Das vergessene Nenniier.
Don Dr. E. Feige.
Es muh eine unangenehme Temperatur in Mitteseuropa bis nach Südfrankreich hin geherrscht haben, als neben Witdpferden, Wildrindern, Bisons und anderen eiszeitlichen Tieren das Re untrer verbreitet war; eigentlich mühte es heißen das Ren oder das Rentier, wir wollen aber bei dieser nicht ganz klar trennenden Rechtschreibung lieber eine Verwechslung mit der gleichfalls ausgestorbenen Klaffe der Geldrentiers vermeiden. Während letztere aber der Not der Zeit zum Opfer gefallen find, hat sich das Renntier vor der ihm ungemütlich werdenden Wärme und der allzu luxuriös werdenden Natur des neueren Europa nach Norden zurückgezogen. Zwar streifen die Renntierherden der europäischen Lappen und Finnen in Skandinavien noch auf europäischem Boden umher, ihre Hauptverbreitung erstreckt sich aber auf das nordasiatische Gebiet bis an den Ostrand hin, und sie erreichen dort vielfach Breiten, die bei uns der Rheinmündung entsprechen. Trotz ihres einstmals sich über das südlichere Europa erstreckenden Vorkommens haben die Renntiere in unserer Volksüberlieferung scheinbar keine Spuren hinterlassen; es müssen seit jenen Zeiten also tiefgreifende Veränderungen eingetreten sein. Zwar läßt sich nicht behaupten, daß der heutige Europäer dem Renntier völlig abweisend gegenüberstände. Vor dein Weltkriege wurde von Skandinavien aus als Leckerbissen Renntierfleisch an südlichere europäische Feinschmecker ost versandt, und allmählich scheint sich dieser Handel in bescheidenem Umfange wieder zu entwickeln. Das ist auch verständlich; gehört das Renntier doch zu der großen Familie der Hirsche, wenn bei ihm auch nicht nur das männliche Geschlecht, sondern auch das sogenannte schwächere ständig im Schmuck seines Geweihes erscheint.
Die strenge Anpassung des Renntieres an nördlichere, polare Lebensverhältnisse läßt es erklärlich erscheinen, daß die gegenwärtig führende Kulturmenschheit von diesem abseits stehenden „Haus"-Tier so wenig Notiz nimmt. Das ist unrecht, steht das Renntier doch offenbar — worauf neuerdings wieder der Wiener Völkerkundler Fritz Flor hingewiesen hat — in nahen Beziehungen zu den ältesten Grundlagen unserer Kultur überhaupt. Ist man heute auch der Ansicht, daß die wirtschaftliche Nutzung des Renntieres im Sajangebirgsgebiet Zentralasiens westlich vom Baikalsee entstand und sich von dort nach beiden Richtungen hin ausbreitete, so bildet die jetzige Verbreitung der nordischen Renntiernomaden zweifellos doch nur ein Rückzugsgebiet sowohl wegen des Ausweichens der wilden oder halbgezähmten Renntiere nach den eiszeitähnlichen Nordgebieten hin -als auch wegen des undurchdringlich gewordenen Walles der europäischen Ackerbauvölker. Denn der Hauptumschwung der europäischen Wirtschasts- verfassung, der mit der sog. jüngeren Steinzeit begann und neben einem geregelten Ackerbau auch die heute noch üblichen Haustiere, Bergbau und Metallbearbeitung bald mit sich brachte, besteht eben in der Abkehr von dem unsteten Umherschweifen der Nomadenistämme. Doch anders als die asiatischen oder afrikanischen Nomaden mit ihren Rinder- oder Schafherden kann der nordische Renntiernomade seinen Besitz nicht willkürlich nach der ihm selbst passenden Stelle hinleiten, er muß mit seiner Renn- -tierherde mitwandern, er ist an ihre Lebensgemeinschaft gefesselt. Es braucht nicht betont zu werden, daß jene Samojeden, Eskimo, Lappen und ähnliche Stämme durch die Not ihrer Umwelt gezwungen sind, sich für die Lebensfristung an das einzige Herdentier ihrer Gebiete zu halten: <s liefert ihnen nicht nur die Arbeitskraft, sondern auch die Felle zur Bekleidung, die Knochen für Gerätschaften, Sehnen zum Nähen, gelegent- lich aus Milch und dann Fleisch. Kümmerlich, wie die ganze Lebenshaltung dieser Renntiernomaden, ist auch ihre Zahl, die für di« Weltgeschichte keinerlei Bedeutung mehr hat.
