Ausgabe 
15.1.1932
 
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MhenerKmilienvIätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgangs Zreitag, den l5.Januar Nummer4

uf die Waage, und als der Vorstand Gewicht zu prüfen. So wanderte ein

zeit erwartete. ,

Zur gleichen Zeit, als derAguila" in See stach, entdeckte der Maga­zinleiter den schrecklichen Irrtum. Ratten gibt es in den untersten Raumen eines jeden Schiffes, und Gift ist das wirksamste Mittel, um der Plage Herr zu werden. Daher befand sich auch im Magazin der Gesellschaft stets ein Vorrat für den Bedarf der Schiffe der Linie. Das Gift war Arsenik und wurde mit Staubzucker vermischt, um die Ratten zu ködern. Als der Leiter des Magazins wieder feine Schreibstube betrat, fiel ihm sogleich

Nächtliche Bahnfahrt im Winter.

Von Christian Morgen st er n.

Wenn du so auf müder Nachtfahrt durch die dunklen Lande eilst, wird dir manches Graun und Rätsel, das du sonst zum Klaren teilst.

Kannst das Dunkel nicht zerspähen, wirst ohn' Ende fortgerissen: Hier ein Licht und dort ein Schatten aus durchdröhnten Finsternissen.

Und du denkst, wie durch die weißen Wälder frierend Rehe ziehen, bis sie vor den Dörfern stehen mit von Frost zerschundnen Knien. Und du siehst die vielen Menschen langgestreckt im Schlafe liegen, und du siehst die große Erde alles durch den Weltraum wiegen.

Du erschrickst: Von lauter Stimme hörst du einen Namen rufen Ja, das ist das alte Städtchen deiner ersten Werdestufen.

Gift an Bord.

Erzählung von Ralph Urban.

auf,^> der Sack mit der Giftmischung fast geleert fei, und er rief, Böses ahnend, den Gehilfen, der ihm seine Befürchtung bestätigte. Verzweifelt lief der Magazineur mit der Schreckensbotschaft ins Kontor hinüber. Eo waren nur ein Beamter und der Lehrling Martin, Sohn eines deutschen Kolonisten, anwesend, da die anderen an diesem Tage ihre Mittagspause erst nach der Abreise des Schiffes hielten, die um 16.15 Uhr gemeldet worden war. Der Beamte stürzte zum Telephon und suchte den Chef des Hauses zu erreichen, erfuhr aber, daß er noch nicht in feiner Wohnung fei. Hierauf tat er aus eigenem Ermessen alles, was ihm zur Rettung der dreihundert Menschen auf demAquila" möglich schien. Er rief die Funkstation des Hafens an und ersuchte, denAquila" durch Radiotele­gramm zu warnen, womit die Angelegenheit erledigt gewesen wäre, hätte es damals schon einen ständigen Funkdienst an Bord der brasilianischen Küstendampfer gegeben. Wohl waren die Schiffe mit Sende- und Emp­fangsapparaten ausgerüstet, doch hatte der Funker auch andere Obliegen­heiten zu versehen, so daß er nur bei Gefahr oder schwerer See ständigen Radiodienst halten konnte. Deshalb telephonierte der Angestellte auch zur Fliegerstation, mußte aber zu feinem Schrecken erfahren, daß vor dem Ablauf von zwei Stunden keine Flugmaschine startbereit gemacht werden könne. Nun wußte er sich nicht mehr zu helfen und schickte den Lehrling auf die Suche nach dem Reeder. Martin lies sogleich fort, dann aber fiel ihm etwas ein und er eilte nach dem Hafen. Es war das erstemal, daß er den Befehl eines Vorgesetzten nicht befolgte. Er selbst wollte versuchen, das Leben auf demAquila" zu retten, und da gab es keine Sekunde mehr zu verlieren. Die einzige Möglichkeit, die noch blieb, war, den Dampfer mit dem Rennboot einzuholen. Ein Glück, daß er Bescheid wußte; in seinen dienstfreien Stunden hatte er die Boote des Reeders in Ordnung gehalten und oft feinen Chef bei Hafenfahrten geführt.

Erft als der Lehrling im Motorboot dahinraste, begriff er die Größe der Verantwortung, die er auf sich genommen hatte, und es wurde ihm bange. Dann aber biß er die Zähne zusammen und aus all seinem Denken wurde der einzige Wille, zu retten. Glücklicherweise war das Meer ruhig und dis Sicht klar, sonst wäre sein Unternehmen aussichtslos gewesen. Kühl begann er die Möglichkeit des Gelingens zu erwägen. Cs war 16.45 Uhr, somit blieben ihm höchstens zwei und eine Viertelstunde Zeit. DerAquila" war um 16.15 Uhr abgedampft und hatte demnach eine halbe Stunde Vorsprung. Das Schiff fuhr mit einer Geschwindigkeit von zwanzig Knoten, und von dem Motorboot kannte er nur dessen Höchst­leistung in Kilometern und das waren 44 in der Stunde. Er nahm seinen Bleistift zur Hand und in der Tasche entdeckte er ein Stück Papier: 1 Knoten = 1 Seemeile odek genau 1852 Meter in der Stunde, 20 Knoten = 1852 X 20 = 37 040 Meter ober 37,04 Kilometer pro Stunde, somit war das Motorboot um rund 7 Kilometer in der Stunde schneller als der Dampfer. DerAquila" hatte einen Vorsprung von einer halben Stunde gehabt und in dieser Zeit eine Strecke von 18% Kilometer zurückgelegt. Wie lange wird cs nun dauern, bis das schnelle Motorboot ihn eingeholt haben wird? Martin rechnete weiter: In einer Stunde gewinnt sein Boot 7000 Meter zurück, folglich in einer Minute den sechzigsten Teil davon, das ist 7000 : 60 = 116,7 Meter. Um die 18 500 Meier aufzuholen, bedarf es der Zeit von soviel Minuten, als 116,7 Meter in 18 500 Metern ent­halten sind, das macht 18 500 :116,7 = 158,5 Minuten oder zwei Stunden und 38% Minuten.

