Ausgabe 
15.1.1932
 
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Oie Putzmacherin der Marie'Antoinette.

Bon Carry Brachvogel.

Ja, es hat wirklich einmal einen Modeminister gegeben, allerdings keinen durch Parteipolitik bestimmten, sondern nach absolutester Art erwählten, denn das Land, in dem er wirkte, war damals noch nicht auf Demokratie gestellt. So wurde er eigenmächtig von der allerhöchsten Per-, son auf seinen verantwortungsvollen Posten berufen, nachdem er aller­dings unversehens und unter der Hand von einer vornehmen Dame in den Blickpunkt jener allerhöchsten Person geschoben worden war. Seine Machtbefugnisse waren innerhalb seines Ressorts unumschränkt, und seine Amtshandlungen von so weittragender Bedeutung, daß sie einen, wenn auch bescheidenen Anteil am großen Umsturz von 1789 hatten. Trotzdem wäre es falsch, den Modeminister etwa für einen verkappten Revolutio­när oder einen Fortschrittler zu halten; ganz im Gegenteil war er gesin­nungsmäßig konservativ bis in die Knochen, und hielt der allerhöchsten Person über alle Katastrophen hinweg die Treue, auch dann noch, als er nebst dem übrigen Ministerium längst entlassen war, dieweil man im Tempel seine Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen durfte. Denn dieser Modeminister war Fräulein Rose B e r t i n, die berühmte Putzmacherin der Königin Marie Antoinette. Um die genialen Einfälle dieser sozusagen historischen Putzmacherin ins rechte Licht zu setzen, sei gleich vorweg hier erwähnt, daß wir ihr die Keimzelle aller späteren Mode­schauen verdanken. Zum ersten Male kamen die Königin und Fräulein Bertin miteinander in Berührung auf einer in Eile neutralisierten Rhein­insel unfern Straßburgs, wo der Kaiserin Maria Theresia jüngste, dem Dauphin bestimmte Tochter, die Erzherzogin Marie Antoinette von ihrem österreichischen Gefolge an Frankreichübergeben" werden sollte.

Jawohl, die fünfzehnjährige, dem Dauphin schon durch Prokuration vermählte Erzherzogin, wirdübergeben", als wäre sie nicht ein lebendes Wesen, sondern eine Sache. Und weil sie an diesem Maientag des Jahres 1770 aus einer österreichischen Sache eine französische werden muß, dar sie kein österreichisches Fädchen mehr an sich haben, muß sich's gefallen lassen, daß man sie bis auf die Haut aus- und mit französischen Waren bekleidet... Die Prachtgewänder, die man dem vor Heimweh schluch­zenden Mädchen anlegt, stammen selbstverständlich aus dem ersten Pariser Atelier, benanntZum Großmogul", Rue St. Honore, dessen Inhaberin das noch junge und schneidige Fräulein Bertin ist. Bor wenigen Jahren erst aus der Provinz nach Paris gekommen, hat die Bertin es durch

herangekommen, als ein Blick auf die Armbanduhr Martin überzeugte daß die Entscheidung gekommen sei. Er band das Steuerrad fest und stand aleich darauf in dem scharfen Luftzug der rasenden Fahrt und dem Getös/des Motors vorn am Bug, riß das Hemd vom Le>be und schwang « über dem Kopf, daß es wie eine Fahne im Sturm knatterte. Bange Minuten verstrichen, dann sah er einige Leute am Heck desAqmla , die sich über die Reling beugten und nach seiner Richtung 3ei8ten. Sem scharfes Auge nahm auch wahr, wie einige mit Tüchern winkten, aber onst geschah nichts und der Dampfer hielt seinen Kurs unverändert bei. Endlich verstand Martin, daß ihn die Leute für einen Sportsmann htelten, der ein Rennen mit demAquila" in Szene setzte. Wieder wollte ,hn Verzweiflung überkommen, da fiel ihm der letzte Ausweg ein. Was galt sein Leben gegen das von Hunderten? Er öffnete den Benzinbehalter, füllte ihn aus den Reservekannen bis zum Ueberfließen voll goß den Rest ins Boot, tränkte sein Hemd mit Benzin, warf es auf den Boden und feine anderen Kleider dazu, entzündete em Streichholz, war es auf die Kleider und sprang in diesem Augenblick kopfüber ins Wasser- ^m Augenblick schoß eine haushohe Stichflamme auf, und eine Seku«de später flog mit gewaltigem Krach das Boot in die Lust. Eine gigantische Rauchwolke stieg gegen den Himmel.

