Ausgabe 
15.8.1932
 
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Ensemble.

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Ein hübscher Gedanke war es, den heurigen Festspielen em Werl vorauszuschicken, das in seiner Gesamtheit von Lebensfreude^ barocker Heiterkeit, tanzdurchwogter Gelöstheit ein so österreichischer Wesensau-> druck ist wie der Hofmannsthal-StraußscheR o s e n k a v a l, e r . Un. die Wiener Staatsoper mit den immer wieder herrlichen Wienei Philharmonikern unter Clemens Krauß haben gerade die rechte oM> reichliche Spielfreudigkeit, dies musizierselige Beschwipstsein, das Spritzig! für dies Werk, das nötig ist, um das Derbe des Szenariums zu über tönen. Und sie haben in Richard Mayr einenOchs von Lerchenau, ein Kapitalstück von Ochs sozusagen, das in semer Drastik von^mcht «t überbietender Lebenssattheit ist, und in Victoria Ursul e ac (Marsch»- lins Margit Anger er (Oktavian) und Adele Kern (Sophie) ein In schön singender Frauenstimmen. Als italienischer Belcantosanger beteilis sich Helge Rotzwaenge von der Berliner Staatsoper, das einzig! fremde Einschiebsel in die-sem wienerischen Ensemble.

Aber wohl nur als Motto sollte derRosenkavalier" gelten. Der tiefe, festliche bedeutungsvollere Austakt blühte uns erst am nächsten entgegen, als Fritz B u s ch , der Dresdner Generalmusikdirektor morgem im Mozarteum ein Mozart konzert, abends im Festspielhaus di Entführung aus dem Serail dirigierte Denn Mozart ist Ursprung und Sinn der Salzburger Festspiele; Schaffung und Bewch runq einer echten Mozarttradition ihr geistiges Ziel, das allein sie um alle künstlerische und wirtschaftliche Interessensphären hinaus zum schopft- rischen Kultursaktor zu stempeln vermag. Vier Mozartopern (Titus uno Idonieneo" sind leider nicht dabei), Mozartmeisen und Mozartsympfif nien sind also das Kernstück der Salzburger August-Festspiele. Ein imme hin bescheidener Abglanz aus der Fülle! Wenn sich außer den durch U oder Geistesnähe zu Festspielen proklamierten Werken roieSfibelio , Richard Strauß dirigieren wird, demOrpheus und dem .Lebero^ beides unter Bruno Walter, auch Opern wie DieFrau ohne Schatiem gesellen so sind das Konzessionen, die dem betont internationalen U) ratter der Salzburger Festspiele Rechnung tragen müsiem

Das rein Mozarftsche, das uns in dieser ersten Festwoche gebom wurde, war in Sonderheit reich und beglückend in feiner innern -twu beit, in seiner musikalischen Kultiviertheit. Fritz Dusch erfüllte mit (eine® sehr deutschen Musiksinn, mit seinem ganzen inneren Temperament, avh°» allen Tifteleien und jedweder persönlicher Maniriertheit, tue inner Spannung, derLinzer Symphonie" und das dramatische Element '« O-Dur-Symphonie K. V. 504 in einem Konzert, m dem Rudolf Se r c der ausgezeichnete Basler Pianist, das O-Dur-Konzert in letzter V°lle-N°M und stilistischer Gröhe spielte und die Prager Sopranistin Julia R II zwei Konzertarien mit großem Geschmack sang. Und Fritz Busch teile auch die von dem Berliner Intendanten Carl Ebert sehr geschickt m|5_ nierte, die Komik betonendeEntführung", die leider durch eine o Iugendalier schon entrückte, geschmacksicher, aber dünn und vor iq 4 singende Konstanze der Pariser Oper (Gabrielle R 111 e r - C i a m p >) - wenig in ihrem Temperament behindert wurde. Helge Roß w a e S als Belmoute, Karl Norbert als Osmin, Erna Berger (Dresden), etwas kleinbürgerliches Blondchen, waren sonst ein sehr erfreum?

über das schlechte Erntejahr: wo bleiben, mein Herr, die Deutschen, unsere besten Gäste? #