Als er die letzten Ziffern schrieb, begann seine Hand zu zittern, denn nun wußte er, daß er denAquila" nur uni eine Viertelstunde zu spät erreichen könne. Aber trotzdem ließ er den Mut nicht sinken und sann fieberhaft auf einen Ausweg. Wie weit werde ich um sieben Uhr noch vom .Aquila" entfernt fein? dachte er und wieder fing er an zu rechnen: Um sieben Uhr werde ich noch ungefähr 19 Minuten benötigen, um den Aquila" einzuholen, also 19mal 116,7 Meter weit weg sein, das macht 2217 Meter." Es war immerhin möglich, daß man das Motorboot aus dieser Entfernung bemerkte, wenn er Zeichen gab. Sollte man aber auf ihn trotzdem nicht aufmerksam werden was bann?

Auf dem Dachgarten ber Reederei stand der alte Chef und sah mit einem Fernrohr auf das Meer, bis das Rennboot mit dem Lehrling einen Blicken entschwunden war; aber auch bann noch starrte er sorgen- chwer in bie blaue Ewigkeit, benn bas Rennen bort braufjen ging auch um sein eigenes Leben. Bald nachbem Martin fortgetaufen war, kam ber Reeber ins Kontor zurück und erfuhr von dem fürchterlichen Unglück, das den Passagieren und der Reederei drohte. Dann hatte er erfahren, baß ber Lehrling mit einem feiner Boote ins Meer hinausgefahren sei und bald war ihm klar, daß ber Junge bie Rettung auf eigene Faust versuchen wollte. Als er ihn mit bem Glas am Horizont entbeckte, kam gerabe bie Melbung von ber Funkstation, baß es nicht gelungen wäre, mit bemAquila" Verbinbung zu bekommen. Nun wußte er, wenn jemanb noch helfen konnte, bann waren es Gott und ber Lehrling Mar­tin. Als der Chef des Hauses später auf die Uhr sah, erschrak er: es war sieben.

Genau um dieselbe Zeit wurde auf dem Meere die Handlung dra­matisch. Das Rennboot war näher als auf eine Seemeile an den Dampfer

Rund um Südamerika unterhalten eine Reihe von Schiffahrtsgesell­schaften einen Küstendienst, der die großen Häfen ber verschiedenen Staa­te» untereinander verbindet. Einige dieser Unternehmen haben ihren Sitz in ber brasilianischen Hauptstabt Rio be Janeiro, wo vor einigen Jahren eine abenteuerliche Geschichte ihren Anfang nahm, die den Beteiligten wohl bis an ihr Lebensende in Erinnerung bleiben wird, wenn auch nicht viel darüber in bie breite Oeffentlichkeit gelangte.

Der SchnellbampferAquila" hatte die Anker gelichtet. Langsam wandte er sich vom Kai dem offenen Meere zu, um erst wieder nach dreitägiger Fahrt Montevideo, die Hauptstadt von Uruguay, anzulaufen Vom Hasen aus waren nur noch das Heck, die qualmenden Schlote und die unter der strahlenden Sonne glitzernden Streifen des Kielwassers zu sehen als ein junger Mann den Kai entlangkeuchte. An ber Stelle, wo vor kurzem das Schiff gelegen war, hielt er einen Augenblick erschöpft inne und sah dem Dampfer nach. Dann lief er, was ihn nur feine Beine tragen konnten, dem Bootshaufe zu, wo einige Motorboote aus bem Privatbesitz bes Reebers desAquila" untergebracht waren. In bas leistungsfähigste Rennboot warf der junge Mann einige Kannen Benzin, die in der Nähe standen, sprang nach, ließ den Motor an und nahm wenige Sekunden später mit Vollgas Kurs auf den schon am Horizont entschwindenden Dampfer. Es galt ein Wettrennen um hohen Preis: konnte er den Dampfer vor neunzehn Uhr, das war die Zeit des Abend­essens, einholen, bann waren die Menschen darauf gerettet.

Kleine Ursachen haben oft die größten Wirkungen. Das Unglück wollte es, daß an diesem Tage in dem Lebensmittelmagazm jener Schiftahrts- gesellschaft ein neuer Gehilfe feinen ersten Dienst tat. Am Morgen wurde von bort aller nötige Proviant, besten ein Schiff auf langer izahrt be­darf an Bord desAguila" gebracht. Unter den vielen Dingen für bas leibliche Wohl der Passagiere befanb sich auch ein Sack Staubzucker. Es gab viel Arbeit in biefen Stunben Der Magazinleiter, ber ms Kontor gerufen wurde, wies den neuen Gehilfen an, einen halbgeleerten Sack mit Staubzucker auf das vorgefchriebene Gewicht aufzufüllen. Der Neu­ling hatte vergessen, in welchen der Räume ber Zucker lagerte, unb ging auf bie Suche. Da erinnerte er sich, in der Schreibstube des Verwalters einen offenen Sack gesehen zu haben, der wohl das Gesuchte enthalten dürste, und fand seine Vermutung bestätigt. Vorsichtshalber überzeugte er sich, indem er ein klein wenig kostete. Hierauf führte er seinen Au,trag aus, füllte den Sack, stellte ihn auk ~ ;."'s

zurückkam, hatte er nur noch das Gewicht zu prüfen.

Sack, dessen obere Hälfte Rattengift enthielt, in die Küche desAguila , wo man ihn schon zur Bereitung einer Süßspeise für die Abendmahl-