Ausgabe 
13.6.1932
 
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Rohrs ihr Entstehen verdanken, auf. Allerlei Pflanzen sind auf diesem Stück Neuland bereits seßhaft geworden. Nicht lange wird es dauern, dann wird es ein Eiland darstellen, das dem verschiedensten Getier Zu­flucht gewährt.

Mit geblähten Segeln gleitet ein Frachtkahn dahin. Die beiden In­sassen beantworten kopfnickend unfern Gruß. Es paßt hier nicht her, das laute Wort. Es paßt nicht zu der Stille dieses sterbenden Sees, nicht zu seinen Farben und Stimmen. Weiter geht es durch Binsen und Seerosen in die Schilfwildnis hinein. Hierhin könnte der Mensch im Kahn nicht mehr gelangen, hätten nicht die Fischer für schmale Wasserstraßen gesorgt. Enten, Enten wohin das Auge auch geht. Und über ihnen, neben ihnen das Weiß der unermüdlich schaukelnden und stoßenden Möwen. Und dort der bunte Vogel, der sich durch rasches Tauchen dem Blick entzieht, ist der Haubentaucher.

Abend auf dem See. Leise plätschern die Wellen gegen den Kahn, der in stiller Schilfbucht einen Hafen gefunden hat. Seltener werden die Stimmen. Deutlicher klingt das Rauschen des Rohrs und das Flüstern des Schilfs. Enten ziehen tief über die weiten Rohrwälder. Hart fällt ihr Ruf in die abendliche Stille. Wasser spritzt auf. Und schon kommen andere Flüge Zug Um Zug. Tiefer senkt sich die Dämmerung herab. Unter ihren Schleiern versinkt allmählich die schwimmende Kampe, und im Dunst der Abendnebel geht das Weidengestrüpp unter. Unken läuten überall und in allen Tonarten. Ein Reiherruf kommt vom dunklen Abendhimmel. Dumpf brüllt die Rohrdommel. Die beherrscht jetzt mit ihrer dröhnenden Stimme die Wasserwildnis. Ein goldner Stern leuchtet über schwarzer Flut. Und die Wellen glucksen und glucksen, als wollten sie uns erzählen von der Vergangenheit dieses Sees. Von den Zeiten, als hier das Pslanzendickicht geringer und das offene Wasser weiter war, als die ersten Männer mit dem Kreuz auf weißem Mantel in diese Wasser­wildnis einbrachen, als sich drüben auf den Hängen die wehrhafte Mann­schaft um den Reick scharte, den Eindringlichen mit der Waffe in der Hand zu begegnen. Den Männern, die gekommen waren, ihnen die Heimat zu nehmen und den Glauben ihrer Väter.

Blutrot steigt über den jenseitigen Erlen der Mond empor, wirft einen leuchtenden Streifen über Wasser Md Schilf. In seinem Glanz tritt die schwimmende Kampe deutlich hervor, scheint zu wachsen. Wie ein Schiff ist sie anzusehen. Wie eines der beiden Kriegsschiffe, das die Ordens­ritter hier auf diesem Wasser einst trug nach der Stätte, die sie Elbing nannten.

Oie Wildkatze von Hoogeschuur.

Von Richard Euringer.

In der Ferne Hoogeschuur, nördlich von Oostaverne, mit Front auf Wytschaete, nistete eine Batterie des 6. Bayerischen Reserve-Fußartillerie- Bataillons. Der Batterieführer, ehemaliger Flugzeugführer, hielt mit uns Feldfliegern Kameradschaft. Wir erkundeten ihm Ziele, schossen damals noch mit Leuchtpatronen seine Langkanonen ein, hatten ihm Licht­bilder versprochen, die verdeckte feindliche Stände, dann aber auch die eigene Stellung nach ihrer Sichtbarkeit festlegen sollten; denn sobald solch ein Nest irgendwie sich kenntlich abhob, hob es Vernichtungsfeuer aus. Und das mußte man den Franzmännern lassen: als Artillerie­erkunder sind ihre FliegerKlasse" gewesen, wenigstens am Kriegsbe­ginn. (Es war um die Zeit erbitterter Entlastungsangriffe zugunsten der bedrängten Russen Mitte Dezember 1914.)

Auf den Bildern, die wir dann knipsten, zeichneten in frischem Schnee sich die Deckungsbauten kaum, aber die Anmarschwege und Munitions­masken der Batterie um so verdächtiger ab. Wir ritten denn noch am selben Abend zum Stabsquartier vor, meldeten uns durch Ferngespräch an. Den Hauptmann persönlich erreichten wir im Augenblick nicht, doch ließ er sagen, er erwarte uns in einer kleinen halben Stunde an un­serem Treffpunkt: bei derWildkatze". Wir sollten sie übrigens nicht reizen, daß sie uns nicht die Augen auskratze.

