht bestehlet, aber es ist einmal gegen die Ordnung." _
„Nun, so schließe mich ein in jenes Gemach; hange em Schloß davor, so schwer als du willst, daß ich nimmer heraus tonn, und morgen^ früh um sechs Uhr kannst du mich aufwecken und dein Schlafgeld holen."
Der Mann des Kellers versuchte noch mancherlei Einreden, doch umsonst; er setzte endlich drei Flaschen und neun Kerzen vor mich hin, wischte den Römer aus, schenkte mir den zweiundzwanziger Ausstich ein und wünschte mir, wie es schien mit schwerem Herzen, gute Nacht. Richtig schloß er auch die Türe zweimal ab und hängte, wie es mir schien, mehr aus zärtlicher Angst für mich als aus Vorliebe für seine Keller nach ein Hängeschloß vor. Eben schlug die Glocke halb Zwölf. Ich hörte ihn ein Gebet sprechen und davoneilen. Seine Schritte hallten immer ferner und ferner im Gewölbe; doch als er oben das Auhentor des Kellers zuschlug, hallte es wie Kanonendonner durch die Gänge und Hallen.
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So wäre ich denn allein mit dir, meine Seele, tief unten im Schoße der Erde. Oben auf der Erde schlafen sie jetzt und träumen, und auch hier unten, rings um mich her, schlummern sie in ihren Särgen, die Geister des Weines. Ob sie wohl träumen, von ihrer kurzen Kindheit träumen, und der fernen Berge, der Heimat, gedenken, wo sie groß wurden, und des Stromes, des alten Vaters Rhein, der ihnen allnächtlich freundlich ein Wiegenlied murmelte?
Gedenket -ihr der wonnigen Tage, da die milde Mutter, die Sonne, euch aus dem Schlummer küßte, da ihr in klarer Frühlingsluft die Aeug- lein öffnetet zum erstenmal und hinabschautet ins herrliche Rheingau? Und als der Mai einzog in fein deutsches Paradies, gedenket ihr noch, wie euch die Mutter antat mit grünen Kleidchen von Laubwerk, und wie der alte Vater baß sich dessen freute, herauf lugte aus feinem grünen Bette und euch zuwinkte und munter rauschte am Lurlei?
Und gedenkt denn auch du der Rosentage deiner Jugend, o Seele? der sanften Rebenhügell der Heimat, des blauen Stromes und der blühenden Täler des Schwabenlandes? O Wonnezeit voll holder Träume! wie reich bist du behängt mit Bilderbüchern, Christbäumen, Mutterliebe, Osterwochen und Ostereiern, mit Blumen und Vögeln, Armeen aus Blei und Papier und den ersten Höschen und Kollettchen, in welche sich deine kleine sterbliche Hülle, stolz auf ihre Gröhe, kleiden ließ. Und wie dich der selige Baker auf den Knien schaukelte und dir der Großvater gerne das lange Meerrohr mit dem goldenen Kopf ab trat, um es dir als Reitpferd zu leihen!
Und rücke mit dem nächsten Glase um einige Jahre vorwärts! Erinnerst du dich des Morgens, als sie dich hineinführten zu einem wohlbekannten Mann, dessen Gesicht so blaß geworden war, dessen Hand du weinend küßtest, weinend, ohne zu wissen warum? Denn konntest du glauben, daß die harten Männer, die ihn in einen Schrank legten und mit schwarzen Tüchern zudeckten, konntest du glauben, daß sie ihn nicht mehr zurückbringen würden? Sei ruhig, auch er schlummert nur ein Weilchen. — Und gedenkst du des geheimnisvollen Freudelebens in Großvaters Büchersaal? Ach, damals kanntest du noch keine Bücher als den schnöden kleinen Broders deinen ärgsten Feind; wußtest nicht, daß jene Folianten noch zu etwas anderem in Leder gebunden feien, als um Hütten und Ställe daraus zu erbauen für dich und dein Vieh?
Gedenkst du noch des Frevels, wie roh du mit der deutschen Literatur in kleinerem Format umgingst? Hast du nicht deinem Bruder den Lessing an den Kopf geworfen, wofür er dich freilich mit „Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen"' erbärmlich zudeckte? Damals dachtest du freilich nicht daran, daß du einst selbst Bücher machen werdest!
Tauchet auch ihr auf aus dem Nebel verschwundener Jahre, ihr Mauern des alten Schlosses; wie oft dienten deine halbverfallenen Gänge, dein Keller, dein Zwinger, deine Verlies« der fröhlichen Schar zum Tummelplatz ihrer Spiel«! Soldaten und Räuber, Nomaden und Karawanen! Wie wohl war uns oft in der untergeordneten Roll« eines Kosaken, während andere — General«, Platows', Blüchres, Napoleon und dergleichen DorfteUten und sich prügelten? Ja, waren wir nicht zuzeiten sogar ein Pferd, dem Freunde zu gefallen? O Himmel, wie schön ließ es sich dort spielen!
