Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger
Jahrgang (932 Zreitag, den 16. September Nummer 72
Fallende Früchte.
Von Werner Bock.
Fallende Früchte, kein Wurm Hat euch zeitig erweicht, Weder Regen noch Sturm Machten den Flug euch leicht.
Glühend im herbstlichen Traum, Satt von Sonne und rund Löst ihr euch leise vom Baum, Sanft empfängt euch der Grund.
Oie Stimme.
Erzählung von Liesbet Dill.
„Es wird krüh Herbst", sagte die Kammerfrau, die di« blauseidenen Vorhänge im Turmzimmer zuzog, dessen Läden im Sturm klapperten.
Die Prinzessin hatte das Buch im Schoß: den Kops in die Hände gestützt, sah sie hinaus in den Abend, der besonders dunkel und unruhig war. Der Wind pfiff durch den Park, rüttelte an den Bäumen, und schüttelte gegen die Fenster. — Cs fröstelte dis Prinzessin, obwohl das kleine Turmzimmer überheizt war und im Kachelofen die dicken Scheite brannten. Sie fuhr jedesmal zusammen, wenn so «ine unsichtbare Hand einen Ast oder ein paar welke Blätter gegen di« Fenster warf.
„Es ist angerichtet, Durchlaucht", sagte di« alte Frau, die den zierlich gedeckten Teetisch vor das Feuer gerückt hatte, und ging hinaus.
Sie sagte das jeden Abend um diese Zeit, wenn sie di« Gardinen zuzog. Die Einsamkeit wurde der Prinzessin zum Ersticken fühlbar, wenn sie die Stadt -draußen nicht mehr sehen konnte, das lachende Land zu Füßen des Schlosses, den Wald und den Fluß, der sich in zierlichen Windungen um die Burg schlängelte und sich in den dunklen Laubwäldern verlor. Einsam war es hier oben im Herbst. Der letzte Besuch war ab- ger-eist. Die Zeitung war auch ausgeblieben: die Post hatte nichts gebracht. Am Feuer dehnte sich die Angorakatze und blinzelte sie an. Meine einzige Gesellschaft, dachte sie, eine Katze und eine alte Frau.
Das Telephon klingelte.
Es riß die Prinzessin so plötzlich aus ihren trüben Gedanken, daß sie aufsprang und den Platz vor dem Schreibtisch einnahm.
„Hallo!" Ein auswärtiges Gespräch? Ihr Oheim war auf der Jagd? Wollte der etwas? Aber nein, es kam aus der Stadt. „Wer ist dort? Sie vernahm ein« tiefe, ruhige Stimme, die von verhaltener Bewegung heiser klang. „Ich", klang die Stimme aus weiter Ferne.
„Ich? Wer ist das?" „
Ihr Herz schlug heftig. Diese Stimme klang bekannt.
„Kennen Sie mich denn nicht, Prinzessin?"
„Mein Gott — Sie find' s?"
2He Knie^wankten ihr, sie zitterte so, daß sie eine Zeitlang nicht sprechen konnte. „, , ,, . ., ™.
„Also Siel" sagte die Prinzessin, als sie sich gesammelt hatte. Wie kommen Sie so plötzlich wieder über das Meer? Oder sind Sie ichon länger in Deutschland?" , , . ...
„Ich kam erst vorige Woche herüber. Ich muß einen Chirurgen aufsuchen .. Schlimm? Nein, hoffentlich nicht: aber m meinem Alter ... Das erzähle ich Ihnen alles, wenn wir uns sehen. Ich wollte nur Horen ob Sie da sind. Können Sie herüberkommen? . Wann — wann? Sagen Sie, bitte, nicht nein. Wer weih, vielleicht ist s diesmal wirklich das letzte Äal ... Nun ja, ich meine nur ... Es fahrt nur ein Zug am Tage? O Deutschland! Und der Fürst hat kein Auto mehr! Schade! Also der Wagen ist schwer zu bekommen? Diese Woche Jagd mit melen Gasten — da muß man zurücktreten, freilich. Ich verstehe! Ich verstehe alles. Sie wissen ja, daß ich sehr vernünftig bin — geworden bin. JawohC Ein Männerlachen klang aus weiter Ferne herüber. Ihr« Hand« Zeterten, ihr Herz schlug in Stößen. Sie sprachen fast gleichzeitig, immer einer den anderen übertönend. . .. — . ,
„Ach, kommen Sie, Prinzessin! Machen Sie mir die Freude! Einen Tag möchte ich Sie sehen und sprechen! Ich sehe Sie aus der Ferne durchs Telephon! Gewiß — ich kenne Sie wieder. Wohnen sie letzt immer auf der Burg? Auch im Winter? Wie halten Sie das aus. Das muß sehr einsam sein." w
„Ich bin daran gewöhnt, Herr • ■ „
„Nun sagen Sie nur noch Exzellenz.
»Ja, wie soll ich Sie denn anreden?" _„nn9 fmnnn9
„Das sage ich Ihnen, wenn wir uns sehen. Also — wann Wanm Ich bin sehr pressiert. Drüben di« Aerzte ... Nun, sie wiße 1 »
stirbt lieber zu Hause ... Ich lache gar nicht, Prinzessin, aber ich nehm« das alles nicht mehr so ernst wie damals."
„Das ist sehr traurig", sagte sie.
„Wer weiß. Und wie geht es Ihnen, Prinzessin?"