Ein Mann der Stabswache führte uns. Wir hatten gehört von jener Wildkatze"; nun erfuhren wir Einzelheiten: Der Weg in die Sappen des Abschnitts lief an einem zerschossenen Landhaus vorbei, das in fried­licheren Zeiten ein französischer Notar seiner jungen Gattin gebaut und mit Rosengärten umsponnen hatte. Aus einer Liebesehe heraus war der Mann zu den Fahnen gerufen, das Haus den Kämpfen zum Opfer gefallen, der zärtliche Rosengarten erfroren, ein wüstes Gestrüpp in ver­schneiter Trümmeröde geworden. Angebote der deutschen Verwaltung, die verlassene Herrin in gefahrloser Zone menschenwürdig unterzubringen, schlug diese mit der Haßerklärung aus, sie werde nicht eher von der Stelle weichen, ehe Frankreichs glorreiche Heere ihr Besitztum wieder­hergestellt hätten. Einst verwöhnt, eine glückliche Frau, war sie ein ver­wildertes Weib, eineWildkatze" geworden, die um ihr Gemäuer schlich. Im Mund der Feldgrauen hieß sie so.

Keine Kolonne ließ sie vorüber, ohne ihr Fluchwünsche nachzuschleu­dern. Selbst den abgekämpften Ablösungen, die im Morgengrauen heirn- schlappten, sagte sie Tod und Verstümmelung vorher, suchte sich einzelne Leute heraus, weissagte ihnen ihr nahes Ende. Die Mannschaft blieb die Antwort nicht schuldig. Gegen einen, der ihr grob kam, streckte sie schwei­gend fünf Finger aus, slüsterte ihm etwas zuf das er verlachte und kaum verstand. Als der Mann einer von vielen bald nachher armselig umkam, spannen Legenden die Tatsachen weiter. Ehrfurcht vor ihrem Kummer verhinderte Zwangsanordnung. Den Truppen war übrigens verboten, ihren Zuruf zu erwidern.

Als wir des Bauwerks ansichtig wurden, schickten wir den Geleiter zurück. Nebel hatte mit Schnee gekämpft. Nun sank frostig die rote Sonne in scharfzackiges Gewölk. Glasig gespensteten Schattenrissen. Die Höhen lichteten sich klar in jenem seltsamen Lila-Gelb, das der Dämmerung vorhergeht. Es summte noch ewiges In den Lüften. Ziemlich still lag die Front; solange Flieger am Himmel kreisten, verriet der Geschützblitz seine Deckung nicht ohne Not. Hier und da, auslebend, knackte das übliche Tacktack. Auf zertrichierten Fußpfaden erreichten wir den Bestimmungs­

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ort Kalt und verfallen duckte sich unter verschobenem Dach, was tin|U Landhaus gewesen war.

Da wir unseren Mann nicht fanden, hatten wir Muße, uns un.B zusehen. Plötzlich stieß meinFranz" mich an: hinter dem sinnlos ge. g wordenen Pfeiler einer ehemaligen Freitreppe, reglos an das ©emäuttlg gereckt, stand, in schwarzem Taffetkleid, fröstelnd, mit krankhaft glühendes Augen ... ein phantastisches Gesicht in der Leere der Dämmerung.

Das war sie. DieWildkatze"!

On les tuera", deutete sie mit einem Finger, der aus schwarzmlfs Aermel stieß, über unsere Köpfe hinweg in die Ferne:Man wird fi;'? töten."

Eine Irre. Grau über die bleiche Stirn wehte ungekämmtes Haar.» Es läßt sich der Fluch nicht wiedergeben, mit dem sie fein oder mein H Geschlecht ausrottete bis in den Keim. |

Als ob die Verwünschung sich augenblicks bewahrheiten wollte,. summte am Himmel ein Flugzeug herauf. Sprengwölkchen knallten ra.ij ins milchige Grau. Ein paar Salven belferten.

Zermalmen", überschrie sie sich heißer,er wird euch zermalmen, euer g Gedärm zerreißen, celuilä!" Triumphierend:Es ist ein Franzose! Cesl Q un Francais!"

Es war kein Franzose. Mit den blauweißroten Kokarden der (Enterte n ein englischer Bristol.

Im Rauschen der Abwehr flog er Strich 2000 Meter hoch auf uns zu. Wir riefen die Frau an, sich zu decken, als die erste 93om.be schon krachte. Aber sie kannte keine Angst. Theatralisch warf sie dir .fiänbe zum Himmel, als rufe sie den Gegrüßten an. Vielleicht sah et das schwarze Pünktchen. Aber er spähte wohl voraus; in soldatischer Bravour zog er die vorgezeichnete Bahn, ohne sich um Schrapnells zu kümmern. Heber Oostaverne lud er in Ruhe seine Last ab.