Gleichwohl sind sie nicht ohne Einfluß aus die heutige Gestaltung »nserer Mischkultur geblieben. Wir wissen nicht mehr, was aus deil Renntierliebhabern der europäischen Vorzeit geworden ist. Sind auch durch die vielen Ueberlagerungen der verschiedensten Kulturformen im Laufe der Jahrtausende alte Erinnerungen erloschen, so künden doch manche Echädelfunde vorgeschichtlicher Menschen bei uns von Zusammenhängen •nit den jetzt nach Norden abgedrängten, zum Mongolenstamm gehörigen Völkern, selbst mit den Eskimo. Ebenso, wie der Boden Gebrauchs- und Jiergegenstände sowie Darstellungen von Renntieren aus unserer ältesten Borgeschichte hergegeben hat, weist unser moderner Schlitten und der Schneeschuh (dieser freilich als neue Wiedererwerbung) auf die Kultur jener Nordasiaten und vielleicht auch der Europäer aus der älteren Steinzeit: die Kultur der Renntiernomaden ist untrennbar mit dem «chlitten und dem Schneeschuh verbunden, ohne beide vermöchte der Mensch dem vor den sommerlichen Mücken nach Norden ausweichenden Renntier nicht gu folgen. Und diese uns selbst nicht verschonende Mückenplage hat das Renntier zusammen mit dem ihm zugehörigen Menschen nach der Erwärmung Europas vielleicht zur Flucht nach dem hohen Norden gezwungen, nicht so sehr die Erwärmung der Temperatur an sich oder di« Veränderung der Pflanzendecke. Wir besitzen ja genügend Beispiele dafür, daß sich Mensch und Tier an veränderte Temperaturen sehr leicht an= passen können und auch ihre Ernährung verändern. Wehrlos sind sie aber manchen Feinden aus der Welt der Kleinlebewesen gegenüber, und auch D«r ernsthafte Versuch, das Auf und Ab der italienischen Geschuhte mit der Malariaplage in Verbindung zu bringen, bildet einen guten Beweis für die Bedeutung solcher oft übersehener Zusammenhänge. Denn die Besserung der Vegetationsverhältnisse nach der Eiszeit hätte sicherlich auch für die Renntiere eine ungeheure Vermehrungsmöglichkeit infolge üppigerer Weideqründe bedeutet und damit hätten sich die an das Renn- ti.er gebundenen Jäger- und Fischerstämme stark vermehren und der neu Lindringenden Ackerbauer erwehren können.
Cs besteht aber noch ein anderer Hinweis auf das hohe -älter der Renntierzucht. Als Voraussetzung für sie wurde neben dem vom modernen Europäer als Sportgerät wieder übernommenen, «chneeschuh öer Schlitten erwähnt. Er hat ja nur Sinn bei Völkerschaften, die größere Entfernungen auf Schnee- oder Eisflächen zu überwinden gezwungen Ü'nd, in wärmeren Klimazonen tritt der mit Rädern Ersehene: ag
eine Stelle. Dieser Schlitten der ältesten Samojeden in Zentralasien etwa
hat feinen Vorläufer aber in dem Schlitten, den die primitivsten Nord- stämme — vielleicht die Ainos oder in der Polarzone die Eskimo. Mit dem Hunde als Zugtier benützen. Das Renntier wird nicht gleich unserem Pferde mit einem seitlich verlaufenden Strang beiderseits angeschirrt, sondern gleich dem Eskimohunde mit einem unter dem Körper zwischen den Beinen verlaufenden Zugseil. Daraus ergibt sich die Wahrscheinlichkeit, daß die Renntierzucht jener Gebiete sich eng an die ursprünglichere Verwendung des Hundes als Zugtier anlehnt, wie sie ohne den Hirte» Hund überhaupt kaum denkbar ist. Und auf der anderen Seite wieder dürfte die Erziehung des Hundes zum Herdenwächter durch den Anschluß des ihn führenden Menschen an die vorher herrenlos schweifenden Renn- tiere hervorgerufen fein. Nur beim Nomaden, der eines Wächters für den usurpierten Besitz bedarf, hatte ursprünglich ein solcher Gehilfe einen Sinn, nicht beim ackerbauenden Viehzüchter, der seine Nutztiere im Stall oder Gehege bewahrt. Endlich ist noch eine andere Parallele bemerkenswert. Aehnlich, wie einst im alten Renntiereuropa der Vorgeschichte neben Renntieren Wildpferde weideten, berührt sich an der Grenze der heutigen Mongolei die Heimat der Renntiere noch mit der der letzten Wildpferde. Dort liegt auch die Heimat der mongolischen Reitervälker der Alten Wett, die in Gestalt der ungarischen Magyaren, der Türken und eigentlichen Mongolen so oft die Welt erschütterten. Das Renntier als ältestes Wirtschaftsgut des Nomadentums hat dort dds Beispiel für die Zähmung des Mongolenpferdes gegeben, das später wieder die getrennten Kulturzonen der Welt miteinander verbinden half.
Phantasien im Bremer Ratskeller.
Von Wilhelm Hauff.
(Fortsetzung.)
