Ausgabe 
14.11.1932
 
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Ihnen aushelfen. Unsere Füße dürften die gleiche Größe haben, und ich werde mit dem gnädigen Herrn Rücksprache nehmen. Es ist notwendig, daß Sie einen Gehaltsvorschuß bekommen, um sich so zu equipieren, wie es in unseren Diensten nötig ist."

Was, schätzen Sie, wird das kosten?" fragte Heinrich beklommen.

Hundert Taler!" meinte der Haushofmeister.Viel Ehr' fordert Schmer!"

Heinrich war ganz geschlagen. Er hatte gedacht, in diesem Hause würde er sparen können, und nun sah er ein, daß das vornehme Leben auch vornehme Kosten machte.

Aber bald hatte er sich in seine neue Stellung gefunden. Zum ersten Male in seinem Leben nach der Wußower Zeit konnte er sich wirklich satt essen. Zum Frühstück erhielt er einen guten Kaffee, Milch, Butter, Brot, Honig, Eier; über die Mittagszeit standen fünf trefflich bereitete Gerichte zu seiner Verfügung, Wein ward ihm bereitgestellt, soviel er mochte; nachmittags konnte er spazierensahren oder reiten, und der Appetit wurde durch ein kräftiges, gutes Abendessen gestillt.

Als der Baron kam, hatte Heinrich sich schon eingewöhnt in dies neue Leben. Am Abend bei der Tafel unterhielten sich die Herrschaften mit ihm aufs freundlichste, und der alte Haushofmeister, der wie ein Feld­herr an der Tür stand und die Lakaien dirigierte, nickte ihm wohl­wollend zu. Er brachte ihm am nächsten Morgen eine Börse mit hundert Talern in Gold und erbot sich, möglichst preiswert bei den Händlern des Fretherrn das Nötige zu bestellen.

Die Arbeit war angenehm und nicht allzu schwer. Es galt, die Bibliothek zu ordnen, neue Kataloge anzufertigen, lieber die Neuerschei­nungen wurde jeden vierten Tag berichtet, und des Abends nach Tisch ging die ganze Gesellschaft in den Musiksalon; und wenn das Fräulein oder die Dame nicht spielte oder der Herr nicht die Flöte blies, mußte Heinrich aus dem neuesten französischen Buch vorlesen. Seine Pflicht war es, die hervorragenden Partien herauszusuchen, das Dazwischen­liegende kurz zu erzählen; gefiel dann das Buch, so las es die Herrschaft selbst noch einmal, lieber diese literarischen Darbietungen wurde ein iagebud) geführt und ein Leseverzeichnis eingerichtet, damit die Damen schnell das Nötige sanden, falls eine Konversation genaue Kenntnis erforderte.

Der Baron von Bielfeld war ein weitgereister Mann. Er war an den Hof des Königs von Preußen gekommen, da dieser noch in Rheins­berg wohnte, und von dem jungen Monarchen hochgeschätzt als geistreich ü>1^c^ouders belesen.Aber diese Belesenheit verdankte ich", so meinte Vtelfeld,meinen zwei vorzüglichen Sekretären, die ich damals hielt dem lateinischen und dem französischen. Das Englische erfuhr ich durch einen lieben Freund, der sich in London aufhielt."

Heinrich merkte, daß eines Hofmannes Leben gar nicht so einfach war, wie er es sich vorgestellt hatte. Die alten Aufzeichnungsbücher des Barons waren vorhanden, und er konnte sich ganz gut ausrechnen, daß Bielfeld, um bei der Tafel einen geistreichen Mann zu stehen, mindestens vier bis L. n at 2'a9 angestrengt literarisch arbeiten mußte. Da waren dsE. Kritiken zusammengeschrieben, und der Baron selbst hatte sorq- faltig Apercus geformt um ein schnelles, scharfes Urteil geben zu können. Anekdotensammlungen waren angelegt; 43 handgeschriebene «Äh 3h HCV)r (Q5 200 Seiten ein jedes, zählte der junge Bibliothekar.

£2 *e gesammelt was ,hrn der Tag und die Lektüre brachten; ^n*Lefh^etre ar>aU$te'L bie $?merie noc6 einmal ausarbeiten, indem die in Der,tet^ rourben °uf Persönlichkeiten und für den Handgebrauch iho?eiL- rc-ac' roaE®n ganze Bücher entstanden über den Ehrgeiz, Philosophie^ über die Liebe, über das Christentum, über

smn?eL (»ar°" tIär2eÄDas ist die Munition des Geistes, mein Lieber! . 5 W mi.r der beste Kopf, wenn nichts in ihm drin ist? Muß ich einer glanzenden Gesellschaft beiwohnen, so überdenke ich, was das Ge- prach des Tages sein durfte, und ziehe dann die Sottiseurs zu Rate Und man muß wissen, wann eine Anekdote, wann ein Witz entstanden -ft. Heute freilich ist es für mich einfacher als zu der Zeit, da ich ein öer J^Qnarf, Heute greife ich auf das zurück, was vor fünfzehn Jahren gewesen ist und forme es ein wenig um. Ein Witzwort "des Kardinals Fleury lege ich heute dem Kanzler Brühl in den Schnabel hLnLd)h?CrQnbtre ein wenig, und sie wirkt bann ganz neu'

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Heinrich wagte die Frage auszusprechen, ob der Baron noch andere Herren gekannt hatte die diese glückliche Einrichtung besessen hätten.