Wo sind sie hin, die Gespielen deiner Kindheit, die Genoßen jener goldenen Tage, wo kein Rang, kein Stand, kein Ansehn gilt; Grafen und Barone machen jetzt wohl die große Tour oder dienen an Höfen als Kgmmerherren; arme Teufel pilgern als Handwerksbursche durchs Reich, das schwere Bündel auf dem Rücken, ohne Schuhe an den Füßen, haschen nach Pfennigen aus dem Kutschenschlag, die sie mit dem vom Regen gebräunten Hut künstlich aufzufassen wissen; und di« Liebe drückt sie oft noch schwerer als das Bündel auf dem Rücken. Andere Kameraden, Seelen, die sich in der Schul« durch geordneten Fleiß in Humanioribus hervorgetan, sitzen jetzt schon auf einer Pfarre, im Schlaf oder Chorrock
1 „Kleine lateinische Grammatik" von Christian Gottlob Bröder (1744 bis 1819).
’ Titel eines Romanos in Briefen (5 Bände, 1770 bis 1775), versaßt von Joh. Timoth. Hermes (1738 dis 1821).
4 Matwei Iwanowitsch Graf Platow (1751 bis 1818), russischer General und Heiman, kämpfte ruhmvoll gegen die Franzosen und Türken.
bet der Frau Liebsten. Andere sind Amtleute, wieder andere Apotheke,, einige Referendare und dergleichen, und nur wir beide, aus. schweifend aus dem gewöhnlichen Gang der Dinge, sitzen hier m Bremer Ratskeller und tun uns gütlich im Weine. Und was find btm wir Absonderliches geworden? Doktor? Das tonn jeder werden, der wt. nünftig genug ist, eine Dissertation zu schreiben.
Doch ich trinke das vierte Glas, Seele. Das vierte! Fühlst du nicht einen gewissen Nexus zwischen dem Wein und der Zunge? zwischen b« Zunge und dem Gaumen? Hier, behaupte ich, ist ein Scheideweg un) daran ein Wegezeiger ausgestellt. Nämlich auf der einen Seite steht, „Weg nach dem Magen." Eine breite fahrbar« Straße; es geht so schnell, so glitschend bergab! daher auch der gemeinere Stoff gewöhnlich diese. Weg nimmt. Der andere Arm des Zeigers heißt: „3n den Kopf. Da hi; ziehen die Geister, di« sich schon im Faß lange genug bei dem schnöd«, gemeineren Stoss gelangweilt haben, und jetzt, da sie freien Lauf nehme: können, schielen sie nach dem Wegezeiger rechts hinauf. Während bit Masse links hinabströmt, steigen sie auswärts und sinden sich im Wirts haus zur Zirbeldrüse wieder zusammen. Es sind friedliche, verständig! Leute, diese Geister. Sie erhellen dein Haus, o Seele, so lang chrer vie, oder fünf beisammen sind, nachher möchte ich wohl -für nichts stehen, deiu sie raufen sich dann und treiben allerhand Unfug im Gehirn.
Wie schön ist die viert« Lebensperiode, die wir mit dem vierten M«i beginnen wollen! Du bist vierzehn Jahr« alt, o Seele! Mer was ist ml dir vorgegangen in der kurzen Zeit? Du spielst kein« Knabenspiele mehr, Soldaten und alles dieses (Bezeuge liegt hinter dir, und du scheinst mi, viel zu lesen. Du bist hinter Goethe und Schiller geraten und verschlin-si sie, ohne alles zu verstehen; oder wie? du verstehst jetzt schon alles? in willst meinen, du könnest Liebe verstehen, weil du im letzten Sonntags klub Eloire hinter der Kommode im Dunkeln geküßt und Emmas 3ärd. lichkeit zurückgewiesen hast? Barbar! ahnest du nicht, daß dieses dreizehn^ jährige Herz auch den Werther gelesen haben kann und Liebe für dich Kälber ine Szene ändert sich. SÄ mir gegrüßt, du Felsental -der All»!
auer Strom, an welchem ich drei lange Jahre hauste. Die Jahn lebte, di« den Knaben zum Jüngling machen. Sei mir gegrüßt, du klöstar liches Dach, du Kreuzgang mit den Bildern verstorbener Aebte, du Kirch! mit dem wundervollen Hochaltar, ihr Bilder, alle in schönes Gold bes Morgenrots getaucht! Seid mir gegrüßt, ihr Schlösser auf den Felsen, chl Höhlen, ihr Täler, ihr grünen Wälder. Jene Täler, jene Klostermauer i> waren das enge Nest, das uns auszog, bis wir flügge waren, und ihr» rauhen Alblust danken wir es, daß wir nicht verweichlichten.
