tta ging Ja kein Zug. „Komm, komm", riefen die Stimmen Im Wind, und der Sturm legte sich nicht; er drohte, er rüttelte an den schweren Türen des alten Schlosses, als wollte er die eisernen Riegel aufsprengen. Der ganze Park war von zerbrochenen Besten bestreut ... die Landschaft Ktraurtg aus, sterbend und kahl in ein paar Tagen ... und die tterfahn« knarrte über ihr des Nachts.
Endlich hatte sie den Wagen bekommen unt> fuhr hinunter zum Bahnhof durch den Wald. Endlich faß sie in dem kleinen Zug, der sie bis zur Hauptstrecke brachte, wo man auf den Schnellzug warten mußte, und dann kam der Herangebrauft. Gegen Mittag kam sie in der Stadt an. Sie nahm einen Wagen und fuhr in ein Hotel ... Sie hatte Rosen im Schoß. In ihr war alles in Aufruhr und Unruhe, sie hatte nicht geschlafen in der Nacht ...
Im Hotel, wo er abgestiegen war, wußte niemand etwas von ihm. Der Portier wurde gerufen. Doch, der Herr war vorgestern nacht heimlich ins Krankenhaus transportiert worden. Eine Operation, die rasch gemacht werden mußte ... weiter wußte er nichts ... Das Krankenhaus lag draußen vor der Stadt, der Wagen ratterte durch die Straßen; in ihrem Schoß zitterten die Rosen, vom Tau der Nacht befeuchtet ... Im Hospital empfing sie di« Oberin ernst ...
Und noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte, wußte sie alles ... es war vorbei ... Plötzlich eingetretene Schmerzen, den Arzt gerufen in der Nacht, mit dem Krankenauto hergebracht, in derselben Nacht noch operiert; die Operation war glücklich verlaufen, aber das Herz ... Trombose ... Und es war fast, als hätte er es gewußt; er sprach immer davon, daß er so gern noch einen Tag gelebt hätte ... er schien auf etwas zu warten und war sehr unruhig ...
„Darf ich ihn sehen?"
Man führte sie hinauf, durch kalte, stille, weiße Gänge, die nach Desinfektion rochen ... in das Zimmer, wo der Tote aufgebahrt lag ...
Die beiden Frauen schwiegen.
Die Prinzessin trat näher; sie hob das weiße Tuch auf und schaute noch einmal in das stille Gesicht des einzigen Mannes, den sie geliebt hatte. — Sie weinte nicht. Sie stand mit erstarrten Gliedern, versteinerten Gefühlen da, in sehr guter Haltung, und schaute ihn an. Dann beugte sie sich einen Augenblick über ihn, legte ihm die Rosen in die Hände ... und ging.
Draußen regnete es sacht ...
Als sie am Abend in das Schloßportal einfuhr, hatte der Sturm aufgehört — alles war still. In ihrem Turmzimmer brannte das Feuer, und der zierlich gedeckte Teetisch war vor den Ofen gerückt, die Katze erhob sich, um sie zu begrüßen ... und die Kammerfrau zog die blauen Vorhänge zu ... Die Welt dort draußen versank ... es wurde dunkel, leer und still um sie ... Aus dem Schreibtisch blinkte das Telephon ... die einzige Verbindung mit der Welt ... Kein Laut mehr da draußen zu hören, nichts ... keine Stimmen mehr ... Es schlug zehn Uhr.
Die Kammerfrau zündete die Kerzen an. Sie gingen durch die hohen, kalten, stillen Gänge hinunter zur Kapelle, wie jeden Abend um diese Stunde. Und aus ihren zerbröckelten, goldenen Rahmen schauten ihnen die Augen der Ahnen nach ... aber sie lächelten nicht mehr ...
Landschaftliche Gartengestaltung.
Von Alfred Richard Meyer.
Die Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen, der Deutsche Bund Heimatschutz, die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst, schließlich die im Jahre 1930 durch den Grafen Adolf v. Arnim-Muskau ins Leben gerufene Fürst-Pückler-Gesellschaft finden ihre gemeinsamen Interessen in der Aufgabe der Landschaftsgestaltung und versuchen eine Verbindung mit den Landesplanungsstellen, Verwaltungs- und Baubehörden sowie vor allem mit den Großgrundbesitzern, die heute noch die Tradition ererbter Parks und großer Gärten zu wahren und zu pflegen haben. Von dieser stillen Kulturarbeit, von der man im weitesten Vaterland wenig weiß, soll hier gesprochen werden.