Gewiß erwiderte der Baron.Ich habe sogar mit Herrn Voltaire ausgetauscht! Er hat einen sehr hübschen Sottiseur, und wir haben manchen Nachmittag damit verbracht, Anekdoten zu formen; wir haben er ^iir ben seinen, ich für meinen Gebrauch. Ich muß gestehen, er war mir manchmal über ... Freilich gibt es auch Herren mit nn6?*9ro^s,n ®,eba$tnis' roie den Baron Pöllnitz; aber das find die

6 i "i/gesprach zerstören mit ihren tollen Einfällen und mLrh'nUebeImt" Tisch soll ein Thema umgangen und beleuchtet meiben; nach einem guten Gespräch soll jeder aufstehen mit dem Gefühl

hipOßM h t ^Oen. Darum find auch die unausstehlichen Gesellschafter die Gelehrten und die Fachleute, die nur ein Thema kennen und von ihm nicht ablassen wollen." 0

Leben des Adels kennen. Da war

(a*.8 2^1 ,^elerfs 1 Ul?b Farbe eingestellt. Sie fuhren hinüber auf das öas. eine Kette von kleinen Seen und Fischteichen ent- o an« ®Än tPurb7 ausgeschmückt mit bunten Laternen und Lam- Pions, Dtustker darauf gefetzt und hinausgefahren in die angenehme ännmbienafierrp^ehintCL- "4" bienten biefc Teiche zur Schlittschuh- bahn die Herren schoben die Damen vor sich her in Schulschlitten Auch legt rourbe das winterliche Fest mit bunter Beleuchtung glänzend gefeiert

Es kamen Tage, wo der Baron sorgenvoll umherlief; denn es galt Zinsen zu zahlen für Schulden, die gemacht waren, um diese FcstP zu

ermöglichen. Heinrich lernte es, Gläubiger zu beruhigen, abzuleugnen; ja einmal unternahm er es, zusammen mit dem würdigen Haushofmeister, einen Leipziger Getreibehändler betrunken zu machen und den so um die Haltung Gebrachten im Kabriolett nach Leipzig zurückzuschicken.

Andere Sorgen waren politischer Art. Der Baron sprach oft von Krieg und Kriegsgefahren, aber er verließ sich auf seine Freundschaften am preußischen Hof; sicherlich würde ihm Mitteilung gemacht werden, wenn etwas drohe. Die Unvermeidbarkeit des Krieges stand für ihn fest; wußte er doch zu genau von Dresden her, wie alles in der deutschen politischen Welt gegen den König eingenommen war.

Am 4. September des Jahres 1756 besichtigte der Baron mit Heinrich die Zurüstungen zu einem Wasserfest vor dem Schloß Hasselbach. Der Baron hatte sich eine hübsche Ueberraschung ausgedacht: Während die Gondeln auf dem Teiche lagen, sollte ein Boot leise herangerudert wer­den, das in seinem Aufputz an einen Drachen gemahnte; plötzlich sollten Feuerwerkskörper entzündet werden, und das Untier sollte Feuer schnau­ben. Bei den Damen versprach er sich einen besonders schönen Effekt davon.

Wie sie beide noch Einzelheiten besprachen, merkte Heinrich auf, schloß die Augen.

Der Baron fragte:Was haben Sie denn?"

Gnaden", antwortete Heinrich,mir tst's, als höre ich den preu­ßischen Papfenstreich drunten bei Regis!" Das war ein kleines Städt­chen, ein halb Stündlein von Hasselbach entfernt.

Der Baron lächelte spöttisch:Kennte ich Sie nicht als einen äußerst mäßigen Mann, mein lieber Sekretär, so würde ich in der Tat glauben müssen, daß Ihnen heute der Burgunder zu Kopf gestiegen sei. Wie in aller Welt sollen wohl nach Regis, mitten ins Sächsische, preußische Trommeln und Pfeifen kommen? Es werden Dreschflegel der Bauern fein!"

