Ausgabe 
14.11.1932
 
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Wesen des Relativismus. Der kühne Aufschwung, mit dem wie Schiller alle Kunst von strenger und hoher Kulturhaltung Großes und Heroisches durchsetzt, war um 1900 nicht länger zu leisten. Vielmehr weckte den Anschein, ins Gemachte und Süßliche abzuirren, wer trotzdem immer noch Einheitliches und Ungebrochenes zu formen fuchte. Es war un­erläßlich, daß auch bei Hauptmann sich ein Bruch kennzeichnete, wenn er sein Ideal antiker Schönheitssreude entwickelte.

Athene-Deutschland kündet dies Ideal in entscheidender und für Hauptmanns Wesen besonders bezeichnender Begriffssassung. Sie feiert Eros, den Schaffenden, den Schöpfer, die fleischgewordene Liebe, die sich auswirkt im Geist.Und aus dem Geist wiederum in Wort und Ton, in Bildnerei aus Erz und Stein, in Maß und Ordnung, kurz in Tat und Tätigkeit." Sie fordert auf, ihrin des deutschen Domes Liebesnacht äU SeU^derVersunkenen Glocke" trug Hauptmann dies Glaubens­bekenntnis in immer neuer Wendung vor. Es ist das Dogma desHelle­nismus", wie es von Heine verfochten wird, auch Heine steigert nur, was er schon vorgefunden hatte, in noch mehr Diesseitsfreude der Sinne. Wie Heine wehrt sich Hauptmann gegen allenNazarenismus", gegen die Religion der Entsagung und der Selbstaufopferung. Und beiden wird folgerichtig das Weib zur Priesterin des Eros und zum Anlaß aller Leistung und allen Glücks des Mannes.

Am ungebrochensten vertritt derKetzer von Soana" diese Heilslehre. Die meisterhafte Erzählung von 1918 ist zugleich Hauptmanns kunst­vollstes Bekenntnis zu seiner schönheitstrunkenen Weltschau. Sechs Jahre später konnte der utopische RomanDie Insel der großen Mutter" die­selbe Melodie nur noch reicher instrumentieren, vielleicht überreich.

Symbolhaft gipfelt derKetzer von Soana" in der Abzeichnung der bannenden Schönheit des Weibes, die aus einem Geistlichen den Ketzer gemacht hat. Sie hat, das ist der Sinn des Berichts, ihm reueloses Glück geschenkt. Was schiert es ihn, daß die Welt ihn ausstößt? Wirklich könnte es scheinen, als vertrete Hauptmann diesmal ohne alle Einschränkung die Herrlichkeit und die erlösende Kraft der fleischgewordenen Liebe. Er tut es auch hier nicht. Eben noch hat er das runde frauenhafte, trotz stolzen Selbstbewußtseins holde Gesicht abkonterfeit, das, von starkem Haarwuchs wie von rotbrauner Erde umgeben ist. (Abermals also Züge, die verwandt sind mit denen Pyrrhas.) Dann heißt es:War das nicht die Männin, die Menschin, die syrische Göttin, die Sünderin, die mit Gott zerfiel, um sich ganz dem Menschen, dem Manne zu schenken?"

Seit denEinsamen Menschen" kehren in Hauptmanns Dichtungen die Frauen immer wieder, die im liebenden Manne den Geist wecken wollen oder wecken. In denEinsamen Menschen" verharrt es noch bei geistiger Liebe. In derVersunkenen Glocke" nicht mehr. Dafür ver­nichtet im Märchenstück Rautendelein schon den Meister Heinrich. Eros, der sich im Geist auswirkt, wird zum Zerstörer. Das steigert sich all­mählich.Gabriel Schillings Flucht" drängt den Künder beglückender und den Geist des Mannes befruchtender Liebe schon an die Seite des Frauenfeindes Strindberg. Ist Verwandtes nicht schon imFuhrmann Henschel" festzustellen?Kaiser Karls Geisel" und der RomanAtlantis" halten es nicht anders. Nach diesen Dichtungen steigt derKetzer von Soana" sogar zu einer Höhe der Schau hinaus, für die das Weib wieder etwas Beglückendes gewinnt und zugleich eine edlere Haltung. Gefähr­liches birgt sich dennoch in ihr, eben die überwältigende Macht, um derentwillen Strindberg dem Weib Krieg angesagt hat.

Eigentlich ruht dies Gefährliche aber im Manne, dessen Sinne ihn an das Weib fesseln. Fleischgewordene Liebe erlöst, aber sie bindet auch. Sie bindet auch das Weib. Wenn Hauptmann verstehend in die Frauen­seele hineinblickt: er ist doch nicht ein unbedingter Frauenlob. Er ver­schweigt nicht die Schwächen des Weibes. Seine Frauen gelangen dadurch zu um so echterem Menschentum. Es sind Menschen mit ihrem Wider- pruch und durch ihn. Weil Hauptmann seine Gestalten von allen Seiten ieht, gilt er mit Recht für einen auserlesenen Former der Menschen, wie ie eigentlich sind. Er op ert nicht einem Wunschtraum ihre Echtheit auf. In gleichem Sinne ist ein Odysseus gedacht. So wie dieser Odysseus muß nach Hauptmanns Ueberzeugung der göttliche Dulder gewesen sein. Alte Sage hingegen hat Odysseus umgeformt, getragen von dem Wunsche, ihn so zu sehen, wie man ihn gern sehen möchte.

