Es mar <m einem warmen Tage einige Wochen darauf, als tie ' Pfarrerskinder, die zusammen mit Christines neuer Busenfreundin, dem kleinen Freifräulein Luise von Wedell, Blindekuh gespielt hatten, aus den Platz hinausliefen, weil der Schulze im blauen Rock mit Silberknöpfen, den Hut auf dem Kopfe, höchstselbst die Gemeindeglocke schwang. In der Linken hielt er ein langes Reskript mit daran baumelndem Siegel. Das muhte etwas Besonderes fein, daß der Schulze kurz vor Feierabend von der Arbeit wegging und selbst ausrief, anstatt des alten Invaliden von Belgrad, der in sauber gebürsteten Kleidern neben ihm stand wie ein Küster etwa hinter dem Prediger. Klingelnd waren sie durchs Dorf gegangen. Nun stand die Gemeinde versammelt, die Männer mit den Tobackpfeisen im Mund, die Frauen mit arbeitsfeuchten Händen, die sie an den Schürzen ab rieb en.
Was der Schulze redete, indem er auf das Reskript starrte, verstanden sie nur zur Hälfte, aber begriffen es, daß Seine Majestät der neue König, nm Rechte zu wahren, das Heer marschfertig machte, und alle im Kantonementsverhältnis befindlichen Infanteristen, Kavalleristen und Artilleristen hätten alsbald schleunigst abzumarschieren unter der Führung des ehemaligen Korporals — — dabei warf sich der Invalide in die Brust — Wilhelm Klatte nach Solberg zur Ausmusterung I
„Und wer ist denn das nu, der ausrücken muß?" fragte der Veteran Wilhelm Klatte.
Alsbald verkündete der Schulze: „Im Kantonementsverhältnis werden geführt — --—" Und es waren »n der Liste etwa -dreizehn Leute, die
nun, soweit sie da waren, vortraten und sich anstarrten und -den Veteran, der da sagte: „Na, denn kommt -nu man in den Krug und zahlt einen Köhm, um euch Mut zu machen!" und alsbald folgten sie ihm.
Die Dorfgemeinde aber hatte genügend Gesprächsstoff für diesen Abend und auch noch die folgenden.
Ins Pfarrhaus kam an diesem Abend „zum Licht" -der Herr von Wedell und vom Nachbargut der Junker Heiden, um mit dem Pfarrer über die Zeitläufte und die hohe Politik zu sprechen, und was alsbald in der Landschaft unternommen werden könne, um entstehende Not zu lindern.
Die Kinder sahen am Katzentisch und hörten zu, was die großen Herren, die -am Ofen -sahen und lange Tonpfeifen -rauchten, miteinander besprachen. Sie hörten da viel von dem Ableben des deutschen Kaisers Karl in Wien, und wie nun die Nachfolge, die Suec-ession, eine schwierige sei. Der Herr von Wedell war der Meinung, daß der bayerische Kurfürst und Herzog der richtige -deutsche Kaiser wäre und daß -die junge Tochter des Kaisers Karl, Maria Therese, unrecht getan hätte, ihren Mann, den Italiener aus Toscana, in das Spiel zu mischen.
Der Pfarrer meinte, der König hätte schon ein Recht auf das Land Schlesien, darüb-er hätten in Halle schon die hohen Offiziers geredet.
„Wenn nur die Kriegswogen nicht hierher schlagen", jammerte die Pfarrerin, „wie es damals war, als der Wallensteiner mit seinen grausamen Kriegsvölkern, Walachen, Wallonen, Panduren, Kroaten und Spaniern daherg ekommen t"
,,3a", sagte der Pfarrer, ,her wollt damals Stralsund nehmen, wo mein Großvater selig Ratsschrelber war und ein Fähnlein Bürgerwehr kommandierte. Ist ihm aber nicht gelungen, dem Wallensteiner!"
„Aber das Land haben die Kriegsvölker genug verheert!" meinte der Junker von Heiden. „3n unserm Schloß ist nichts mehr gewesen, selbst die Türen halten sie ausg'e'hängt und Feuer damit gemacht, und auch die Dachsparren ausgerissen."
„Gott behüte das Preußenland vor einer schweren Zeit der Not!" seufzte der Freiherr von Wedell.
„Was mich bekümmert", stieß der alte Heiden heraus, indem er in die Runde blickte, „ist das Gerede über den König, er fei Freigeist und Atheist! Wie -kann ein Krieg gut ausgehen, wenn sich's -der höchste Führer vermäße, ohne des Herrgotts Hilfe ins Feld zu ziehen!"
