natürlich noch im Werden begriffenen Charakter am besten skizziert: An einigen Durchgängen im Palais standen Ehrenposten. Der kleine Alexej rvar eines Tages auf die Idee gekommen, immer wieder durch eine und dieselbe Tür zu laufen und damit die davor stehenden beiden Gardisten immerfort zum Präsentieren zu zwingen. Dieser Sport dauerte so lange, bis der Erzieher die Sache bemerkte und ihn darüber belehrte, daß es doch sehr wenig hübsch wäre, seine großen Beschützer zu Objekten einer kindischen Laune zu machen. Alexej war dann sehr nachdenklich geworden verschwand plötzlich aus dem Zimmer, lief zu den beiden Soldaten und bat sie um Verzeihung. Woraus die Poften - es waren echte, Bussen- vor Rührung prompt losheulten, was die Zerknirschung Alexejs natürlich noch vertiefte. Nach einigen Minuten war folgendes Bild zu sehen: Die beiden baumlangen Kerle standen wie die Bäume, mit präsentiertem Gewehr, und die Tränen kullerten ihnen die Backen herunter, wahrend Alexej weinend und jammernd von einem zum anderen lief und ihnen die Arme herunterzuzerren versuchte.
*
Dann kam die Katastrophe. Plötzlich brach sie herein und zerstörte in drei Tagen das, was feit über dreihundert Jahren so fest und unerjchut- I
Ich Unternahm einen Ausflug nach Petersburg. Es herrschte furcht- j bare Kälte, an den meisten Straßenkreuzungen brannten große Scheiter- I Haufen, an denen die Passanten sich wärmten. Trotzdem war die Straße i belebt gleichsam nervös erregt. Es gab Tumulte vor den Lebensmittel- । qeschäften, dann bildeten sich Demonstrationszuge oder, besser gesagt, i chunaerdemonstrationen, die von Polizei und Kavallerie zerstreut werden mußten: in wenig sanfter Weise, was die Erregung plötzlich ungeheuer steigerte. Die Bewegung, die zuerst lediglich einen spontanen wirtschaft- | lichen Charakter trug, wurde von Tag zu Tag stärker, schwoll rote eine Lawine und wurde nun politisch ausgenutzt. Als ich nach kurzer rW wieder nach Petersburg kam, am 12. März, erkannte ich es nicht wieder: Ein plötzlich wahnsinnig ausbrechender Hexenkessel; an jeder Straßenecke wurde geschossen, Zivilisten auf Polizei, Polizei auf meuternde Soldatetz, diese auf Kosaken; Leichen lagen umher, Verwundete stöhnten in den Hausfluren. Mit Mühe und Not erreichte ich den Bahnhof und den letzten Zug, der nach der Residenz abgelassen wurde.
Hier war wohl einige Erregung auf den sonst so stillen Straßen z>. bemerken, jedoch sehlten noch alle Zeichen von umwälzenden Ereignissen. Ich sprach telephonisch mit Großfürstin Maria und erfuhr, daß alle ihre Geschwister im Laufe des vergangenen Tages und der Nacht an den Masern erkrankt wären, sie selber suhle sich auch schon sehr elend. „tßapa ist in Mohilew (dem Hauptquartier) oder Pskow, wir haben keine Nachricht. Niemand weiß, was geschieht, Mama ängstigt sich schrecklich...
Nun häuften sich die Schreckensbotschaften von Minute zu Minute; alle Petersburger Truppenteile hatten gemeutert oder waren von Der Uebermacht entwaffnet worden. Revolution alsol Und man wußte nichts, qar nichts über ihre Ziele, ihre Richtung! Ich tat mich mit einigen Kameraden zusammen, und wir baten telephonisch den diensttuenden Kammer- Herrn, der Zarin mitzuteilen, daß wir ins Palais kommen mochten, das lediglich von einer Schwadron Gardehusaren und der Leibwache besetzt gehalten wurde. Sie dankte selber. Es habe keinen Zweck, ihr drohe keine Gefahr, niemand werde ihr und den Kindern etwas zu Leide tun — nie werde ein Russe die Hand gegen die kaiserliche Familie erheben! ...
Und am nächsten Morgen, den 14. März 1917, hatte die Revolution mühelos gesiegt. In Zarskoje Sselo drängten sich plötzlich Soldaten aller Wasfengattungen und Regimenter, geschmückt mit roten Schleifen, Die Mäntel trotz eisiger Kälte zum Zeichen errungener Freiheiten weit und unordentlich geöffnet, zum Teil betrunken. Die Leibwache und die Husaren hatten von der Zarin den Befehl bekommen — ihren letzten Befehl! — keinen Widerstand zu leisten. Sie hatten weiße Armbinden angelegt, standen vor dem Palais und blickten voll verbissener Wut auf das Chaos. Das war das Ende. Am nächsten Tage kam der Zar zurück, als Gefangener. #
Als ich bann, anderthalb Jahre später, vom fürchterlichen Ende der Zarenfamilie erfuhr, von der grauenhaften Nacht im Keller eines sibirischen Kaufmannes, wo man die Familie Romanow hingemordet hatte, fiel mir dieses letzte Wort, das ich durch den Apparat in Zarskoje Sselo von der Zarin gehört hatte, blitzartig ein:. „Nie wird ein Russe die Hand gegen die kaiserliche Familie erheben! ..."