Das große ideale Beispiel all dieser Fragen kann theoretisch wie praktisch am Park von Muskau, Ober-Lausitz abgewandelt werden, am Erbe des 1871 dahingeschiedenen Fürsten von Pückler-Muskau, der nicht nur Deutschlands genialster Gartengestalter, sondern auch ein bedeutender, selbst von Goethe anerkannter Schriftsteller, Weltreisender, außerordentlicher Mensch war und dessen eigentlichen Ruhm eine allzu bunte wie exzentrische Legende von damals wie heute zu verdunkeln trachtet.
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In Muskau fand in den ersten Septembertagen dieses Jahres die zweite Jahresversammlung der Fürst-Pückler-Gesellschaft statt, deren Berliner Ortsgruppe ich zu leiten habe. In unserer zerrissenen und verzwei- selten Zeit waren das Tage innerster Besinnung und harmonischer Arbeit. Die „imposante Ruhe" des Parks, die schon vor einem Jahrhundert dem Fürsten als Lob zuerkannt werden mußte, hat bis heute nichts von ihrem Zauber verloren und ward praktisch durch eine Rundfahrt und einen Vortrag des Oberforstmeisters Bruhm dargelegt: „Heber - gang des Parkes in die Landschaft". Wenn Schopenhauer sagt, daß vom ersten Auge, das sich öffnete, das Dasein der ganzen Welt abhängig sei, woraus sich Anschauung, Erkennen, Erkenntnis von landschaftlichen Formen und Farben entwickelte, so möchte man dem Wunsche herzlichst Ausdruck geben: daß hier in Muskau wie im benachbarten Branitz bei Koitbus jeder Deutsche allmählich begreife, welche besonderen Gartengestaltungen wir vor allen anderen Ländern Europas besitzen und endlich gebührend würdigen sollten. Frankreich hat seine architektonischen Parkanlagen des 18. Jahrhunderts, von uns in Sanssouci, Herrenhausen, Würzburg, Veitshöchheim, Schwetzingen, Bruchsal u. a. übernommen. England hat seine Wiesenparks mit malerisch verteilten Bäumen und Baumgruppen. Muskau belegt des Fürsten „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei" sowie seinen Bilderatlas mit den Lithos des Düsseldorfer Schirmer — welches selten geworden« Werk in Faksimile jetzt durch
unser« Gesellschaft endlich wieder herausgegeben werden soll, da es in feinen Grundsätzen noch heute aktuell und unübertroffen ist und für eine glücklichere Zukunft wesentlich auszuwerten ist. In dem Sinne, wie es der Fürst kurz vor seinem Tode einem Freunde gegenüber als Wunsch aussprach: daß das von ihm in der Gartenkunst geschaffene System, das wahrhaft deutsche, für künftige Zeiten immer weiter verbessert und vervollkommnet fortbestehen möchte. Cs besteht fort, trotz aller fortschrei- tenden Industrialisierung des Landes. Der anwesende Kgl. Niederlan- dische Gesandte Graf v. L i mb u r g - S ti ru m empfing Arnims Dank dafür, daß der Vorbesitzer, Prinz Friedrich der Niederlande, des Fürsten Werk mit großen Mitteln so großmütig und vortrefflich vollendet habe.
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Ist Muskau, das zum Naturschutzgebiet erklärt ward, eine große Park- Ballade, so kann Branitz, im Besitz des Grasen August von Pückler, di« deutsche Parkromanze genannt werden — in der freilich die Kottbuser Sonntagsspaziergänger allzu viel Butterbrotspapier abwersen und aus der neulich sogar die antike Büste des Kanzlersürsten v. Hardenberg gestohlen wurde. Von frevelhaften Händen angefeilt, wird sie jetzt im Bra- nitzer Schloß aufbewahrt.