Da hob der Pfarrer die Stimme stärker: „Fort mit solcher Verzagtheit! Alles ruht in Gottes Hand! Gedenket, es ist keine Dberteit ohne von Gott, und wo Dberteit ist, sie ist von Golt verordnet! Ich meine, es ist wunderbarlich genug gewesen, daß dieser Sohn unseres hingegangenen frommen Königs auf den Thron gekommen ist. War es doch nahe daran, daß er damals, als er ungehorsam ward, zusammen mit dem Katie in Küstrin erschossen worden wär."
„Aber wenn er nun wirklich ein Atheist ist", fragte die Pfarrerin, „wär' das nicht schrecklich für bas Land?"
„Gottes Wege sind wunderbarlich", erklärte der Pfarrer, „und wenn der König zweifelt, so soll das Volk um -so fester im Glauben fein, und durch die Kraft des Gebets wollen wir eine Mauer um ihn stellen, -die nichts durchdringen kann." Und er stand auf. der riesenhafte Mann, wie getrieben von einem inneren Geiste, hob seine Hände auf und sprach: „Du großer Gott im Himmel, der du -das Geschick des Preußenvolkes und feines Königs in deinen Händen hältst, blick gnädig auf uns herab und vergib unserer menschlichen Schwachheit als auch der des Königs. Laß nicht zu, daß er abirrt, und führ, wenn er auch blind ist gegen dich, seinen Fuß sicher über den Pfad der Herrschaft! Amen!"
Und „Amen!" sprachen -die andern, -die am Tische saßen. Der Herr von Wedell wischte sich die Augen, und der Junker von Heiden schneuzte sich stark in sein Sacktuch. Die Pfarrerin aber raffelte mit dem Geschirr und trug eine Schale Punsch auf. —
Danach tarnen Nachrichten ins Land, daß der König die Herzogtümer Schlesien, Brieg und die Landschaft Matz erobert hätte, aber daß darum noch kein Friede sei. Und ein langer Winter ging vorbei. Die Pfarrers- kin-der, die zuvor in Halle gelebt, wußten, daß die Winterszeit eine Stubenzeit wäre, aber in Halle hatten sie Freunde gehabt, einander ü-ber die Straße besucht. Jetzt galt es immer eine Kutschenfahrt, wenn sie auf einem der Güter geladen waren nach der Sonntagspredigt.
FreMch, Friedrich Mchekm war ganz Feuer und Flamme für tud Krieg und trieb sich auf der Landstraße mit den andern Jungen bei Dorfes herum und wartete, ob ein Kurier käme, denn ein Kurier wutz, immer was von der Armee und was draußen geschah auf dem Kriegs, theater in Schlesien.
Der Knabe Heinrich irrte in diesen Tagen einsam umher, spielte nicht mit den anderen Kindern, saß irgendwo in einer Ecke und träumte. fiel der Mutter auf, und sie fragte ihn eines Tages: „Was hast du nur, daß du immer abseits bist und nicht mft den andern spielst?"
Der Junge wurde rot, wollte nicht mit der Sprache heraus und Tagte endlich: „Ich muß immer daran denken, daß der Vater für den Köch gebetet hat, und wie das nun ist, daß ein jeder Mensch einfach hingest zum lieben Gott und zu ihm betet."
„Wenn du nun einen Wunsch -hast an deinen Vater, gehst du nicht auch hin und bittest ihn?" -fragte die Mutter.
„Ja", antwortete Heinrich, „-ich geh schon zu -ihm, wenn er Zeit hot, aber er hat nicht immer Zeit für mich übrig, und darum wundert's mih sehr, daß jeder Mensch zu Gott -hing-ehn kann und beten. Hat denn Goit soviel Zeit? Und wenn nun mehrere zugleich zu ihm beten, kann er ta alles -verstehen?"
„Gott ist allwissend und allmächtig!"
Heinrich schüttelte den Kopf. Da sagte die Mutter: „Geh nur getrdt zum Vater und frage ihn!" Und da der Junge noch zauderte, führte st ihn selbst in das Zimmer des Vaters, der am Stehpult stand, eine lang Pfeife rauchte und mit der Niederschrift der Sonntagspredigt befchäfli-ri war. -
Stockend nur wagte der Knabe von -seinen Bedenken über das Gelt zu sprechen. -
Der Pfarrer sagte: „Bist doch auf dem Viehmarkt gewesen und hast bi gehört, wie -die Tiere durcheinanderschreien, und wenn du genau zuhörlch konntest du jedes einzelne unterscheiden?!"