Dreihundert Jahre Dorpat.
Von E. von Ungern-Sternberg.
Vor dreihundert Jahren beschloß der Schwedenkönig, dem Livland untertan war, in der alten Bijchofsstadt Dorpat als Heimstätte nordischer Wissenschaft eine Universität zu gründen. 1632 wurde die Hoch schule eröffnet. 1699 mußte sie auf zehn Jahre nach Perna» übersiedeln, kehrte aber dann wieder an ihre alte Heimstätte zurück. Erst 1802 unter der Herrschast Alexanders I. von Rußland, der die Hochschule als deutsch Universität mit Privilegien ausstattete und ihr eine reiche Blütezeit ermöglichte, wurde Dorpat ein Zentrum deutscher Kultur. Gelehrte von Weltruf haben auf den Kathedern der dörptschen Universität gelehrt, oder sind aus ihrer Aula hervorgegangen. Der Naturforscher v. Baer, Schiemann, H a r n a tf, der Sanskritforscher Leopolt v. Schröder, Dettingen, Seeberg, Keyserling, der Hamburger Professor v. U e x h ü l l und viele, viele andere, die in der deutschen Wissenschaft bahnbrechend gewirkt haben, sind Balten und Schüler Dorpats.
Man war in Dorpat inmitten der srerndstämmigen estnischen Grund- bevölkerung in trotziger Begeisterung deutsch, in ständiger Abwehrstellung gegen das andrängende Russentum. Die deutsche Oberschicht sah in ihrer herrschenden Stellung ein traditionelles Recht, das dis zum Ausgang des vorigen Jahrhunderts durch Ukase der Zaren von Rußland, die ja auch den Titel eines Herzogs von Livhand führten, bestätigt wurde. 5)atte doch Peter der Große nach seinem Siege über Karl X. von Schweden durch einen feierlichen Eid für sich und seine Nachkommen die Privilegien und
rette zum Freunde machten. An der Rückseite des Oelberges kletterte das Auto die Serpentinenwege hinauf, knarrend und angestrengt, steil wie eine Treppe, und unser Freund, der Reger, erzählte uns strahlend von einem anderen Lastauto, das hier neulich den Berg hlnuntergerutscht sei, sooo zeigte er mit einer anschaulichen Gebärde, alle Insassen kaputt.
^ Irn Triumph fuhren wir in Jerusalem ein! Die Lichter, das warme Hotel, das gute Mittagessen und der gelbe stärkende Wem, der einen wie eine innere Sonne durchströmte, das alles war Triumph!
Gegen Mitternacht erschien ein kupferfarbenes Individuum, das bescheiden in der Tür stehenblieb, mit müden, angestrengten Augen. Es war der Chauffeur des Ford-Autos, der seine Bezahlung holen wollte. Er hatte sie wahrlich verdient. , .
In Palästina geschehen heute noch Wunder: er hatte das Auto wieder in Gang gebracht!
Wie ich den Zarenthron stürzen sah.
Von Felix Dassel.
Genau fünfzehn Jahre ist es her, dah sich diese Reihe glänzender, lichter, aber auch düsterer und quälender Bilder in schneller Folge vor meinen Augen abspielte. Wie ein phantastischer Film, der sich zum Teil nur — besonders soweit es sich um psychologisches Verständnis für Szenen und Persönlichkeiten handelte — einem halb unterbewußten Objektiv in mir einprägte und nun, heute, nachdem die Jahre Distanz geschaften haben, mit Worten und Sätzen umrissen, nachgezeichnet werden kann... Durch eine Reihe von Zusällen, durch Verkettung besonderer Umstande war ich, russischer Frontoffizier, Ende 1916 in die Residenz des Zaren, Zarskoje Sselo, das russische Potsdam, gekommen, in diesen beinahe hermetisch abgeschlossenen Mittelpunkt des Zarenreiches, der dem gewöhnlichen Sterblichen immer wie eine andere Welt erschienen ist. Und zwei Wochen vor der Revolution, Ende Februar 1917, wurde ich, der Deutschbalte, von der ehemaligen deutschen Prinzessin Alix von Hessen, jetzt Zarin von Rußland, beauftragt, ihre beiden jüngsten Töchter, die Großfürstinnen Maria und Anastasia, auf ihren Ausfahrten, Spaziergängen usw. zu begleiten. Bis ich wieder, vollkommen hergestellt, frontdienstsähig wäre — ich war während des Ausklangs der Brussilow-Offensive verwundet worden — sollte ich also quasi Ordonnanzosfizierdienste bei den beiden jungen Mädchen versehen. Damit bekam ich Einblick in diese seltsame kleine Welt, die heute wie ein Märchen anmutet, und erlebte ihre Katastrophe.