Gerhart Hauptmann und die Jugend.

Von Hans von Hülsen.

Gerhart Hauptmann und die Jugend? Erscheint es nicht aus den ersten Blick paradox, die Frage zu stellen, was den nun über die Schwelle des Patriarchenalters tretenden Dichter mit der Generation verbindet, die jetzt jung ist? Mehr als ein Erddiamcter scheint beide zu trennen. Hauptmann entstammt einer Zeit, die sich von den Idealen der jetzigen Jugend nichts träumen ließ und nichts träumen lassen konnte. Seine geistige Gestalt schien ebenso wie sein Weltbild abgeschlossen, als die kosmische Katastrophe des Krieges eine neue Zeit, eine neue Welt heraussührte. Er näherte sich damals den Sechzig, zwei Genera­tionen waren ihm nachgewachsen und die jüngste drängte, vom Zeit­geist beflügelt, ganz besonders ungestüm und ganz besonders ehrfurchtslos nach vorn. Wenn durch nicht anderes, so war sie durch das Kriegs­erlebnis von einem Manne geschieden, dessen Wurzeln in einer anderen Zeit ruhten und aus einem anderen Humus ihre Nahrung zogen. Die Jugend war, was Hauptmann höchstens einmal, in denWebern", ge­wesen war: aktivistisch und nicht nur die künstlerische Jugend, der dichterische Nachwuchs war so, sondern alle Jugend, die im Kriege aus­gewachsen war. Wo sollte da eine Verbundenheit zwischen der Jugend und dem grand old man der deutschen Literatur Herkommen?

Und doch geschah cs gerade in jenen ersten Jahren nach dem Kriege und Umsturz, daß der Dichter Gerhart Hauptmann, der vor der Welt­wende allzusehr und allzulange eine Angelegenheit derGebildeten" und des Premierenpublikums gewesen war, mächtig in die Kreise der Jugend eindrang. Die Schulen, die mit frischem Schwung viel vom alten, rück­

wärtsgewandten, gegenwartsfernen Geist einer vergangenen Zeit an< geworfen hatten, bemächtigten sich des Hauptmannschen Werkes als Schullektüre. Der Verlag S. Fischer begründete die Reihe seiner Schub ausglaben von Hauptmannschsn Dramen. Die Universttötsbibliothek, aus der ja und in unserer verarmten Zeit doppelt die Jugend einen Hauptteil ihres Lesestoffes bezieht, brachte volkstümliche Ausgaben von Hauptmannschen Dichtungen heraus. Manches freideutsche Jugend- loger führte Szenen aus Hauptmanndramen auf oder stritt sich in De­battierkursen über den Dichter und sein Werk. Und wenn eine persön­liche Erfahrung angeführt werden darf: so mancher Primaner unD manche Primanerin hat mündlich und brieflich bei dem Verfasfer, als dem Biographen Gerhart Hauptmanns, Hilfe gesucht, wenn das Abb turientenexamen eine Arbeit über Hauptmann verlangte.

Stattlich ist heute schon die Zahl der Seminararbeiten und der ge­druckten Dissertationen, die sich mit dem Problem Hauptmann oder einer seiner vielten Verästelungen beschäftigen. Und zwar ist es bei diesen Arbeiten nicht etwa nur der junge, schon historisch und also schulgerecht gewordene Hauptmann, um den sie kreisen, sondern mindestens ebenso der alte Dichter, dessen Werke, mit letzten Angelegenheiten des Mythos beschäf­tigt, der zeitgenössisch-aktivistischen Jugend so fern zu stehen scheinen: eine umsangreiche Dissertation von dem jungen Leipziger Doktor Lothar Helmut Schwager über HauptmannsTill Eulenspiegel" zählt zu den wertvollsten Gaben der jüngeren Hauptmann-Literatur.

Und unter der künstlerisch schassenden Jugend fleht es wohl nicht viel anders aus. Eine Umfrage über das ThemaGerhart Hauptmann und das junge Deutschland", die Ludwig Kunz veranstaltete und veröffent- lichte, bringt neben manchen verständlichen Einwendungen eine fast er­staunliche Menge von Zustimmungen junger und jüngsterKollegen" zu dem Gesamtwerk des altgewordenen Meisters. Und es war in den Breslauer Hauptmann-Tagen zu Anfang September einer der schönsten und menschlich ergreifendsten Augenblicke, als Gerhard Menzel, der junge Schlesier und selbst ein Dichter von Rang, vor Hauptmann hin­trat, um ihm in warmen, gesühlten Worten den Gruß der Jugend zu bringen.