Im Maschinenraum desAquila" lief der Obermaschinist zum Be­fehlszeiger (her von der Kommandobrücke aus dirigiert wird und bei modernen Schiffen das Sprachrohr ersetzt), denn die Signalklingel schrillte, was auf hoher See immer ein Ereignis bedeutet. Der Zeiger sprang aus Stop" und gleich daraufVolldampf zurück". Während der Obermaschr- nist blitzschnell den Dampf abstellte und das Schraubenrad aufRück­fahrt" drehte, worauf sich die riesigen Metallwellen, auf denen die Schiffsschrauben saßen, in verkehrter Richtung zu bewegen begannen schickte er einen Heizer an Deck, nachzusehen, was los sei. Der Mann fand oben die Besatzung in voller Tätigkeit. Ein Rettungsboot wurde klar- gemacht und bemannt. Mit Spannung verfolgten die Matrosen die Passagiere saßen schon beim Abendessen das Manöver der Rettungs­mannschaft. Kaum war der erschöpfte Martin in das Boot gezogen wor­den, nahm er seine letzte Kraft zusammen und schrie:Richt essen, Ratten­gift statt Zucker an Bord!" Dann verlor er das Bewußtsein. Die Matro­sen verstanden nicht recht den Sinn der Warnung, erstatteten aber dem Kapitän sofort Meldung, sobald sie das Schiff wieder erreichten. Unheil ahnend eilte der Kapitän selbst in die Küche, wo man sich eben um einen Koch bemühte, dem schlecht geworden war, nachdem er bei der Zuberei­tung von der Süßspeise gekostet hatte. Nie im Leben war der alte Seebar schneller gelaufen als damals in den Speisesaal, wo den Passagieren eben die süße Nachspeise aufgetragen wurde. Mit einem Blick übersah der Kapitän, daß einige schon im Begriff waren, davon zu essen, und da keine Sekunde mehr zu verlieren war, griff er zu einem drastischen MittelHände hoch", brüllte er in den Saal und riß gleichzeitig seinen Revolver aus der Tasche. Das bewirkte, daß die Essenden sehr erschrocken aufsprangen, aber keiner mehr den Löffel zum Munde führte. So wurden die Passagiere desAquila" gerettet. Die schon von der Speise genossen hatten, brachte der Schisfsarzt bald außer Gefahr.

Wie sehr Martin auf die er Reise verwöhnt wurde, läßt sich denken, und als er schließlich auf dem eiben Schiff nach Rio zurückkehrte, erwartete ihn eine großartige Ueberra chung. Als erster kam sein Chef an Bord, umarmte ihn vor allen Leuten und fragte ihn, ob er sein Mitarbeiter werden wolle. So geschah der seltene Fall, daß ein armer, sechzehnjähriger Junge der Kompagnon eines reichen Reedereibesitzers wurde.

ihren Geschmack und ihre Geschäftstllchtigkeit verstanden, sich den vor. "ÄfrabÄi&Ä'adum » «tauten. b?6 nun mw«. Pölich jener tolle Toilettenluxus anhub, der so viel böses Aus ehen machte und die kaiserliche Mutter, Maria Theresia, veranlaßte so mele mahnende Briese an die Tochter in Frankreich zu schreiben. Ganz im Gegenteil vernachlässigte damals die junge Frau ihr Aeußeres und ihren Anzug ehr. Diese Fünfzehnjährige, noch ein rechtes Kind, das sich nicht scheut, direkt vom Spiel mit ein paar tollpatschigen Hunden wea zur Tafel zu laufen erhitzt, zerzaust, mit nicht ganz einwandfreien Händen... So wenig'eitel und putzsüchtig ist sie in jener Zeit, daß sie sich krampfhaft weigert, einen Schnürleib zu tragen, obgleich ihre schlanke Gestalt unver­mutet in die Breite gehen und eine Schulter hoher steigen will, als die andere! Die kaiserliche Mama, die Oberhofmelsterin, Fran> von Noail. [ e 5 und der österreichische Gesandte, Mercy d 21 rg ent e au, mahnen, bitten, beschwören, bis sich das Dauphinchen nut habsburgisch vorgeschobener Unterlippe, endlich, maulend entschließt, den Schnurleib 3 Doch^d^Tage, die Monde gehen hin, und aus dem fünfzehnjährigen ungebärdigen Kinde wird ein junges Mädchen, das Zwar den Ehering am Finger tragt, und doch noch immer Mädchen ist, ein lebhaftes, eben zum Dafeinsqenuh erwachendes Mädchen. Und da Frau von Noaclles ergebenst bemerkt, daß seine Majestät die zerzausten Haare und die nicht einwand­freien Hände stets mit Mißfallen zu bemerken geruhte, da ferner der Herr Gesandte findet, daß Madame la Dauphine sich durchaus nicht anzuziehen verstünde, wird die habsburgische Unterlippe nicht mehr maulend vorgeschoben, wenn von Toilettenangelegenheiten die Rede ist, sondern im Jahre 1772 wird Fräulein Rose Bertin zur Dauphine berufen, und nun beschreitet die Putzmacherin einen Triumphweg, der mit Tüllrüschen bekränzt, mit Taffetbändern bewimpelt, von Straußen­federn überweht, von Brillantagraffen durchsonnt ist, bis der Sturm aus die Tuilerien dieser bunten, glitzernden, raschelnden Herrlichkeit ein ^Zunächst aber bleiben die Toiletten- und Luxusbedürfnisse der Dau­phine in bescheidenen Grenzen: in den Jahren 1773 und 1774 halt sich Marie Antoinette peinlich genau an das ihr ausgesetzte Budget von 120 000 Livres. Zweifellos hat Fräulein Bertin sie trotzdem gut angezo- qen denn diese noch junge, sesche Marchande de Modes verstand nicht nur ihr Geschäft, sondern war auch unerschöpflich an Einfällen für Kleider, .Mäntel, Deshabilles, Hüte, Frisuren, kurz für alles, was den Reiz der Erscheinung heben und verändern kann. In jener Zeit bedeutete die Schneiderin bei weitem nicht, was sie heute bedeutet, denn ihr kam es nur zu das zu liefern, was man bei Schulaufsätzendie Chrie nennt, das heißt den Rohbau, das Gerippe. Die Schneiderin oder der Schneider fertigte das Kleid, aber zur Toilette wurde es durch den Aufputz erhoben, der aus der geschickten Hand der Putzmacherin kam, und welche Hand wäre geschickter gewesen, als die der Bertin, die sich des Kunststückes rühmen durfte, einhundertzwanzig Meter Gaze in Gestalt irgendeines Poufs auf einem Frauenhaupt zu placieren?!