Maria war damals 18, Anastasia noch nicht 16 Jahre alt. Liebe, unkomplizierte Kinder, einfach, sogar sehr einfach und anspruchslos erzogen — ich möchte beinahe jagen: gutbürgerlich! Maria war ziemlich ernst, für ihre jungen Jahre, sehr gehalten und gründlich. Ich habe hin und wieder mit ihr Gespräche — sogar über sozialpolitische Fragen — geführt, wie sie mit einer Angehörigen auch des allerkleinsten deutschen Fürstenhauses undenkbar gewesen wären. Sie dachte viel nach, grübelte sogar ein wenig — oft hat sie mich in Verlegenheit gebracht, wenn sie plötzlich Fragen stellte, die sich auf ein Gespräch bezogen, das wir vor vielen Tagen flüchtig geführt hatten. Anastasia dagegen sprühte, war voller Humor und Temperament, neckte gerne und ließ sich necken. Immer sah dem wunderhübschen, zierlichen Mädchen der Schalk im Nacken, und manchmal ging ihr Naturell soweit mit ihr durch, daß Maria ihr warnende Blicke zuwerfen mußte.
In den Erzählungen der beiden Mädchen — sie erzählten oft und gerne „von Zuhause" — spiegelte sich ein ausgeglichenes, inniges Familienleben wieder. Nie habe ich sie vön den „Majestäten", immer nur von „Mama und Papa" plaudern hören. Besonders oft von Papa, dessen Liebling Maria gewesen ist — jedenfalls erklärte Anastasia mehrfach, daß „Ma" vom Papa alles erreichen kann. Das mag wohl daher kommen, daß die Zarin ganz und gar in ihrer Sorge um den Thronfolger ausging, sich in ständiger Furcht um sein Leben verzehrte. Ich selber habe sie mehrere Male gesehen und gesprochen, einige Male den Tee mit ihr in kleinem Kreise eingenommen. Es lag wie eine Starre über ihr, ein Zwang, der nicht allein ihre Worte, sondern auch sogar Bewegungen in bestimmte unverrückbare Schranken dirigierte. Dabei hatte man das Gefühl, daß diese Frau ständig von einem innerlichen Zittern gequält sein muß. Dies Gefühl war so stark, daß es beinahe ... Mitleid auslöste. Mitleid mit der Kaiserin von Rußland! Sie trug damals übrigens immer Schwesterntracht, ebenso die beiden ältesten Großsürstinnen, Olga und Tatjana, die ihren Dienst im Hoflazarett sehr ernst aufsahten und auch wirklich zu allen Arbeiten herangezogen wurden. Die Zarin selber hat oft halbe Nächte am Lager von Schwerkranken und Verwundeten zugebracht.
Den Zaren habe ich nur einmal gesehen und gesprochen. Etwa eine halbe Stunde lang, freilich ganz zwanglos, in Gegenwart von nur einem Kameraden. Er unterhielt sich mit uns einfach, ohne jede „Majestät", beinahe wie mit „guten alten Bekannten". Jedenfalls habe ich nach wenigen Minuten eine viel geringere offizielle Distanz zum Selbstherrscher über hundertfünszig Millionen Menschen gespürt, als sie z. B. meinem Regimentskommandeur gegenüber selbstverständlich war. Stark und warm war der Scharm, der von diesem Manne mit den schönen, stillen Augen ausging, welcher berufen war, Das Riesenreich zu beherrschen, und der nichts anderes wollte, als guter Vater [einer Familie [ein. Das war der Eindruck, den ich von diesem bescheidenen, einfachen Obersten — Nikolaus II. hat nie Generalsuniform angelegt, sondern war das geblieben, wozu ihn [ein Vater befördert hatte — empfing. Und von etwas anderem als von persönlichen Eindrücken will ich ja nicht berichten.
Die große Liebe und Zärtlichkeit der ganzen Familie gehörte dem kleinen Zarewitsch — dem Thronfolger Alexej. Ich habe ihn nur wenig gesehen, diesen, damals zwölsjährigen schlanken, blassen Knaben mit den großen, lebhaften, dunklen Augen. Sein unheilbares Leiden — bekanntlich war er Bluter; die geringste Verletzung konnte tödlich wirken — bedingte, daß jeder seiner Schritte ängstlich beobachtet wurde, alle Spiele im Freien, zu denen ihn (ein Temperament trieb, waren verboten. Groß- sürstin Maria erzählte mir eine reizende kleine Episode, die wohl seinen,
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