Ich komme ans fünfte Glas, ins fünfte Sekulum unseres Gebens, Ich schlürfe euch ein, lieblichen (Erinnerungen, wie ich dies Glas ebeln Rheinweins schlürfe; ihr duftet auf in herrlicher Schöne, Jahre mein» Jugend, wie das Aroma auffteigt aus dem Römer; mein Auge wirb wacker, o Seele, denn sie sind um mich, die Freunde meiner Jugend! W« soll ich dich nennen, du hohes, edles, rohes, barbarisches, liebliches, uiw harmonisches, gesangvolles, zurückstoßendes und doch jo mild erquickendes Leben der Burschenjahre? Wie soll ich euch beschreiben, ihr goldener Stunden, ihr Feierklänge der Bruderliebe? Welche Töne soll ich euch geben, um mich verständlich zu machen? Welche Farben dir, du nie begriffenes Chaos! Ich soll dich beschreiben? Nie! Deine lächerliche Außenr feite liegt offen, di« sieht der Laie, di« tonn man ihm beschreiben, aber deinen innern, lieblichen Schmelz kennt nur der Bergmann, der fingen!) mit seinen Brüdern hinabfuhr in den tiefen Schacht. Gold bringt er her auf, reines, lauteres Gold, viel oder wenig, gilt gleich viel. Aber dies iss! nicht feine ganze Ausbeute. Was er geschaut, mag er dem Laien nicht beschreiben, es wär« allzu sonderbar und doch zu köstlich für sein Ohrr. Es leben Geister in der Tiefe, die sonst kein Ohr erfaßt, kein Auge schau®. Musik ertönt in jenen Hallen, die jedem nüchternen Ohr leer und deutungslos ertönt. Doch dem, der mit gefühlt und mit gesungen, gibt fu ein« eigen« Weihe, wenn er auch über das Loch in feiner Mütze lächeln, das er als Syrnbolurn zurückgebracht. Alter Großvater! jetzt weiß ich>, was du vornahmst, wenn „der Herr seinen Schalttag feierte*. Auch be hattest bei ne trauten Gesellen seit den Tagen deiner Jugend, und dos Wasser stand dir in den grauen Wimpern, wenn du einen beisetztest ine Stammbuch. Sie leben!
Wirf di« Flasche weg, Mensch, stich eine neue an zu neuer Freude Das sechste! Wer tonn dich berechnen, o Liebe?
Es ging uns, wie es so manchem Erdensohn ergeht. Wir lasen vom Siebe und glaubten zu lieben. Das Wunderbarste und doch Natürlichst an der Sache war, daß die Perioden oder Grade dieser Art Siebe M nach unserer Lektüre richteten. Haben wir nicht Bergißmeinpicht uni Ranukeln gebrochen und des Doktors Tochter in G. verschämt überreidjii und uns einige Tränen ausgepreßt, weil wir lasen: „Das Schonst Kte er auf den Fluren, womit er seine Liebe schmückt" — „ans feinem
jen brechen Tränen?" Haben wir nicht ä la Wilhelm Meister geliebt d. h. wir wußten nicht mehr, war es (Emmeline oder Camilla, die Zarte oder gar Ottilie? Haben nicht alle drei in zierlichen Schlafmützen hinten den Jalousien hervorgeschaut, wenn wir Ständchen brachten im Winten und di« Gitarre weidlich schlugen, obgleich uns der Frost die Fingen krumm bog? Und nachher, als es sich zeigte, wie sie alle nur schnöde Koketten seien, haben wir da nicht di« Siebe törichterweise verschworen un® uns vorgenommen, erst dann zu heiraten, wenn di« Schwaben klug werden, d. h. im vierzigsten?
Wer kann dich berechnen, verschworen, o Siebe. Du tauchst nieder aus -dem Auge der (Beliebten und schlüpfst durch unser Auge verstohlen w das Herz. Und dennoch, fo kalt konntest du bleiben, wenn ich meine Lieden fang, wolltest den Blick nicht erwidern, den ich so oft nach dir ausfanbtei Ich mochte ein General sein, nur daß sie meinen Namen in der Zeitung läse, daß es ihr bange würde, wenn sie läse: „Der General Hauff hat ('“5 in der letzten Schlacht bedeutend hervorgetan und acht Kugeln ins Her«) bekommen, — woran er aber nicht gestorben."
(Fortsetzung folgt.)
verantwortlich: Dr. Hans Thyrtot. — Druck und Verlag: Drühl'sche Aniversitäts-Vuch- und Stetndruckerei, 2L Lange, Gieberu.