Nur hier in Salzburg sicht man zufriedene Gesichter. Die Wir!« zehren mit Behagen von der fetten Pfründe die ihnen die Interna, t i o n a I e n Festspiele bedeuten. Ihre Hauser sind voll bis in die Bodenkammer und wehe dem müden Reisenden, der.am spaten Abend ohne Vorbestellung einem Hotelportier sich nähert!Mir san b se tz t! -klingt es in nicht gerade freundlichem Ton, in gnadenloser Abwehr lebei weiteren Frage. Und voll bis aufs letzte Stühlchen sind »u den Mahlzeiten die Gaststätten. Die Speisekarte setzt sich aus meistg r ad Ge striche, -nein" zusammen und die mehr resche als fesche Kellnerin kommandier! einem mit einer Stimme, die jede Opposition im Keim erstickt, was man zu essen hat. In dem Bienenschwarm der Fremden aller Zungen gibt es -keine individuelle Regung, und der Engländer neben nur der sehnsuchti« nachHämändeggs" verlangt, nach dem einzigen Gericht das m per Stab, bala der Speisekarte ihm wie eine Oase dünkt, bekommt ebenso selbstver. stündlichRehschlögl" wie ichGsölchts mit Kraut statt des bestellten Brathuhns Andere Völker, andere Bitten und ,eder vertilgt dasJem; und glaubt ans Fatum... 3m Hersteller, der damit das ihm zugehörig! Kloster im Industriedeutsch: seine Dachorganisation ernährt, ernte, der Gast wenigstens noch den zufrieden lächelnden Blick vom Brube. Kellermeister, der einem auch verrät, ob der Pralatenwein denJerch-l ilemer" vorzuziehen ist und welcher Jahrgang sonst der süffigste sei. let Wirt in der Soutane freut sich, wenn feinen Schafte in auch die irdisch Speise chrneckt. Er übt seine heimliche Mission auf Erden mit .geschäftig« Verbindlichkeit und ehret, wem Ehre gebühret. Vor einem seiner Gasse, ber straffes Gesicht unter silbernem Haar, sein Mittagsmahl, nicht allein, verzehrt, wird seine Reverenz um einige Grade tiefer: er hat, an unw tennbaren Merkmalen, sogleich den deutschen Kronprinzen erkannt.

"mas^aber? Ich habe dich lieb. Und du ... hast du vielleicht..." "Atto!^Papa muß dich einfach in eine Automobilfabrik einkaufen. Ich mach das schon, Lieber!" Dann schab sie ihn sanst zur Tür hinaus.

Was am nächsten Tag in München sich ereignete, war gar nicht nach Emils Geschmack. Beim Mittagessen wollte man Abschied feiern

Mer Emil muß dabei fein!" verlangte Evelyne. Natürlich, nichts dagegen einzuwenden. Emil war dabei. Er erhob sich nach dem Fisch- gang und erklärte mit vielsagendem Gesicht:

..Jungens, ich muß euch eine freudige Mitteilung machen! Bei dem Wort Jungens bekam Evelyne entsetzliches Herzklopfen. Sepp und Fried­rich grinsten, als wüßten sie alles.Jungens, ihr braucht keinen Schreck zu kriegen, ihr dürft höchstens eiferfüchtig fein. Ich habe mich mit unserer liebenswürdigen Reisebegleiterin verlobt. Evelyne und ich, wir wollen ^Evüym bekam einen Weinkramps. Sie habe sich mit einem Chauffeur verlobt mit einem Mann aus dem Volk, mit einem fleißigen Handwerker in einem blitzblanken weißen Mantel. Unb nicht mit einem Dr phil. So= was könne sie von Papa jeden Tag haben. Das Angebot an Chemikern und Ingenieuren sei im Schlappergebiet enorm. Man habe sie an der Nase herumgeführt. Sie danke. Sie verzichte. Sie ginge letzt zu ihrer Tante, lind dann in ein Sanatorium. Nicht einmal auf einfache Menschen sei Verlaß Immer stecke gleich ein Akademiker dahinter. Vielen Dank auch für die Autotour, aber jetzt müsse sie wirklich gehen, die Tante warte schon seit einer Stunde. ...... ... s.

Sepp, Friedrich und dem ernstlich betrübten Emil blieb nichts anderes übrig als zu trinken. Zu tritt vertilgten sie sieben Flaschen Mosell Emil mußte ins Bett gebracht werden. Der Chauffeurmantel wurde in Schlap- pershau en in die Schlapper geworfen. ,.

Zwei Jahre später lasen sie imSchlapperboten , daß sich Fräulein Evelyne verlobt habe. Mit einem Akademiker. Aber er war es wenigstens nur ehrenhalber.

Salzburger Festspielsommer 1932.

Von Otto 6 d) a b b e l.

Salzburg, im August.

