Jahrgang 1932
Montag, den H. November
Nummer 89
der
,bus um
Sag' ich Sandalen, Köcher, Bogen, denkst du sicher an die Göttin Artemis und meinst, mir sei ein Marmorbild erschienen, wie sie die Säle schmücken im Palast daheim. IawohlI So ist'sl Nur war's lebendig. Es war von Fleisch und Blut und nicht von Stein.
)rmann vergißt nicht des „roten Haares Fülle" zu nennen, , ien Kopf ihr faß als Helm von Gold."
Das Feuer.
Von Gerhart Hauptmann.
Das Feuer minn* ich, das Feuer verehr' ich. Ein Feuer bin ich, zum Feuer kehr' ich. Muß ich elnst ruhen tief In der Erden, werd' ich zum schlafenden Feuer werden. Schlafende Feuer, wachende Flammen schlagen doch einstmals wieder zusammen.
Gerhart Hauptmann.
Zu seinem 70. Geburtstage am 15. November.
Von Geheimrat Professor Dr. Oscar Walzel.
r fein neun suchen. Fw tte dort oij tag mit 6u ege mit ili das Echich if [ein fti mt, in ein« oon Lcipm
en Mädchen Emma ljohi jetzt Drgd'
t «ef
a",n!'V .•'k
W fand fj m? x ton«l8 >°urde |0go, °ng, bis
eine 9(t .r ®e>ft, unj 'h trenn® Bielfeld, i", °ge ihm » « (ÜdjtigJ Qn feiner Würg eiiul e.
««M cid 1 sprach mt hn über M »es Eran» alten Mett« ’on, der H 'fanb es ol< er, daß d« faß, und« nne der ihn
Eichener AinilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
es eine te nohlgetochiu , müde «oi glaube W i gelungen« sause mm
। Martha« ,r der N eit Brot W und dar h iie Handt f11
ilb auf if ihn allMft! rn Profess" ,, die W\ erlieh.
erq mit M fanb «ho tfenb n# den WM
ftc Sie N end. ‘I daß N ihr' * befan1 f
hrieb
ar®* Ichricht^. SteuefUfd fanb # inig ff
run» *
irJ M
In bem einen ber zwei Dramen Hauptmanns, die aus Umwelt spanischer Kämpfe um das neu entdeckte Mitteleuropa stammen, in „Jndipohdi", überrascht schon auf den ersten Seiten eine Bühnenangabe. Pyrrha, die Tochter Prosperos, tritt auf. Als Jägerin erscheint ie, hoch geschürzt und den Speer in der Hand. Ihr rotes Haar gleicht einer schweren goldenen Last. Die Vierzehnjährige ist hoch gewachsen unb von herber Schönheit unb Anmut. Sie trägt den Köcher mit Pfeilen auf ber Schulter. Die Artemis von Versailles also in gegensätzlichster ioltekischer Umgebung, sichtlich nicht dem Leben abgelauscht, sondern Wunschbild eines Dichters. Was die Bllhnenangabe andeutet, schildert halb baraus Ormann als sein Erlebnis; er hat Pyrrha in schauder« irweckender Gegenb erblickt, wie etwas Unbegreifliches unb Unerhörtes:
ehe anbere Gleiches durchführen unb nicht mehr Komik wie einen Deckmantel bem Häßlichen umhängen. Das Ausland schritt voran. Unb wie auch sonst will der Naturalismus dem Ausland es gleichtun unb bie Stellung gewinnen, bie dort schon erreicht war. Schon Viktor Hugo hatte umwertenb bas Häßliche zum eigentlich Schönen erhoben. Dem Naturalismus schien es notwendig, beim Häßlichen zu verweilen, weil es bisher zu kurz gekommen war. Schaffte damals Wissenschaft den Begriff des Schönen^b und ersetzte ihn durch den Begriff des Aesthetischen, der auch Häßliches einbezog, so forderte die Kunstlehre des Naturalismus, ästhetische Leistung in den Dienst des Häßlichen zu stellen, da sie lange genug unb bis zum Ueberbruß bem Schönen gefront fjabe, unb zwar auf Kosten ber Wahrheit.