Und ihr« Verdienste? Ihr fraget? Seht ihr denn nicht, wie er ein- gießt in den grünen Römer, wie er das herrliche Blut des Apostels mir darreicht? Gleich dunkelrotem Goldc blinkt es im Glase. Als ihn die Sonne auszog auf den Hügeln von St. Johannes, da war er blond und helle; ein Jahrhundert hat ihn gefärbt. Welche Würze des Geruches! Welche Namen leg' ich dir bei, du lieblicher Duft, der aus dem Römer aufsteigt? Nehmet alle Blüten von den Bäumen, pflücket alle Blumen in den Fluren, führt Indiens Gewürz herbei, besprengt mit Ambra diese kühlen Keller, löset den Bernstein in bläuliche Wölkchen auf — mischet aus ihnen alle die feinsten Düfte, wie die Biene ihren Honig aus den Blüten saugt, wie schlecht, wie gemein, wie unwürdig gegen die zarte Blume deines Kelches, mein Bingen und Laubenheim, gegen deine Düfte, Johannes und Nierenstein von 1718!
„Ihr schüttelt den Kops, Alter? Tadelt Ihr meine Freude an euren alten Gesellen? Da, nimm diesen Römer, alter Mensch, trink auf das Wohlsein dieser Zwölfe! Komm, stoß an, sie sollen leben!"
„Gott soll mich bewahren, daß ich einen Tropfen trinke in dieser Nacht", erwiderte er, „man soll mit dem Teufel kein Spiel treiben. Aber wenn Ihr sie alle durchgekostet, wollen wir weitergehen. Mir graut in diesem Keller."
,,©ute Nacht denn, ihr alten Herren vom Rheine, gute Nacht und herzlichen Dank für euer Labsal. Und wenn ich dir, mein ernster, feuriger Judas, wenn ich dir, mein fünfter, lieblicher Andreas, dir, mein Johannes, dienen kann, so kommt, kommt zu mir."
lrf)err des Himmels!" unterbrach mich der Alte und schlug die Türe zu und drehte hastig die Schlüssel um, „seid Ihr von den paar Tropfen schon betrunken, daß Ihr den Teufel heraufschwört? Wißt Ihr denn nicht, daß die Weingeister aufstehen diese Nacht und einander besuchen, wie immer am ersten September? Und sollt' ich meinen Dienst verlieren, ich laufe davon, wenn Ihr noch solche Worte sprecht. Noch ist es nicht zwölf Uhr, aber kann denn nicht alle Augenblicke einer aus dem Faß kriechen mit greulichem Gesicht und uns zu Tode schrecken?"
„Alter, du faselst! Doch sei ruhig; ich will kein Wort mehr sprechen, daß deine Weingespenster nicht wach werden. Doch jetzt führe mich zur Rose." Wir gingen weiter, wir traten ein in das Gewölbe, in das Rofen- gärtlein von Bremen. Da lag sie, die alte Rose; groß, ungeheuer, mit einer Art von gebietender Hoheit. Welch ungeheures Faß; und jeder Römer ein Stück Goldes wert! Anno-1615! Wo sind die Hände, die dich pflanzten, wo die Augen, die sich an deiner Blüte erfreuten? wo die fröhlichen Menschen alle, die dir zujauchzten, edle Traube, als man dich abschnitt auf den Höhen des Rheingaus, als man deine Hüllen abstreifte und du als goldener Born in die Kufe strömtest? Sie sind dahin, wie die Wellen des Stromes, der an deinem Rebenhügel hinabzog. Wo sind sie, jene alten Herren der Hansa, jene würdigen Senatoren dieser alten Stadt, die dich pflückten, duftende Rose, dich verpflanzten in diese kühlen Räume zum Labsal ihrer Enkel? Gehet hinaus auf Angarii Friedhost, gehet hinaus zur Kirche Unserer Sieben Frauen und gießet Wein auf ihre Grabsteine! Sie sind hinunter und zwei Jahrhunderte mit ihnen!
Nun, auf euer Wohlsein, alte Herren von Anno 1615, und auf das Wohl eurer würdigen Enkel, die so gastfreundlich dem Fremdling die Hand und dieses Labsal boten!
„So! Und jetzt gute Nacht, Frau Rose", setzte der alte Diener freundlich hinzu, indem er fein Körbchen zusammenräumte, „jetzt gute Nacht und Gott besohlen; hier heraus, nicht dort um die Ecke, hier heraus geht der Weg aus dem Keller, wertgeschätzter Herr. Kommt, stoßet Euch nicht frier an die Fässer, ich will Euch leuchten."
„Mit Nichten, Alter", erwiderte ich, „jetzt geht das Leben erst recht an. Das' alles war nur der Vorschmack. Gib mir zweiundzwanz'ger Ausstich, so etwa Zwei bis drei Flaschen, in das große Gemach dort hinten. Ich hab' ihn grünen sehen, diesen Wein und war dabei, als sie ihn kelterten; hab' ich das Alter bewundert, so muß ich meiner Zeit nicht minder ihr Recht antun."
1 Friedhof in Bremen, benannt nach dem Erzbischof Ansgar (801 bis 865), der besonders im Norden für die Ausbreitung des Christentums tätig' war.