„Von mir ist nichts zu sagen. Ich bin älter geworden und habe mick zurückgezogen von allem. Früher gab es Klöster, das war sehr einfach damals, da steckte man die trotzigen Töchter hinein. Nein, ich habe mich nicht verheiratet. Man hat mich jahrelang an allen Höfen herumgeschicktz aber ich bin fest geblieben. Sie haben mich schließlich aufgegeben. Ich bin ein Outsider, gehorchte nicht und beuge mich nicht. Das ist schön? Ich weiß nicht — man ist, wenn man älter wird, über vieles anderer Ansicht geworden."
„Da haben Sie recht", klang es zurück. „Und Ihr« Gesellschaft auf der Burg?"
„Meine Kammerfrau und mein« Katze."
„A la bonheur!" vernahm fie di« ferne Stimme. „Und die Umgebung?"
„Hat sich nicht geändert. Ein neuer Flügel angebaut, ein paar Bilder in der Halle restauriert, die Wetterfahne knarrt nachts immer noch, und unter meinem Zimmer im Gewölbe, wissen Sie, dort, wo die toten Kinder liegen, behaupten die Leute immer noch, es weinte eine Frau, sobald es draußen stürmt."
„Das wird wohl die Wetterfahre sein, Prinzessin!"
„Und von meinem Teezimmer überschaut man das ganze Land, das früher uns gehörte, und abends sieht man die Sonne untergehen. Aber Sonnenuntergänge sind ganz altmodisch ..." Sie hielt inne und sah sich jäh um. Um Gottes willen, ihr Gespräch wurde ja drüben in der Kanzlei Wort für Wort belauscht. Sie brach ab. „Also ich komme. Ich schreibe noch, wann."
„Ach, das ist reizend von Ihnen. Sie find doch gut! Ich küsse Ihnen aus der Ferne die Hand. Und dann noch etwas, was ich sagen möchte .. .*
Sie lauschte, aber die Stimme brach plötzlich ab und verhallte. Sie hörte nichts mehr wie den Sturm, der draußen im Park herrscht« und Aeste knickte und brach. Sie wartete noch eine Weile, dann hängte sie an.
Als die Kammerfrau um zehn Uhr den Teetisch abräumen kam, fand sie die Prinzessin in Tränen vor.
„Durchlaucht! Was ist geschehen?"
Die Prinzessin winkte mit der Hand ab.
Die Pendeluhr ließ zehn klingende Schläge ertönen.
Die alte Frau zündete die Kerzen auf dem silbernen Leuchter an. Die Prinzessin erhob sich und sie gingen hinunter in die Kapelle, wie jeden Abend um diese Stunde.
Die Ahnenbilder mit ihren Allongeperücken und ordengeschmückten Uniformen, den hermelinbesetzten bunten Samtmänteln, die gepuderten Damen, in ihr« ausgeschnittenen hellen Seidentaillen eingeschnürt, die feinen Hälse von dicken Perlen und Diamanten glitzernd, schauten ihnen nach. Es war, als ob über diese Gesichter, die das tanzende Kerzenlicht erhellte, ein Lächeln glitte. Nur die gemalten toten Kinder in der kleinen Galerie vor der Kapelle, diese Knaben in eisernen Rüstungen, die Kinder im Totenhemdchen, eine Rose in der Hand, den lotentopf in der Ecke zu ihren Füßen, die fünfjährigen Damen in ihren silber-brokatenen Kri- nolinen, schauten sie mit leeren, traurigen, dunklen Augen an ... so wissend, so ernst, so ohne Hoffnung.
Es war eiskalt in der kleinen Kapelle, das ewige Licht brannte vor dem Altar. Die Prinzessin kniete in ihrem Samtstuhl, sie stützte den Kopf in die Hände, der Pelz war ihr von der Schulter geglitten; sie betete lange ... aber ihre Gedanken waren nicht bei ihren Worten, sie wanderten und schweiften, ihre Hände glühten ... alles fieberte in ihr. Die ferne Stimme hatte alles wieder geweckt, was schon fast eingeschlafen war nach langen bitteren Jahren, nach vielen durchweinten Nächten ... und die erloschene Hosfnung begann sich wieder zu beleben und flackerte und brannte. Das Blut jagte durch ihren Körper — wann ... mann?! Draußen umtobte der Sturm die Kapelle, das Licht schwankte und flackerte, und aus Ihrer dunklen Ecke blickte die Muttergottes in schweigendem Mitleid auf die betende Frau. Ein Leuchten lag über dem stillen, herben, verschlossenen Frauengesicht, als sie sich endlich erhob.
Mit dem festen Entschluß, diesmal ihren Willen durchzusetzen ...
Aber es ging nicht. Heute nicht, und morgen erst recht nicht. Die Wagen, die sie forderte, waren immer versagt, besetzt von den Herren, die man zur Jagd abholte und zur Verfügung halten mußt«. Es waren viele hohe Herren anwesend ... Der Oheim, mit seinem feinen medisanten Gesicht, fragte fie, was sie denn plötzlich so Dringendes in der Stadt zu tun habe? -Und als fie darauf trotzig schwieg, setzte er hinzu ... „und das auswärtige Gespräch neulich abends?"
Vorsicht, mahnte eine Stimme in ihr. Sie wartete ... fiebernd vor Ungeduld ... Es ging nie ... am Sonntag hätte fie fahren können, aber