Gottlob, die Grenzschranken, die sich uns im letzten Festspieljahr erst nach langen Mühen, heißen Beschwörungen und unter Vorzeigung eines «mtlich gestempeltenDienstvertrages" offnen wollten, sind wieder offen! «war die Devisenordnungen, mit graulichen Lettern in unser Herz gebrannt, sind noch da, aber sie haben, an der österreichischen Grenze wenigstens, alle höllische Schrecknis verloren: der Weg ins Bru­derland das für den Deutschen nieAusland" im Üblichen Sinne gewesen ist ist wieder frei! Wenn heute der Zöllner die vorgeschriebene Frage nach dem Inhalt der Brieftasche tut, so sieht man keinen mehr schreckhaft juiammen^ud'en bei bem ©ebanTen, vor einem Beamten ber modernsten Inquisition zu stehen: ein jeder antwortet mehr oder minder bescheiden und gewissenrein, was er sonst vielleicht verschwiegen hatte. Eine kluge Politik die den Weg ins österreichische Alpenland nicht bloß frei machte, sondern ihn auch noch mit so angenehmen Einrichtungen wie einem Reisekonto ebnete. Die paar Taufend, die überhaupt in diesem Jahr des Sparens und wiederum Sparenmüssens es sich vergönnen dürfen, weiter als über die heimatliche Stadtmauer zu gucken, nicht bloß auf den heimat­lichen Kreuzberg zu kraxeln und im heimatlichen Bach zu schwimmen, sie preisen bantb-ar diese P ol i t i k bes weiten Herze ns unb bes wirtschastlichen Verstandes zumindest eben so sehr wie bie Schönheit unb Romantik des Hochgebirges und die Gastlichkeit des Oesterreicher. Das deutsche Reisevolk ist sowieso heftig dezimiert und es ist ja doch nur ein höchst bescheidenes Bächlein gegen den sonst, in früheren Jahren, üblichen Reisestrom. Und auch diese Uebriggebliebenen wissen mit den ihnen zugewiesenen Schillingen gewaltig sparsam umzugehen. Wohin ich tarn auf weiter Wanderfahrt, im Süden Italiens, am Lido, in den Dolomiten, überall stehen die Hoteliers mit sauren Mienen und klagen

DieC o s i - f a n -1 u 11 e" - 2luffiU;rung trug ein rein wienerische Gesicht bis auf die scheußlichen Jugendstilbühnenbilder Ludwig v. verts. Clemens Krauß dirigierte sie mit seinem Gefühl für ine tigteit und Wärme des Werkes, Lothar W a 11 e r ft e i n hatte sie gezeichnet inszeniert und das Ensemble hielt sich, wenn auch ohne so leiftungen, in Ehren.

Tiefste Wirkung dagegen, wahre Festspielkraft ging von Dem w schenOrpheu s" aus. Wie entband da Bruno Walter aus der La tur die klassische Monumentalität zugleich mit der edlen Gefuhlskraft, plastisch m. eite Sigrid Onegin trotz stimmlicher Behinderung ° Einbuße Me dramatischen Rezitative, wie herrlich dramaüsch r Maria M ü 11 e r die Euridike, wie erstand in diesem »usammenscyaue Trio Symbol und Weihe des Werkes! Das Orchester der Wiener p.

Kaum war Friedrich außer Sicht, erschien Sepp in der Garage und sagte:Gib den Mantel her, ich fahre morgen."

Am nächsten Morgen sagte Evelyne nur:Lyon! Unterwegs redete fip ununtcrbrcchen mit bern Ebousseur Emil. , , .,

Gespräche mit dem Wagensührer sind verboten! witzelte Friedrich QUS Jetzt ^era&e!t''in»eim Mittagessen versicherte sie ihm, der Chauffeur lei ein hochgebildeter Mensch. Und Überhaupt sei ihr so em Mann aus dem werktätigen Volk lieber als mancher lackierter Gent. Womit sie natür­lich keinen der anwesenden Herren gemeint haben wollte.

Wenn ich einmal heirate, bann gewiß keinen langweiligen Akademiker ober aufgeblasenen Jnbustriellen. Eher schon einen Chauffeur. Evelyne war nämlich ein kleiner Snob unb hatte auch einmal etroas von Statt» geruch gelesen. Sie war fest entschlossen, ben Chaufseur Emil immer netter $ Als man nach brei Tagen nach Juan-les-Pins zurückkam, beftanb Emil darauf auch weiterhin ben weißen Mantel zu tragen. Er trug ihn auf der ganzen Rückreise. Bis nach München, wo Evelyne bei einer alten Tante bleiben wollte, wenn ber Urlaub ber drei Jungen vorbei war. Friebrich unb Sepp würben immer wortkarger. Im Grunde genommen waren sie beide wütend aus das Mädchen, das sie an der Nase herum­führte, aber viel zu verliebt, als daß sie ihr vernünftigerweise hatten sagen können:Adieu, mein Kind, wir fahren allein weiter! Emil hingegen wurde immer ordinärer. Er tyrannisierte seineHerrschaft nach Strich Uni>3nC'Bo3en sagte Evelyne, als Emil gegen Morgen sich von ihr verab­schieden wollte:Würdest du dich mit mir verheiraten wollen? Emil glotzte sie dumm an. Evelyne fühlte sich ganz als Marchenprmzesstn.

Ich werde meinen Vater schon rumkriegen. Seine Vorfahren waren Handwerker. Er nimmt lieber einen Chauffeur, der was schafft, in die Familie, als einen Grasen, ber sich auf bie faule Haut legt.