Im Jahre 1774 stirbt Ludwig XV.; die Dauphine heißt und ist nun Königin und unverzüglich macht das Toilettenbudget einen Freuden­sprung in die Höhe, so daß es 200 000 Livres betragt. Und gar nicht lange wird es dauern, da hat die Königin schon ohne Wissen ihres Mannes 300'000 Livres Schulden gemacht, eine große Summe, wenn man bedenkt, daß das Land sich in steten Ernte- und Finanzkrisen befand, aber eine Bagatelle, wenn eine junge hübsche Königin dafür den Ruhm erkauft, die eleganteste Frau Europas zu heißen! Höher und immer hoher steigt das Tollettenbudget; Marie Antoinette heißt kaum fünf Jahre lang Königin, da kostet der Toilettenaufwand innerhalb zwölf Monaten schon eine halbe, bann eine ganze Million!

Fräulein Bertin zählt jetzt in gewissem Sinne zu den ersten Frauen Frankreichs. Zweimal wöchentlich wird sie zur Königin entboten, berat mit ihr in stundenlangen Geheimsitzungen die Mode des nächsten Monats (die Mode änderte sich damals nicht etwa saisonmäßig, sondern monatlich!) und wird durch die königliche Frau so in Anspruch genommen, daß sie für ihre übrige Kundschaft, zu der alles zählt, was in Versailles und Paris eine Rolle spielt, nur noch an bestimmten Tagen zu sprechen ist, und sich auch nicht mehr in Person zu ihrer Klientel begeben kann. Ganz im ministeriellen Stil spricht sie jetzt auch vonstundenlangen Konfe­renzen mit Ihrer Majestät", ober auch kann man hören, ,jd) habe heute drei Stunden mit Ihrer Majestät gearbeitet", und bas Resultat dieser Konferenzen und Arbeit war immer wieder eine Prachtrobe, eine Levite von unerhörtem Schnitt, und besonders immer aufs neue einpouf, der das Tagesereignis auf den Köpfen der Damen illustrierte. Es gab neben vielen anderen einPouf der Impfung", der mittels einer Keule, einer Schlange, einer Zeder, einer ausgehenden Sonne und etlichen anderen Kleinigkeiten den Triumph der Wissenschaft, in diesem Falle der Impfung, darstellte. Als die Königin von ihrem ersten Wochenbett auf« stand schuf die Berlin einenPouf der Genesung" und als der amerika­nische Unabhängigkeitskrieg gegen England im Gange war, kam, aller­dings nur vorübergehend, ein Pouf auf, der das englische Heer in Gestalt einer Schlange dafstellte, die jedoch mit solchem Realismus geformt war, daß die Damen, denen man das neueste Meisterwerk vorfuhrte, em« ftimig erklärten, beim Anblick dieses Reptils bekäme man Nervenzustande, worauf dieser mißlungene Pouf von der Bildfläche der Mode verschwand, noch ehe er richtig lanciert worden war.

Auch die Keimzelle der Modenschau, die aus dem AtelierZum Großmogul" hervorging und dem staunenden Europa die neuesten Moden und Creations von' Paris vermittelte, war gewissermaßen bildlich. Rose Bertin schickte nämlich, wie Langlade erzählt, allmonatlich nach allen Ländern, bis nach Rußland hin, eine große, nach letzter Mode gekleidete Puppe, so daß auch die Herrscherinnen, denen das Schicksal den Thron von Frankreich und die persönliche Aussprache mit Fräulein Berlin ver­sagt Halle, wenigstens an dem Mannequin ersehen konnten, was Mode war. Aber der goldenen Zeil folgten blutige und eiserne, die Bestellun­gen der Königin verminderten sich ebenso rasch, wie sie schwindelnd empor-