Heinrich nickte. „Sieh", fuhr -der Vater fort, „das ist dir mit deinn Kinderohren schon möglich. Wieviel besser aber hören's nun die Biest treibet und die Menschen, die mit dem Vieh umzugehen gewohnt fick. Der Lehrer in der Schulklasse hört nicht nur, -was das Kind auffalt, sondern hört auch, wenn er nur seine Ohren hat, was die andern Kintir tun und treiben. Nun denk dir an den gewaltigen Gott, der über bei Welten thront! Alles -bringt zu ihm empor. Aber das ist das Geheimiw des Gebets: Kräftig wird -es nur, wenn es aus dem Herzen gesprochen wird und nicht mit den Lippen. Denn es ist die Wunschkraft, die m Gebete lebt. Ist dir's nicht auch schon -vorgekommen, daß du etwas Iw- haft gewünscht hast und hast es erhalten?"
Heinrich nickte wieder, denn er dachte daran, daß er sich eine neue Schreibtafel gewünscht hatte und sie erhalten, als der Vater von einer Kolberger Reise zurückgekommen war.
Der Vater sprach weiter: „Das ist die Kraft des Gebets, daß du etw«> aus reinem, gutem Herzen wünschst, was gut ist, und, wenn du du Augen schließest, das Gefühl hast, nun gehst du mit erhobenen Handel zu dem guten Vater, der dir alles gewähren kann, so wirst du dich gesiam fühlen, frei sein von der Sorge. Und das ist das Große der Könige, del Millionen für sie beten, wenn ihre Völker sie lieben und werthalten um sagen: Unser guter König verdient's, -daß -wir Gott für ihn bitten! Uni) glaube mir, nicht -so um des Königs willen wird Gott die Gebete erhorm, sondern weil er der reinen Herzen achten muß, die für einen solchen Roni.j schlagen, auch wenn er selbst zweifelt an Gott und nicht zu ihm bett i (flnn! — Denn siehe, mein Sohn, fromm ist ein Mensch durch feint - Glauben, durch seine Gedanken und durch seine Taten, und wenn en König fromm ist durch das, was er für fein Volk wirkt und schafft, ihm der Vater im Himmel nachsehen, daß er vielleicht blind ist im-NM des Glaubens. Dann ist es Gottes Sache, ihn sehend zu machen oder j lassen, wie er -ist, -denn unerforschlich ist fein Ratschluß, und wir Mensch - dürfen an ihm nicht deuteln!"
Der Vater hatte gesprochen und seine große Hand auf den Kopf df- Kna-ben gelegt. Dem war es, als ob ein starker Strom aus der Ha" bes Vaters in feinen Kopf überflöffe. Es war ihm schier zumute, als -hm- Gott selbst mit ihm geredet. —
Endlich, im April, an einem hellen Tag, da es stark windete, kam <m Offizierskurier auf der Kolberger Straße dahergesprengt. Er war r® und heiß, und da er die Jungen erblickte, schrie er schon von roeitew- Viktoria!" Und die Jungen liefen um die Wette neben ftmemPferS her und der Schulze ward geholt und empfing die Zeitung daß König eine große Schlacht gewonnen -habe, und es stände im Felde au« wohl, und die Glocken sollten geläutet werden.
„fjaben wir schulfrei?" rief Friedrich Wilhelm.
„Bon meinetwegen habt ihr schulfrei!" rief der Kuner zurück, naY ein Glas Branntwein, das ihm der Schulze heraufreichte, trank es au* strich sich den Hufarenbart und ritt weiter hinauf zum Schloß.
Viktoria' hieß es, und die Glocken -läuteten, und die Menschen war«» froh. Kam doch nun der Krieg sicher nicht hinauf nach Pommern, w» alle insgeheim gefürchtet hatten, denn die Erinnerung an den Wanee fteiner war nicht vergessen. — Und es wurde abermals und abermau- Viktoria geläutet, aber eines Tages hieß es: Der Frieden ist da! — k-ehrten -die Kantonements-Soldaten zurück. Die bewirtete der Vater au- Pfarrherr aufs beste. Auch drei neue Invaliden kamen heim, die mw mehr dem Soldatenstan-d angehören konnten, und da sie nichts wem empfingen als im Monat einen Gnadentaler, mußte die Gemeinde -■ unterhalten.
Der Pfarrer verschaffte dem einen, -dem eine Kanonenkugel die ünn Hand weggerissen, die Stelle eines Kuhhirten, und so hatte er im ein gutes Auskommen.
(Fortsetzung folgt.)
erantwortltch: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Vertag: Drüht'sche Universitäts-Duch- und Vteindruckerei, D. Lange, Giehen