Encore un! Encore un! Noch ein zweiter!" jubelte die arme Fron, als werde der Himmel die Schleusen auftun, Heuschreckengeschwader aus« zusenden. Aber diesmal täuschte sie sich; der da über Wytschaede Eier» aufrückte, war ein deutscher Kamerad. Ein normaler LVG. Mindester,z 2000 hoch, ging er sichtlich darauf aus, jenem Rückkehr abzuschneidm Der Engländer schien ihn nicht zu bemerken. Aber plötzlich tackten Schüsse. Mit dem typischen Fernklang des Luftgefechts verbissen sich Selbstlader» Serien. (Man schoß sich damals noch mit Karabinern herum.) Wie er­schlagen schwieg die Front. Divisionen starrten hinauf. Es war nicht bei sonders aufregend, aber mit wilden Freudenrufen feuerte die Hohem ihren himmlischen Ritter an, daß er siege. Daß er siege!

Sie kannte die Kämpfer nicht mehr auseinander; sie verschwamm« in düsterndem Dunst. Plötzlich knallten Wölkchen dazwischen, mit er­staunlicher Treffsicherheit; die Abwehr hatte sie angemessen.

Nicht drei Längen folgten sich, da klappte jäh ein Flügel ein. Mir ein welk gewordenes Blatt klebte er am stürzenden Rumpf, der, um das verbliebene Tragdeck wirbelnd, senkrecht steil zur Tiefe bolzte. C- mögen nicht viele begriffen haben, was da geschah: wie eine SpiuSrl, am Faden ihres Delauspuffs, spulte die flügellahme Maschine unrettbar und quälend langsam tiefer und tiefer ... in den Tod. Rasembn Feuer prasselte auf. Ich weiß nicht, ob es dem Opfer galt oder dm schwebenden Bristol drüber, der wohl nicht wußte, wie ihm gefällt. Neben uns stöhnte ein Weib. Sie hatte sich auf die Knie geworfen, eint Betende. Lautlos war der Schrei, den sie schrie.

Selbst erschüttert und doch wie erlöst, als die zerblätterte Masrhrnt hinter Schattenrissen versunken, sagten wir ihr ein Wort der TröstmG Es war kein Franzose. Es war ein Deutscher ..."Es war ein Men Ä Ein Patriot!" geisterte sie aus dem Dunkel,es war ein Mensch, M fein Vaterland liebte!"

Eine weiße Strähne Haar neigte sich über verweinte Hände.

Unser Freund, der Hauptmann, staunte, als er so uns beifammti fand. Unter wüster Schießerei schlüpften wir in den Unterstand der Dcl- terie. Versuche, die Reste des Flugzeuges zu bergen, scheiterten, auch, ui der Nacht. Irdisches war zu Staub zertrommelt.

Aber von jener Stunde an gab es keineWildkatze" mehr. EW- träger und Kolonnen wollten nicht glauben, was da geschah: Eine « gewordene Frau nickte ihnen bekümmert zu. Manchmal machte sie ei« | Kreuz auf die Stirn, aus scheuer Ferne. Grüße gab sie den Truppen iwl an die Ihren, an die Ihren, da drüben. Den Verwundeten bot sie ;1 trinken. Sie hat keinen mehr verflucht. Sie hatte einmal den Wel­schen gesehen, hüben und drüben, den Soldaten, der für seine Heim» stirbt. Sie verehrte ihn in Trauer als den, der die Völker versöhnt.

Jtaum für alle hat die Erde.

Von Professor vr. K. Olbricht. w

Wir entnahmen diese Darstellung dem ungemein inftiü tiven neuesten Band der Sammlung Wissenschaft und S'» düng:Bas Erdbild von heute" (geb. 1,80 Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig), in dem $41| Olbricht eine gemeinverständliche Darstellung der IP; tigen geopolitischen Lage gibt.

Hat wirklich die Erde Raum für alle, wenn Deutschland ein Ecl ohne Raum genannt wird, wenn auch andere Länder, wie England, ®*J| gien, Italien, China und Japan zweifellos übervölkert sind, wenn felJ scheinbar leere Staaten, wie die Vereinigten Staaten, Brasilien, ArgilfW tinien und das sehr dünn bevölkerte Australien, derRaum ohne | ihre Grenzen gegen jede Einwanderung sperren? j

Die heutige Lage der Menschheit ist infolge der Weltwirtschaftska V krankhaft. Ist es nicht ein wirtschaftlicher Unsinn, daß auf der ei»*® Seite über 20 Millionen Arbeiter feiern müssen, daß Millionen »W Menschen unterernährt sind, in Lumpen herumlaufen ober in dürftigst^® kaum geheizten Wohnungen leben, während auf der anderen Seite rie'? m Vorräte an Kohle, Getreide, Baumwolle, Kaffee und anderen Produiü Bl unverkauft liegen ober sogar vernichtet werben, Tausenbe von Spint^ stillstehen und unendlich viele Ziegeleien und Steinbrüche ohne PH Arbeit leer und verlassen daliegen?