So fehlt es also nicht an sehr beredten Zeugnissen dasür, daß sich in der Stellung einer Jugend, die nach der Katastrophe von 1918 glaubte, alles und also auch Hauptmann,überwunden" zu haben, eine Wand­lung vollzogen hat. Welches sind ihre psychologischen Gründe?

Die Sterne, die in den ersten Jahren nach dem Umsturz der Jugend leuchteten, sind erloschen. VomExpressionismus" bis zumDadaismus' haben sie nicht gehalten, was sie versprachen oder was man, allzu gläubig, weil allzu neuerungssüchtig, sich von ihnen versprach. Und mit ihnen ist der Glaube erloschen, der damals nicht die schlechtesten Geister bewegte: daß aus den Ruinen eine völlig neue Welt, eine neue Ge­sinnung, eine neue Politik, eine neue Kunst erstehen würde. Niemand hat wohl eine tiefere Enttäuschung erlebt, als die jungen Menschen jener Jahre, die dieses Glaubens Flamme nährten und denen der gerecht denkende Beurteiler eben um dieses schönen und reinen Glaubens willen viele Unzulänglichkeiten und manche Entgleisung in Ungeschmack und Ehrsurchtslosigkeit nachsah. Jetzt dürfte sich allgemein die Erkenntnis durchgesetzt haben, daß es einevoraussetzungslose" Kunst nicht gibt, wie es auch keine Politik und überhaupt kein Ding im Leben gibt, das nicht irgendwie organisch an das Vergangene anknüpst. Feinere Ohren haben das Erwachen eines neuen Traditionsgefühls schon gehört, als der Ruf nach etwas anscheinend so grundstürzend-radikalem, wie derNeuen Sachlichkeit", aufklang. Sachlichkeit? Das hatte es in der dichtenden,, zumal der dramatischen Kunst schon einmal gegeben, es hatte sichNa­turalismus" genannt und sein Exponent war Gerhart Hauptmann ge­wesen! Hier schlug sich eine Brücke, und um so leichter, als ja die soziale Gesinnung des Dichters der sozialen Gesinnung der Jugend begegnete. Auch hier war Tradition im Grunde genommen waren die sozialen Forderungen, die die Jugend nach 1918 bewegten, nicht sehr verschieden von denen, die ein Vierteljahrhundert vorher b irt denWebern" ge­waltig am sozialen Gewissen der Zeit gerüttelt hatten: man hatte dar- nur in dem Wahn, eine ganzneue" Welt heraufzuführen, übersehen!

Es kommt hinzu, um das nur kurz anzudeuten, daß [eit einigen Jahren gerade in der Jugend eine neue Innerlichkeit und Religiosität fid)1 regt, eine dogmensveie Religiosität, die an die vom schlesischen Mystizismus stark beeinflußte Urchristlichkeit Gerhart Hauptmanns an Hingt.

Aber die letzte und tiefste Ursache dafür, daß die Jugend, nach einer Episode der Entfremdung, sich Hauptmann wieder sehr genähert hal- liegt natürlich darin, daß sich das starke und reiche dichterische Wem Hauptmanns durchgesetzt hat auch der Jugend gegenüber, die, obwohl, auf anderen Pfaden und mit anderen Mitteln, das suchte, was alle un­bedingte Jugend sucht: das Wahre. Und auch die Jugend fühlt heute, bafb es im ganzen Bereich deutscher Dichtung kein anderes Werk von solcher unbestechlichen Wahrhaftigkeit gibt, wie das Gerhart Hauptmanns. Als- der Dichter kurz nach feinem fünfzigsten Geburtstage im Auditorium- maximum der Leipziger Universität vor den Studenten stand, durfte er zwei Dinge ausdrücklich für sich in Anspruch nehmen: die Ireue gegen- sich selbst und den Mut zur Wahrheit. Dieser Mut zur Wahrheit, der ihn so oft im Leden gegen den Strom schwimmen ließ, verbindet ihn,, auch über Wert und Wirkung des einzelnen Werkes hinaus, mit ber Jugend, deren eigentliches Lebenselement er ist. Und der Dichter durste- damals in Leipzig hinzufügen:Zur Treue gegen sich selbst, zur Wahr­heitsliebe gehört der Mut! Ohne den hohen Mut der Jugend vermögen, wir nichts von Belang auszurichten!"

In Gerhart Hauptmanns ernstem und aufrichtigem Geben, das keiim Konzessionen an Modeströmungen kennt und ausrecht durch ein Meer von Verkennung, Verlästerung und Aechtung selbst hindurchgeschritten ist, liegt etwas Beispielhaftes, an dem noch Generationen von 3ugeno,. selbst wenn sie ganz anderen künstlerischen Zielen zustreben, sich bilden können.