In einem kleinen See spiegelt sich die Pyramide, das Grabmal des Fürsten. Hörnerklang der Jäger: der Fürftengruh. Pücklers Wahlspruch: , Der Adler ist nicht von der Art der Taube" wird im Augenblick seltsam symbolisiert durch «inen Schwarm weißer Tauben, die über dem Tumulus ihre Schwingen ausleuchten lassen, als der Kahn zur Kranzniederlegung vom Ufer stößt. Da er mit dem jungen Grafen von Pückler und dem Baron von P a ch e l b e i - G e h a g , demGroßneffen des Für- sten zurückgekehrt, ertönt der Hörnerklang das Halali und wird Echo an der zweiten Pyramide, aus deren Gitter oben der Koranspruch steht „Gräber sind die Bergspitzen einer fernen schönern Welt", von der 1870 das letzte Feuerwerk 'anläßlich des Sedansieges abgebrannt ward und die nun langsam durch die allzu vielen Wildkaninchen-Löcher zusammen, fällt. Es bleibt im Herzen der heiße Wunsch: daß auch der Branitzer Park endlich zum Naturschutzgebiet erklärt werden möchte — denn auch hier schuf der Fürst, nachdem er 1845 Muskau verkaufen mußte, aus Sand und Einöde einen künstlerisch belebten Landschaftsgarten Vorbild- kicher Art, indem er noch einmal hier 300 000 Taler späteren Geschlechtern schenkte, die wir heute dieses romantische Kunstwerk in seiner ganzen Reife erleben dürfen und erleben wollen, die wir in ach so vielen anderen Beziehungen so elend arm geworden sind. Was Goethe zusammen mit Karl August im Park von Weimar erschuf und als Anfang der großen Epoche der deutschen Gartenkunst in seinen „Wahlverwandtschaften" und in der „Laune des Verliebten" Dichtung werden ließ, schloß Pückler ab — in Muskau, Branitz, Babelsberg, Belvedere bei Weimar, Ettersburg, Wilhelmstal, Liebenstein. Hierauf wies der Vortrag des Herrn Reichskunstwarts Dr. Redslob begeistert und begeisternd hin. Die Einheit von Natur und Kunst:
„Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, Und haben sich, eh man es denkt, gefunden ..."
Aus der Vergangenheit richtet sich in diesem Sinne der Blick in die Zukunft: nach Bad Berka, wo das R e i ch s e h r e n m a l entstehen soll. Die PUckler-Gesellschaft hat in einer Eingabe ihre künstlerischen Bedenken bekanntgegeben. Zum ersten Mal in Deutschland soll Landschaftsgestaltung als Kunst, zu Ehren von zwei Millionen Gefallener, innigst zum Volke sprechen. Möge es im wegweisenden ©inne des Fürsten Pückler geschehen! Daß wir die hohen alten Bäume bei Berka als Ideal eines Landschaftsgartens empfinden wie Milton im „Verlorenen Paradies :
„... nicht von Kunst
In Reih'n und Schnörkel wundersam gepflanzt. Nein, von der Milde der Natur vollauf Geschüttet waren über Berg und Tal."
Aus das „Ruhe" über unsere Trauer und über unser Gedächtnis komme. Daß nicht ein unorganisch in di« Landschaft gepflanzter und wenn auch noch so künstlerisch wirkender Baum aus der Welt der Natur herausspringe — „ein schlimmes Zeichen von dem weichlichen Charakter der Zeit", wie Schiller einft Deutschlands Gartenstil beklagt«. Zum ersten Mal kann ganz Deutschland in Berka betroffen und erschauernd im tiefsten Herzen verspüren, was landschaftliche Gartengestaltung im Zeichen Pücklers bedeuten muß und soll! Zum ersten Mal — es müßt« ein guter Anfang sein!
Wie auch schon dieser andere: daß man sich bei den Landschasts- planungsfteUen längst daran gewöhnt hat, von „Pückler-Streifen" zu sprechen, wenn schmale Baumstreifen die Straßen durch öde Gegenden anmutiger erscheinen lassen, den Wegen Profil geben, wieder Landschaft im Sinne organischer Bedingtheit erstehen lassen. Die Autostraßen der Zukunst, vor denen allzu ästhetisch Bewegte zittern, könnten also beredt für die Landeskultur sprechen und an Stelle der Prosa neue Poesie setzen und daneben vielen Menschen nützliche Arbeit geben. Wie es einst der Fürst für Tausende tat — er, der als leichtsinniger Verschwender verschrien ward und von dem man heute noch wohl mitleidig lächelnd Jagen hört: „Ach der — mit dem Fürst-Pückler-Eis!" Die deutsche Landschlist, vielerorts als unschön bekrittelt — wie leicht wäre sie durch bedächtige Gartengestaltung zum Schönen umzuformen! Auf solche Möglichkeiten wiesen die verschiedenen Vorträge des Herrn Meyer-Jungel außen hin, der durch Deutschland reift, offene Augen hat, photographiert, um Lichtbilder zur Nachahmung oder Abschreckung zu haben, der seinen -Beruf als „Landschaftsberater" angibt — ein neuer Beruf für ein neues Deutschland, das neben allen möglichen Problemen auch das des Künstlerischen in der landschaftlichen Gartengestaltung nicht übersehen uarj. Als letzte Worte stehen in Pücklers Tagebüchern: „Kunst ist das Höchste I und Edelste im Leben, denn es ist Schaffen zum Nutzen der Menschheit.