Aber der Klang ging Heinrich nicht aus den Ohren, und nun wurde auch der Baron stutzig; denn der Abendwind trug die Trommelklänge immer deutlicher herüber. Um zu erkunden, was es sei, schlug Bielfeld vor, daß Heinrich und der Jäger nach Regis hinübergingen, um sich zu unterrichten. Er selbst, der kein besonders guter Fußgänger war, wollte zuwarten.

Heinrich marschierte mit dem Gutsjäger, einem netten, fröhlichen Menschen, durch den kleinen Waldgrund hinüber nach Regis. Dort war alles still geworden, und sie wollten ohne weiteres ins Tor hinein- fdjreiten, um zu hören, was im Oertchen geschehen sei. Ein plötzliches Halt! Wer da? Steht auf der Stelle still ober ich schieße!" riß belbe an ble Mauer. Eine preußische Schilbwache, kenntlich am kleinen Hut unb Rock, kam hinter einer Linde hervor.

Heinrich berührte es eigentümlich, mitten in Sachsen plötzlich pom- mersches Platt zu vernehmen. Er erklärte, wer er sei, unb fragte, wie ber Soldat plötzlich nach Sachsen gekommen wäre.

»Zu Fuß sind wir gekommen! Unser König hat's befohlen! Weiter braucht Er nichts zu wissen!" Der Soldat rief einen Unteroffizier herbei, dem er Heinrich unb seinen Begleiter übergab.

Der Unteroffizier, ein altgebienter Mann, gab keine Antworten aus Fragen, fonbern führte, ohne ein Wort zu sprechen, bie beiben zum Haus bes Bürgermeisters. In ber Stabt wimmelte es von preußischem Militär. Aus bem Marktplatz waren Wachtfeuer angezünbet, an denen gekocht wurde. In Reihen lagen die Soldaten auf Stroh ausgeftrerft unb schliefen. Bürger huschten wie Ratten burch bas Hell und Dunkel; Weiber und Kinder schrien und jammerten unb zeterten in allen Tonarten. Befehle klangen. Es war bas Bilb bes Krieges mitten im tiefsten Frieben.

Der Unteroffizier schritt in bie geöffnete Haustür, bie von zwei Posten bewacht würbe, in ben Vorsaal bes Bürgermeisterhaufes. Aus einem Zimmer klang Lachen, klirrten Gläser. Der Unteroffizier trat ein unb melbete. Heinrich hörte burch die halb offene Tür, er brächte Zwei Personen, die sich heimlich in die Stadt hätten einschleichen wollen.

Lass' Er die Kerls etntreten!" klang eine kräftige Stimme. Und nun stand Heinrich vor dem General, der mit geöffnetem Rock, über­geschlagenen Beinen am Tisch saß, bie Tonpfeife rauchte unb einem Glas Rheinwein zufprach.

Heinrich nahm die stramme Haltung an mit gespreizten Beinen, die er von seinem Vater her kannte, unb melbete knapp militärisch, wie er es von Hause gewohnt war, wer er sei, woher er tarne.

Der General fragte, tnbem er sich den kurzen Schnauzbart wischte: Ist dein Herr der Baron von Bielseld, ber lange in Berlin gelebt hat, Gouverneur bes Prinzen Ferdinanb gewesen ist?"

Heinrich bejahte.

Da lachte ber General dröhnend:Der ist ein guter Freund von mir. Wir beide haben mancher Flasche Wein den Hals gebrochen. Mein Lieber, trink' Er hier gleich ein Glas auf ben Schreck, unb Sein Be­gleiter nehme eine Flasche Schnaps unb stärke sich! Inzwischen werde ich Ihm einen Passierschein geben lassen, daß Er wieder frei und heil aus ber Stadt herauskommen kann Sage Er nur Seinem Herrn, ich ließe ihn vielmals grüßen! Wenn ich Zeit habe, will ich ihm morgen einen Besuch auf feinem Gut abftatten. Wir sind hier plötzlich in Kur­sachsen, weil der Kurfürst in Dresden sich höchst unmanierlich gegen unfern König Friedrich betragen hat. Es ist nötig, daß wir das Männlein zur Räson bringen. Was weiter an der Geschichte ist, wissen wir freilich nicht brauchen uns auch als Soldaten nicht darum zu kümmern. Unser König wird schon sorgen, daß alles ein gutes Ende nimmt!"

Heinrich freute sich über diese Worte und leerte sein Glas auf das Wohl des Königs. Mit diesen neuen Nachrichten eilte er dann, so schnell er konnte, nach Hasselbach zurück.

Das gab freilich ein großes Erstaunen und Erschrecken. Das Wasser­fest wurde abgebrochen; alles fuhr nach Treben, um sich auf den Besuch bes Generals vorzubereiten. (Fortsetzung folgt.)

verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univerf itäts-Duch- unb Steindruckerei, R. Lange. Gießen.