Hauptmann erfüllte solche Wünsche bes Naturalismus In seinen Anfängen unbedenklich; seine ersten Siege bankte er auch bem weiten Raum, ben bet ihm bas Häßliche einnahm. Nur versteckt melbete sich, zunächst in „Hannele", Sehnsucht nach einer schöneren Welt an. Die „Versunkene Glocke" galt bann schon seinen Gegnern als willkommenes Zeugnis, daß er sich eines Bessern belehrt habe und zu vornaturalistischer Kunst zurückkehre — zu einer Kunst, die dem Schönen zustrebt. Kritiker, die ben Naturalismus verketzerten, fanben seltsame Silber, bas auszudrücken: „Wer hätte gedacht, daß uns die blaue Blume aus einem Misthaufen wachsen würde!"
Echt germanische Sehnsucht nach dem sonnenbeglänzten Süden führte Hauptmann nach Griechenland. Im Jahre 1908 bot fein „Griechischer Frühling" die Eindrücke und die Erkenntnisse, die sich ihm ergeben hatten. Nun huldigte auch dieser Deutsche dem Geist alten Griechentums; nun entdeckte Hauptmann seine Zugehörigkeit zu Goethes Glaubensbekenntnis: unter allen Völkerschaften hätten die Griechen den Traum des Lebens am schönsten geträumt.
Unbedingter aber als Goethe verband fortan Hauptmann Griechisches mit Germanischem. Das war ihm der beste Gewinn des griechischen Frühlings. In den germanischen Völkern der Gegenwart sah er die wahren Nachfahren der alten Griechen. So hätten die Gestalten der griechischen Sage ausgesehen wie jetzt die Schönsten unter den Germanen: Helena und Achill goldblond, schlank und kräftig. So zeichnet er Pyrrha unb Ormann. Diese Nichtgermanen malt er mit den Farben, die ihm seine deutsche Heimat wies. Im „Festspiel" oon 1913 schuf er dann die Göttin Athene-Deutschland; sie hat das letzte und entscheidende Wort zu sprechen. Es verknüpft antikes Lebensziel mit deutschem. Es ist das Glaubensbekenntnis, das sich seitdem und bis in die Frankfurter Goethe- rede Hauptmanns durchsetzt. Vorbereitet ist es schon lange vorher.
Unmittelbar auf das „Festspiel" folgte Hauptmanns erster und bisher einziger Versuch, antike Sage in ein Drama zu wandeln. Auf Goethes Spuren wird Hauptmann diesmal ganz ungoethisch, viel ungoethischer als in der „Versunkenen Glocke". Das Drama von der Heimkehr des Odysseus bezeugt, wie weit Hauptmann antikes Griechentum mit der nächsten Gegenwart verknüpft empfindet, so eng verknüpft, daß es ins Unantike sich verliert. Das wirkt mehrfach kostümwidrig, nicht zuletzt, weit es der alten Ueberlieferung im einzelnen getreu folgt. Allerdings darf Hauptmann sagen, er zeichne die Sage und ihren Helden, wie sie wirklich gewesen sein müssen. Längst wäre uns ja altes Griechentum anders gedeutet worden, als das 18. Jahrhundert es getan hatte, voran Winckelmann und Lessing, aber auch Goethe und Schiller. Daß jedoch auch die Antike sich selbst anders gesehen hat, als Hauptmann sie sieht, ergibt sich schon aus einem eiligen Vergleich zwischen dem Drama Hauptmanns und der Odyssee. Und weil hier trotz der Formel Athene-Deutsch- land und trotz aller zugestandenen Uebereinstimmung mit Goethes Griechentum Hauptmann etwas ebenso Unantikes wie Ungoekhisches schafft, enthüllt sich am „Bogen des Odysseus" klarer als an anderen Werken Hauptmanns fein eigentlicher und ganz eigener Besitz, enthüllt sich das Wesen seiner ästhetischen Weltschau.
Es ist nicht anders als in „Jndipohdi". Neben Pyrrha und Ormann waltet die abschreckende Welt ber Ureinwohner Westinbiens, neben bem Allerschönsten Allerhäßlichstes. Der Naturalist von einst will auch später nicht eine schöne Scheinwelt allein gestalten. Echtheitsbedürfnis verweilt immer noch beim Widrigen. Im „Bogen des Odysseus" mag das auf viele wirken, als setze einer zu weitem, kühnem Flug an und finke sofort auf die Erde zurück. Tatsächlich versenkt sich die Dichtung so tief in das Seelenleid des göttlichen Dulders, daß neben ihr selbst die Odyssee wie unberechtigte und unechte Schönmalerei wirkt. Das lockt nicht an, das ist vielen zu herb, ja ungenießbar. Es ist um so mehr Kennzeichen für den eigentlichen Hauptmann. Vorwürfe, wie sie der „Versunkenen Glocke" früh gemacht unb heuzutage wohl noch unbedingter gemacht werden, gelten hier nicht.
Der Naturalismus, vielmehr die ganze Weltanschauung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hatte sich — schlicht gesagt — gewöhnt, noch am Besten und Schönsten die Schattenseite zu sehen. Das gehört zum
Er selbst ist „ein ungewöhnlich nerviger und schöner Mann". Rotblondes Haar fällt bis auf bie breiten Schultern. Hauptmanns Schon- eitsibeal verwirklicht in „Jnbipohbi" sich auf Kosten ber Farbentreue unb ber Farbenechtheit. Anbers macht er es als aller Klassizismus. Er erlegt nicht einen gründlich antiken Stoff ins Antike, drängt diesem Staff nicht eine Gestaltung auf, die ihm widerstrebt. Hauptmann wahrt n „Jndipohdi" sonst und in starkem Gegensatz zu Pyrrhas und Ormanns Erscheinung mit Willen das schier Groteske, mindestens ungemein Be- rembenbe früher mittelamerikanischer Kultur. Doch gerabe so mirb (ein öunsch fühlbar, biesem Grotesken bie reine Schönheit ber griechischen Intite entgegenzuhalten.
Nicht mit ben Handgriffen der Psychoanalyse (oll hier nachgewiesen werden, was im Gegensatz zur Absicht des Dichters aus (einem Werk pricfjt, und wie sich, ihm unbewußt, sein Innerstes verrat. Vernehmlich enuq tönt aus „Jndipohdi", aber auch aus anderen Werken Haupt- tnanns fein Lebensgefühl. Es ist von starkem ästhetischen Bedürfnis de- telt, von unstillbarer Sehnsucht nach sinnbeglückendem Schonen.
Erscheint nicht als unlöslicher Widerspruch, daß gerade Hauptmann a 5 naturalistische Drama auf seine Hohe hinaufgefuhrt hat ? Ser Weg der Kunst des 19. Jahrhunderts senkt sich tn fast ununter« rochener Folge herab ins Häßliche Um die M'tte des Jahrhunderts «ragt der Hegelianer Karl Rosenkranz eine „rtesthetik des Haß. ichen" ooruileqen. Klang es nicht vielen damals wie ein Paradoxon, Häßliches in den Kreis des Aesthetischen einbezogen werden sollte, klassische beuttoe Kunstlehre läßt bem Häßlichen wenig Raum. Lessings „Laokoon" bulbet es zur Not in ber Dichtung, duldet es kaum in der blldenden Kunst. Der junge Goethe und noch mehr bet- junge Schiller g°währen bem Häßlichen mehr Raum, kehren aber balb ^ jlei ngs »"sicht zurück. Kleist bleibt bem Schonen getreu, wird ihm fortWratenö immer treuer. „Penthesilea" taucht Gräßliches in Schönheit Für Goethe mochte bas Werk dennoch zu viel des Häßlichen bergen. „Pnnz Friedrich Do» npht noch ein paar Schritte naher an den klassischen
Goethe und an den klassischen Schiller heran. Grabbe macht bann mit d°m Häßliche " im Sa Gruft Wichtig ift, bafi» er es nicht bloß Ui« komischen Sinne bringt. Dauert es doch nach Grabbe noch recht lange,


